Kategorie: Beobachtungen

Inflationierende Ismen

Manchmal hilft ein Blick in den Duden um Gedanken zu klären. Inflation ist natürlich einfach die (Geld)Entwertung. Mich beschlich beim Lesen von Artikeln, Blogposts und Facebookeinträgen in letzter Zeit das Gefühl, dass die Art der Verwendung von Worten wie Sexismus, Rassismus, Ableismus usw. eben diese Worte verwässert und nahezu bedeutungslos macht.

Allerdings geht es nicht so sehr um die Quantität ihrer Verwendung, zumal der letzte Grund, dass das Wort Sexismus in der sogenannten breiten Öffentlichkeit zu hören war, Rainer Brüderle gewesen sein muss. Mit dem Begriff Rassismus verhält es sich schon etwas anders. In jedem Fall besteht das Problem angesichts der tiefen Verwurzelung von Sexismus und Rassismus in den menschlichen Verhältnissen nicht in einer vermeintlichen Häufung ihrer Verwendung.

Noch ein zweiter Fallstrick liegt vor mir: wie leicht neige ich zu Formulierungen wie: ’schon bei‘, ’schon wenn‘ dies oder das vorliegt oder vorgefallen ist, sagen manche Leute … — nein, es kann nicht darum gehen, dass ein Ausdruck des Hasses zu geringfügig aussieht, um den Vorwurf des Sexismus und Rassismus zu erheben. Vielmehr geht es um das Problem, ob Haltungen wie Sexismus und Rassismus überhaupt einen Vorwurf ermöglichen. Als seien sie eine Asympathie wie, ich kann dich nicht leiden, weil du eine nicht-weiße Haut hast oder weil du kein (richtiger) Mann bist. Die sich folgerichtig mit Sensibilisierung, Schulung und vielleicht ein wenig Abwehrkampf beseitigen lässt.

Das gibt es auch. Zur Aufklärung ist hier jedoch eine Unterscheidung angebracht. Rassismus und Sexismus sind etwas ganz anderes als rassistische oder sexistische Diskriminierung. Letztere finden beim racial profiling der Polizei statt, oder wenn eine Frau einen Job nicht bekommt, weil sie ja theoretisch schwanger werden könnte. Leute, die so etwas machen oder verteidigen, haben sicher nicht genug nachgedacht und nachgefühlt, mögen für ihr Verhalten und diskriminierende Regeln in Institutionen pragmatische Gründe geben und ihr Verhalten sollte genau wegen dieser Gedankenlosigkeit und Kurzsichtigkeit abgelehnt und (in futuristischer Perspektive) durch progressive Verhaltensmuster ersetzt werden. Gerade hier kann auch verbal aggressive Gegenwehr mal nicht schaden.

Anders verhält es sich mit Sexismus, Rassismus oder auch dem Antisemitismus. Allein das Suffix -ismus suggeriert, dass es sich bei den genannten Haltungen um halbwegs rationale Weltanschauungen handelt, wie z.B. Liberalismus oder Kommunismus. Dass sie ihres ideologischen Scheins mit Hilfe von Argumenten und einem Gegen-Ismus überführt werden können. Diese Rechnung geht aber so wenig auf wie jede Antidiskriminierungsstrategie, wenn es sich um Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus handelt. (Das Wort Homophobie hat den Vorteil, bereits semantisch auf den Umstand einer Phobie hinzuweisen, die im geringeren Maße rationalisierbar und politisch-moralisch bekämpfbar im Sinne des Stärkens einer politischen Gegenposition ist.) Die Ismen beruhen nicht auf der Tatsache, dass Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung anders und vor allem schlechter behandelt werden, als der berühmte weiße, gesunde und heterosexuelle Mann ohne religiöse Zeichen in Kleidung, Frisur etc. Diese Ismen haben eine je eigene Genese, blühen aber gut ohne Anwesenheit ihrer Opfer und mit ihnen kippt jede Schlechter-Behandlung (gegen die sich die Opfer zumindest graduell bewusst wehren können) in affektuelle Verachtung, Entmenschlichung der Opfer, ja möglicherweise in den Versuch, die Opfer zu vernichten. Frauen, Schwarze (Nicht-Weiße), Juden, Transsexuelle, Queere oder Homosexuelle und wahrscheinlich auch Kinder gelten nicht als (volle) Menschen. Sie mögen Objekte wissenschaftlicher Neugier, der Schaulust oder ausgewöhnlicher sexueller Erfahrungen sein, sie selbst zählen jedoch nicht. Schließlich repräsentieren sie für den Istiker etwas, was ihm verboten wurde oder als Teil des Selbst, ja der eigenen Seele verborgen bleiben muss, einen Teil des eigenen Begehrens, zum Beispiel das emotional aufgeladene Puppenspiel des kleinen Jungens (auch: eine Puppe zum Weinen bringen) oder die Weigerung der Juden, sich für die Gemeinschaft zu opfern. Ganz unabhängig davon, was Mädchen wirklich interessiert oder wie sich Juden tatsächlich zu einer Gemeinschaft verhalten, werden ihnen Attribute zugeschrieben, die dem Zuschreibenden lustvoll erscheinen, ihm aber expliziet verboten oder aber (und dies in der Moderne öfter) unheimlich nahe liegen. Besonders gerne wird all das eigene Böse in Frauen, Schwarze, Juden etc. gelegt und es soll mit ihnen vernichtet werden. Das steigert die Gefählichkeit jener Ismen gegenüber der Diskriminierung enorm.

Ich denke, diese Umstände erlauben drei (hypothetische) Schlussfolgerungen:

  1. Opfer von Sexismus oder Rassismus sind nicht unsichtbar. Vielmehr wird ständig über sie gesprochen, wenn auch nicht mit ihnen. Aber die Forderung, sie aus der Unsichtbarkeit ans Licht zu holen, genügt nicht; kein Zitat, keine Erwähnung in einer Literaturliste oder auf die Bühne Zerren gleicht die Folgen dieser Ismen aus.
  2. Sie (die Ismen) haben starke und erstaunliche Folgen für das Selbstbild der Opfer. Ihr Körper, ihr Gesicht, ihre Empfindungen und ihre Gedanken werden genauso affiziert wie die der Sexisten oder Rassisten es von vornherein gewesen sind. Tatsächlich bedeutet weiß zu sein in dieser Welt rassistisch zu sein, aber gerade nicht, weil alle Weißen die Nicht-Weißen schlecht behandeln würden, sondern weil die Grenzen des menschlich Vertrauten noch zwischen den Menschen gezogen wird,¹ weil die Menschen, weiß oder nicht, sich ohne diese Trennlinien ihrer Selbst und ihrer Menschlichkeit (was bedeutet das eigentlich, wo stehe ich?) sicher sein können.
  3. Genau das sagt sich hübsch und klingt nach Anklage. Eine Klage wie: alle anderen … Jedoch genau hier liegt die Crux. Wer kann sich wirklich von diesen Umständen frei sprechen und ebenso frei über andere urteilen? Einerseits bin ich überzeugt, dass sich die große Mehrheit der Leute Mühe gibt, Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus aus ihrem Denken und Fühlen zu verbannen. Auch zum Beispiel Herfried Münkler (sind seine Worte für die Aufregung um Münkler-Watch wirklich interessant genug?), dessen hilflose Ausflüchte, sich nicht mit Frantz Fanon zu beschäftigen, nicht mit noch so viel Theorieaufguss widerlegt werden können. Theoretische Debatten auf der Basis von Rassismus- oder Sexismus-Vorwürfen machen in meinen Augen keinen Sinn. Mit vielen Leuten können solche Ismen nicht diskutiert werden, aber wer über sie debattieren möchte, kann sich trotzdem nicht hinter wolkigen und undurchdachten Phrasen verstecken (Auschluss, Ausgrenzung, Anderssein). Denn andererseits, egal auf welcher Seite der Welten sich ein Subjekt wähnt, es sollte sich stets selbst kritisch in die Diskussion der Option der Verachtung und Entwertung einbeziehen, und über Rassismus oder Sexismus lässt sich theoretisieren, nicht mit ihnen. Selbst ohne den viel geschundenen Satz, ‚wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein‘ zu bemühen, gilt, persönliche Vorwürfe (‚du hast mich schlecht behandelt weil …‘) sind das eine und sollten eigentlich zu einem Moment der Ruhe und zu ernsthaftem Nachdenken führen, Rassismus oder Sexismus sind strukturell in dem Sinne, dass sie zur Zeit das (mit) definieren, was wir alle als menschliches Leben betrachten und gehören von dieser Warte aus untersucht, ohne die eigenen Werte, Gedanken, Empfindungen und Affekte auszuklammern.

