Über linke Möglichkeiten II: (linke) Identität

Im ersten Teil dieser kleinen Serie schrieb ich über Carlo Strengers Schmerz mit der Unfähigkeit der politischen Linken (in Israel), sich kritisch mit Bewegungen und Ideologien auseinanderzusetzen, die oft gruppenbezogen andere Menschen verachten und sie willkürlich zu Feinden erklären. Feinde, die diese Leute mit allen Mitteln bekämpfen müssten. Sobald solche Bewegungen, wie der Islamische Staat, von angeblich oder tatsächlich Unterdrückten gegründet und vorangetrieben werden, stehen, so Strenger, die Linken da wie Kühe wenn’s donnert. Wegen der Verbrechen der westlichen Welt werden im Namen der politischen Korrektheit selbst extreme Formen aggressiver Menschenverachtung abgewiegelt oder gar gerechtfertigt.

Bevor ich versuche zum Problem universalistischer Kritik eine vorläufige Position zu entwickeln, möchte ich klären, warum mich diese Sache überhaupt interessiert. Strenger erhebt Vorwürfe gegen die Linke, als Links-Liberaler. Er spricht über schwächelnde Kritik, Einseitigkeiten und sich einschleichende Akzeptanz von Gewalt, Hass und Willkür in einer politischen Kultur oder in politischen Kreisen, die sich in der Regel gegen Gewalt, Hass und Willkür im Kapitalismus, Sexismus oder Rassismus aussprechen.

Strenger geht es außerdem nicht nur um blinde Flecken in der linken Ideologie (oder Theorie oder Haltung), sondern um das Problem einer erstarkenden Rechten in Europa, deren Parteien in vielen Ländern inzwischen eine gefestigte Mehrheit vertreten (Schweiz, Niederlande, Österreich) oder die demokratischen Mehrheiten ernsthaft gefährden (Frankreich, mit einigen Abstrichen auch Großbritannien, Polen und Dänemark). Befindet sich die Linke also auf dem besten Weg des Versagens, der schon einmal, 1933, zur Katastrophe geführt hat?

Nicht so hastig, lieber Freund, ließe sich nun sagen, einmal Luft holen und den Denkweg überprüfen bitte. Gleich mehrere Einwände fallen sofort auf. Der schwächste zuerst:

1. Die Linke, besonders die radikale, systemkritische Linke, ist seit Jahr und Tag eine unterdrückte, politische Minderheit, die für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie ein mögliches Erstarken der Rechten aller Färbungen nicht verantwortlich gemacht werden kann. — Das riecht nach Ausrede und ist wohl auch eine. Selbst eine verfolgte politische Minderheit sollte sich immer wieder fragen, was sie anders machen könnte und wo die eigenen Verantwortlichkeiten liegen; zumal die Schlagworte ‚underdrückt‘ und ‚verfolgt‘ hier doch nicht ganz angebracht sind.

2. Kann es nicht sein, das nun auch Strengers Position allzu sehr von gewitterten Gefahren, Verteidigungshaltung, gar Ängsten geprägt ist? Müssen wir den Westen tatsächlich verteidigen, sind die Rechten und die Terrorist_innen tatsächlich auf dem Vormarsch? Ich denke, dass sie zwar einfach lauter (und nerviger) sind als die übrigen, dass sie auch oft unangemessene Aufmerksamkeit erhalten, obwohl ihnen doch die Kraft und die Stabilität fehlt, die Gesellschaft tatsächlich umzukrempeln (oder ihr Innerstes, ihren Kern nach außen zu kehren). Doch die berechtigte Frage, ob im anglo-europäischen Raum tatsächlich die liberalen, nicht-faschistischen oder nicht-dogmatischen Geister die Mehrheit halten, lässt sich kaum beantworten und neben eindeutigen statischen Daten über die Verbreitung mehr oder minder geschlossen-rechter Weltbilder sowie ernüchternde Wahlerfolge der sogenannten Populist_innen spricht vor allem die auffällige Tatsache der linken Doppelbewertung menschlichen Verhaltens (je nach sozialem Kontext) für einen selbstkritischen Blick. Was meine ich damit?

