Kategorie: Politik

Zum Hass auf Fremde im aufgeklärten Mittelstand

Berichte über Menschen, die gegenwärtig versuchen in die EU und namentlich nach Deutschland zu flüchten, sowie über den rassistischen Alltag in Deutschland sind Legion. Viele befassen sich mit der sogenannten Flüchtlingskrise, die gründlicheren deuten sie zu einer politischen Krise um, die auf institutionellen Versäumnissen beruht. Bund, Länder und Kommunen haben sich einfach (teilweise bewusst) nicht auf die Flüchtlinge vorbereitet. In dieser Situation – viele Menschen drängen sich in Lagern, aufgelassenen Gebäuden und Notunterkünften – reagieren manche Deutsche panisch, aggressiv, rassistisch. Auch in der englischsprachigen Presse finden wir lesenswerte Berichte über Merkels Position in der Flüchtlingspolitik (wankend, sich ideologiefrei gebend, aber agierend), über Dresdens Probleme, sich ein weltoffenes Weltbild jenseits eines imaginierten Opferstatus‘ zu verschaffen oder wie Europas Staaten anstreben, die Flüchtlinge vor allem polizeilich-kontrollierend, geradezu panoptisch zu umhegen.

Trotz allem, was wir jetzt an Wissen ansammeln können über die Situation der Flüchtlinge, der Migrant_innen und über die Aktionen und Reaktionen der Deutschen auf die Tatsache, dass da Menschen die Grenze zur EU überschreiten, in die Städte kommen und vermutlich mittel- oder langfristig bleiben werden, eine Frage wird so gut wie nie gestellt. Warum sehen wir gerade ein starkes Anwachsen der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland? Komische Frage vielleicht, na wegen der vielen Flüchtlinge! Und weil in Deutschland Fremdenfeindlichkeit nun ‚mal zur Normalität gehört.

Es kann zwar die ganze Story sein, dass die Deutschen/Nazis durchdrehen, wenn sich auch nur ein paar Nicht-Weiße, die auch noch kaum Deutsch können, nahe des eigenen Vorgartens niederlassen. Das gilt aber nur für wirkliche Nazis, für ausgesprochene Rassist_innen, die den Flüchtenden und denen, die sich ihnen hilfreich zeigen wollen, Gewalt androhen oder zumindest Gewalt herbei wünschen oder sie einfach beleidigen. Für Leute, die ihren Hass kaum kaschieren und in ihrem Kampf gegen die Deutsche Sprache bei jeder Verlautbarung kläglich scheitern.

Anders die, die mehr auf den Geist zu fallen vermögen, die jovial und rational argumentierend ihre Ablehnung von „Flüchtlingsströmen“ kund tun. Sie weisen auf Realitäten hin, sprechen von begrenzten Ressourcen und mangelnder Machbarkeit sowie Motivation bei der autochthonen Bevölkerung, weisen dabei weit von sich, rechts oder Nazis zu sein und fühlen sich auch ohne jede Reaktion von anderen latent diffamiert. Warum nun müssen wir immer häufiger Kommentare aus dieser Ecke lesen oder hören? Driftet die Mitte der Gesellschaft nach rechts? Sprudeln nur alte und tief sitzende Ressentiments beim erst besten Anlass heraus?

Es mangelt nicht an ehrlicher und moralischer Empörung über diesen verbrämten Hass. Aber woher rührt er? Was rührt ‚uns‘ an, dass wir so auf flüchtende Fremde reagieren?

Vielleicht hat das Dissent Magazin eine der weiseren Entscheidungen im Blätterwald getroffen und einen Artikel von Seyla Benhabib repostet, der im Jahr 2002 veröffentlicht wurde: In Search of Europe’s Borders. Während die Analyse der Ursachen von Xenophobie im deutschsprachigen Raum bislang nicht über die Feststellung zunehmender Prekarisierung von Arbeits- und Anerkennungsverhältnissen auch in der Mitte Gesellschaft hinaus kommt öffnet Benhabib den Blick für weitere Zusammenhänge.

Die Debatte um Migration, Asyl und Flüchtlingshilfe dreht sich im erstaunlichen Maße um soziale Maßnamen. Es geht ums Geld: Was kosten Rettung der Flüchtenden aus dem Mittelmeer, ihre Erstaufnahme, Erstversorgung, Asylverfahren, Unterkunft und weitere Unterbringung? Welche soziale Rechte wachsen ihnen per Taschengeld, Gesundheitsversorgung und (notdürftigem) Obdach zu? (Hier findet sich eine große Schnittmenge mit den Wir-sind-nicht-das Weltsozialamt Parolen der Neo-Nationalsozialisten.) Dabei liegt im Hintergrund das Thema Staatsbürgerschaft. In modernen Staaten, so Benhabib, prägen nationale Identität, politische Rechte und soziale Teilhabe das Verständnis von Staatsbürgerschaft. In Europa, so dürfen wir hinzufügen, steht es um die kulturelle Identität in der Zeit offener Binnengrenzen, stark gestiegener räumlicher Mobilität und freier Wohnortwahl schlecht (das betrifft eine gemeinsame, europäische Identität sowie eine eindeutige nationalstaatlich gebundene Identität, wie Benhabib betont). Da mag der CSUler Markus Söder noch so sehr eine aus der Luft gegriffene „kulturelle Statik einer Gesellschaft“ apostrophieren. Die politischen Rechte sind hingegen aufs Wahlrecht beschränkt und von Elitenskeptizismus überlagert.

There is a general concern that contemporary citizenship is defined less by political responsibilities and participation than by the entitlement to social benefits and privileges. Against the background of falling electoral participation rates and the ossification of established party mechanisms, political citizenship appears obsolete.

Warum nun aber sehen es die deutschen Vorstadtverteidiger_innen nicht ein, dass dahergelaufene Kriegsflüchtlinge mirnichts, dirnichts deutsche oder europäische Staatsbürger werden angesichts ihrer (oft von den Einheimischen imaginierten) sozialen Teilhabe? Weil sie mit stark gestiegenem ökonomischen Druck und mangelnden Anerkennungsverhältnissen innerhalb unserer Gesellschaften leben müssen, so ließe sich auf die oben erwähnte Ursachenforschung zum Fremdenhass zurück kommen. Jedoch fehlt ein strikter Beweis, dass tatsächliche oder angedrohte Armut die Betroffenen (moralisch) verrohen und zu latent aggressiven Phobiker_innen werden lässt. (Die Schwierigkeiten mit einem allzu eindimensionalen Anerkennungsbegriff lasse ich ohnehin außen vor.) Vielmehr fehlt in den gängigen, meist allenfalls vorbewussten Begriffen von (Staats)Bürgerschaft ein politisches Verständnis derselben. So lässt sich in der Debatte um Migration und Asylrecht die Vernachlässigung der politischen und kulturellen Dimensionen zugunsten der monetär-sozialrechtlichen verstehen.

Hannah Arendt hat einmal die These vertreten, dass Menschen, die der politischen Teilhabe beraubt sind, sich auf soziale Ansprüche an den Staat kaprizieren. Stellt sich die Frage, ob genau dies das heutige Modell der Staatsbürgerlichkeit ausmacht. Kulturelle Identitäten lassen sich kaum noch verteidigen, weil sie nicht einmal klar und konkret definiert werden können. Moderne Nationalstaaten haben rein deskriptiv gesehen ohnehin eine multikulturelle Gesellschaft. Wie steht es aber mit der politischen Teilhabe? Benhabib konzentriert sich in dieser Frage auf das Wahlrecht und stellt fest, dass in Europa mindestens drei verschiedene politische Stände existieren: die einheimischen eines Nationalstaats mit vollen politischen Rechten, die Bürger anderer EU-Staaten mit stark verminderten Möglichkeiten der politischen Einflussnahme und Menschen ohne EU-Staatsbürgerschaft, die überhaupt keine politische Teilhabe wahrnehmen können. Das Wahlrecht (und hinzunehmen könnte man noch die innerparteiliche Demokratie) dimensioniert dieses Thema jedoch zu eng.