Es taugt in dieser Perspektive wenig, Begriffe wie Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus als Distinktionsmittel einzusetzen und sich über andere, angeblich weniger schlaue und reflektierte Leute zu erheben. Der Wert dieser Begriffe sollte wieder gehoben werden: es geht um Entmenschlichung und Vernichtung, um das Grauen und vielleicht die tatsächliche Barbarei. Wer das im Hinterkopf behalten kann – sozusagen den Tod vor Augen – kann vielleicht auch (zumindest für sich selbst) den Wert des menschlichen Lebens ein wenig anheben.

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¹ Na wenn das mal hinhaut.

Andere Eltern, Blitzlicht

Neulich am Strand — es gibt sie, die netten, sympathischen, angenehmen Eltern anderer Kinder. Wir trafen sie sehr kurz, am Strand, ein Pärchen mit einem Kind im Alter etwa unseres Kindes. Sie haben ihr Kind offensichtlich sehr geliebt, ließen es kommen und gehen und strahlten Ruhe aus.

Sie hatten so ziemlich alles vergessen, was ein Kleinkind am Strand brauchen könnte: Eimer, Schaufel, Gummistiefel, Buddelhose. Sehr angenehm unperfektionistisch und dadurch sehr ungewöhnlich.

Das alles sagt nichts darüber aus, ob es bei denen auch mal mit Streit, Weinen und Genervtheiten hoch her gehen mag. Wie schön anregend können aber gerade solche kurzen Begegnungen sein.

Brutalität und Angst auf dem Spielplatz

Die Szene geht mir nicht aus dem Kopf. Vor ein, zwei Wochen steuerte ich mit meinem Kind einen Spielplatz an, um ein wenig zu schaukeln. Ebenfalls auf dem Weg dorthin war ein Kind, das etwas älter war, als meines. Es konnte zumindest laufen. Im Schlepptau ein Mann, vermutlich der Vater.

Auf diesem Spielplatz gibt es ein ganz normales Klettergerüst, modern, aus Holz und mit verschiedenen Brücken, die kleine Türme oder Häuschen verbinden. Die Stimmung zwischen den Beiden war von Beginn an schlecht. Der Vater maulte das Kind an, vielleicht weil es ihm zu langsam zum Spielplatz ging. (Seine Sprache konnte ich nicht verstehen.) Die entscheidende Szene spielt sich auf einer der Brücken des Klettergerüsts ab, die nur aus einem dicken Seil besteht, das mit einer Art Reling aus dünneren Seilen versehen ist. Das Kind stand auf der Plattform vor der Brücke und sollte diese nun überqueren. Wohlgemerkt: ein Kind, erst seit ein paar Monaten läuft und noch mit Schnuller unterwegs ist.

Wie nun einmal passieren kann, das Kind bekam Angst auf dieser Brücke, fing an zu weinen, hielt sich nur noch an den Seilen der Reling fest und wollte offensichtlich herunter genommen werden, vielleicht auf den Arm – jedenfalls Hilfe. Der Mann reagierte wütend, meckerte das Kind an. Es wurde angewiesen, weiter zu gehen. Nun entsponn sich eine furchtbare Situation. Das Kind weinte, wollte aber auch auf den Mann/Vater hören, setzte ab und an einen Fuß voran, ging nicht zurück auf die Plattform. Der Vater war wütend, schrie beinahe das Kind an, es sollte weiter gehen und aufhören zu weinen. Die ganze Zeit sah das Kind hilfesuchend auf den Mann hinunter, der bellend und gestikulierend genau unter ihm stand. Schließlich hörte das Kind sogar auf zu weinen und ließ nur noch Schluchzer hören, ab und an unterbrochen von dem Drang, doch los zu heulen. Das Gemecker des Vaters ging immer weiter, das Kind rückte nach und nach über die Brücke. Bevor das Ziel erreicht war, verließ ich die Szene.

Ich war völlig überfordert, wollte eigentlich eingreifen, aber eine Angst hielt mich zurück. Auch achtete ich natürlich auf meinen Sohn, der das Geschehen auch beobachtete und sicherlich alles genau, wenn auch genau so sicher auf seine Art, verstand. Abgesehen von meiner Wut und Traurigkeit versuchte ich zu verstehen, was da vor sich ging. Was hat der Mann wohl für eine Beziehung zum Kind, zu sich und warum handelt er so und welche Folgen hat das?

Natürlich kenne ich die Antworten darauf nicht wirklich, aber die enorme Lieblosigkeit des Vaters ließ mich immer weiter darüber nachdenken. Er war nicht eigentlich streng, er hat sich einfach nicht für die Lage seines Kindes interessiert. Dieses Kind, und ich nehme an – reine Spekulation – es ist sein Sohn, durfte nicht weinen, sollte sich selbst über diese Brücke helfen und überhaupt ohne eine helfende Hand zurecht kommen. Zwar unterdrücken und manipulieren auch helfende Hände (immer, auch meine eigenen), aber hier wurde ein Kind mit einer merkwürdigen Härte behandelt, die es vielleicht nicht manipuliert, aber dafür um so mehr einer namenlosen Ungerechtigkeit aussetzt. Denn wie alleine sich das Kind in diesem Moment gefühlt hat, kann wohl schwer ermessen werden, wie hilflos und wie gedemütigt. Schließlich musste es auch die Erfahrung machen, dass Zuschauer nicht zur Hilfe kommen.

Vielleicht hatte dieser Mann einfach einen schlechten Tag, das kommt vor. Die meisten Eltern werden gelegentlich überreizt, aggressiv oder einfach unempathisch auf ihr Kind reagieren. Was aber, wenn dieses Verhalten des Vaters, wenn auch möglicherweise gedämpft und rationalisierter, die (unbewusste) Regel ist? Wie sehen die kulturellen Folgen aus?

Ich nehme ganz spekulativ an, dass dieser Mann der Vater dieses Kindes und dieses sein Sohn ist. Er konnte auf diesen schnullernden, auf wackeligen Beinen gehenden und mit offenen Babyaugen guckenden nicht stolz sein. Der Kleine brauchte Hilfe, sowohl bei Entscheidungen, als auch bei Bewegungen, im Falle der eskalierenden Szene brauchte er sogar Hilfe zum Abbruch der Überquerung der Seilbrücke. Das geht gar nicht: weitermachen, aushalten, durchhalten. Vielleicht spielt hier auch eine Faulheit oder Müdigkeit des Vaters eine große Rolle, vielleicht war sie der Grund für die ganze Entgleisung. Jedoch kommt es auch darauf an, wie der Vater den Sohn sieht. Zunächst entdeckt der Vater mangelnden Willen, mangelnde Kraft und fehlendes Durchhaltevermögen. Du musst doch nur den Fuß hierhin setzen und … Mag das Ergebnis am Ende eine (scheinbare) Härte, das Gefühl der Pflicht zur Überlegenheit und zur Allmächtigkeit sein, die wir allüberall an Männern in den Straßen beobachten können. Eine überlaute Sicherheit in Gruppen (von Männern) wird gesucht und wiederholt gefunden werden.

Die andere Seite bildet eine wohl tief sitzende und unaussprechliche Angst, die schon beim Vater zu beobachten war. Die Angst, sich einzumischen, sich zu beteiligen und Anteil zu nehmen. Selbst diejenigen, die ihm am nächsten stehen und für die er Verantwortung übernommen hat, bleiben alleine. Die Idee, dass er ihnen als anderer auf die Pelle rückt und verletzende Verkennungen vornimmt, scheint abwegig. Vielmehr gilt für ihn, sich angesichts von Bedürfnis, Leid oder simplem Gefühle anderer heraus zu halten. Sollte doch eine Reaktion verlangt werden, wird die innere Leere mit Aggressionen geschützt.

