Coolness (enthebt)

Coolness geht mir enorm auf die Nerven. Wenn ich etwas mehr Zeit hätte, würde ich einen Verein gegen die Coolness gründen.

Überall sehe ich nur noch Coolness, Coolness avanciert vom Bollo-Image zum Mainstream der Gebildeten und Anders-Seienden. Coolness bedeutet, dass die Leute (inklusive mir) nichts tun, was nicht in ihrer Peergroup Anerkennung finden würde. Umgekehrt findet in Gruppen von Freund_innen nichts Anerkennung, was nicht mindestens den Coolnessfaktor ’sehr hoch‘ aufweist.

Dieser Kreislauf generiert einen völlig inhaltsleeren Verhaltenscontainer, denn was als cool gilt und was nicht, ist von Freundeskreis zu Bekanntenkreis komplett austauschbar. Er bringt ein Selbstwertgefühl auf der Basis von nichts zustande. Gar nichts. Weil die einen iPhones cool finden, die anderen Vorabendserien, die nächsten Demos, die folgenden Tattoos, wieder die nächsten Weleda-Produkte und die letzten finden eine coole Schreibe cool. Es gilt: Nicht anecken, nicht darüber sprechen, Austausch vermeiden. Oft wiederholte Kurzwellen von Bestätigung und Gegenbestätigung rollen durch den Äther und treffen niemanden Bestimmtes.

Die wichtigste Grundregel der Coolness lautet,

lass nichts an dich herankommen, lass dir nichts nahe kommen.

Coolness ist einfach Style. Alles hat stylisch auszufallen, zu gefallen und in puncto Style perfektioniert zu werden. Das funktioniert nicht ohne eine große Portion Auskennerei. Die Leute müssen auf dem Laufenden sein. Was geht ab, was gehört sich, wer macht was, wer lässt etwas anderes und was kann ich darüber auf Facebook erfahren? Zu dieser allgemeinen Auskennerei gesellt sich schließlich die innigste Überzeugung, genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Alle anderen Überzeugungen und Syles gehören in die Schublade des Achselzuckens.

Ich benutze auch das Wort ‚cool‘. Ganz selbstverständlich und ohne viel nachzudenken. Während ich mich hier echauffiere haben andere bereits zig neue Möglichkeiten entdeckt, cool zu sein und zu wirken. Ich denke nicht, dass Coolness zu oberflächlich, unsolidarisch mit den Uncoolen, postmodern beliebig oder einfach neumodischer Krams wäre, der wieder vergeht. Coolness gehört vielmehr zum narzisstischen Perfektionismus ‚unserer‘ Tage und wird so schnell weder vergehen, noch verstanden werden.

Eigentlich wollte ich nur los werden, wie genervt ich davon bin.

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