Die Wutbügerin / der Wutbürger

Am 18. Januar 2011 sendete WDR 5 im ‚Tagesgespräch‘ eine Diskussion um mein ganz privates Unwort des Jahres 2010. Mancher Bürger und manche Bürgerin nutzten diese Gelegenheit, um mit Hilfe eines Stichwortes ihren Unmut über ein politisches Ereignis oder gar die politische Entscheidungskultur überhaupt zu äußern. Menschen mit migrantischem Hintergrund waren darunter, die den Ausdruck ‚Kopftuchmädchen‘ Thilo Sarrazins oder die in der Sarrazin-Debatte beschworenen ‚Integrationsverweigerer‘ zum Anlass nahmen, die deutsche Integrationspolitik zu schelten. Andere äußerten sich beleidigt und empört über den ‚Eurorettungsschirm‘ oder ‚alternativlos‘.

Einige der Äußerungen waren politisch liberal, andere linksliberal, wiederum andere eher recht-nationalistisch einzustufen. Was mich aufgeweckt und zum Nachdenken gebracht hat, waren die Wut und die Frustration, die an den Äußerungen abzulesen war. Woher dieser Frust? Wie verbreitet ist er? Welche politischen Folgen, vor allem für die politisch-demokratische Kultur zeitig er? Muss und kann man etwas daran drehen?

Ich denke, diese Fragen sind zunächst nicht rein wissenschaftlich zu beantworten; etwa mit Meinungsumfragen samt offener Fragen, mit teilnehmender Beobachtung, kognitiv-psychologischer Theoriebildung oder der Analyse der politischen Programme der Parteien und der Verankerung der politischen Öffentlichkeit in der Bevölkerung. Wissen über diese Umstände wäre zwar hilfreich, ersetzt aber nicht den folgenden Gedankengang.

In einer (vermutlich im Radio ausgestrahlten) Diskussion zwischen Theodor Adorno und Arnold Gehlen geht um die Frage der Ent- oder Belastung der Menschen durch Insitutionen bzw. um das Maß der den Menschen zuzutrauenden und zuzumutenden Freiheit, die einen Aufwand an Reflexion und Irrtumstoleranz mit sich zieht.

Gehlens These ist, dass die Menschen durch einen Abbau von Institutionen mehr belastet werden, als ihnen gut tut. Sie sind in die Welt geworfen und müssen ohne einen Schutz gegebener Einrichtungen leben, die Wahrnehmung und Verhalten orientieren und den Menschen Entscheidungen abnehmen. Wobei ich den Heideggerschen Ausdruck der Geworfenheit in die Welt hier eingebaut habe, er wird von Gehlen nicht verwendet. Der Mangel an Institutionen setzt für Gehlen das Innere des Menschen frei, d.h. die innere Unsicherheit – für ihn: Benns ‚inneres Gewoge‘ – und „das ist die Öffentlichkeit“, so Gehlen. Er stimmt dafür, das gerade noch Vorhandene an Institutionen zu konservieren, um dem Menschen nicht die Reflexion und die ‚Lebensirrtümer‘ zuzumuten, die den Philosophen anzuvertrauen sind, die sie aber auf sich genommen haben, „um sich frei zu schwimmen“.

Nun könnte man sagen, hier, in der Belastung der Menschen, liegt die Ursache für die Frustration und die Wut der WutbürgerInnen, die sich der Welt einfach ausgesetzt sehen und alleine in ihr zurecht kommen müssen. Diese Überlastung führt zu Unmut, der dann in die Öffentlichkeit gelangt und die Belastung noch weiter treibt, zumindest aber bestätigt. Ein/e PsychoanalytikerIn würde hingegen fragen, woher der Frust und die Wut genau kommen und dafür in jedem Fall Ereignisse in der persönlichen Biographie vermuten. Dafür kommen eine Menge Möglichkeiten in Frage: sei es ein persönliches Umfeld, das unbefriedigend ist, aus dem sich ein Mensch aber nicht getraut zu fliehen; sei es ein Umfeld, das zwar in Ordnung ist, aber trotzdem Wünsche offen lässt, oder ganz andersartige innere Konflikte, die natürlich auf ungelösten äußeren Konflikten beruhen, die wiederum vermutlich mit den primären Bezugspersonen dieses Menschen zusammen hängen. Es zählt hier auch kaum, ob mit Hilfe des Begriffs des Triebs oder mit denen des Konflikts, der (inneren) Objekte oder des Selbst gefragt wird.