Zwar drücken viele Leute ihr Gefühl aus, dass ihr Kreuzchen in der Wahlkabine genau so wenig ändert, wie ihre Meinung vom journalistischen und politischen Establishment gehört wird. Aber auffällig selten wird dazu auch eine wirkliche Meinung präsentiert. Lieber wird über Diedaoben gesprochen und gelästert. Das, so meine Hypothese, liegt wiederum daran, dass die meisten Menschen dieses Schlages (männliche oder weibliche Angestellte der Mittelschicht, mit oder ohne Hochschulabschluss, in der Lage ganze Sätze zu formulieren und mit einem Mindestmaß an familiären Bindungen, was immer das sein mag) die Probleme durchaus kennen, die unter den Nägeln brennen, aber nicht wissen, wie sie das Richtige in die Tat umsetzen, ja leben sollen. Mag es dabei um den Wandel der Arbeitswelt gehen – Stresssteigerung ohne Lohnausgleich aber mit verstärkter (Lern)Disziplinierung und gleichzeitiger Sinnentleerung der Tätigkeiten selbst –, Fragen der richtigen Kindesaufzucht – wann in die Kita, wie sollen sich Väter beteiligen, was ist mit den Computern, was können die nicht-queeren von den Queerfamilien lernen, warum werden Alleinerziehende so allein gelassen –, um den Klimawandel, den Umgang mit der Natur und den Tieren – die Massentierhaltung – oder um die Verteilung der Zeit und Lebenszeit – auf Beziehungen, Medien, Job, Karriere, Kinder, Naturgenuss, Hobbys, geldlosem Wissens- und Erfahrungsaustausch und das Nichtstun; die meisten Menschen haben konkret gefragt nicht immer die schlechtesten Antworten. Viele haben genug vom Terminstress, ubiquitärem Lärm in den Städten, schlechter Luft, schlechter Stimmung, Staus, von Schule, Büro, Krankenhaus oder Fahrkabine. Nur ihren eigenen Stand in der Gesellschaft und in der gemeinschaftlichen Organisation und Bestimmung des Zusammenlebens können sie nicht orten und vermuten ihn daher irgendwo zwischen unten und draußen. Die Hypothese lautet daher, dass eine moralisch-ethische oder kognitive Desorientierung der Menschen weit überschätzt, die politische hingegen weit unterschätzt wird.

Die ältere Theorie hat behauptet, das Ressentiment, darunter der Fremdenhass, nähre sich von der Verschiebung der Unterdrückung und Kanalisierung der Bedürfnisse vom Vater auf anonyme Mächte. Genannt seien neben einer herrschsüchtig gewordenen Rationalität das Kapital, der Trust, die Bürokratie und die häufig fälschlich im Verdacht stehende soziale Disziplinierung. Heute schimmert allmählich durch, dass das Ressentiment mit der Unsicherheit darüber wächst, wie das Richtige (gemeinsam) gelebt werden kann. Das beginnt beim auch ökonomisch erfolgreichen Abschied vom System der Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts, geht weiter mit der Befreiung der (sexuellen) Bedürfnisse von Sünde, Strafe und Scham – wohin die Reise auch immer gehen mag – sowie der richtigen Behandlung der Migrant_innen dieser Welt (anzukommen braucht viel, viel Zeit) und endet bei der Umorientierung der Ökonomie hin zur geldlosen Wertschätzung von Wissen und Eindrücken, die erst in den Kinderschuhen steckt. Die Flüchtenden mögen an sich unvertraut sein, mit ihrer Herkunft aus Krieg und Armut eigene Ängste repräsentieren, vor allem aber kann ihnen unterstellt werden, dass sie alleine durch ihre Wanderungsbewegung, ihre Mobilität die Suche nach dem richtigen Leben repräsentieren, also genau das, was den weißen rationalisiert HassendenAsylkritiker_innen hier fehlt. Migrant_innen werden als das gehasst, was einem oder einer selbst verbaut und verborgen wird. Natürlich irrtümlich, denn sie suchen wohl in erster Linie Schutz, Ruhe, Erholung und vielleicht ein wenig monetäres Einkommen. Sie wissen es auch nicht besser.

Erst wenn die Staatsbürgerschaft, oder was immer ihr folgen mag, wieder belebt wird mit Auseinandersetzungen um das richtige Zusammenleben in Bezug auf die genannten Themen der Zeit, wenn sich die politische Teilhabe auf diese Auseinandersetzung erweitert und die Leute dadurch in die Lage versetzt werden, Erschöpfung und Überforderung in kreative Lebensformen zu überführen und mit den dabei naturgemäß enstehenden Streits zurecht zu kommen, kann das Ressentiment wieder geschwächt werden. Dann werden Ein- und Ausschlüsse in und aus Gemeinschaften weniger wichtig als ihre konkrete Formung und die Bestimmung ihrer lebensweltlichen Koordinaten. Es gibt Hoffnung, aber ohne Beteiligung wird sie sich weiter in Ängsten, Projektionen und pauschaler Ablehnung anderer wandeln wie Wein in Essig.

Zu den Voraussetzungen progressiver Gemeinschaften

Disclaimer: Dies ist kein Text gegen Anarchismus, gegen Marximus oder Open Source Software. Ich bestreite nicht die enorme Wirkung von Vorurteilen und aus ihnen folgender Diskriminierung auf die in Rede stehenden Communities. Vielmehr halte ich jene für den wichtigsten Grund ihrer schmerzlichen Homogenität. Mir geht es um die Frage, welche ethischen Voraussetzungen menschliche Zusammenschlüsse haben, die ein progressives, ja radikales Selbstverständnis haben, um ihre Aktivitäten durchführen zu können. Beispiele wären Lesekreise, politische Arbeitskreise, Newsgroups oder Kunstfreundinnen; mehr oder minder feste Gruppierungen, denen um die Sache selbst geht. Sie tragen oft ihre eigenen ethischen Vorausetzungen in einem Selbstbild der Verpflichtung zu dieser Sache ohne Ansehen der Person nach außen, denn alle Ablenkung von dieser Verpflichtung muss vermieden, gar bekämpft werden. Wie aber können diese Voraussetzungen besser verstanden werden, als radikal in der Sache eben durch den Schutz der Person? Dies ist also ein analytischer Text.

Seit einiger Zeit arbeite ich als Programmierer. Als solcher will und muss ich regelmäßig Tech-Blogs lesen, auf denen hauptsächlich über Programmiersprachen, -techniken und vor allem einzelne Features von Programmierwerkzeugen (wie einem Texteditor) oder sogenannten Frameworks geschrieben und diskutiert wird. (Frameworks bestehen selbst aus Code und bilden die Basis der eigenen Software in Form einer Sammlung von Funktionen, die sehr hilfreich dabei sein können, ein konkretes Programm zu schreiben.)

Neulich stolperte ich über einige Artikel, die sich mit der (Kommunikations)Kultur in der Open Source Community beschäftigten. Open Source meint, dass der Code eines Programms frei ersichtlich, das heißt in der Regel auf Internetseiten abrufbar ist und daher von beliebig vielen Leuten verändert und verbessert werden kann. Das dient – technisch – der Fehlerkontrolle und -ausbesserung sowie allgemein einer besseren Verbreitung von Wissen und technischen Fähigkeiten. Anders proprietäre Software (wie Adobe Photoshop oder Googles Suchmaschine), die wir nutzen können, über deren ‚Quelle‘ wir aber nichts lernen können.

