Männer und Feminismus

Anlässlich eines neuen Werbeplakats der Sportschau möchte ich ein paar Gedanken zu Feminismus von und für Männer formulieren. Auf dem Plakat, das in Knetcomicoptik erscheint, sind ein Mann und eine Frau zu sehen. Der Mann steht mit Glubschaugen vor der Frau, die oben nur einen BH trägt, dessen Körbchen wie Fußbälle aussehen. Auf diese glozt er ungeniert – darüber steht: „Männer sind so.“ (Vielleicht in etwas anderen Worten.)

Beim Anblick dieses Plakates stiegen sofort Wut, Ekel und Abneigung in mir auf. Ich will gar nicht ausschließen, dass ein Teil des Ekels auf verdrängter Lust beruht, die mir sowohl Fußball, als auch halbnackte Frauenkörper bereiten können. Der größere Teil des Ärgers bezieht sich jedoch auf das Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern, wie es auf diesem Plakat repräsentiert wird. Auf Nachfrage wurde mir auch klar, dass mein erster Gedanke keineswegs ‚die armen Frauen‘ war. Mir geht es um die Männer und die männliche Kultur. (Mit dem Ausdruck Kultur meine ich menschliche und zwischenmenschliche Praktiken, die teils bewusst, teils unbewusst ausgeübt werden, die aber zumindest die Schwelle von der zufälligen Erscheinung zur Einübung und zur Möglichkeit der symbolisch-sprachlichen Repräsentation überschritten haben.)

Einerseits kann eine Kultur, in der ein Teil der Menschen so offensichtlich weniger wert und leicht objektivierbar ist, selbst nur wenig wert sein. Diese Kultur der Entmenschlichung und Entwürdigung wird durch solche Plakate noch stärker zur Normalität, als sie ohnehin schon ist. Ein hoher Anteil der Männer und ein vielleicht nicht viel geringerer Anteil der Frauen, die dieses Plakat sehen, mögen denken, dass es ja in Ordnung ist, wenn die Männer Samstags um 18 Uhr nur noch das Eine im Kopf haben. Sind die Männer vom Fußball aufgeregt, haben sie eine recht weite Distanz zwischen sich und die Frauen gebracht, aus der heraus letztere ganz herrlich zu Sexobjekten gemacht werden können.

Dieses Plakat gehört also zum verbreiteten Gender-Backlash, der ohnehin eng mit dem Fußball als Domäne männliche geprägten Breiten- und Profisports verbunden ist. Andererseits, was bedeutet ein solches Plakat konkret für die Männer?

Natürlich interessiert sich nur ein Anteil aller Männer überhaupt für Fußball, ein Teil dieser Männer wiederum liebt Männer oder Frauen und Männer, ein Teil ist *Trans und ein weiterer Teil leidet unter Entwürdigungen und Degradierung, weil die Hautfarbe oder die Religion oder die körperliche Tüchtigkeit nicht zu seiner Umgebung und vor allem nicht zur dominanten Kultur passt. Will sagen, auch Männer sind äußerst verschieden. Aber wenn ich mich auf das Verhältnis von Männern zu Frauen konzentrieren will, helfen diese nur vordergründig inkludierend wirkenden Hinweise wenig.

Betrachte ich dieses Verhältnis vor dem Hintergrund der patriarchalen Alltagskultur stellen sich mir drei Fragen. (Nicht dass das alle möglichen wären, aber jetzt gerade kommen sie mir in den Sinn.) Mich interessieren dabei in erster Linie die Männer. Warum akzeptieren Männer die sexistische Kultur (a)? Leiden sie unterm Patriarchat (b)? Können Männer Feministen werden (c)?

Als Denkanstoß vergleiche auch Die Männer und das Patriarchat von Antje Schrupp.

a) Diese Frage klingt merkwürdig. Auf den ersten Blick akzeptieren die Männer diese Kultur nicht, sie stellen sie her und bewahren sie, weil sie auf die patriarchale Dividende nicht verzichten können. Diese Dividende besteht nicht unbedingt in besserem Essen, mehr Freizeitmöglichkeiten, mehr Befriedigung beim Sex, mehr Einkommen, besserer Gesundheitsversorgung usw. Diese Dividende besteht vor allem darin, dass, verkürzt gesagt, die Welt für die Männer viel einfacher gestaltet ist, als für die Frauen – eben männlich. Was die Männer wissen, gilt als Wissen; was die Männer sexy finden, gilt als sexy; was Männer als richtigem Sport definieren, gilt als Sport. (Ich denke an die Schilderungen von H.D. in ihrem Roman HERmione.) Zum Beispiel sieht der Karriereweg so aus, dass sich mann von Job zu Job hangelt, am besten gespickt mit Aus- und Weiterbildungen sowie jeweiligen Aufstiegschancen. Eine Schwangerschaft kommt darin nicht vor und gilt daher für jede Karriere als Belastung. Für Männer stellt sich die Frage nicht, was ist mit meinem Job, wenn ich ein Kind erwarte? Nun, das alles steht nicht (wie als gute Gründe) hinter der sexistischen Alltagskultur, sondern sie besteht genau in diesen Phänomenen. So könnte von ihrer ‚Akzeptanz‘ gar nicht gesprochen werden, weil die Männer immer vom Patriarchat profitieren. Es gibt in der Männerwelt jedoch einen Stachel, der nicht gezogen werden kann. Aus dieser Welt wird ihr Gegenüber, die weibliche Welt, konsequent herausgedrängt, herabgewürdigt und abgeblendet, aber dennoch präsent gehalten. Die Frauen werden sozusagen durch projektive Bilder ersetzt. Es mag schon kein (heterosexueller) Mann ohne ein Bild von der Frau zurecht kommen, die männliche Welt braucht auf jeden Fall den blassen Hintergrund weiblicher Beziehungs-, Haus- und Erziehungsarbeit. Kant zum Beispiel brauchte die Welt der weiblichen Romane, gegen die der Vernunft gestellt. Liegt in dieser Trennung und Verkennung nicht ein Verlust für die männliche Welt, unter dem auch die Männer leiden?