Hier haben wir eine der Grundbausteine für Bösartigkeit, wohl auf der Basis mangelnder, wie oft abstrakt gesagt wird, Bildung und Erziehung. Oder mangelnder Humanität. Oder mangelnder Liebe und Mangel an Respekt und Bewunderung für das Leben. Dieser Ansatz mag veraltet sein und in der vernetzten, konformistischen Moderne stark unter Druck geraten sein. Ob wir einzelne ihn jedoch schon ignorieren können, wage ich zu bezweifeln.

Coolness (enthebt)

Coolness geht mir enorm auf die Nerven. Wenn ich etwas mehr Zeit hätte, würde ich einen Verein gegen die Coolness gründen.

Überall sehe ich nur noch Coolness, Coolness avanciert vom Bollo-Image zum Mainstream der Gebildeten und Anders-Seienden. Coolness bedeutet, dass die Leute (inklusive mir) nichts tun, was nicht in ihrer Peergroup Anerkennung finden würde. Umgekehrt findet in Gruppen von Freund_innen nichts Anerkennung, was nicht mindestens den Coolnessfaktor ’sehr hoch‘ aufweist.

Dieser Kreislauf generiert einen völlig inhaltsleeren Verhaltenscontainer, denn was als cool gilt und was nicht, ist von Freundeskreis zu Bekanntenkreis komplett austauschbar. Er bringt ein Selbstwertgefühl auf der Basis von nichts zustande. Gar nichts. Weil die einen iPhones cool finden, die anderen Vorabendserien, die nächsten Demos, die folgenden Tattoos, wieder die nächsten Weleda-Produkte und die letzten finden eine coole Schreibe cool. Es gilt: Nicht anecken, nicht darüber sprechen, Austausch vermeiden. Oft wiederholte Kurzwellen von Bestätigung und Gegenbestätigung rollen durch den Äther und treffen niemanden Bestimmtes.

Die wichtigste Grundregel der Coolness lautet,

lass nichts an dich herankommen, lass dir nichts nahe kommen.

Coolness ist einfach Style. Alles hat stylisch auszufallen, zu gefallen und in puncto Style perfektioniert zu werden. Das funktioniert nicht ohne eine große Portion Auskennerei. Die Leute müssen auf dem Laufenden sein. Was geht ab, was gehört sich, wer macht was, wer lässt etwas anderes und was kann ich darüber auf Facebook erfahren? Zu dieser allgemeinen Auskennerei gesellt sich schließlich die innigste Überzeugung, genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Alle anderen Überzeugungen und Syles gehören in die Schublade des Achselzuckens.

Ich benutze auch das Wort ‚cool‘. Ganz selbstverständlich und ohne viel nachzudenken. Während ich mich hier echauffiere haben andere bereits zig neue Möglichkeiten entdeckt, cool zu sein und zu wirken. Ich denke nicht, dass Coolness zu oberflächlich, unsolidarisch mit den Uncoolen, postmodern beliebig oder einfach neumodischer Krams wäre, der wieder vergeht. Coolness gehört vielmehr zum narzisstischen Perfektionismus ‚unserer‘ Tage und wird so schnell weder vergehen, noch verstanden werden.

Eigentlich wollte ich nur los werden, wie genervt ich davon bin.

Männerfantasien

Nein, leider geht es hier nicht um das großartige Buch von K. Theweleit. Ich frage mich zwar schon länger, warum er nicht auch ‚Mein Kampf‘ in seinen seinen nicht gerade kurzen Bänden auseinander genommmen hat. Aber das gehört woanders hin.

Vor ein paar Wochen hörte ich einen Vortrag. Es ging um Technologie, um Programmieren genauer gesagt. Irgendjemand hatte in einer Firma eine neue Technik entwickelt. So weit ich es begriffen habe, ging es um Datenverwaltung und -bearbeitung. Ich hörte dem Vortrag interessiert zu, der Vortragende machte eine gute Show und strahlte Kompetenz aus. Ich war und bin neu auf diesem Gebiet, daher versuchte ich einfach, so viel wie möglich zu verstehen.

Für das Folgende: Triggerwarnung!

Mitten in seinem Vortrag meinte dieser Herr nun, er müsse einen rape joke reißen. Es ging um Objekte und ob er mit seinem Programm diese Objekte manipuliert hatte. (Objekte sind in der Programmierwelt Repräsentanten eines bestimmten Datentyps, nämlich des Typs ‚Objekt‘, nicht einfach irgend welche Dinge.) Eine Sache, die sehr gut ohne einen Hinweis auf Vergewaltigungen auskäme. Er erzählte, dass sie die in Frage stehenden Objekte durchaus stark verändert hätten:

we raped the shit out of them.

Glücklicher Weise wurde ihm sofort der Hinweis gegeben, dass dies kein Ort für rape jokes sei. Wohlgemerkt, diesen Witz hatte er sogar auf seinen PowerPoint-Folien festgehalten. Für alle gut lesbar. Daraufhin versicherte er, dass dies der einzige Witz dieser Art in seinem Vortrag sei und man versicherte ihm, dass er sich keine Sorgen machen, aber bitte keinen Zweiten reißen solle.

Durch diese Situation wurde die bis dahin amüsierte Stimmung deutlich kühler und der Vortrag endete mit wesentlich weniger Lachern, als er begann. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Vortragende wirkte auf mich wie jemand, der Vergewaltigungen ablehnt und verabscheut, er schien loyal mit seiner Kollegin zusammen zu arbeiten und er sollte klug und gebildet genug sein, um auf Nachfrage Vergewaltigungen moralisch zu verurteilen. Dieser Witz gehörte einfach zu seinen Showeinlagen und er hätte niemals damit gerechnet, plötzlich auf Abelehnung statt Gelächter zu stoßen.

Für mich war mit diesem Witz jegliche Konzentration dahin, ich überlegte den Rest der Zeit des Vortrages, warum er wohl diesen Witz gemacht und sogar an die Wand projiziert hatte. Eine sowohl unterhaltsame wie interessante Situation war völlig zerstört worden und wich Empörung, Wut und Verstörung.

Warum hatte er nun diesen Witz gemacht? Natürlich sind der Witz und der ihn riss Teil der rape culture. Vergewaltigungen erscheinen als normal, möglicher Weise geächtet, aber doch eher als keinere Verfehlungen einer nur im Idealfall gewaltlos funktionierenden männlichen Sexualität, die sich nun mal nimmt, was sie braucht. Es stimmt auch, dass wohl kaum eine Frau* diesen Witz als Unterhaltungsmoment in ihren* Vortrag eingebaut hätte. Gegenrezepte, wie die Entdeckung einer gebenden und empfangenden männlichen Sexualität durch die Männer, sowie der Öffnung der Männer für die Freude an der eigenen Lust und dadurch der Achtung für die Lust und die Unlust der anderen und besonders der Frauen liegen nicht falsch. Dennoch kam ich in Gedanken nicht von der Situation des Vortrags los.

Der rape joke hatte nicht nur die ganze Atmosphäre kaputt gemacht, auch der Typ, der den Vortrag hielt, sank sofort Meilenweit in meiner Achtung. Er hatte dem Vortrag und der Situation jegliche menschliche Angenehmheit genommen. Auch das Thema war mit einem Mal völlig unwichtig geworden. Ich würde nicht salbungsvoll sagen, dieser Witz sei gegen die Menschlichkeit gerichtet gewesen. Er drückte durch seine Akzeptanz der ebenso latenten wie stabilen Vergewaltigungsdrohung gegenüber Frauen eine Verachtung aus, die das zusammen Arbeiten und gemeinsame Zeit Genießen zerstörte. So frappierend ich den beißenden Widerspruch zwischen dem Witz und dem (vermutlichen) ethischen Kodex seines Sprechers fand, noch mehr beeindruckte mich seine unausweichliche, destruktive Kraft.