Kernaussage von Beiträgen wie The Life Cycle of Programming Languages von Betsy Haibel ist, dass die sich avandgardistisch und anarchisch gebärdende Szene der Hacker und Open Source Software contributer gerade weil sie beahauptet, gegen den moralisch unterdrückenden Mainstream zu stehen, offen für menschen- und lebensverachtende Haltungen sowie besonders empfindlich gegen Versuche ihrer Aufklärung sind. Es geht in diesen Communities vordergründig nur um guten Code, um Verdienste guter Arbeit und um die Verbesserung derjenigen Softwareprodukte, die alle nutzen und von denen alle profitieren können. Echte gemeinsinnige Arbeit im Dienste der Freiheit und Produktivität. Dabei, so hören wir aus den Communities, kann es verbal durchaus harsch zugehen, wenn nämlich eine Programmiererin eine andere und vor allem ihre Werkzeuge oder ihre Ansichten und Arbeitsmustern kritisiert.

news.ycombinator thread on node.js
Der Anfang einer Debatte über node.js, mit unhaltbaren Beschuldigungen.

Aber die offene Diskussion einschränkende Regeln, wie sie in großen Organisationen (im Amerikanischen für Konzern gebräuchliches Wort) und in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft vorherrschen, sollen hier nicht gelten. Diese bringen das Produkt nicht voran.

Zum einen müssen sich offenen und freiheitsliebenden Hacker-Communities mit einem Brett vorm Kopf herumschlagen: Wer kann nicht Teil dieser Communities sein? Diejenigen, die andere Arbeiten zu erledigen haben. diversity conferenceDie Kinder und Familie zu versorgen haben, die schlechter bezahlt werden, deren Karrieren den Bach runter gehen, weil sie nicht die erforderlichen Überstunden machen können, die schon beim Bewerbungsgespräch aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Orientierung raus fliegen. Solche Umstände nicht zu berücksichtigen heißt, auf mögliche Talente und gute Beiträge zum Code zu verzichten. Das entlarvt die Unschuldsvermutung, dass diese Communities für alle offen seien, die bereit seien, qualitativ hochwertige Beiträge zu leisten. (Code muss mindestens geschrieben, getestet und dokumentiert werden.) Denn man mag vor sich hertragen, dass es auf Nebensächlichkeiten wie Hautfarbe, Geschlecht und familiäre Situation nicht ankäme, faktisch kommt es immer darauf an, weil normale persönliche Vorurteile zusammen mit der unfairen Verteilung an Zeit und anderen Resourcen die behauptete Offenheit zur Farce machen. Am Ende sind es nur junge, weiße Männer ohne großes familiäres Engagement, die die offene Community bilden.

Zum anderen haben wir es mit einem hinreichend generalisierbaren Problem zu tun. Damit meine ich nicht die Trolls, die sich besonders gerne in den offenen und anonymisierten Bubbles (des Internets) einbringen. Auch gegen sie haben Libertäre aller Färbungen wenig Mittel in der Hand, doch das steht auf einem anderen Blatt. Vielmehr dachte ich bei der Lektüre der wunderbaren Artikel an die scheinbare, moralische Neutralität aller um seiner Selbst willen betriebenen Aktivitäten. Sport gilt seit eh und je als moralisch-politisch unbescholten, wissenschaftliche Forschung ebenfalls, denn es geht um Wahrheitsfindung. Hinzuzufügen wären mindestens die Kunst, manche Form politischer Radikalität und eben die Free Library and Open Source Software Bewegung. Mir am besten bekannt sind immer noch der wissenschaftlich orientierte Marxismus und an intellektuellen Leistungen interessierte Arbeitskreise oder Seminare. Beispielsweise gilt als eine mögliche Antwort auf die Frage, warum so wenige Frauen in der universitären Philosophie vertreten sind, dass dieses als Spiel, das um sich selbst dreht, für Frauen weniger attraktiv erscheint als für Männer. Männer brillieren im harten Wettkampf der philosophischen Ansichten, auch wenn sie dieses Feld eigentlich betreten hatten, um andere, nicht philosophische Probleme zu klären. (Z.B. warum sind nicht alle Menschen glücklich? Warum bin ich nicht glücklich?)

Elizabeth Cady Stanton and Susan B. Anthony
Elizabeth Stanton (seated) with Susan B. Anthony. Suffragist movement, with arguable engagement.

David Papineau drückt es so aus: „Most young people come into philosophy […] because they want to address important issues, not to make the next move in a technical exercise. When they discover that they need to dance on the head of a pin to get a job, women and men are likely to react differently. Where many men will relish the competitive challenge and enjoy the game for its own sake, many women will see it as the intellectual equivalent of putting balls in pockets with pointed sticks, and conclude that they could be doing something better with their lives.“

Nun es mag durchaus zutreffen, dass es neben Diskriminierungen und Vorurteilen andere Gründe, geradezu philosophische Gründe gibt, warum in der Philosophie ein Gender-Bias herrscht, warum diese Disziplin bis heute eine männliche geblieben ist. Jedoch vermute ich nicht die schiere Härte der philosophischen Diskukssionen als einen dieser Gründe. Meiner Erfahrung nach werden philosophische Standpunkte (an der Universität) eher nachlässig debattiert, harte Streits entstehen eigentlich eher vor dem Hintergrund politisch-moralischer Differenzen, die wir ja gerade (vermeintlich) neutral gestellt hatten.

Worum dreht es sich dann? Erster Teil meiner Hypothese: das Spiel um sich selbst funktioniert nicht ohne eine Ethik. Sie sei im Anschluss an Texte wie ‚Free as in sexist?‘ Free culture and the gender gap von Joseph Reagle libertarian-anarchic ethic genannt. Hier eine zusammenfassende Passge:

„the libertarian–anarchic ethic is susceptible to hypocrisy and sexism. (By sexism I mean an attitude of inherent superiority and exclusive privilege towards one gender, perhaps with demeaning or derogatory displays towards the other.) For example, [scholar Susan] Herring found that women were labeled as “censors” when they expressed concerns on views about date rape though they did not attempt to exclude others’ views; “Meanwhile, males hypocritically represented themselves as heroic defenders of freedom of expression, even as their behavior showed them to be intolerant of even partial disagreement with their views”. She also found hypocrisy on chat channels and in conversations in which women’s protests were claimed to be censorious and “going too far” in silencing men though “the men can hardly be said to be silent in the discussion, because they contributed 70% of the words overall”.“

Reagle beschreibt das Phänomen trefflich und inspirierend, aber seine Analyse kann erweitert werden. Warum zeigt sich die anarchistisch-libertäre Ethik so anfällig für Seximus? Welches ihrer Inhalte steht für diese Anfälligkeit? Anarchistisch-libertär – das zielt auf individuelle Freiheit. Sie zu schützen und möglichst unabhänigig von jeder Form kollektiver Kontrolle zu machen ist ihr erklärtes Ziel. Was aber soll Sexismus sein, wenn nicht eine Form kollektiver Kontrolle? Hier scheint es um noch etwas anderes zu gehen.