Menschliches Verhalten ist zunächst ein etwas menschelndes Wort, hier sollen damit psychologisch und sozial bedeutsame Verhaltensweisen erfasst werden, also von stützender Hilfe durch Begleitung, Beratung oder Spenden über beschreibende und erklärende Sprachhandlungen beziehungsweise beobachtendes Randstehen oder kritisch, aber persönlich anerkennde Äußerungen bis hin zu verbaler oder handgreiflicher Aggression. Sprech- und Handhandlungen fließen hier zusammen, was zwar unsauber, aber für meinen Zweck praktikabler zu sein scheint. Solche Handlungen werden von Linken, einschließlich mir selbst, fast immer kontextabhängig beurteilt, also doppelt im Sinne von mal-so-mal-so. Ein Nazi, der einem anderen Nazi mit Geld, Gutachten, Räumlichkeiten oder was auch immer hilft, steht ebenso treffsicher auf der falschen Seite, wie der kämpferische, autonome Antifa, der diesem Nazi ein paar in die Fresse haut, auf der richtigen. Augenscheinlich gibt es dabei gar kein Problem, denn die genannten Verhaltensweisen sind äußerst abstrakt gefasst und taugen an sich nicht zu einer (moralischen) Beurteilung. Der politisch-soziale Kontext, der letzte Zweck entscheidet, nicht ihre abstrakte Beschreibung.

So läge es nahe zu verlangen, nur noch über, sagen wir, Inhalte zu verhandeln und vielleicht käme sogar Unterstützung von einer sehr generösen Variante der Strengerschen Theorie: die Sachfragen stehen zur Debatte, nicht Motive handelnder Personen oder abstrakte Handlungskategorien. Jedoch hat die Sache einen schmerzhaften Haken. Allzu leicht gehen wir (in “ „) von der Beurteilung (ex post) von Handlungen zu ihrer Rechtfertigung (ex ante) über. Dann spielen konkrete Vorkommnisse und soziale Lage plötzlich keine Rolle mehr. Nazis zu verprügeln ist immer gerechtfertigt. Andere Meinungen abzuwerten und zu entwürdigen gilt als kritischer Geist. Es geht hierbei  nicht um die Trivialität, dass Leute nicht automatisch sympathisch, interessant und schlau daher kommen, weil sie als Marxist_innen, Feminist_innen oder Kritiker_innen der Whiteness auftreten. (Ein paar Blicke in linke Sphären, gar Monaden des Internets genügen.) Vielmehr stellt sich die Frage, ob die politische Linke nicht gerade weil die Welt aus ihrer Sicht falsch eingerichtet ist gar keinen Boden unter den Füßen hat, um Regeln, Prinzipien oder Maximen für ihr Handeln zu entwickeln, die in dieser Welt Geltung beanspruchen können. So weit könnten wir Strenger also Recht geben, wir haben gar nichts zu verteidigen und jene allgemeinen Rechtfertigungen von Handlungen (eben ex ante) verpuffen regelmäßig bei einer geaueren Prüfung.

Wohlgemerkt, einige grundsätzliche Probleme der Linken bleiben hier ausgeklammert: das Brodeln der Szene im eigenen Saft mit allen unschönen Folgen wie Frustration und aus dieser sich entwickelnden, nach innen gerichteten Aggressionen (interne Machtkämpfe, Spaltungsmanie); uneingestandene geistige Nähe zum Liberalismus, schließlich geht es immer wieder nur um die Erweiterung der Möglichkeiten für Individuen und schließlich eine unaufgearbeitete Vergangenheit, mir insbesondere bekannt aus Deutschland und Europa, wie Autoritarismus, Ohnmachtsgefühle, dogmatische Verschlossenheit gegen Einwände und andere Perspektiven sowie die Projektion der eigenen Schwächen auf andere Gruppen.

Vielmehr würde ich gerne weiter gehen und nach einer linken Position für das Problem des Universalismus in der falschen – oder postmodernen – Welt fragen. Vielleicht, so meine Hypothese, leidet die Linke tatsächlich unter einem Mangel an Willen, zu Sachfragen, gegebenen Tatsachen Position zu beziehen, sich dabei gelegenlich schmutzig zu machen und dabei in einer mehrheitlich nicht linken sozialen Welt an das Bohren dicker Bretter zu wagen. Auch ich halte am Prinzipiellen (nicht gemeint sind zu bloßen Schlagworten verdampfte Inhalte, ein Problem für sich) zu oft fest, obwohl jede Grundlage dafür in meiner eigenen Beurteilung der Lage fehlt und verpasse es auf diee Weise allzu oft, meine Meinung in einem gegebenen sozialen Kontext kund zu tun. Dadurch gibt sie einer polternden Rechten ohne Not starken Einfluss, verharrt im Reaktiven und setzt dabei grundlegende Errungenschaften (real existierende Freiheiten und Mitwirkungsmechanismen) aufs Spiel. So etwas schreibt sich am Schreibtisch natürlich gemütlich und entspannt, daher schwebt gleichzeitig die Frage im Raum, wohin dann mit all der Wut über die falsche Welt?