Bis aber die Mehrheit der Männer es für nötig befindet, sich gegen die Zerstörungen der männlichen Kultur zu wehren, werden wohl leider noch viele, viele rape jokes gerissen werden.

Wissen oder Neugier?

Es könnte sein, dass Wissensdurst mit weltlicher Neugier gar nichts am Hut hat. Im Gegenteil. Unbedingt ganz viel und ganz genau Bescheid wissen zu wollen, korrespondiert immer mit einem Wissentabu. Wissentabus gibt es, wenn Menschen über etwas (oft durch bestimmtes Buch beschrieben) ganz genau Bescheid wissen wollen, dabei aber andere Bereiche möglichen Wissens nicht berühren dürfen.

Ich bin im Radio auf die Verbindung von Lernen und Beten gestoßen, die ein Theologe stark machen wollte. Dabei musste ich an die Verknüpfung von lernen und politisch kämpfen denken oder an die von lernen und sozialem Engagment. Nicht dass Gläubige einfach die anders Gläubigen ignorieren würden oder nicht kennen lernen wollten. Das muss für das Gemeinte gar nicht zutreffen. Freilich bilden diese Lern-Und-Tue-Was-Gruppen Gruppen, also Gemeinschaften, die andere ausschließen. Diese Gemeinschaften bieten Sicherheit, Eindeutigkeit und Vertrauen. Aber das ist nicht alles.

Die Bildung einer solchen Gemeinschaft funktioniert auch ganz ohne Sinn und Wissen. (Zum Beispiel im Skatclub oder in einer Therapiegruppe.) Ich musste an die elende Akribie mancher Gruppen denken, religiöse oder nicht, sich mit einer Sache ganz genau auszukennen. Ich habe gar nichts gegen Detailtreue, ganz im Gegenteil. Aber ich hatte die Idee, dass es einen Wissensdurst gibt, der nicht unter Ausschluss anderer Meinungen oder eben Pluralismusmangel leidet, sondern unter Wissenstabus. Das Tabuisierte muss dabei gar nicht im Widerspruch zum Wissen stehen, wie prokapitalistischer Liberalismus zum antikapitalistischen Marxismus. Diese Beiden kennen sich mitunter sehr gut. Das Tabuisierte muss vielmehr die Relevanz des Wissens einschränken und genau das muss auch hinreichend bekannt sein. Das Tabuisierte sagt, ’schau her, es gibt noch eine andere Welt, die neu für dich wäre‘.

Vielleicht ist Technikakribie ein gutes Beispiel. Denn religiöses Wissen setzt oft eine Verheiligung (zum Beispiel eines Buches oder einer Geschichte oder einer Person: Jesus, Mohammed) voraus, die ich nur für die Spitze des Eisbergs halte. Technikakribie bedeutet, dass Leute sich mit einer Technik ganz genau auskennen, mit jedem Detail und bis hin zu eigentlich nie gebrauchten Funktionen. So wird mit der Technik nicht gespielt, nicht herumprobiert und nicht erkundet, was möglich ist, sondern die Technik wird beherrscht. Das zieht natürlich einerseits sehr viel Energie und Zeit auf sich, so dass für anderes (zum Beispiel Naturfilme) nichts mehr übrig bleibt. Aber das ergibt noch kein Tabu. Dieses besteht darin, sich zu dieser Akribie so zu stellen, dass sie als Verteidigung gegen anderes Wissen dienen kann. Damit meine ich wiederum nicht, sich einfach als technikaffin zu identifizieren. Denn das geht im Zweifelsfall gut damit zusammen, sich beispielsweise mit Linguistik intensiv zu beschäftigen. Es liegt also nicht am Thema (hier Technik), sondern an der Akribie, die das Tabu ermöglicht.

Mit anderen Worten: Die Akribie muss etwas abwehren, was die Person selbst in Seele und Körper berühren könnte, wobei allenfalls dunkel bekannt sein dürfte, was bei der Berührung passiert. Entspannung oder Erregung, Begeisterung oder Hilflosigkeit, Freude oder Unwohlsein. Dagegen steht die Neugier dafür, sich vieles Mögliche einzuverleiben oder sich zumindest so lange mit etwas zu beschäftigen, bis das Interesse erlahmt. Ohne gesicherten Ausgang dieser Aktivität. Das wäre doch zumindest eine Alternative.

Männer und Feminismus

Anlässlich eines neuen Werbeplakats der Sportschau möchte ich ein paar Gedanken zu Feminismus von und für Männer formulieren. Auf dem Plakat, das in Knetcomicoptik erscheint, sind ein Mann und eine Frau zu sehen. Der Mann steht mit Glubschaugen vor der Frau, die oben nur einen BH trägt, dessen Körbchen wie Fußbälle aussehen. Auf diese glozt er ungeniert – darüber steht: „Männer sind so.“ (Vielleicht in etwas anderen Worten.)

Beim Anblick dieses Plakates stiegen sofort Wut, Ekel und Abneigung in mir auf. Ich will gar nicht ausschließen, dass ein Teil des Ekels auf verdrängter Lust beruht, die mir sowohl Fußball, als auch halbnackte Frauenkörper bereiten können. Der größere Teil des Ärgers bezieht sich jedoch auf das Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern, wie es auf diesem Plakat repräsentiert wird. Auf Nachfrage wurde mir auch klar, dass mein erster Gedanke keineswegs ‚die armen Frauen‘ war. Mir geht es um die Männer und die männliche Kultur. (Mit dem Ausdruck Kultur meine ich menschliche und zwischenmenschliche Praktiken, die teils bewusst, teils unbewusst ausgeübt werden, die aber zumindest die Schwelle von der zufälligen Erscheinung zur Einübung und zur Möglichkeit der symbolisch-sprachlichen Repräsentation überschritten haben.)

Einerseits kann eine Kultur, in der ein Teil der Menschen so offensichtlich weniger wert und leicht objektivierbar ist, selbst nur wenig wert sein. Diese Kultur der Entmenschlichung und Entwürdigung wird durch solche Plakate noch stärker zur Normalität, als sie ohnehin schon ist. Ein hoher Anteil der Männer und ein vielleicht nicht viel geringerer Anteil der Frauen, die dieses Plakat sehen, mögen denken, dass es ja in Ordnung ist, wenn die Männer Samstags um 18 Uhr nur noch das Eine im Kopf haben. Sind die Männer vom Fußball aufgeregt, haben sie eine recht weite Distanz zwischen sich und die Frauen gebracht, aus der heraus letztere ganz herrlich zu Sexobjekten gemacht werden können.

Dieses Plakat gehört also zum verbreiteten Gender-Backlash, der ohnehin eng mit dem Fußball als Domäne männliche geprägten Breiten- und Profisports verbunden ist. Andererseits, was bedeutet ein solches Plakat konkret für die Männer?

Natürlich interessiert sich nur ein Anteil aller Männer überhaupt für Fußball, ein Teil dieser Männer wiederum liebt Männer oder Frauen und Männer, ein Teil ist *Trans und ein weiterer Teil leidet unter Entwürdigungen und Degradierung, weil die Hautfarbe oder die Religion oder die körperliche Tüchtigkeit nicht zu seiner Umgebung und vor allem nicht zur dominanten Kultur passt. Will sagen, auch Männer sind äußerst verschieden. Aber wenn ich mich auf das Verhältnis von Männern zu Frauen konzentrieren will, helfen diese nur vordergründig inkludierend wirkenden Hinweise wenig.

Betrachte ich dieses Verhältnis vor dem Hintergrund der patriarchalen Alltagskultur stellen sich mir drei Fragen. (Nicht dass das alle möglichen wären, aber jetzt gerade kommen sie mir in den Sinn.) Mich interessieren dabei in erster Linie die Männer. Warum akzeptieren Männer die sexistische Kultur (a)? Leiden sie unterm Patriarchat (b)? Können Männer Feministen werden (c)?