Auf anarchistisch-libertäre Ethiken treffen wir, so der zweite Teil meiner Hypothese, wenn in einem Diskurshabitat (wie einem marxistischen Zirkel, einem Sportverein, einem Hacker-Newsroom) das Selbstbild einer heroischen, mutigen oder zumindest beharrlichen Wächterfunktion einer Sache selbst existiert, sei diese Sache die Wahrheit, sportliche oder programmiertechnische Leistung oder was auch immer. Das Engagement im Dienst dieser Sache, so der tragende Tenor dieser Selbstbilder, wird stets von außen bedroht: von Zensur, von Kontollmechanismen, von Diskursvorschriften, moralischen Regeln und institutionell initiierten und durchgeführten Reformen. Die ganze Universtätsreform (Stichwort: Bologna) gerät in den Augen mancher Wissenschaftler_innen zu einer vielarmigen Krake, die die reine und unschuldige Suche nach der Wahrheit zu ersticken droht. Unzählige weitere Beispiele könnten folgen.

Besonders in dem hier besprochenen Zusammenhang fällt das ramponierte Image persönlicher Rücksichtnahme aus Sicht anarchisch-libertärer Selbstbilder auf. Auf persönliche Eitelkeiten und angebliche Verletzungen könne man hier keine Rücksicht nehmen, es gehe um die Sache selbst, um Wahrheit, das Kapitalverhältnis oder den jeweils besseren Algorithmus. Im Gegenteil, alle persönliche Rücksichtnahme stehe im Dienst des Rückschritts, der spießig-bürgerlichen Verschanzung hinter Scheinwahrheiten (überhaupt hinter Schein) und würde mit Verdrängung, Verleugnung und Ausbremsung des Fortschritts unter einer Decke stecken. Wobei Vorsicht geboten ist. Ich will nicht wieder nur darauf hinaus, dass die Debatten in anarchisch-libertären Zirkeln so besonders und unangehem hart seien. Haben wir es hier nicht vielmehr schlicht mit einem anarchistischen Irrtum zu tun?

Es liegt nahe, die Freiheit der Gedanken und viel stärker noch die Freiheit der Worte mit der Abwesenheit von Kontrolle erlaubenden Regeln zu verbinden. Offen gesprochen wird nur, wo gewisse Rücksichtnahmen gefallen sind, vielleicht sogar nur mit sich selbst, in jedem Fall aber nicht, wenn stets und ständig darüber gewacht wird, ob Aussage X oder Y nun (moralisch-sittlich) korrekt gemacht worden sind. Es geht darum, Dinge auszusprechen, die das Gesetz (also der Vater) verbietet auszusprechen. Auf diese Weise kommt aber nur die halbe Wahrheit ans Licht. Wenn der Blick allzu starr auf Vorschriften, Gesetze, Autoritäten und die Unterdrückung der Freiheit gerichtet wird, kann ein wenig Misstrauen nicht schaden. Umgekehrt gilt nämlich, dass gerade Rücksichten die Freiheit des Wortes stärken. Wann trauen sich Leute, offen zu sprechen – wenn sie gerade nicht mit sich selbst sprechen? Wenn ihre Worte mit distanzierendem Respekt behandelt werden. Wenn die Zuhörenden nicht sofort eine Replik parat haben und bereit sind, wenigstens ein Stückchen den Weg der sprechenden Person (gedanklich und emotional) zu folgen.

Mit anderen Worten, wer wirklich an der Wahrheit, an der Freiheit zur Wahrheit interessiert ist (oder an guten Progammen, an mutiger Kunst oder, oder, oder …), braucht Voraussetzungen, die die wahrheitssuchenden Worte alleine nicht schaffen können, braucht die beteiligten Personen. Diese müssen sich beteiligt fühlen, engagieren und gleichzeitig um der Wahrheit selbst willen die Personen, die sie suchen, vor persönlichen Angriffen schützen. Person und Wahrheit (oder welches reine, hehre Ziel auch immer) voneinander zu trennen, hat durchaus seinen Sinn und produktiven Effekt, aber nicht derart, dass jede gegenseitige Kontrolle (scheinbar) abgeschafft wird, sondern in der Variante des Bewussteins der persönlichen Präsenz beim Sprechen und Zurückhaltung beim Hören.

encounter between cat and reptile
An Encounter

Verletzungen und Kränkungen dienen nicht der Wahrheitsfindung, lavierende Angst vor Zensur ebenfalls nicht, aber gerade die Vermeidung von Einengung der Worte durch angespitztes auf die Pelle Rücken bildet einen nicht unerheblichen Teil des Rahmens für geistig-seelische Innovation.

In einem solchen Rahmen wäre es möglich, die existierenden Kontrollmechanismen und Sitten kritisch unter die Lupe zu nehmen. Es geht nicht darum, die düsteren Anteile sittlicher Kontrolle auszublenden oder gar zu behaupten, ehrliche Worte in einer Replik seien an sich potentiell verletzend. Hörende sollten generell versuchen, persönliche Empfindlichkeiten so weit wie möglich zugunsten der Entfaltung des Wortes der anderen zurück zu stellen. Jedoch gilt das namentlich für den Impetus aggressiv zurück zu schlagen und für die Neigung, scheinbar nur reaktiv auf Begriffe wie Zensur, Unterdrückung der Freiheit oder political correctness zu rekurrieren.

Gruppierungen, Zirkel, Zusammenschlüsse oder Arbeitskreise, die ein ganz besonders progressives Selbstbild pflegen, im Dienste irgendeiner Sache zu stehen vermeinen und sich durch die Verteidigung von persönlicher Freiheit und Offenheit definieren, leiden leicht unter der Leugnung ihrer Voraussetzungen. Sie mögen sich gerade wenige Gedanken zu ihrer Methode machen – durchaus gelegentlich erfrischend – und zahlen dafür den Preis des schnellen Erliegens der Verdachtshuberei. Stets meinen ihre Mitglieder (in welchem formalen Sinne auch immer), sie müssen eine Freiheit gegen die Unterdrückung der Worte verteidigen, wo sie doch diejenigen Personen schützen sollten, die versuchen ehrliche und gelegentlich radikale Worte zu finden.

Natürlich kann auch eingewendet werden, dass, wenn hier die progressiven Zirkel gegen sich selbst verteidigt werden, ihre Arbeit für dauernde Optimierung, Erweiterung des Wissens und Vermehrung der Möglichkeiten mitnichten einer echten Progression dient, die doch eher in der Entdeckung einer neugierigen Faulheit liege.

Touché. Alle uns bekannten Wege der Progression und des Fortschrittes in der Sache selbst mögen selbst in ihren radikalsten Formen keinen Ausweg aus der geistig-kulturellen Krise bieten. Wir kennen Kapitalismus, Disziplin, Steigerung/Wachstum und Optimierung. Was danach kommt, bleibt eine große Unbekannte. Vielleicht führt aber auch die verzweifelte Suche nach dem ganz anderen in die Irre und lässt manches Pflänzchen der Hoffnung übersehen.

#merkelstreichelt – Flüchtlingspolitik oder -abwehr?

Angela Merkel hatte heute ihren großen Auftritt im Internet. Für ein weinendes Mädchen aus dem Libanon, das in einer SchülerInnenrunde saß und eben über ihre Situation als nicht anerkannte Flüchtende in Deutschland erzählt hatte, unterbrach sie ihren Satz, ging auf das Mädchen namens Reem zu und streichelte sie. Nicht ohne vorher zu betonen, dass nun mal Leute wie sie abgeschoben werden müssten, weil einerseits der Libanon so irre sicher ist, andererseits die Flüchtlingslager dort so voll sind, dass sich in Deutschland niemand um so viele Menschen kümmern könnte. (Aber im Libanon können … – nun gut.)

Manche waren empört, manche zufrieden. Im Allgemeinen geben PolitikerInnen und Kinder zusammen fast nie ein gutes Bild ab. Wer würde schon vermuten, dass die InhaberInnen der Macht die Kinder nicht zu ihren Zwecken ausnutzen. Daher würde ich solche Situationen gerne schweigend übergehen (oder allgemein betrachten), wie ich überhaupt nicht zu den Leuten gehöre, die stets und ständig Frau Merkel analysieren und beurteilen müssen. Als ich jedoch das Video dieser Szene (das Video zu sehen wäre zum Verständnis sicher hilfreich) sah, war ich doch erschrocken und traurig. Warum?

