Wissen oder Neugier?

Es könnte sein, dass Wissensdurst mit weltlicher Neugier gar nichts am Hut hat. Im Gegenteil. Unbedingt ganz viel und ganz genau Bescheid wissen zu wollen, korrespondiert immer mit einem Wissentabu. Wissentabus gibt es, wenn Menschen über etwas (oft durch bestimmtes Buch beschrieben) ganz genau Bescheid wissen wollen, dabei aber andere Bereiche möglichen Wissens nicht berühren dürfen.

Ich bin im Radio auf die Verbindung von Lernen und Beten gestoßen, die ein Theologe stark machen wollte. Dabei musste ich an die Verknüpfung von lernen und politisch kämpfen denken oder an die von lernen und sozialem Engagment. Nicht dass Gläubige einfach die anders Gläubigen ignorieren würden oder nicht kennen lernen wollten. Das muss für das Gemeinte gar nicht zutreffen. Freilich bilden diese Lern-Und-Tue-Was-Gruppen Gruppen, also Gemeinschaften, die andere ausschließen. Diese Gemeinschaften bieten Sicherheit, Eindeutigkeit und Vertrauen. Aber das ist nicht alles.

Die Bildung einer solchen Gemeinschaft funktioniert auch ganz ohne Sinn und Wissen. (Zum Beispiel im Skatclub oder in einer Therapiegruppe.) Ich musste an die elende Akribie mancher Gruppen denken, religiöse oder nicht, sich mit einer Sache ganz genau auszukennen. Ich habe gar nichts gegen Detailtreue, ganz im Gegenteil. Aber ich hatte die Idee, dass es einen Wissensdurst gibt, der nicht unter Ausschluss anderer Meinungen oder eben Pluralismusmangel leidet, sondern unter Wissenstabus. Das Tabuisierte muss dabei gar nicht im Widerspruch zum Wissen stehen, wie prokapitalistischer Liberalismus zum antikapitalistischen Marxismus. Diese Beiden kennen sich mitunter sehr gut. Das Tabuisierte muss vielmehr die Relevanz des Wissens einschränken und genau das muss auch hinreichend bekannt sein. Das Tabuisierte sagt, ’schau her, es gibt noch eine andere Welt, die neu für dich wäre‘.

Vielleicht ist Technikakribie ein gutes Beispiel. Denn religiöses Wissen setzt oft eine Verheiligung (zum Beispiel eines Buches oder einer Geschichte oder einer Person: Jesus, Mohammed) voraus, die ich nur für die Spitze des Eisbergs halte. Technikakribie bedeutet, dass Leute sich mit einer Technik ganz genau auskennen, mit jedem Detail und bis hin zu eigentlich nie gebrauchten Funktionen. So wird mit der Technik nicht gespielt, nicht herumprobiert und nicht erkundet, was möglich ist, sondern die Technik wird beherrscht. Das zieht natürlich einerseits sehr viel Energie und Zeit auf sich, so dass für anderes (zum Beispiel Naturfilme) nichts mehr übrig bleibt. Aber das ergibt noch kein Tabu. Dieses besteht darin, sich zu dieser Akribie so zu stellen, dass sie als Verteidigung gegen anderes Wissen dienen kann. Damit meine ich wiederum nicht, sich einfach als technikaffin zu identifizieren. Denn das geht im Zweifelsfall gut damit zusammen, sich beispielsweise mit Linguistik intensiv zu beschäftigen. Es liegt also nicht am Thema (hier Technik), sondern an der Akribie, die das Tabu ermöglicht.

Mit anderen Worten: Die Akribie muss etwas abwehren, was die Person selbst in Seele und Körper berühren könnte, wobei allenfalls dunkel bekannt sein dürfte, was bei der Berührung passiert. Entspannung oder Erregung, Begeisterung oder Hilflosigkeit, Freude oder Unwohlsein. Dagegen steht die Neugier dafür, sich vieles Mögliche einzuverleiben oder sich zumindest so lange mit etwas zu beschäftigen, bis das Interesse erlahmt. Ohne gesicherten Ausgang dieser Aktivität. Das wäre doch zumindest eine Alternative.

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2 Gedanken zu „Wissen oder Neugier?

  1. Neugier setzt aber ein gewisses Maß an Mut vorraus, an Bereitschaft, die Kontrolle abzugeben, sich auf ein Feld zu begeben, das man eben nicht akribisch genau kennt, ich glaube das größte Hindernis ist die Angst. Dabei fällt mir gerade auf, dass das was ich hier schreibe im Grunde genommen nahe legen würde, dass neugierige Menschen weniger ängstlich sind, was ich aber nicht glaube. Oder doch?
    Na ja, aber wenn ich dich richtig verstanden habe, schützt der akribische Mensch sich selbst vor Erkenntnissen und Begegnungen, die ihm die Kontrolle über sein Weltbild streitig machen könnten, und du plädierst an dieser Stelle für Neugier. Also würde die Überwindung von Vorurteilen, von Tabus und Sich nicht auseinander setzen wollen damit beginnen, einander neugierig zu machen. Das ist eine schöne Anregung, die mir sehr gefällt. Wissen schützt vor Neugier, aber Neugier ist die Grundlage für jeden wirklich lohnenden Wissenserwerb.

    1. Jetzt habe ich zur Ergänzung noch ein hübsches Zitat gefunden. Eigentlich bin ich nicht so sehr der Fan von Michel de Montaigne, aber im Essay „Über die Kindererziehung“ schreibt er:

      Und wie viele Leute habe ich zu meiner Zeit nicht durch ausschwiefende Gier nach Wissen verblöden sehen? Karneades war so närrisch darauf epicht, daß er darüber nicht die Zeit fand, sich den Bart und die Fingernägel zu schneiden.

      (Mathias Greffrath, Montaigne. Ein Panorama, Fr. a.M. 1992, S. 319.) Der selbe versteht Philosophie auch als ‚Bildnerin des Urteils und der Sitten‘, womit ich nicht mehr übereinstimme. Aber den beiden Sätzen schreibt er immerhin, dass bei allem Wissensdurst doch das Kümmern um sich selbt nicht auf der Strecke bleiben sollte. Eine gewisse Neugier für sich selbst wäre also noch ein weiterer Aspekt.

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