Als Denkanstoß vergleiche auch Die Männer und das Patriarchat von Antje Schrupp.

a) Diese Frage klingt merkwürdig. Auf den ersten Blick akzeptieren die Männer diese Kultur nicht, sie stellen sie her und bewahren sie, weil sie auf die patriarchale Dividende nicht verzichten können. Diese Dividende besteht nicht unbedingt in besserem Essen, mehr Freizeitmöglichkeiten, mehr Befriedigung beim Sex, mehr Einkommen, besserer Gesundheitsversorgung usw. Diese Dividende besteht vor allem darin, dass, verkürzt gesagt, die Welt für die Männer viel einfacher gestaltet ist, als für die Frauen – eben männlich. Was die Männer wissen, gilt als Wissen; was die Männer sexy finden, gilt als sexy; was Männer als richtigem Sport definieren, gilt als Sport. (Ich denke an die Schilderungen von H.D. in ihrem Roman HERmione.) Zum Beispiel sieht der Karriereweg so aus, dass sich mann von Job zu Job hangelt, am besten gespickt mit Aus- und Weiterbildungen sowie jeweiligen Aufstiegschancen. Eine Schwangerschaft kommt darin nicht vor und gilt daher für jede Karriere als Belastung. Für Männer stellt sich die Frage nicht, was ist mit meinem Job, wenn ich ein Kind erwarte? Nun, das alles steht nicht (wie als gute Gründe) hinter der sexistischen Alltagskultur, sondern sie besteht genau in diesen Phänomenen. So könnte von ihrer ‚Akzeptanz‘ gar nicht gesprochen werden, weil die Männer immer vom Patriarchat profitieren. Es gibt in der Männerwelt jedoch einen Stachel, der nicht gezogen werden kann. Aus dieser Welt wird ihr Gegenüber, die weibliche Welt, konsequent herausgedrängt, herabgewürdigt und abgeblendet, aber dennoch präsent gehalten. Die Frauen werden sozusagen durch projektive Bilder ersetzt. Es mag schon kein (heterosexueller) Mann ohne ein Bild von der Frau zurecht kommen, die männliche Welt braucht auf jeden Fall den blassen Hintergrund weiblicher Beziehungs-, Haus- und Erziehungsarbeit. Kant zum Beispiel brauchte die Welt der weiblichen Romane, gegen die der Vernunft gestellt. Liegt in dieser Trennung und Verkennung nicht ein Verlust für die männliche Welt, unter dem auch die Männer leiden?

b) Ich würde nicht sagen, dass Männer unter dem Patriarchat leiden. Besonders heterosexuelle Männer mögen darunter leiden, dass ihre ernsteren Beziehungen zu Frauen immer wieder scheitern. Viele Männer mögen unter Schuld und Schuldgefühlen leiden, weil sie die patriarchale Dividende einstreichen, während die Frauen unterdrückt und benutzt bleiben. Schließlich leiden gerade profeministische Männer an der Unsicherheit, sich in der männlichen Welt richtig verhalten zu wollen, aber nicht zu wissen wie. Aber das Wort leiden trägt nach meinem Verständnis so gut wie immer die Konnotation der Passivität, des Ertragens. Das trifft besonders dann zu, wenn Feministinnen wie feministisch geschulte Männer von Geschlechterstrukturen sprechen, die die Individuen unterdrücken würden. Damit kommt ein Aspekt der patriarchalen Kultur voll zum Tragen. Passivität hat ja oft eine weibliche, Aktivität eine männliche Konnotation. Das bedeutet, die leidenen Männer werden zu Frauen oder erklären sich zu solchen und alle Beteiligten finden diesen Zustand unerträglich. Deshalb würde ich sagen, dass wenn die Männer schon unter dem Patriarchat leiden sollten, dann müssen sie dieses Leid auch selbst tragen und können es nicht zu den Frauen deligieren. Besser wäre es sogar, direkt von den Gefühlen zu sprechen, die das Patriarchat bei Männern auslösen kann: Unsicherheit, Schuldgefühle, Selbstwertverluste. Solche Gefühle können zwar nicht einfach aufgelöst und sollten nicht verdrängt werden, aber die Männer können sie in eine Spannung zu ihren Wünschen nach Nähe, Einfühlung (durch sie, nicht nur für sie) und Achtung der Anderen bringen.

c) Das bringt mich zu der Frage, ob Männer überhaupt Feministen werden können. Hier finde ich, haben mehrere Sichtweisen ihre Berechtigung, die sich aber teilweise widersprechen. Einerseits können sie es, indem sie sich mit der Welt der Frauen beschäftigen, also feministische Literatur lesen, den zornigen Feministinnen zuhören oder einfach ihren Freundinnen. Sie können sich mit der Problamtik auseinandersetzen, wie es wäre, wenn ich permanent abschätzende Blicke von unbekannten Personen erhalten würde. (Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen andere Menschen zu ihren Sexobjekten machen, sondern dass dies immer auf männliche Weise geschieht. Dadurch werden fast nur Frauen zu Sexobjekten und sie müssen sich dabei in ihrer Sexualität und ihrem Körperbild dem unterordnen, was den Mann erregt.) Dem Versuch, Männer so zu Feministen zu machen, stehen aber zwei verschiedene Einwände entgegen. Einerseits liegt in dieser Beschäftigung mit weiblichen Erfahrungen immer die Gefahr der Essentialisierung des Weiblichen. Gerade wenn allen Menschen, auch den Männern, die weibliche Welt (weibliche Sicht auf Arbeit, Beziehungen und Moral) nahe gebracht werden, erzeugt das eine Zementierung der Geschlechterverhältnisse, wie wir sie kennen. Das Problem, so diese Kritik weiter, liegt nicht in mangelnder Aufmerksamkeit für das Weibliche, sondern an der Unterscheidung von Mann und Frau (und im hinter ihr liegenden Tabu der Homosexualität). Anders gesagt, immer wenn wir glauben, die Frau verstanden zu haben, entfleucht sie uns wieder und gibt ein anderes Bild von sich – die arme Frau, die schwarze Frau, die lesbische Frau. Aus dieser Not sollten wir eine Tugend machen und uns auf das Spiel der steten Wandlung und Verschiebung der Bedeutung des Ausdrucks Frau einlassen. Wie Kathy Ferguson in „The Man Question“ würde ich jedoch davon ausgehen, dass hier noch kein echter Widerspruch lauert. Vor Essentialisierng sei gewarnt, andere zu verstehen heißt, sie immer an ihrer eigenen Neudeutung zu beteiligen. Ein echtes Problem taucht auf, wenn die Beschäftigung mit den Erfahrungen der Frauen im Patriarchat zum Umweg zu den eigenen Erfahrungen und Gefühlen der Männer gerät. Wenn ein Mann sagt, ‚ich fühle mich schlecht, wenn/weil du wütend bist‘, ist dieser Punkt erreicht. Die Wut und der Ärger der Feministinnen dient dann nur als Spiegel der männlichen Seele, macht Frauen erneut zu ihrem Instrument und verstärkt die Vermutung, dass weder jene Frauen ihren Ärger, noch die Männer ihre Gefühle selbst (er)tragen könnten. Dagegen einerseits und gegen die mögliche Selbstzufriedenheit der Beschäftigung mit den ganz eigenen Gefühlen andererseits hilft wohl nur ein Hin- und Herspringen zwischen der Betrachtung des männlichen Selbst und der weiblich-feministischen Welt. Das hilft besonders dann, wenn die Unterstellung einer egalitären Versöhnung zwischen den Geschlechtern zurück gewiesen werden soll. Das Patriarchat zerfällt gegenwärtig nicht und die Suche nach Wegen, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, bleibt noch ein Weile.

Autoritärer Charakter 2.0

Jetzt muss ich ausnahmsweise mal eine Empörung los werden. Was mich aufregt und nervt, zunehmend seit ich im Social Web unterwegs bin, sind belehrende und zurechtweisende Kommentare oder Diskussionsbeiträge. Ob in Kommentaren zu YouTube-Videos, in Facebook-Threads (immerhin schreiben dort die Facebook-Freund_innen der Facebook-Freund_innen), in Kommentaren zu Blogeinträgen oder gelegentlich auch via Twitter, immer wieder kommen Sätze wie: „Lies erst Mal Buch xy oder Artikel za, dann können wir weiter reden“ oder „Bilde Dich erst Mal ein bisschen, Du hast ja eh keine Ahnung“ oder „beschäftige Dich mal da-und-da-mit“.