Die F.A.Z. (letzter Link) war der Meinung, dass der NDR die Sache verkürze, das sehe ich eigentlich nicht so. Nachdem Reem erklärt hatte, dass ihr Leben hier einfach mal schei*e ist, weil sie nicht weiß, ob sie überhaupt bleiben kann und sie in dieser Welt der Möglichkeiten (Deutschland, aus ihrer Sicht) auf die Zuschauerbank verwiesen ist, und weil sie genau deswegen zu dem Ort, von dem sie kam, nicht einmal ein Besuchsverhältnis aufbauen kann, äußerte Frau Merkel Bedenken, dass die Asylanträge zu lange dauern. Also: entweder gleich raus oder richtig bleiben. Was zwar erst Mal gut klingt, aber angesichts der Drittstaatenregelung und der Frage nach der allgemeinen Sicherheit eines Herkunftsstaates zu einer faktischen Asylverweigerungspolitik wird, die die Tatsache der Migration zu leugnen hilft. Als dann nach diesem 2-3 Minutengespräch die Fragerunde weiter gehen sollte, Merkel aber bemerkte, dass Reem weinte, ging sie auf sie zu und sprach ihr spontan Mut zu: es sei wunderbar, wie sie das gemacht hätte und allen Leuten die Situation einer nicht anerkannten Flüchtenden erklärt hätte. Die F.A.Z. transkribiert Merkels Versuch die Situation zu klären so:

[Merkel, noch zum Moderator:] …das weiß ich, dass das eine belastende Situation ist und deshalb möchte ich sie trotzdem einmal streicheln, weil ich, [Wende zu Reem] weil wir euch ja nicht in solche Situationen bringen wollen und weil du es ja auch schwer hast und weil du ganz toll dargestellt hast für viele viele andere, in welche Situation man kommen kann, ja?

Ich erlaube mir hier mal zwei Schlussfolgerungen.

  1. Frau Merkel hat eine sehr gute Auffassungsgabe. Sie hat sofort verstanden, dass es für Reem darum ging, ihre Worte auszusprechen (zumal vor diesem Publikum) und dass sie nun diesen Druck, diese Aufregung los geworden war. Deshalb hat sie sie so eindringlich für ihre Worte gelobt und versucht, Trost zu geben. Auf dem gleichen Blatt steht, dass sie die Situation sofort mit einem auffordernden „ja, ja?“ beenden wollte. Ihren Standpunkt und ihr Denken hat sie ganze Sache in keinster Weise angerührt. „Merkel hält Hof und sagt an. Zuhören ist nicht ihre Stärke“, erklärt Johnny Haeusler ihr Interview mit LeFloid. Hier zeigt sich eines der Grundprobleme der politischen Klassen: erstaunliche Fähigkeiten wie Auffassungsgabe, zwischenmenschliche Situationen einschätzen können, Klugheit oder Beharrlichkeit paaren sich mit etwas, was oft Beratungsresistenz genannt wird. Dahinter steckt ein Mangel an Offenheit, Offenheit für Eindrücke, speziellen Erwartungen oder gar Meinungen und Haltungen anderer. Dieser Mangel wird hinter der Phrase versteckt, dass PolitikerInnen nun mal das große Ganze im Blick haben müssen, das Bestmögliche für alle (und nicht zuletzt für das eigene Wahlvolk) erreichen müssen.
  2. Diese Haltung (‚wir können hier ja nicht allen eine Extrawurst braten‘) bildet wohl auch den Hintergrund für den enormen Druck, unter dem Reem zu stehen schien. Sie fragte eben nicht nach schnellen Internetverbindungen, nach TTIP oder einheitlichem Abitur. Sie fragt danch, warum sie in Deutschland eigentlich kein Leben führen kann oder darf. Es geht ums Ganze für sie, um ihre ganze Zukunft. Diese wird ihr in diesem Land, in dieser Gesellschaft verweigert, zumindest zugestellt und schwarz gemalt. Verantwortlich für ihre Tränen, so untertelle ich mal dreist und aus der Ferne, ist nicht der Umstand, irgend etwas etwas gesagt zu haben, sondern die Tatsache, dass in Deutschland viel zu wenige bereit sind, anzuerkennen, dass Menschen sich bewegen, den Ort wechseln, dabei ihre Geschichte und Bedürfnisse mitbringen und sich dabei ungerne ihre Möglichkeiten von Pässen und Aufenthaltsstati verhageln zu lassen.

Über linke Möglichkeiten III: Zum Universalismus der Kritik

Die Beiträge I (Carlo Strenger) und II ((linke) Idenität) dieser kleinen Serie verhandelten Strengers Sorge um universalistische Kritik und Verteidiung der (wohl bürgerlichen) Freiheit in Zeiten des Rechtsrucks und des Terrorismus sowie um (radikal) linke Identitäten heute. Nun geht’s um die Wurst: können Linke ihre Kritik universalistisch formulieren, können sie irgendetwas als Ihres gegen alle möglichen Anfeindungen verteidigen?

Zunächst ein kurzer Blick zurück, was wollte dieser Carlo Strenger von uns? Er wollte, dass die Linke (in Israel, aber nicht nur dort) wieder in der Lage kommt, die Verteidigung der westlichen Lebensform zu übernehmen und sie nicht dem rechten Lager zu überlassen, das seinerseits selbst die grundsätzlichen Regeln der Kritik nicht beachtet. Als da wären:

  • Überzeugungen können kritisiert, gar verachtet werden, Menschen nicht
  • Kritik muss auf Sachkenntnis beruhen, nicht auf bloßem Dafürhalten
  • Kritik muss grundsätzlich allen und bezüglich aller Hypothesen erlaubt sein

Im ersten Beitrag sagte ich nicht mehr, als dass diese Position nur recht altbackenen kritischen Rationalismus bietet. Altbacken einerseits, weil sogar die simpelste Reflexion auf die Grenzen der Sachlichkeit fehlt. Sachbestände oder Tatsachen gaukeln Objektivität vor, sind jedoch stets ihres Kontextes beraubt, stellen sie doch immer nur einen Ausschnitt von Fakten dar. Besonders Statistiken sind diesbezüglich mit Vorsicht zu genießen. Jedoch solche und weiter gehende Fragen zur Objektivität von Sachbeständen können aus Strengerscher Sicht auch zurück gewiesen werden. Niemand behauptet, Tatsachen wie Billardkugeln in der Hand zu halten, Sachlichkeit und Objektivität stellen sich allein dadurch ein, dass Fakten, die wer auch immer in ihrer Argumentation gebraucht, überprüfbar sein müssen. Das ist alles. Den Gegensatz dazu bildet der Glaubenssatz, nicht die Arbeitshypothese, die genutzt wird, um Fakten zu ermitteln, anhand derer sie geprüft werden kann.

Altbacken andererseits, weil Strenger hier einige wissenschaftstheoretische Prinzipen auf politische Debatten überträgt. Was schon innerhalb der akademischen Communities umstritten war und bleibt – zu denken wäre etwa an die hermeneutischen Wissenschaften – soll nun einfach für alle Debatten gelten. Strenger begegnet diesem Problem in seinem Buch „Zivilisierte Verachtung“ mit der These, dass alle in Debatten damit rechnen müssen, nicht die Expertise zu haben und dementsprechend von den Expert_innen nicht beachtet zu werden. Mangels Universalgelehrter sind wir darauf angewiesen, uns auf das Wissen anderer zu verlassen und die Kränkung des weniger Wissens auf uns zu nehmen. Diese Beobachtungen treffen sicher einen Punkt, aber wie steht es mit dem Wissen, das trotz oder gerade wegen des universalen Anspruchs der Wissenschaften unter den Tisch gewischt wird?

