Kommentar: Hirschauer, Wozu Gender Studies?

Das Lob vorweg: der Herr Hirschauer hat ganz schön beobachtet, dass die Gender Studies genau der Kategorie ein ungeheures Gewicht verleichen, dessen Genese und Gestaltung sie eigentlich kritisch begleiten wollten und sollten. Von ‚undoing gender‘ kann vielerorts in den Gender Studies und in den queeren Bewegungen keine Rede sein, nichts wird dort so stark zur persönlichen Identifikationsfläche gemacht, wie das Geschlecht.

Dennoch, hinter vielen von Hirschauers Sätzen verbirgt sich doch die alte Unlust, sich mit dem Thema zu beschäftigen, besonders, wenn es weh tut und Wunden aufreißen könnte. Schon das schon alte feministische Anliegen war und das gegewärtige der Gender Studies sollte es zumindest sein, das Thema Geschlecht gegen den Unwillen der Mehrheit wie eine muffige Ratte neben den Pudding mit Sahne aufs Tablett zu legen. Um es – wie von ihm gefordert – klar zu sagen, die Leute/Männer haben keine Lust, sich mit Frauen(Queeren)Themen zu befassen. Reflexartig wird bei seinem Aufploppen, wie die Erwähnung eines Frauenabends oder einer schwulen Performance, auf lautstarke Abwehr gestellt, obwohl es leicht wäre, Gender so zu ignorieren wie ein eingefleischter Fußballfan die Medaillen der Leichtathletik-WM. Hier bahnt sich doch ein Spagat an: wie schaffen es Wissenschaft oder soziale und politische Gruppen/Institutionen/’Bewegungen‘, das Thema Gender bewusst zu halten, ohne unkritisch daran kleben zu bleiben? Wie kann über etwas aufgeklärt werden, ohne sich eben den Prozessen zu verschreiben, über die aufgeklärt werden soll?

Der dutzendste Hinweis auf wissenschaftliche Distanz und Professionalität, auf moralische Enthaltsamkeit oder Annihilierung der Kategorien Täter und Opfer (das am simpelsten auszumachende Bedürfnis der Maskulisten) kann die Frage nicht beantworten. Auch das mahnende Gebot, sich aus Politik und ‚Bewegungen‘ raus zu halten, bringt nichts außer den Verdacht, dass hier Faulheit mit postmodernen Begründungsfiguren geschönt wird.

Natürlich bringt nicht jede Vermanschung von Wissenschaft und Politik Gutes hervor, auch das x-te Bekenntnis zum schwulen, queeren, feministischen Denken(!) löst keine Schockwellen in der Realität aus. (Denken ist nicht das Leben.) Es ist auch nicht alles interessant, tiefgründig oder bewegend, was unter den genannten Labeln (Großlabel ‚Gender‘) firmiert. Aber ganz so einfach wie der Hirschauer würde ich es mir nicht machen wollen.

PS: Ich sehe mal von seltsamen Bemerkungen wie „verständlichen […] Ressentiments“ der Männerrechtler oder den so nett angesprochenen „Ach Schwestern!“ ab. Ich finde es vor allem falsch, sich aus dem allem fein raus halten zu wollen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s