Über linke Möglichkeiten I: Carlo Strenger

Vor einigen Wochen traf ich zufällig auf ein Interview mit dem israelischen Psychologen und Philosophen Carlo Strenger. Die Linke habe versäumt, die Sicherheitsfrage in Israel zu beantworten und dieses Feld der Rechten überlassen. So habe Netanyahu wieder eine Wahl gewinnen können heißt es im Teaser. So interessant diese These schon ist, im Interview erweitert Strenger sie und behauptet, dass sich Freiheit gegen menschenfeindlichen Terrorismus und Extremismus jedweder Art nur mit Pochen auf die Substanz des freiheitlichen Zusammenlebens verteidigen lässt. Dies erinnert nun eher an alte Geschichten: wehrhafte Demokratie, Freiheitlich-Demokratische Grundordnung oder wie auch immer z.B. anglizistische Varianten der Verteidigung der westlich-demokratischer Lebensart heißen mögen. Man denke daran, was die weltliche Welt zu bieten habe, wenn sie sich nicht andauernd für ihre Verbrechen entschuldigen müsse, so Strenger, warauf unweigerlich die Nachfrage folgte: Was hat sie denn zu bieten?

Endlich mal fragt wer die Frage aller Fragen, kurz und klar. Strenger dazu: Ich glaube – vielleicht etwas altmodisch – immer noch daran, dass die menschliche Vernunft es ermöglicht, stets alles kritisch zu hinterfragen. Das sei die eigentliche Leistung und das Vermächtnis der Aufklärung, ein unschätzbares Gut. {Das war nicht ganz sein O-Ton, aber in Etwa.}

Ich konnte meine Enttäuschung nur schlecht vor mir selbst verbergen, kaufte mir noch sein Buch „Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit“, Berlin 2015 (Edition Suhrkamp), las es und war nach wie vor angezogen und enttäuscht gleichzeitig.

Im Kern vertritt Strenger eine Variante des kritischen Rationalismus, also tatsächlich eine etwas altmodische Theorie. Alle Fragen des Zusammenlebens seien letztlich Sachfragen, deren Diskussion und Beantwortung einerseits einen gewissen Kenntnisstand (je nach Sachgebiet), andererseits die generelle Offenheit für kritische Einwände und Widerlegungen von Hypothesen voraussetzen. Das gilt für Fragen der gesetzlichen Bestimmungen von Abtreibungen ebenso wie für eine Politik gegen den anthropogenen Klimawandel oder die Frage der Verteilung von Kondomen gegen die Verbreitung von HI und AIDS.

Diese Voraussetzungen werden von religiöser Orthodoxie, Verschwörungstheorien, faschistischen Ideologien und dergleichen offensichtlich nicht erfüllt. Vielmehr seien Vertreter_innen dieser Haltungen stets und ständig beleidigt, wenn wer kritische Einwände oder gar Ironie, Spott oder Karikierungen ihrer selbst erhebt und verbreitet, würden aber ihrerseits ohne mit der Wimper zu zucken verschiedene Menschengruppen für dumm, un-menschlich, feindlich, krank oder todeswürdig erklären.

Warum sollte ich mich jedoch auf dieses Spiel einlassen: kritisch Rational oder dumpf-agressiv-raunend, Sie haben die Wahl? Zur Debatte steht hier doch die politische Identität. Strenger behauptet, die Linken haben versagt (besonders in seinem Buch), weder die kommnunistisch-marxistische, noch die postmoderne Linke können dem Hass etwas entgegen setzen, sie haben in fahrlässiger, aber zum Teil auch notgedrungener Weise (was blieb anch dem Holocaust an Optionen zur Verteidigung des Westens übrig?) das Feld der Verteidigung der menschlichen Freiheit und Würde des Einzelnenen den Rechten überlassen. Diese können seit Jahrzehnten die mutigen Verteidiger von Freiheit und Demokratie geben, während sie selbst dem Hass und den Vorurteilen unterliegen, Menschen und nicht ihre Einstellungen und Ansichten verachten.

Bevor ich mich jedoch der Frage zuwende, was von dem kritischen Universalismus zu halten ist – in Zeiten postmoderner Aufklärung, Polyzentrik oder Verunsicherung – (Teil III) möchte ich im folgenden Post (Teil II) der Frage nachgehen: Was steht mit der politischen Identität, insbesondere der „linken“, eigentlich auf dem Spiel. Dazu meine These vorweg.

Linke Identität bedeutet für mich, die Hoffnung auf eine andere, bessere Welt vor dem Hintergrund des alltäglichen Falschen und Bösen, der „aufgeklärten Hölle“ (Ehrenburg), zu einem objektivierbaren Wissen zu machen. Egal woran und mit welchen Mitteln Linke den Hebel der Kritik ansetzen, sie – wir – müssen darauf vertrauen, dass es 1. zumindest in einem anderen Zusammenleben und in einer anderen Welt ein Zuhause gibt und 2. dieses Andere sowie der Weg dorthin auch verständlich gemacht werden können. Doch wo liegt hier der Haken?

Der linken Dreisatz kann an einem sehr guten Beispiel anschaulich gemacht werden. Ist es nicht schlicht der helle Wahnsinn, dass täglich Menschen im Mittelmeer ersaufen, nur weil es keine besseren Wege in das reiche Europa gibt, als sich für viel Geld auf ein für solche Reisen untaugliches Boot verfrachten zu lassen? Kaum wer, außerdem, tut etwas dagegen, ich selbst auch nicht. Von Schritt eins (Diagnose) nun zu Schritt zwei (Therapie: der Weg): Wie kann dieses unnötige Massensterben verhindert werden? Konkret und zugleich auf lange Sicht weiß ich es nicht, von raschen Rettungsmaßnahmen einmal abgesehen. Was politisch wirklich machbar ist, vermag ich nicht recht zu sagen. Zu Schritt drei (der andere, utopische Zustand) fällt mir dann erst recht kaum etwas ein. Wie sieht eine Welt aus, in der Migration nicht nur nicht tödlich, sondern auch erlaubt, gar erwünscht ist? Unter der Voraussetzung hinreichender Ehrlichkeit bleibt dieser Zustand nicht einfach auszumalen, denn nicht nur ich dürfte hier malen, auch meine Nachbar_innen, die lieber das Flüchtlingsheim anzünden, als zu gucken wer da kommt.

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