Solche Probleme des Universalismus können in einem Blogpost nicht einmal skizziert werden, deshalb konzentriere ich mich auf eine perspektivische Frage: was bedeutet Universalismus für die (radikale) Linke? Der Gegner der verbreiteten Varianten des modernen Universalismus bleibt die Religion „Jede moderne Gesellschaft muss damit zurechtkommen, dass Religionen fürs Erste ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens bleiben werden.“ Carlo Strenger, Zivilisierte Verachtung, S. 68. Etwas resignierter sogar klingt Habermas, wenn er mit Blick auf das gegenwärtige Amerika schreibt, „konfligierende Werteorientierungen – God, gays and guns – haben offensichtlich handfestere Interessensgegensätze überlagert.“ Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt a.M. 2009, S. 122. Dies, nicht ohne im Anschluss über den öffentlichen Vernunftgebrauch religiöser Gemeinschaften im säkularen Staat zu räsonieren.

Aus Sicht der Linken verschiebt sich das Problem etwas. Nicht der aller Kritik enthobene Glaubenssatz (vielleicht der auch), sondern das in den Schatten der Öffentlichkeit gestellte Leben gehört ins Licht gezogen. Was passiert eigentlich auf den Farmen, in den Fabriken und Büros, den Gefängnissen und Krankenhäusern, den Küchen und Schlafzimmern dieser Welt? Es wird gemunkelt: nicht nur Gutes.

Jetzt wäre es an der Zeit, etwas ins Detail zu gehen, doch jede Formulierung verrät schon eine Tendenz. Sprechen wir vom objektivierten Leben? Von Menschen (und Tieren), die zu Objekten, Gegenständen der Interessen, gar des Hasses anderer gemacht werden? Die deswegen unter Klassenhass von oben, erzwungenem Sex, verachtenden Blicken und Kommentaren oder der Missachtung der Tatsache, dass sie überhaupt existieren, leiden und sich in Not den Angreifern bis in ihre Empfindungen hinein anpassen? Kann sich die unterdrückte Kreatur Subjektivität, ein eigenes Leben, Pläne, einen Willen und Respekt oder Anerkennung der eigenen Bedürfnisse erkämpfen? Oder sprechen wir von Kämpfen zwischen Klassen, Rassen, Geschlechtern, zwischen wachsamen Unterdrückten und selbstgefälligen Mächtigen, die die soziale Welt im Fluss halten? Behaupten wir zudem, dass es viele soziale Welten gibt ohne ein Zentrum der Unterdrückung (sei es selbst die Vernunft), wobei sich in manchen dieser Welten die unterdrückte Kreatur ihr eigenes Leben verschaffen kann. Dort kann sie frei von Beobachtung, Bestaunen und Kontrolle ihr Selbst entfalten. Sei es die Frauen- und Lesbenparty, die Landkommune oder gar ein Ghetto. Integration oder Segregation, das ist doch die linke Frage. (Ein wunderbares Beispiel gibt die Textsammlung „To Redeem a Nation. A History and Anthology of the Civil Rights Movement“, ed. Thomas West, James Mooney, St. James (NY) 1993.)

Universalism is a delusion, freedom is really jus abandonment. - F*cking emo-kid
Klodebatte in Oberlin (College?)

 

Ich will und kann es nicht leugnen, ich stehe auf der integrationistischen Seite. Bei aller Berechtigung für geschützte Räume und Gruppen (die ihre eigenen Gefährlichkeiten und Vertuschungen mit sich bringen), letztlich entfaltet sich menschliches Leben durch Offenheit, Verständigung mit anderen, durch ein reflexives Selbstbild, das halbwegs ausgewogen zwischen dem immer auch verfälschenden Blick der anderen und eigenem Fühlen, Denken und Handeln austariert wird. Wenn immer Verständigung mit anderen ins Spiel kommt, gebrauchen wir übergreifende Formulierungen (so wie gerade jetzt), vertrauen auf die Vernunft und Verständigkeit anderer, wägen Gründe und Gegengründe mit Hilfe von Argumenten ab. Das ist die eine Seite der Kritik, einfach die Offenheit für Einwände, für das Spiel mit dem Für und Wider.

Die andere Seite wird oft vernachlässigt, verbogen oder vermieden. Mit der Kritik heben wir etwas ins Licht, geben etwas eine Basis, machen es zum verteidigenswerten Gut. Welches Etwas? Das Leben selbst, oder seine Lebendigkeit, hält die soziale Welt im Fluss. Gerade mit seiner Fragilität und Verletzlichkeit scheint es stets dahin zu streben, anders zu werden. Wir scheinen immer noch was vor zu haben. So missverständlich und verkürzend humanistische Formeln eines Willens sein mögen, der nach Transzendierung strebt, der immer noch einen Entwurf fasst und dabei konstruiert und die Konstrukte realisiert, sie haben einen zumindest verführerischen Kern.

Denn alles Leben gibt sich mit Blick auf den Tod eine Form. Es geht um Ernährung und Verdauung, den Schutz vor Hitze und Kälte, allzu viel Nässe oder Trockenheit, um Partnersuche, die schwierige Bekämpfung von Krankheiten, die Aufzucht des Nachwuchses und den Umgang mit dem Altern. Für menschliches Leben gibt es dabei eben keine konkreten Prägungen oder Lebensformen, die vor Beginn des Lebens fest stehen würden. Diese sind vielmehr kontingent und haben ihre Zeit. Anders gesagt: ob Individuen Kinder wollen oder nicht, vegetarisch leben oder nicht, polyamourös, asexuell oder treu gebunden, all das kann nicht vorweg bestimmt werden. Psychoanalytisch formuliert: menschliches Begehren hat kein festes, gegebenes Objekt, sondern fließt frei, nicht ohne dass es in instabile und sich kreuzende Bahnen gelenkt wird.

Bleiben noch mindestens zwei Fragen offen. 1. Was bedeutet zwei Seiten der Kritik? Handelt es sich dabei nicht um einen Kniff, der zwei Komplexe in fälschlicher Weise vermanscht? 2. Welche gemeinschaftliche Lebensformen bleiben den Linken, mit denen sie sich identifizieren können?

Den zweiten Punkt kann ich hier nicht mehr beantworten; die Nation wird heute nur noch von Betonköpfen hoch gehalten und wurde vielleicht nicht zufällig zusammen mit der Dampflok erfunden. Sie sollte Begegnungen mit anderen einschränken und kanalisieren, nicht sehr erfolgreich, wie sich bis heute erwiesen hat. Alle Stände und Klassen sind nun auch vergangen, nach Adel, Bürgertum und Proletariat steht uns heute nur noch der Mittelstand zur Verfügung, der aber neben (nicht selten durchaus künstlerisch) darstellendem Konsum wenig zu bieten hat. Die Geschlechter nun haben viele Möglichkeiten auf zwei reduziert, sie wirken bei Licht betrachtet unglaubwürdig. Wer glaubt ernsthaft, dass Mädchen nur rosa-weiße Rüschchenkleider und Jungs nur grau-schwarz-dunkelblaue Sweatshirts mögen, dass Mädchen sich nicht fürs Klettern und Jungs nicht für Puppen und Rollenspiele interessieren? Solche Klischees wirken heute kräftig, aber nicht weniger hölzern und einschränkend, eigentlich einschneidend.—Ich weiß ehrlich nicht, in welchem Stand und Habitus ich heute zu hause sein kann.

