Autoritärer Charakter 2.0

Jetzt muss ich ausnahmsweise mal eine Empörung los werden. Was mich aufregt und nervt, zunehmend seit ich im Social Web unterwegs bin, sind belehrende und zurechtweisende Kommentare oder Diskussionsbeiträge. Ob in Kommentaren zu YouTube-Videos, in Facebook-Threads (immerhin schreiben dort die Facebook-Freund_innen der Facebook-Freund_innen), in Kommentaren zu Blogeinträgen oder gelegentlich auch via Twitter, immer wieder kommen Sätze wie: „Lies erst Mal Buch xy oder Artikel za, dann können wir weiter reden“ oder „Bilde Dich erst Mal ein bisschen, Du hast ja eh keine Ahnung“ oder „beschäftige Dich mal da-und-da-mit“.

Das Wort ‚Shitstorm‘ macht seit längerem die Runde und bezieht sich auf beleidigende und verächtliche Kommentare zu was auch immer eine Person im Internet sagt, also veröffentlicht. Unter dem Mantel der Anonymität kann immer ordentlich drauf los geballert werden. Die Meisten der Leser_innen werden die unterirdischsten Kommentare und Sätze, oft auch noch in schlechter und noch öfter in falscher Sprache geschrieben, kennen, die sich unter YouTube-Videos häufen oder auf <a href=“http://www.hatr.org/“>hatr.org</a&gt; gesammelt werden. Aber diese Art Kommentare meine ich gerade nicht, so schrecklich all der Hass und die verletzenden Worte oft sind.

Was ich meine, kommt gar nicht ausschließlich von den vermeintlich ungebildeten, vor Hass verblendeten Nazis und Männern, die im Internet mal endlich schreiben können, was sie schon so lange fühlen. Was ich meine, kommt von links, von rechts (häufiger), von allen möglichen Beteiligten. Mir fielen die eingangs zitierten Sätze vor allem deswegen auf, weil sie nicht direkt Hass und Gewaltphantasien transportieren, sondern einen gesitteten Anspruch erheben. Mit dem Gestus von ‚Du bist noch nicht reif für meine Einsichten‘ wird eine spezielle Überlegenheit suggeriert, die den (vermeintlichen) Gegner mundtod machen soll.

Eine seriöse Erklärung dieses Phänomens (das, wie gesagt, auch sehr oft in von Linksradikalen gefüllten Threads auftritt) sähe eventuell so aus, dass die Leute die Kürze der im Internet und erst Recht in Kommentarsspalten getätigten Äußerungen übersehen. Das heißt im Klartext, dass diese Leute die fürs Internet notwendige Medienkompetenz nicht besitzen, weil sie spontante Äußerungen auf dem Bildschirm mit geschriebenen Worten verwechseln und jene unnötig wie fälschlich auf die Goldwaage legen. Niemand kann nämlich alles erklären und korrekt referenzieren, was in in 140-250 Zeichen geschrieben wird.

Mir persönlich ist jedoch die Medienkompetenz dieser Leute herzlich egal, die sollen mich (und andere) einfach nur in Ruhe lassen. Mal etwas schnell und flapsig hinschreiben lassen. Mal etwas ausprobieren lassen. Bitte. Danke.

Last but not least denke ich, dass es nicht nur um Verwechslungen und Kompetenzmängel geht. Worin besteht der positive Effekt von Äußerungen wie, „ließ erst mal <i>das</i> Buch, dann reden wir weiter“? Vielleicht gewinnt eine Person durch Nennung von Titel und AutorIn Autorität. Das gilt aber nicht sicher, denn vielleicht kennt das (anonyme) Gegenüber dieses Buch gar nicht oder findet es schlecht. Vielleicht kennt sich das Gegenüber sogar sehr gut mit einem Thema aus und die die wertvollen Bildungshinweise gebende Person hat gar nichts gewonnen. Es geht wahrscheinlich ohnehin kaum ums Gegenüber, darum, bei ihr oder ihm Autorität zu erlangen. Es handelt sich um ein Manöver, das das Gegenüber, aber auch das eigene Ich, durch die Praxis des Hinweises auf ein Drittes von sich fern hält und auf diese Weise die Autorität dieses Dritten über einen selbst aufrecht erhält. Natürlich kann es sich dabei um etwas anderes, als das konkret genannte Buch handeln, wenn beispielsweise mit Norman Finkelsteins ‚Holocaust-Industrie‘ nur der Gedanke geschützt wird, etwas stimme mit dem Gedenken an den Holocaust nicht. Der wiederum nur einen selbst vor diesem Gedenken schützt, das (für diese Person) einfach nicht auszuhalten ist.