Nun gilt es, das Therapeutische wiederum zu reflektieren und damit geht es zurück zu philosophischen Fragen. Jetzt wird es spannend und entscheidend: Geht es darum, diese Belastungen aufzulösen, am Ende gar Versöhnung mit sich und der menschlichen Umwelt zu ermöglichen; oder geht es darum, gerade mit diesen Belastungen zu arbeiten, sie zu nutzen? Ich plädiere für Letzteres, aber was ist damit gemeint? Als erstes gilt es, allen Frust, alle Wut und die damit verbundenen Belastungen nicht mehr einfach und immer wieder gleich auszuagieren, das heißt unbewusst handelnd auszutragen. Hierzu passt die Äußerung Adornos in der Diskussion mit Gehlen, dass die Menschen aus seiner Sicht viel zu häufig genau das tun, was von Ihnen erwartet wird und sich daher in vorgegebenen Bahnen bewegen. Wird genau das aber anerkannt, ergeben sich neue Möglichkeiten. Aus dieser Sicht sind tatsächlich nicht die Möglichkeiten zu handeln, zu fühlen, zu denken und zu sein belastend, sondern deren Einschränkung, wie auch immer individuell verursacht. Freiheit ist dann aber auf zwei verschiedene Grenzen ihrer selbst bezogen. Einerseits beruht sie auf der Anerkennung der Belastungen, die jedes Individuum hat, seiner Frustrationsgrenzen und seinem zumindest momentanen Nicht-Können. Anerdererseits ergibt sich durch genau diese Anerkennung Veränderung, es entsteht etwas Neues, subjektiv (und vermutlich auch objektiv beobachtbar) nicht Geahntes.

Was soll das alles für unsere Frage bringen? Auf die genannten Frustrationsäußerungen der WutbürgerInnen scheint es im Wesentlichen drei Reaktionen zu geben, so lange sie nicht einfach und letztlich wohl zynisch ignoriert werden: 1) die Empfehlung, doch die Gründe und Ursachen des Frusts in einer Therapie herauszubekommen; 2) die Forderung, die Einrichtung der Gesellschaft so lange zu ändern, bis kein individueller Frust mehr entsteht; und schließlich 3) eine nur beobachtende Haltung, die zwar nicht ignoriert, aber in der reinen Beschreibung sich jeder subjktiven Reaktion enthält. Mit der dritten Variante kann ich wenig anfangen und nehme an, dass sie dauerhaft nur aufgrund hoher Verdrängungsleistungen funktionieren kann. Die beiden Ersten hingegen sind subjektiv oder objektiv, individualistisch oder sozial orientiert, meinethalben auch idealistisch oder materialistisch. Es ist nichts Neues, diesen Gegensatz dialektisch in Bewegung bringen zu wollen, ihn ganzheitlich auflösen oder versuchsweise in eine Polymorphie des Denkens und des Handelns zu transformieren.

So lehrreich all das ist, mich interessiert die Frage nach dem Glück als Gegensatz zur Frustration. Frust und Wut sind augenscheinlich Formen des Unglücks. Glück erwächst nicht aus der Abschaffnung des Unglücks, sondern aus seiner Anerkennung. Es kommt nicht, wenn diese Menschen plötzlich alle JounalistInnen, BloggerInnen, PolitikerInnen oder NGO-AktivistInnen werden, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, oder das Gleiche mit Hilfe einer Auszeit von drei Jahren und gründlicher Therapie versuchen. Abgesehen davon, dass das von den verfügbaren Ressourcen her schwierig werden würde, ist es auch für das Glücksproblem keine Lösung. Dem Glück dient nur die Anerkennung seiner je eigenen Beschränkungen, die auch anders mit Schwächen bezeichnet werden können. Die Anerkennung des Unglücks bringt das Glück hervor, es emergiert aus dieser Anerkennung, ohne dass alles zugleich geändert werden müsste. Therapie kann dabeihelfen, aber nur wenn es nicht um einfaches Wissen über sich selbst geht. Nicht nur die Wahrheit ist den Menschen zuzumuten, auch die Freiheit. Dieses sich selbst und seine Grenzen, seine Persönlichkeit anerkennen, kann nur in- und außerhalb der Therapie zugleich geschehen.

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