Das Wort ‚Shitstorm‘ macht seit längerem die Runde und bezieht sich auf beleidigende und verächtliche Kommentare zu was auch immer eine Person im Internet sagt, also veröffentlicht. Unter dem Mantel der Anonymität kann immer ordentlich drauf los geballert werden. Die Meisten der Leser_innen werden die unterirdischsten Kommentare und Sätze, oft auch noch in schlechter und noch öfter in falscher Sprache geschrieben, kennen, die sich unter YouTube-Videos häufen oder auf <a href=“http://www.hatr.org/“>hatr.org</a&gt; gesammelt werden. Aber diese Art Kommentare meine ich gerade nicht, so schrecklich all der Hass und die verletzenden Worte oft sind.

Was ich meine, kommt gar nicht ausschließlich von den vermeintlich ungebildeten, vor Hass verblendeten Nazis und Männern, die im Internet mal endlich schreiben können, was sie schon so lange fühlen. Was ich meine, kommt von links, von rechts (häufiger), von allen möglichen Beteiligten. Mir fielen die eingangs zitierten Sätze vor allem deswegen auf, weil sie nicht direkt Hass und Gewaltphantasien transportieren, sondern einen gesitteten Anspruch erheben. Mit dem Gestus von ‚Du bist noch nicht reif für meine Einsichten‘ wird eine spezielle Überlegenheit suggeriert, die den (vermeintlichen) Gegner mundtod machen soll.

Eine seriöse Erklärung dieses Phänomens (das, wie gesagt, auch sehr oft in von Linksradikalen gefüllten Threads auftritt) sähe eventuell so aus, dass die Leute die Kürze der im Internet und erst Recht in Kommentarsspalten getätigten Äußerungen übersehen. Das heißt im Klartext, dass diese Leute die fürs Internet notwendige Medienkompetenz nicht besitzen, weil sie spontante Äußerungen auf dem Bildschirm mit geschriebenen Worten verwechseln und jene unnötig wie fälschlich auf die Goldwaage legen. Niemand kann nämlich alles erklären und korrekt referenzieren, was in in 140-250 Zeichen geschrieben wird.

Mir persönlich ist jedoch die Medienkompetenz dieser Leute herzlich egal, die sollen mich (und andere) einfach nur in Ruhe lassen. Mal etwas schnell und flapsig hinschreiben lassen. Mal etwas ausprobieren lassen. Bitte. Danke.

Last but not least denke ich, dass es nicht nur um Verwechslungen und Kompetenzmängel geht. Worin besteht der positive Effekt von Äußerungen wie, „ließ erst mal <i>das</i> Buch, dann reden wir weiter“? Vielleicht gewinnt eine Person durch Nennung von Titel und AutorIn Autorität. Das gilt aber nicht sicher, denn vielleicht kennt das (anonyme) Gegenüber dieses Buch gar nicht oder findet es schlecht. Vielleicht kennt sich das Gegenüber sogar sehr gut mit einem Thema aus und die die wertvollen Bildungshinweise gebende Person hat gar nichts gewonnen. Es geht wahrscheinlich ohnehin kaum ums Gegenüber, darum, bei ihr oder ihm Autorität zu erlangen. Es handelt sich um ein Manöver, das das Gegenüber, aber auch das eigene Ich, durch die Praxis des Hinweises auf ein Drittes von sich fern hält und auf diese Weise die Autorität dieses Dritten über einen selbst aufrecht erhält. Natürlich kann es sich dabei um etwas anderes, als das konkret genannte Buch handeln, wenn beispielsweise mit Norman Finkelsteins ‚Holocaust-Industrie‘ nur der Gedanke geschützt wird, etwas stimme mit dem Gedenken an den Holocaust nicht. Der wiederum nur einen selbst vor diesem Gedenken schützt, das (für diese Person) einfach nicht auszuhalten ist.

Auf diesem Weg komme ich dann doch zurück zu einer Erweiterung der seriösen Erklärung des Phänomens <i>Belehrung 2.0</i>. Viele der kurzen und spontenen Äußerungen im Internet sind Null und Nichtig. Aber nicht selten berührt eine solche Äußerung doch die eigene Persönlichkeit: Überzeugungen, Gedanken, Gefühle, Sinnhorizonte, deren Beziehungen untereinander usw. Das führt insofern sogar leicht zu einer kleinen Krise, als dass sich im Web 2.0 Menschen aus völlig unterschiedlichen Milieus, Gruppen und Klassen sehr leicht treffen können. Viele, mich eingeschlossen, sind auf solche Krisen nicht vorbereitet. Ich halte mich dann oft raus, wenn es mir zu gruselig wird. Andere reagieren aggressiver auf die Berührung der eigenen Person, und die autoritäre Variante der abwehrenden Reaktionen ist eben die Belehrung.

Die Zahl der vielen, vielen ultraschrägen und selbst aggressiven Typen im Internet erleichtert es nicht gerade, sich berühren zu lassen, zu wissen (oder gar zu sagen), hier bin ich verletztlich, aber ich versuche es trotzdem mal, mich auszutauschen. Touché. Aber dieses Belehren nervt doch auch erheblich.

Zu Selbstverwertung und Selbstvariierung

Das Stichwort Selbstverwertung geistert seit einigen Jahren durch die akademische und feuilletonistische Landschaft. Selbstverwertung geschieht, wenn sich Menschen zu sich selbst verhalten wie das Kapital, wenn sie Humankapital aus sich machen. Kapital, eigentlich zur eine bestimmte Menge Geld, zeichnet sich eben durch Verwertung aus, durch eine stete und potentiell endlose Vermehrung seiner selbst. Kapital braucht Optimierung, Steigerung, Wachstum. Kann sich das Kapital nicht verwerten, geht es praktisch pleite, zerbricht und scheitert. Kann es überhaupt sein, dass Menschen ganz ähnlich funktionieren?

Es nimmt kaum Wunder, dass dieses Selbstverhältnis von Menschen in die Kritik geraten ist. Denn es ergeben sich intuitiv logische Probleme. Der Mensch kann doch nicht vermessen werden, wie eine Ware, nicht in Zahlen ausgedrückt werden. Also lässt sich auch eine Steigerung oder Optimierung nie genau feststellen. Das gilt aber nur bedingt, denn einerseits sind auch Waren, wie Tiefkühlerbsen oder eine Tauchausrüstung, Gegenstände, die als solche nicht einfach messbar sind, aber eine quantifizierbare Geldbezeichnung erhalten können. Nämlich einen Preis. Andererseits lernen wir Benotungen und Skalenwerte für menschliche Eigenschaften schon sehr früh kennen. Wenn auch nicht der ganze Mensch, so lassen sich doch bestimmte Eigenschaften von Menschen durchaus vermessen und in Zahlen ausgedrückt vergleichen und bewerten.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Selbstverwertung von Menschen vielleicht ein schönes Wort abgibt, aber in der Realität bloße Anbiederung zur Ausbeutung bleibt. Humankapital hin, Selbstoptimierung her, die meisten Individuen bleiben bei einer Firma angestellt oder als (Schein)Selbständige ohne Sozialversicherungen auf Honorarbasis bei einer oder mehreren ‚Vertragsparter‘-Firmen beschäftigt. Diese Firmen erlösen die Verwertung ihres Kapitals nicht aus dem Nichts, sondern aus der Arbeitskraft der Arbeitenden. Diese werde, wie Marx richtig analysiert hat, gerecht bezahlt, liefern aber dennoch unbezahlte Arbeitskraft ab, die sich die Firmen, letztlich das Kapital, aneignen. Das stimmt zwar, es stimmt aber auch, dass viele Menschen bei vielen Gelegenheiten sich trotzdem selbst verwerten.

