Der hinkende Vater

Der Vater hinkt hinter her. Zumindest wenn er nicht allein erziehend, aber die zweite Beteiligte eine mit ihrer Brust stillende Mutter ist, und besonders dann, wenn der väterliche Teil der Eltern- oder Erziehungszeit kurz bleibt oder ganz wegfällt. Wir sprechen also bedauerlicher oder einfach realistischer Weise über die Situation einer breiten Mehrheit. In welcher Hinsicht und warum hinkt der Vater hinter her?

Wenn ein Baby geboren wird, hat es bereits 9 Monate im Bauch der Mutter verbracht. Aus dieser Zeit stammen gemeinsame Erfahrungen (gute und schlechte), die ein Vater niemals wird machen können. Nach der Geburt aber, wenn die genannten Bedingungen zutreffen, wird die Lage des Vaters nicht automatisch besser, seine Beziehung zu seinem Kind startet auf einer anderen Basis, als die der Mutter. Zu der Schwangerschaft kommt das Stillen. Mütter haben so zunächst mehr Möglichkeiten, das Kind kennen zu lernen und sich vom Kind kennen zu lernen lassen.

Als Vater wurde ich in den Babymonaten, und noch während das Kind Schritt für Schritt ins Kleinkindalter wechselt, den Eindruck und das Gefühl nicht los, immer Entwicklungen unseres Kindes nach der Mama zu bemerken. Sie war auch im Umgang mit dem Kind immer einen kleinen Schritt voraus. Sie gab früher auch heiße Milch, suchte neuere und größere Klamotten für es aus und bot ihm Unbekanntes zu essen an. Das mag an Unterschieden in unser beider Persönlichkeit liegen, ist aber auch durch das Mehr an Zeit verursacht, die die Mama mit dem Kind im Gegensatz zu mir als Feierabendpapa verbracht hat. Dazu kommt die Qualität dieser Zeit, zumindest anfänglich das Stillen, der Mittagsschlaf (oder die Tagesnickerchen) und die langen Spaziergänge. Ich sehe unser Kind dagegen eher (Achtung, Übertreibung!), wenn es morgens noch nicht ganz wach oder spät nachmittags schon halb auf dem Weg ins Bett ist.

Klar, je mehr Zeit wer mit dem Kind verbringt, desto höher sind die Changen auf eine engere Beziehung verglichen mit den Veranwortlichen für das Kind, die weniger Zeit haben. Mich überraschen jedoch zwei Dinge:

  1. Diese Lage fand ich in keinem Babyratgeber oder -heftchen beschrieben und behandelt. So klar und normal dieser Vorgang erscheint („Du wunderst Dich?“[rolleye]), so sehr bleibt er unbenannt. Bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass Väter unter solchen Umständen sich wohl hin und wieder zurück gesetzt fühlen, wenn das Baby z.B. immer zur Mutter möchte, wenn es Schmerzen hat, hungrig oder müde ist; dass sie gar gelegenlich traurig sein werden, eben weil ihre Beziehung zu dem Kind scheinbar so viel mehr Mühe kostet.
  2. In Elternratgebern und -broschüren steht tatsächlich oft, dass die Mütter angeblich die Väter von den alltäglichen Pflegeaufgaben entbinden, gar ihre Kontrolle über die Ausführung der Pflege nicht lockern wollen, wenn die Väter doch mal an den Babypopo wollen oder dürfen. Das mag es zwischen vielen Paaren geben, sollte aber doch eher eine Organsiationsfrage sein. (Ich übernehme zum Beispiel imme noch eher das Wickeln als sie.) Die Ratgeber decken sich hier mit manchen Schulen der Psychoanalyse, die annehmen, nach der Geburt bestehe eine Symbiose zwischen Mutter und Kind, die nur nach und nach durch Triangulierung oder einfach Beteiligung des Vaters (oder anderen Zweiten und Dritten von für das Kind Verantwortlichen) aufgelöst werde. Die Mutter hänge enger an dem Kind, würde sich auch – eben in der Pflege – eher um sein Wohl sorgen und versuchen, andere von dieser Zweierbeziehung abzuschirmen. Nun, Symbiose hin oder her, besorgter und kontollierender dem Kind gegenüber als ich empfinde ich die Mama nicht. Im Gegenteil, dadurch, dass ich später zum Füttern hinzugezogen wurde (als die Flasche aufkam), dass ich später manche wortähnliche Laute von unserem Kind gehört habe oder dass ich später als Trostspender akzeptiert wurde, konnte die Mutter dem Kind sogar eher Freiräume, Eigenstädigkeit und neue Erfahrungen ermöglichen. Wenn Väter alles nachholen und richtig machen wollen, hinken sie auch in puncto Selbständigkeitsentwicklung des Kindes hinter her.

Erst dieser Tage konnte ich wieder mal hören: „Ach, er schläft schon lange nicht mehr auf dem Arm ein.“ Zuvor war war die Mama mit dem Kind sechs Tage sogar ganzh alleine. In der halbwegs modernen Elternwelt heißt es immer: ‚Die Väter müssen ihren eigenen Umgang mit dem Baby finden und konsequent verteidigen.‘ Im Vergleich zu früheren, abwesenden Vätergenerationen mag das noch hinkommen, bietet aber bestenfalls die halbe Miete. Der Vorsprung der Mütter in der Beziehung zum Kind kommt auch in Vätergesprächen kaum vor und, wie ich ihn erfahren habe, er führt dazu, dass die Väter ihre Babys als jünger wahrnehmen, als sie sind. Vielleicht gar als unfähiger oder träger als sie es sind. Väter können dazu neigen, sich an Gewohnheiten in der Vater-Kind-Beziehung zu klammern.

Sicher bin ich mir aber, dass Väter nicht mehr aufwenden müssen, um eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, als die Mütter. Den Mehraufwand haben in den hier beschriebenen Konstellationen ja gerade die Mütter. Aber die Väter brauchen eine bestimmte Konzentration auf ihre Sicht auf das Kind, um nicht ins (trotzige) Gegenteil zu verfallen: den Rückzug vom Kind. Wenn Mama nun mal Dinge über das Kind weiß, die dem Papa bisher verborgen blieben, so hilft’s nicht, einen ‚eigenen Weg‘ einzuschlagen oder sich zurück zu ziehen. Ich war jedenfalls gelegentlich darüber trauig, dass ich hinter her hinke, und habe versucht, am Ball zu bleiben.

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