Auf diesem Weg komme ich dann doch zurück zu einer Erweiterung der seriösen Erklärung des Phänomens <i>Belehrung 2.0</i>. Viele der kurzen und spontenen Äußerungen im Internet sind Null und Nichtig. Aber nicht selten berührt eine solche Äußerung doch die eigene Persönlichkeit: Überzeugungen, Gedanken, Gefühle, Sinnhorizonte, deren Beziehungen untereinander usw. Das führt insofern sogar leicht zu einer kleinen Krise, als dass sich im Web 2.0 Menschen aus völlig unterschiedlichen Milieus, Gruppen und Klassen sehr leicht treffen können. Viele, mich eingeschlossen, sind auf solche Krisen nicht vorbereitet. Ich halte mich dann oft raus, wenn es mir zu gruselig wird. Andere reagieren aggressiver auf die Berührung der eigenen Person, und die autoritäre Variante der abwehrenden Reaktionen ist eben die Belehrung.

Die Zahl der vielen, vielen ultraschrägen und selbst aggressiven Typen im Internet erleichtert es nicht gerade, sich berühren zu lassen, zu wissen (oder gar zu sagen), hier bin ich verletztlich, aber ich versuche es trotzdem mal, mich auszutauschen. Touché. Aber dieses Belehren nervt doch auch erheblich.

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3 Gedanken zu „Autoritärer Charakter 2.0

  1. „Aber nicht selten berührt eine solche Äußerung doch die eigene Persönlichkeit:“ / “ Das führt insofern sogar leicht zu einer kleinen Krise“

    Ja. Selbst dann, wenn man sich *eigentlich* für relativ robust hält. :/

  2. Kann ich ganz mitgehen, mit dem Gesagten. Ich habe einmal in eine ähnliche Richtung zielend versucht, zwischen „kriminalistischem“ und „sympathetischem Hören“ zu unterscheiden. Während das erste aus selbstsicherer Warte versucht, Fehler des Anderen zu erwarten und aufzuspüren, um ihn dann triumphierend zu kritisieren, lässt sich das zweite auf das Gesagte ein, um zu versuchen, „mitzugehen“, sich „mitnehmen zu lassen“. Das Problem der erhöhten Sensibilität, die das voraussetzt, ginge dann auch mit einer erhöhten Verletzlichkeit einher, bei virtueller Kommunikation ein gewaltiges Problem (und auch eine Grundlage der Lust am „Trolling“, die Verletzbarkeit eines anonymen Gegenüber?).

    Da habe ich noch nicht wirklich drüber nachgedacht und dachte bisher eigentlich, man müsste für die virtuelle Kommunikation neue Umgangsweisen entwickeln, weil die direkte Resonanz-Kompenente fehlt, Blick in die Augen, Rückfrage im Gespräch, etc. Aber wie könnte das – ohne Abstumpfung – möglich sein?

    1. Ich finde die Idee spannend, dass die Lust am Trolling gerade dann entsteht, wenn eine Person sympathetisch agiert, was die meisten Menschen wohl sofort merken werden und daraus auf Verletzbarkeit schließen. Das würde auch bedeuten, dass nicht die Anonymität einfach den Deckel von den stets lauernden Aggressionen hebt, wie ich eigentlich vermutet habe.

      Ich versuche, dem kriminalistischen Lesen und Reagieren bei mir selbst dadurch entgegen zu wirken, dass ich einfach fast nur Ich-Botschaften und allenfalls positive Du-Botschaften verwende. Das führt zwar auch dazu, dass, wenn ich mich richtig ärgere, ich erst Mal gar nichts mache, aber das ist vielleicht auch gut so. Denn die eigentliche Frage ist ja, was mich so aufregt, nicht warum der gelesene Text (angeblich) so schlecht war. (Dazu auch ein Hinweis auf einen Artikel von Maike von Wegen: (Die kleine Gewalt).

      Da hätte ich schon ein paar ganz einfache Regeln: a)Ich-Botschaften, b)bei Wut oder Ärger Nabelschau betreiben, c)ich muss nicht immer und auf alles reagieren, d)die Leute haben das Recht, Unsinn zu schreiben.

      Das alles ersetzt nicht das, was beim Sprechen anerkannter Maßen zu 90% wirkt: Mimik, Gestik, Stimme, Ton, Körperhaltung etc. Es bleiben im Internet ja wirklich nur die 10% Inhalt und der Tonfall des Geschriebenen. Den Körper können wir im Internet aber durch nichts ersetzen und vermutlich braucht sympatethisches Vorgehen hier deswegen viel mehr Konzentration.

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