Denn bei der Selbstverwertung spielen auch andere Aspekte eine Rolle, die nicht mit Kapital in Form von Geld verwechselt werden sollten. Trotz ökonomischer Ausbeutung, also einer andauernden Wertaneignung der Arbeitskraft durch die, die die Arbeiter_innen beschäftigen und bezahlen, durch das Kapital also, verwerten wir unsere Fähigkeiten und unser Können selbst. Wobei das ‚Wir‘ natürlich eine Reihe Einschränkungen erfahren muss: dazu gehört an Mindestmaß an Bildung, an Erfahrungen im Lernen und an Ressourcen finanzieller, technischer und emotionaler Art. So gesehen haben manche Menschen gelernt, zu lernen. Sie haben sich diszipliniert, das heißt sich den bewertenden Blick anderer auf sich angeignet. Sie können sich überlegen, ob sie etwas gut können oder nicht, ob sie die Fähigkeiten haben, etwas zu tun oder zu verändern. Zum Beispiel einen Tisch zu bauen, einen Computer zu programmieren oder einem Hund das Apportieren beizubringen. Selbstverwertung bedeutet nicht nur, eine Tätigkeit zu erlernen, sondern die eigenen Fähigkeiten in deser Tätigkeit bewerten zu können und daraus Ziele für die Zukunft ableiten zu können. Sich selbst verwertende Menschen können sich überlegen, ob sie in Zukunft diesen Beruf, jenes Hobby oder sonstwie bezeichnete Tätigkeit ausüben können. Auf diese Weise kann ich mich in dem Sinne selbst optimieren und wachsen, dass ich mir in Zukunft weitere Möglichkeiten erschließe.

Die Ausdrücke ‚Möglichkeiten‘ und ‚Tätigkeiten‘ klingen vielleicht menschlich neutral, vielleicht vergleichbar mit Farben eines Gegenstandes, seines Gewichts oder seiner Verwendungsweise. Aber Möglichkeiten und Tätigkeiten bilden nicht zuletzt auch die Identität eines menschlichen Individuums mit. Meine Identität kann ich mir zwar nicht aussuchen, wie die Farbe meines Autos (so weit ich mir überhaupt eines leisten kann), aber ich kann sie beeinflussen. Ich kann also nicht nur lesen, schreiben, rechnen und auf Facobook Links teilen, ich bin auch ein lesender Mensch, ein sozialer Mensch, ein technisch begabter – oder eben nicht. Und ich kann mich in diesem Punkt verändern, anders als in der Länge meiner Arme oder in der Unfähigkeit, einen Elefanten zu tragen.

Die Steigerungs- und Optimierungslogik sich selbst verwertender Menschen lässt sich sehr gut am Körper erläutern. Sie haben sich selbstverständlich ihren Körper nicht ausgesucht, der Körper ist gegeben. Aber die Identität, das Selbstbild dieser Menschen, entsteht gerade nicht einfach dadurch, dass sie ihren Körper vorfinden und entdecken. Vielmehr können sie ihr Geschlecht wechseln, ihre Seefehler korriegieren lassen, das Verhältnis von Muskel- und Fettmasse verändern usw. Von kosmetischen Eingriffen ganz zu schweigen. Sie können sich optimieren, indem sie mehr Möglichkeiten zu leben und zu erscheinen für ihre Zukunft in Betracht ziehen und in ihren Praktiken anvisieren können, als ihnen gegeben sind.

Sicherlich fallen dadurch (vorläufig) auch immer andere Möglichkeiten weg, wenn jemand eine realisiert hat, womit Perfektionist_innen ihre Probleme haben, aber das ist eine andere Geschichte.

Nun kann man einiges dagegen haben und beispielsweise den anarchischen Austritt aus der Gesellschaft der Selbstverwertung fordern. Oder einen ironischen Umgang mit diesen Erwartungen oder einen melancholischen. Die Motive und die Argumente der Kritik am selbstverwertenden und selbstoptimierenden Menschen lasse ich hier aber außer Acht. Den schärfsten Kontrast der Selbstverwertung bildet doch ihre Grenze, ihre Endlichkeit. Schon vor Jahrzehnten wurde behauptet, dass die Grenzen des Wachstums in den natürlichen Ressourcen lägen, dass also technisch irgendwann nicht mehr genug Energie aus Kohle, Öl oder Uran zu gewinnen ist, um noch Wachstum zu gewährleisten. Aber diese technischen Grenzen lassen sich auch verschieben, nämlich durch einen anderen Umgang mit den Ressourcen und durch die Erschließung neuer Techniken. Den eigentliche Stachel im lebendigen Fleisch der Selbstverwertung bilden Krankheit, Alter und Tod. Es ist dieses Trio der Endlichkeit des Menschen, das seiner Selbtverwertung auch identitäre Grenzen setzt, das nämlich wirklich schmerzt und Lücken in die schier unendlichen Speicher der menschlichen Möglichkeiten reißt. Es geht dabei um mehr, als um die Unfähigkeit einen Elefanten freihand heben zu können, was wohl niemand ernsthaft ins Auge fassen würde. Es geht darum, dass der Selbstverwertungsmensch durch Krankheit, Alter und Tod gerade der Zugang zu realisierbaren Optionen verschlossen wird, weshalb ‚wir‘ diese Grenze oft und gerne aus unserem Bewusstsein verdrängen und den Umgang mit ihr einigen Expert_innen überlassen. Dazu gehören Bestattungsunternehmen, Pfleger_innen, Ärzt_innen, Psychotherapeut_innen und öfter als vielen von uns vielleicht lieb ist die Religionen und die Kirchen.

Nun möchte ich ein Gedankenexperiment machen. Ich stelle die Selbstverwertung als festen Teil meiner und unserer Identität fest, ich will außerdem die Relevanz ihrer Grenze, des Stachels menschlicher Endlichkeit, nicht leugnen und sogar behaupten, dass Aufklärung durch Betonung dieser Grenze(n) bitter nötig ist. Ich will weiterhin nicht leugnen, dass Selbstverwertung und ihre Grenzen erhebliche Bedeutung für unser Zusammenleben haben. Hier kommen Fragen der Moral, der gegenseitigen Instrumentalisierung, gegenseitgen Verletzung und der Schutzmechanismen: universelle moralische Prinzipien, Achtung vor kommunikationsfähigen Subjekten, Anerkennung oder sittlicher Gemeinschaftssinn ins Spiel. Aber auch diese Punkte möchte ich für einen Augenblick beiseite legen.

Wie sähe ein anderes Modell des Selbst aus, in dem die Selbstverwertung überhaupt keine Rolle spielt? Ich hatte viel Arbeit, um zu vermeiden, mit negativen Bestimmungen anzufangen (wie: ein Selbst, dass sich nicht misst, nicht optimiert, aber auch keine universelle Moral braucht etc). Postmoderne Subjekttheorien geben den meist ziemlich kargen Hinweis, dass wir uns ja nicht als Zentrum unser selbst betrachten müssten. Ich bin dann ein Knoten im Netz, ich bin Du und viele Dus. Aber was heißt das? Man könnte das ganz gut anhand des Romans erklären. Denn die oder der Autor_in des Romans drückt sich selbst keineswegs nur in einer der Figuren aus (was die leidige Suche nach den Sätzen, in denen die  Autorin selbst spricht nicht einfacher und nicht angeratener macht). Vielmehr drückt sich die Autorin in allen Figuren aus, den alten, den jungen / den weiblichen, den männlichen / den aufmerksamen, den verschlossenen / den dreisten, den gehemmten, den vorsichtigen, den pragmatischen oder den psychopathischen. Zumindest drückt die Autorin ein Verständnis all dieser Figuren aus, die Fähigkeit, viele Erscheinungen und Betrachtungsweisen des Menschlichen verstehen zu können. Aber ich bin damit doch wieder bei den vielen Möglichkeiten angelangt, die zumindest unsere Vorstellungskraft hervorbringen und bevölkern können, bei Gelegenheit auch gleichzeitig. Steigert der Roman nicht wieder nur unsere Möglichkeiten? Spiegelt er die moderne Selbstverwertung und ihre Grenzen nicht lediglich auf eine unterhaltsame und schöne Weise wider?