b) Ich würde nicht sagen, dass Männer unter dem Patriarchat leiden. Besonders heterosexuelle Männer mögen darunter leiden, dass ihre ernsteren Beziehungen zu Frauen immer wieder scheitern. Viele Männer mögen unter Schuld und Schuldgefühlen leiden, weil sie die patriarchale Dividende einstreichen, während die Frauen unterdrückt und benutzt bleiben. Schließlich leiden gerade profeministische Männer an der Unsicherheit, sich in der männlichen Welt richtig verhalten zu wollen, aber nicht zu wissen wie. Aber das Wort leiden trägt nach meinem Verständnis so gut wie immer die Konnotation der Passivität, des Ertragens. Das trifft besonders dann zu, wenn Feministinnen wie feministisch geschulte Männer von Geschlechterstrukturen sprechen, die die Individuen unterdrücken würden. Damit kommt ein Aspekt der patriarchalen Kultur voll zum Tragen. Passivität hat ja oft eine weibliche, Aktivität eine männliche Konnotation. Das bedeutet, die leidenen Männer werden zu Frauen oder erklären sich zu solchen und alle Beteiligten finden diesen Zustand unerträglich. Deshalb würde ich sagen, dass wenn die Männer schon unter dem Patriarchat leiden sollten, dann müssen sie dieses Leid auch selbst tragen und können es nicht zu den Frauen deligieren. Besser wäre es sogar, direkt von den Gefühlen zu sprechen, die das Patriarchat bei Männern auslösen kann: Unsicherheit, Schuldgefühle, Selbstwertverluste. Solche Gefühle können zwar nicht einfach aufgelöst und sollten nicht verdrängt werden, aber die Männer können sie in eine Spannung zu ihren Wünschen nach Nähe, Einfühlung (durch sie, nicht nur für sie) und Achtung der Anderen bringen.

c) Das bringt mich zu der Frage, ob Männer überhaupt Feministen werden können. Hier finde ich, haben mehrere Sichtweisen ihre Berechtigung, die sich aber teilweise widersprechen. Einerseits können sie es, indem sie sich mit der Welt der Frauen beschäftigen, also feministische Literatur lesen, den zornigen Feministinnen zuhören oder einfach ihren Freundinnen. Sie können sich mit der Problamtik auseinandersetzen, wie es wäre, wenn ich permanent abschätzende Blicke von unbekannten Personen erhalten würde. (Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen andere Menschen zu ihren Sexobjekten machen, sondern dass dies immer auf männliche Weise geschieht. Dadurch werden fast nur Frauen zu Sexobjekten und sie müssen sich dabei in ihrer Sexualität und ihrem Körperbild dem unterordnen, was den Mann erregt.) Dem Versuch, Männer so zu Feministen zu machen, stehen aber zwei verschiedene Einwände entgegen. Einerseits liegt in dieser Beschäftigung mit weiblichen Erfahrungen immer die Gefahr der Essentialisierung des Weiblichen. Gerade wenn allen Menschen, auch den Männern, die weibliche Welt (weibliche Sicht auf Arbeit, Beziehungen und Moral) nahe gebracht werden, erzeugt das eine Zementierung der Geschlechterverhältnisse, wie wir sie kennen. Das Problem, so diese Kritik weiter, liegt nicht in mangelnder Aufmerksamkeit für das Weibliche, sondern an der Unterscheidung von Mann und Frau (und im hinter ihr liegenden Tabu der Homosexualität). Anders gesagt, immer wenn wir glauben, die Frau verstanden zu haben, entfleucht sie uns wieder und gibt ein anderes Bild von sich – die arme Frau, die schwarze Frau, die lesbische Frau. Aus dieser Not sollten wir eine Tugend machen und uns auf das Spiel der steten Wandlung und Verschiebung der Bedeutung des Ausdrucks Frau einlassen. Wie Kathy Ferguson in „The Man Question“ würde ich jedoch davon ausgehen, dass hier noch kein echter Widerspruch lauert. Vor Essentialisierng sei gewarnt, andere zu verstehen heißt, sie immer an ihrer eigenen Neudeutung zu beteiligen. Ein echtes Problem taucht auf, wenn die Beschäftigung mit den Erfahrungen der Frauen im Patriarchat zum Umweg zu den eigenen Erfahrungen und Gefühlen der Männer gerät. Wenn ein Mann sagt, ‚ich fühle mich schlecht, wenn/weil du wütend bist‘, ist dieser Punkt erreicht. Die Wut und der Ärger der Feministinnen dient dann nur als Spiegel der männlichen Seele, macht Frauen erneut zu ihrem Instrument und verstärkt die Vermutung, dass weder jene Frauen ihren Ärger, noch die Männer ihre Gefühle selbst (er)tragen könnten. Dagegen einerseits und gegen die mögliche Selbstzufriedenheit der Beschäftigung mit den ganz eigenen Gefühlen andererseits hilft wohl nur ein Hin- und Herspringen zwischen der Betrachtung des männlichen Selbst und der weiblich-feministischen Welt. Das hilft besonders dann, wenn die Unterstellung einer egalitären Versöhnung zwischen den Geschlechtern zurück gewiesen werden soll. Das Patriarchat zerfällt gegenwärtig nicht und die Suche nach Wegen, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, bleibt noch ein Weile.

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