Lucía Puenzo, Wakolda

Wie ist es Lucía Puenzo gelungen, sich so umsichtig und kunstvoll in Dr. Joseph Mengele hinein zu versetzen?

Der deutsche Arzt José, durch das Argentinien der 50er Jahre reisend, das heißt flüchtend, trägt die Züge eines vorsichtig gewordenen Fanatikers, als er auf die 8 Jahre alte Lilith und ihre Familie trifft. José betrachtet das Leben als Zuchtprojekt, als perfektibel und die Natur als vollkommen kontrollierbar. Er tritt als ruhiger, vernünftiger Zeitgenosse auf, höflich und bisweilen gewinnend, besonders im Kontakt mit Kindern, die ihn interessieren. Er weiß viel und lenkt allenfalls durch seine gelegentlich allzu ostentativer Schweigsamkeit das Misstrauen auf sich. Wer aber ist dieser José?

Liliths Vertrauen gewinnt er im Spiel, die beiden haben etwas gemeinsam, sei es eine ausgeprägte Neugier, sei es der Wunsch, hinter die Kulissen zu schauen. Mit den Eltern des blonden Mädchens mit ihrem kurzen Körper, den übervollen Lippen und der tiefen Stimme gelingt es José nicht so einfach. Er bleibt ein Fremder in dieser Familie, ein Fremder in Argentinien und vielleicht ein Fremder in der Nachkriegszeit. Sich selbst betrachtet er als „Überlebenden“.

Solche Überraschungen gelingen Puenza andauernd. Elegant und schnell wechselt sie die Perspektiven, zeigt dabei Grausamkeit neben Mitgefühl, Vertrauen neben Fremdheit und Hilflosigkeit neben Kontrollsucht. Puenzo wird nachgesagt, sie erzähle rasant, und tatsächlich prägt die filmische Herangehensweise den Roman. Puenzos Film „XXY“ hat auch in Deutschland einige Bekanntheit erlangt. Wakolda bleibt aber im Tempo der erzählten Geschichte angemessen.

Langsam gewöhnen sich der Star des Buches, Lilith, und ihre Familie an den Fremden José. In Patagonien an den argentinischen Bergen bewohnen sie gemeinsam eine Pension, die Liliths Eltern dort neu aufbauen – ein Erbe von Liliths Oma.

Nach und nach gewinnt José so viel des Vertrauens von Liliths Familie, dass er seine medizinischen Experimente, abgebrochen durch die Flucht vor dem Sieg der Allierten und den Jägern der Nazi-Verbrecher, fortsetzen kann. Wird Lilith ihren „Makel“ auswachsen können? Durch Spritzen, Bluttests und Vermessungen? – Jedoch, warum sollte sie das? Auch Lilith hat ihre Vorstellungen von normaler Größe, ist angetrieben vom Interesse an den Geheimnissen des Lebens und seiner Wirrungen. Lilith ist aber in einer Familie aufgewachsen, die ihre Geheimnisse hat, die etwas kennt, was José völlig fremd ist: gegenseitige Beachtung und Mitgefühl. Verdutzt sitzt er einer Szene gegenüber, in der Vater und Tochter sich die Hände streicheln und einander trotz (oder wegen?) Streit und Gereiztheiten aufmerksame Worte widmen.

Obwohl für José das Leben keine Geheimnisse birgt, hat er den perfekten Menschen nicht erschaffen können. Trotz unzähliger Messungen, Aufzeichnungen, Spritzen, Operationen, Schmerzen und Tränen weicht er in Argentinien zu einer neuen Methode aus. Er züchtet die perfekte Puppe. Ein Ebenbild zu Liliths erster Puppe Herlitzka, mit geordneten Maßen, blond, blauäugig mit der weißesten Haut, die einer Puppe je zugedacht war und gelenkig wie ein Baby. Ganz das Gegenstück zu Wakolda, der indianischen Puppe, die Lilith gegen das ursprüngliche Modell in einer Gewitternacht eingetauscht hat. Wakolda ist schmutzig, billig, dunkelfarbig und voller Rätsel. Sie weckt die Hoffnung, dass Josés Experimente nicht nur misslingen, sondern für immer abbrechen mögen.

Diese Hoffnung der LeserInnen trügt. Die Machtsucht des Mannes, der im Traum vom Führer lachend verlassen und dem dadurch beinahe die Luft zu atmen genommen wird, wirft die Opfer geradezu in seine Arme. Nicht fähig eine (erotische) Begegnung zu halten, ist er dazu gezwungen, Menschen zu seinen Opfern zu machen, die von ihm gequält nur in seinen Armen Heilung und Rettung suchen können. Verstörend effektiv kann José seine Gelüste in Werke der Zucht wandeln, geradezu wütend macht das Maß, in dem auch Lilith und ihre Familie in einer Not dem Wirken Josés ausgeliefert sind. Niemand scheint zu bemerken, was er wirklich im Schilde führt, welchem Zweck sein Wissen und seine Freundlichkeit, seine guten Beziehungen und seine Fingerfertigkeit dienen. Er möchte den perfekten Menschen züchten und das Ergebnis seiner Zuchtmethoden an genetisch identischen Menschen – eineiigen Zwillingen – testen. Lilith möchte lediglich über sich hinaus wachsen und Liliths Mutter Eva möchte, dass ihre beiden Kinder leben.

José ist ein purer Sadist, einer ohne Fesselspielchen und ohne das Prinzip der Einwilligung. Lust gewinnt er in der Qual der anderen, ohne zu ahnen, dass er sie quält und Genuss bereitet ihn die Berühung von Körpern, denen diese Berührung unangenehm ist. Lilith entwickelt davon langsam eine Ahnung, kann sich zumindest innerlich Josés Armen entwinden.

Nur eines könnte Puenza übel genommen werden. Ein ehemaliges Opfer Josés hat in Argentinien seine Spur aufg enommen, findet ihn auf der Taufe von Evas Zwillingen wieder. Sie muss vor ihm sterben, in den Bergen Patagoniens. Ob dieser Teil der Geschichte realitätsgerecht ist oder nicht, hier scheint Josés Macht Reichweiten zu entwickeln, die ihr nicht zustehen. Vielleicht spricht hier aber nur die gekränkte Hoffnung, dass ihm sein Handwerk möglichst schnell gelegt werde.

Puenzas Roman Wakolda konfrontiert einen Mediziner des Nazismus mit dem Leben in Argentinien. Mit Indianern, Liebe, selbständigen Menschen und einer wundervollen Landschaft. Freilich tun sich dabei Abgründe auf, durch die Leichtigkeit seines Erfolgs und die Geringfügigkeit des Widerstandes. Wakolda überzeugt durch Puenzas Können, den Blick in die Unmenschlichkeit und die Seele der Vernichtung durch die Brille der Einfühlung und der Würde des Lebens zu wagen. Einsicht, Genuss der wundervollen Beschreibungen und Bekommenheit geben sich bei der Lektüre von Lucía Puenzos Wakolda ein Stelldichein.

Lucía Puenzo, Wakolda, Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2012, übersetzt von Rike Bolte. ISBN: 978-3-8031-3246-8

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