Das tut er sicherlich. Der Schlüssel zu meiner Idee liegt in der Einschränkung, dass die Autorin des Romans ihre Figuren nur zu verstehen braucht. Sie braucht sie nicht zu sein. Das heißt, sich menschliche Möglichkeiten anzueignen (übrigens auch und gerade als Leser_in), ohne eine Identität daraus zu machen. Da fällt sofort der Begriff der Maske, des Spiels mit Rollen, und es kommt eine Vorstellung vom (inneren) Theater auf. Das wäre alles an sich nichts Neues: Maske, Rolle und deren Verwandlung. Auch der Gedanke, dass Masken die innere Identität schützen, den oft gemeinen und entwürdigenden Blick der anderen ablenken, gehört bereits zur psychologisch informierten Anthropologie des letzten Jahrhunderts. Aber ich meine, dass menschliche Möglichkeiten nicht nur im Hinblick auf ihre Vermehrung oder Minderung betrachtet werden können, sondern im Verhältnis von Kohärenz und Flüssigkeit, von Ernst und Spiel. Wenn die Romanautorin menschliche Möglichkeiten versteht, dann werden diese auch ihre eigenen. Aber sie müssen es nicht bleiben, ohne sofort in die Peripherie ihrer Persönlichkeit abgedrängt zu werden, sondern als Vehikel der Veränderung ihrer selbst (und auch immer wieder: ihrer Leser_innen), wie eine Verschränkung von Persönlichkeiten gesehen werden, die das ‚Innere‘ durchaus antasten, aber nicht seine Solidität bedrohen. Es handelt sich dabei um Selbstvariierung.

Wohlfeil und leichthin kann der Tod der Autorin behauptet werden, der Tod der Romanautorin, der Autorin von Werken jeglicher Art oder auch des eigenen Lebens. Aber das lässt sich nur schwer plausiblisieren, wenn man bedenkt, dass der Name bleibt, die Solidität der Person, die etwas, vom Werk bis zum eigenen Leben, schafft, nicht eliminiert werden kann. Der Witz des Selbst 2.0 oder des postmodernen Selbst oder des Selbst der gegenseitigen Verschränkung besteht darin, dass das Verstehen anderer menschlicher Möglichkeiten niemals ihre vollständige Übernahme, Einverleibung oder Integration ins Selbst sein kann. Vielmehr verändert sich das Selbst, wenn es sich andere, für ihn neue Möglichkeiten aneignet. Es bewirkt bei sich selbst eine Verschiebung, Umdeutung und Erneuerung dessen, was es bereits ist, ohne die Person dabei aufzulösen. Es präsentiert sich auch nicht nur anders vor anderen Personen, während es beispielsweise eine Verhaltensweise mit ihnen teilt, die sie sonst nie praktiziert, jedoch vor wieder anderen Personen geheim hält. Vielmehr entsteht durch die verstehende Aneignung von Möglichkeiten eine neue Konstellation, die nicht zuletzt die bis dahin bestehenden Möglichkeiten (die aber wirkliche Elemente der Persönlichkeit sind) selbst verändert.

Um solche abstrakten Beschreibungen zu konkretisieren bieten sich mehrere Lebenssituationen oder Sphären des sozialen Lebens an. Da wäre die Beziehungsarbeit, in der sich Liebende gegenseitig zu verstehen suchen, in der Perspektivübernahme aber nicht der oder die andere werden, sondern sich selbst verändern. Jenseits der Kunst und speziell des schon erwähnten Romans bietet sich auch das Internet als Sphäre des sich verstehend wandelnden Selbst an. Denn hier, wiewohl freilich nicht im ganzen Internet oder im Internet überhaupt, entstehen Arbeits- und Lebensweisen, die mit Selbstverwertung nur noch wenig zu tun haben. Leute produzieren zwar nach wie vor Sachen und Werke, aber diese gehören nicht mehr ihnen, oder nach dem Verkauf jemand anderem. Sie tragen zwar einen Namen, aber sie können allseitig angeeignet werden, um von diesen verstehenden Akteuren zur Verschiebung und Erneuerung ihrer selbst genutzt zu werden. Dabei lösen diese sich nicht auf, sondern verweilen durchaus bei sich selbst, doch die Lektüre eines Kommentars, eines Artikels, der Genuss verschiedenster ‚privater‘ Youtube-Filmchen löst einen speziellen Aha-Effekt aus, der, grob gesagt, die eigene Sicht auf die Dinge in Fluss bringt. Zwar einen Fluss mit Ufern, aber doch einen Fluss. Im Internet findet Konsumtion statt, die immer auch Produktion ist, auch wenn das Produkt nicht sofort in Form eines Videos, Musikstücks oder Textes sichtbar wird.

Vielleicht geht es einfach um eine Generalisierung des Ästhetischen, da der Genuss von Kunstwerken immer schon produktiv war oder so gesehen wurde. Und weil in der Kunst die Optimierung der verstehenden Darstellung und Aneignung gegenüber immer eine untergeordnete Rolle spielte. Kunst ist eben nicht Können und schon lange kein Handwerk mehr. Dass die Kunst (vielleicht auch die Wissenschaft) dann aus ihrer Sphäre herausgezogen und entwürdigt würde, mag für viele ein Problem darstellen. Schwieriger stelle ich mir eine Erklärung des Begriffs ‚Generalisierung‘ vor. Durch Generalisierung verliert die Kunst sicherlich ihren Nimbus, ob er als Qualitätssiegel oder Abschreckung fungiert, dessen materieller Kern jedoch die Beständigkeit von Kunstwerken durch die Zeit hindurch ist. Jetzt (und gerade im Internet) werden aber aus der Sicht der ‚gehobenen‘ Kunst nur Zeugs und Schnipsel produziert, die keinen Bestand haben, schnell vergessen und gelöscht werden können. Kunst braucht Zeit und die gibt es im Internet, speziell im Social Web, nicht. Dieses Argument hat großes Gewicht. Jedoch hat die Selbstvariierung durch verstehende Aneignung keine festgelegte Zeitstruktur. Auch durch Selbstvariierung können Produkte entstehen, die nicht nur ihre, sondern viel Zeit brauchen und ein Beklagen der Schnelllebigkeit und der fehlenden Aufmerksamkeit für alles, was viel Zeit braucht, kann auch in der Selbstvariierung seinen Platz finden. Dennoch geht die Generalisierung des Ästhetischen nicht glatt von der Hand, weil so viele Schnipsel im Internet weder schön, noch überhaupt erwähnenswert sind, was stets und trotz aller Unübersichtlichkeit der Kunstwelt die Voraussetzungen für Kunstwerke waren. Vielleicht bleibt das Ästhetische daher eher eine frühe Form der Selbstvariierung und gibt nur Anreize, diese zu begreifen. (Außerdem hat die Ästhetik natürlich ihre Geschichte und es wäre noch zu klären, welche Ästhetik oder welche Phase der Ästhetik ich meine.)

Zum Schluss fällt mir noch ein weiteres Problem auf. Schon die Selbstverwertung stand unter bestimmten Bedingungen, wie der der ausreichenden Bildung, des emotional-bindungsmäßigen Umfeldes usw. Viel ärger scheint es in dieser Beziehung um die Selbstvariierung zu stehen. Brauchen diese Menschen nicht nicht nur Essen, Trinken, Gesundheit, Technik, Bildung und Liebe, sondern auch noch Zeit, Einkommen und Anerkennung als die positiven Effekte der Selbstverwertung? Ganz unabhängig von der wohl strittigen Frage, ob diese Drei überhaupt als Effekte der Selbstverwertung anzusehen sind, bin ich mir nur in einem sicher. Diese Drei werden auf jeden Fall zur Selbstvarriierung gebraucht, von den weiteren historischen, sozialen und kulturellen Grundlagen einmal ganz abgesehen. In welchem Verhältnis Selbstverwertung und Selbstvariierung zueinenader stehen und stehen können, weiß ich nicht. Ich weiß außerdem nicht, wie die Ressourcen der Selbstvariierung besser bezeichnet und beschrieben werden können. Wir werden sehen.