Der erste Punkt hingegen verlangt eine Klärung. Die zwei Seiten universalistisch-linker Kritik lauten (verdünnt und zugespitzt): zum Kontakt mit anderen, dem Austausch von Blicken, Worten und Argumenten sowie der dafür nötigen Offenheit auf der einen Seite gesellt sich die nicht determinierte Entfaltung von Lebensformen vor dem Hintergrund unserer Bedürfnisse. Wir haben es hier mit zwei Elementen menschlichen Lebens zu tun, das Leben selbst hingegen kann jederzeit als fragil, verletzlich und potentiell ignoriert betrachtet werden. Es bedarf daher des kritischen Schutzes. Die beiden Seiten (oder altmodisch: Ausdrucksformen) des Lebens kommen aber zusammen, indem die Entfaltung der Lebensformen oft die Grenze der Rationalisierung darstellt. In Kontakt mit anderen kommen wir oft dazu, unser Leben zu erklären, Gründe für dieses oder jenes Urteilen oder Handeln anzugeben und zu argumentieren. Dieser Raum der Gründe (Dieter Sturma) bildet einen großen Teil der Verständlichkeit und Verständigung, findet seine Grenze aber am Begehren, am Soma. Alle Lebensformen enthalten einen nicht weiter begründbaren Teil (nicht unbedingt Kern), sie sind nie vollständig erklärbar und auch nicht zur Gänze manipulierbar. Dinge sind gelegentlich einfach so und nicht anders für eine Person. Ich halte es für sehr hilfreich, das anzuerkennen. Vielleicht, so meine Hypothese, wird dann auch den Menschen ein wenig der Druck genommen, sich immer vermehrend zu entfalten, sich stets zu steigern, immer noch mehr Teile ihres Lebens einer allgemeinen normativen Kontrolle zu unterwerfen. Vielleicht beginnen wir dann, Variationen gelegentlich interessanter zu finden als Steigerungen. Womit wir aber letztlich beim mittelständischen Identifikationsproblem wären, eine mögliche Gelegenheit für einen Teil IV.

Über linke Möglichkeiten II: (linke) Identität

Im ersten Teil dieser kleinen Serie schrieb ich über Carlo Strengers Schmerz mit der Unfähigkeit der politischen Linken (in Israel), sich kritisch mit Bewegungen und Ideologien auseinanderzusetzen, die oft gruppenbezogen andere Menschen verachten und sie willkürlich zu Feinden erklären. Feinde, die diese Leute mit allen Mitteln bekämpfen müssten. Sobald solche Bewegungen, wie der Islamische Staat, von angeblich oder tatsächlich Unterdrückten gegründet und vorangetrieben werden, stehen, so Strenger, die Linken da wie Kühe wenn’s donnert. Wegen der Verbrechen der westlichen Welt werden im Namen der politischen Korrektheit selbst extreme Formen aggressiver Menschenverachtung abgewiegelt oder gar gerechtfertigt.

Bevor ich versuche zum Problem universalistischer Kritik eine vorläufige Position zu entwickeln, möchte ich klären, warum mich diese Sache überhaupt interessiert. Strenger erhebt Vorwürfe gegen die Linke, als Links-Liberaler. Er spricht über schwächelnde Kritik, Einseitigkeiten und sich einschleichende Akzeptanz von Gewalt, Hass und Willkür in einer politischen Kultur oder in politischen Kreisen, die sich in der Regel gegen Gewalt, Hass und Willkür im Kapitalismus, Sexismus oder Rassismus aussprechen.

Strenger geht es außerdem nicht nur um blinde Flecken in der linken Ideologie (oder Theorie oder Haltung), sondern um das Problem einer erstarkenden Rechten in Europa, deren Parteien in vielen Ländern inzwischen eine gefestigte Mehrheit vertreten (Schweiz, Niederlande, Österreich) oder die demokratischen Mehrheiten ernsthaft gefährden (Frankreich, mit einigen Abstrichen auch Großbritannien, Polen und Dänemark). Befindet sich die Linke also auf dem besten Weg des Versagens, der schon einmal, 1933, zur Katastrophe geführt hat?

Nicht so hastig, lieber Freund, ließe sich nun sagen, einmal Luft holen und den Denkweg überprüfen bitte. Gleich mehrere Einwände fallen sofort auf. Der schwächste zuerst:

1. Die Linke, besonders die radikale, systemkritische Linke, ist seit Jahr und Tag eine unterdrückte, politische Minderheit, die für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie ein mögliches Erstarken der Rechten aller Färbungen nicht verantwortlich gemacht werden kann. — Das riecht nach Ausrede und ist wohl auch eine. Selbst eine verfolgte politische Minderheit sollte sich immer wieder fragen, was sie anders machen könnte und wo die eigenen Verantwortlichkeiten liegen; zumal die Schlagworte ‚underdrückt‘ und ‚verfolgt‘ hier doch nicht ganz angebracht sind.

2. Kann es nicht sein, das nun auch Strengers Position allzu sehr von gewitterten Gefahren, Verteidigungshaltung, gar Ängsten geprägt ist? Müssen wir den Westen tatsächlich verteidigen, sind die Rechten und die Terrorist_innen tatsächlich auf dem Vormarsch? Ich denke, dass sie zwar einfach lauter (und nerviger) sind als die übrigen, dass sie auch oft unangemessene Aufmerksamkeit erhalten, obwohl ihnen doch die Kraft und die Stabilität fehlt, die Gesellschaft tatsächlich umzukrempeln (oder ihr Innerstes, ihren Kern nach außen zu kehren). Doch die berechtigte Frage, ob im anglo-europäischen Raum tatsächlich die liberalen, nicht-faschistischen oder nicht-dogmatischen Geister die Mehrheit halten, lässt sich kaum beantworten und neben eindeutigen statischen Daten über die Verbreitung mehr oder minder geschlossen-rechter Weltbilder sowie ernüchternde Wahlerfolge der sogenannten Populist_innen spricht vor allem die auffällige Tatsache der linken Doppelbewertung menschlichen Verhaltens (je nach sozialem Kontext) für einen selbstkritischen Blick. Was meine ich damit?

Menschliches Verhalten ist zunächst ein etwas menschelndes Wort, hier sollen damit psychologisch und sozial bedeutsame Verhaltensweisen erfasst werden, also von stützender Hilfe durch Begleitung, Beratung oder Spenden über beschreibende und erklärende Sprachhandlungen beziehungsweise beobachtendes Randstehen oder kritisch, aber persönlich anerkennde Äußerungen bis hin zu verbaler oder handgreiflicher Aggression. Sprech- und Handhandlungen fließen hier zusammen, was zwar unsauber, aber für meinen Zweck praktikabler zu sein scheint. Solche Handlungen werden von Linken, einschließlich mir selbst, fast immer kontextabhängig beurteilt, also doppelt im Sinne von mal-so-mal-so. Ein Nazi, der einem anderen Nazi mit Geld, Gutachten, Räumlichkeiten oder was auch immer hilft, steht ebenso treffsicher auf der falschen Seite, wie der kämpferische, autonome Antifa, der diesem Nazi ein paar in die Fresse haut, auf der richtigen. Augenscheinlich gibt es dabei gar kein Problem, denn die genannten Verhaltensweisen sind äußerst abstrakt gefasst und taugen an sich nicht zu einer (moralischen) Beurteilung. Der politisch-soziale Kontext, der letzte Zweck entscheidet, nicht ihre abstrakte Beschreibung.