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Ein Gedanke zu „Über linke Möglichkeiten II: (linke) Identität

  1. Poltische Fragen und Probleme sollten durch Argumente entschieden werden, so weit das irgendwie möglich ist. Dadurch bleiben Entscheidungen nachvollziehbar, vergleichbar und kritisierbar, was in einer Demokratie und für deren öffentlichem Diskurs unentbehrlich ist (wenn man das nicht will, sollte man eine andere Regierungsform wählen).

    Mir liegen politische Lagerbekenntnisse fern, damit gewinnt man vielleicht Gefolgschaft oder Zustimmung, ansonsten genügt es, dass man seine Annahmen offenlegt und politische Probleme diskutiert, einordnen kann im Nachhinein immer noch.

    Ich habe den dritten Text noch nicht gelesen, aber wenn ich das was hier geschrieben wurde, Strenger hinzunehme und darüber nachdenke, komme ich zu folgendem: Wenn ich von einem idealen Zustand einer Welt oder einer Gesellschaft ausgehe, der erreicht werden sollte und den derzeitigen Zustand für verkommen (oder die Hölle) hallte, dann muss ich unweigerlich gesinnungsethisch argumentieren; dann zählt nur mehr, wer was wofür tut und in welche Richtung das geht, aber nicht mehr, ob das Mittel selbst überhaupt legitim ist, die Verantwortung dafür bleibt aussen vor, sie wird einerseits von der Legitimation des Ziels überdeckt, andererseits auch davon, dass jetzt ohnehin schon die Hölle verwirklicht ist, die kaum noch verschlimmert werden kann. — Hinzu kommt noch, dass umfassende Gesellschaftsentwürfe sozialtechnologisch umgesetzt werden müssen oder durch Revolutionen, beides bringt, wenn wir die Geschichte betrachten, eine Menge Leid mit sich, nämlich das derjenigen, die etwas anderes wollen (dieses Leid kann natürlich wie vorhin dargestellt, gerechtfertigt werden [Ziel und Hölle]). — Ich möchte Popper nicht immer folgen, aber er hat gesellschaftliche Veränderung immer als Evolution in kleinen Schritten verstanden; man mag sich dabei schmutzig und mitschuldig machen, dafür lassen sich kleine Änderungen viel besser auf ihre Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit überprüfen, man kann sich besser darauf einstellen und die Umsetzung ist in einer komplexen Welt einfacher.

    Die Verirrungen und Verwirrungen der politischen Korrektheit kommen dann noch hinzu (ein völliges Missverstehen der Aufgaben von Politik, paternalistisches „Denken“ und eine Verkümmerung basaler intellektueller Ansprüche); Strenger hat recht, auch für Europa: Der Linken, vor allem den Grünen (zugegeben, die werden nicht von allen als links eingestuft), fällt es äusserst schwer in bestimmten Fragen klare (oder überhaupt) Positionen zu formulieren, man scheint sich selbst im Weg zu stehen (ich wollte, wenn ich könnte); die Rechte bedankt sich und besetzt die leeren Felder, ja (und wenn sie es schafft, sich vor einer Wahl staatsmännisch und moderat zu geben, stellen sich ansehnliche Erfolge ein). — Interessant ist auch, wie christlich-religiös verbrämt und wie kollektivistisch (national), also irrational und damit antiaufklärerisch die Schuldbewältigungen bisweilen sind; etwas, das in einem auch nur halbwegs säkularen Staatswesen und ebensolchem Politikverständnis eigentlich nichts verloren hat (natürlich soll man sich mit seiner Geschichte befassen, sie kritisieren und daraus lernen, allerdings ist das nicht dasselbe wie die persönliche Vergangenheit der heute lebenden und nicht dasselbe wie ein Schuldbekenntnis, wie wohl der verantwortungsbewusste Umgang damit für die Gegenwart eine wichtige Rolle spielt, ja unentbehrlich für das verantwortungsbewusste Handeln politischer Akteure ist, für Rechtfertigungen, Legitimationen und Glaubwürdigkeit).

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