So läge es nahe zu verlangen, nur noch über, sagen wir, Inhalte zu verhandeln und vielleicht käme sogar Unterstützung von einer sehr generösen Variante der Strengerschen Theorie: die Sachfragen stehen zur Debatte, nicht Motive handelnder Personen oder abstrakte Handlungskategorien. Jedoch hat die Sache einen schmerzhaften Haken. Allzu leicht gehen wir (in “ „) von der Beurteilung (ex post) von Handlungen zu ihrer Rechtfertigung (ex ante) über. Dann spielen konkrete Vorkommnisse und soziale Lage plötzlich keine Rolle mehr. Nazis zu verprügeln ist immer gerechtfertigt. Andere Meinungen abzuwerten und zu entwürdigen gilt als kritischer Geist. Es geht hierbei  nicht um die Trivialität, dass Leute nicht automatisch sympathisch, interessant und schlau daher kommen, weil sie als Marxist_innen, Feminist_innen oder Kritiker_innen der Whiteness auftreten. (Ein paar Blicke in linke Sphären, gar Monaden des Internets genügen.) Vielmehr stellt sich die Frage, ob die politische Linke nicht gerade weil die Welt aus ihrer Sicht falsch eingerichtet ist gar keinen Boden unter den Füßen hat, um Regeln, Prinzipien oder Maximen für ihr Handeln zu entwickeln, die in dieser Welt Geltung beanspruchen können. So weit könnten wir Strenger also Recht geben, wir haben gar nichts zu verteidigen und jene allgemeinen Rechtfertigungen von Handlungen (eben ex ante) verpuffen regelmäßig bei einer geaueren Prüfung.

Wohlgemerkt, einige grundsätzliche Probleme der Linken bleiben hier ausgeklammert: das Brodeln der Szene im eigenen Saft mit allen unschönen Folgen wie Frustration und aus dieser sich entwickelnden, nach innen gerichteten Aggressionen (interne Machtkämpfe, Spaltungsmanie); uneingestandene geistige Nähe zum Liberalismus, schließlich geht es immer wieder nur um die Erweiterung der Möglichkeiten für Individuen und schließlich eine unaufgearbeitete Vergangenheit, mir insbesondere bekannt aus Deutschland und Europa, wie Autoritarismus, Ohnmachtsgefühle, dogmatische Verschlossenheit gegen Einwände und andere Perspektiven sowie die Projektion der eigenen Schwächen auf andere Gruppen.

Vielmehr würde ich gerne weiter gehen und nach einer linken Position für das Problem des Universalismus in der falschen – oder postmodernen – Welt fragen. Vielleicht, so meine Hypothese, leidet die Linke tatsächlich unter einem Mangel an Willen, zu Sachfragen, gegebenen Tatsachen Position zu beziehen, sich dabei gelegenlich schmutzig zu machen und dabei in einer mehrheitlich nicht linken sozialen Welt an das Bohren dicker Bretter zu wagen. Auch ich halte am Prinzipiellen (nicht gemeint sind zu bloßen Schlagworten verdampfte Inhalte, ein Problem für sich) zu oft fest, obwohl jede Grundlage dafür in meiner eigenen Beurteilung der Lage fehlt und verpasse es auf diee Weise allzu oft, meine Meinung in einem gegebenen sozialen Kontext kund zu tun. Dadurch gibt sie einer polternden Rechten ohne Not starken Einfluss, verharrt im Reaktiven und setzt dabei grundlegende Errungenschaften (real existierende Freiheiten und Mitwirkungsmechanismen) aufs Spiel. So etwas schreibt sich am Schreibtisch natürlich gemütlich und entspannt, daher schwebt gleichzeitig die Frage im Raum, wohin dann mit all der Wut über die falsche Welt?

Über linke Möglichkeiten I: Carlo Strenger

Vor einigen Wochen traf ich zufällig auf ein Interview mit dem israelischen Psychologen und Philosophen Carlo Strenger. Die Linke habe versäumt, die Sicherheitsfrage in Israel zu beantworten und dieses Feld der Rechten überlassen. So habe Netanyahu wieder eine Wahl gewinnen können heißt es im Teaser. So interessant diese These schon ist, im Interview erweitert Strenger sie und behauptet, dass sich Freiheit gegen menschenfeindlichen Terrorismus und Extremismus jedweder Art nur mit Pochen auf die Substanz des freiheitlichen Zusammenlebens verteidigen lässt. Dies erinnert nun eher an alte Geschichten: wehrhafte Demokratie, Freiheitlich-Demokratische Grundordnung oder wie auch immer z.B. anglizistische Varianten der Verteidigung der westlich-demokratischer Lebensart heißen mögen. Man denke daran, was die weltliche Welt zu bieten habe, wenn sie sich nicht andauernd für ihre Verbrechen entschuldigen müsse, so Strenger, warauf unweigerlich die Nachfrage folgte: Was hat sie denn zu bieten?

Endlich mal fragt wer die Frage aller Fragen, kurz und klar. Strenger dazu: Ich glaube – vielleicht etwas altmodisch – immer noch daran, dass die menschliche Vernunft es ermöglicht, stets alles kritisch zu hinterfragen. Das sei die eigentliche Leistung und das Vermächtnis der Aufklärung, ein unschätzbares Gut. {Das war nicht ganz sein O-Ton, aber in Etwa.}

Ich konnte meine Enttäuschung nur schlecht vor mir selbst verbergen, kaufte mir noch sein Buch „Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit“, Berlin 2015 (Edition Suhrkamp), las es und war nach wie vor angezogen und enttäuscht gleichzeitig.

Im Kern vertritt Strenger eine Variante des kritischen Rationalismus, also tatsächlich eine etwas altmodische Theorie. Alle Fragen des Zusammenlebens seien letztlich Sachfragen, deren Diskussion und Beantwortung einerseits einen gewissen Kenntnisstand (je nach Sachgebiet), andererseits die generelle Offenheit für kritische Einwände und Widerlegungen von Hypothesen voraussetzen. Das gilt für Fragen der gesetzlichen Bestimmungen von Abtreibungen ebenso wie für eine Politik gegen den anthropogenen Klimawandel oder die Frage der Verteilung von Kondomen gegen die Verbreitung von HI und AIDS.

Diese Voraussetzungen werden von religiöser Orthodoxie, Verschwörungstheorien, faschistischen Ideologien und dergleichen offensichtlich nicht erfüllt. Vielmehr seien Vertreter_innen dieser Haltungen stets und ständig beleidigt, wenn wer kritische Einwände oder gar Ironie, Spott oder Karikierungen ihrer selbst erhebt und verbreitet, würden aber ihrerseits ohne mit der Wimper zu zucken verschiedene Menschengruppen für dumm, un-menschlich, feindlich, krank oder todeswürdig erklären.

Warum sollte ich mich jedoch auf dieses Spiel einlassen: kritisch Rational oder dumpf-agressiv-raunend, Sie haben die Wahl? Zur Debatte steht hier doch die politische Identität. Strenger behauptet, die Linken haben versagt (besonders in seinem Buch), weder die kommnunistisch-marxistische, noch die postmoderne Linke können dem Hass etwas entgegen setzen, sie haben in fahrlässiger, aber zum Teil auch notgedrungener Weise (was blieb anch dem Holocaust an Optionen zur Verteidigung des Westens übrig?) das Feld der Verteidigung der menschlichen Freiheit und Würde des Einzelnenen den Rechten überlassen. Diese können seit Jahrzehnten die mutigen Verteidiger von Freiheit und Demokratie geben, während sie selbst dem Hass und den Vorurteilen unterliegen, Menschen und nicht ihre Einstellungen und Ansichten verachten.

Bevor ich mich jedoch der Frage zuwende, was von dem kritischen Universalismus zu halten ist – in Zeiten postmoderner Aufklärung, Polyzentrik oder Verunsicherung – (Teil III) möchte ich im folgenden Post (Teil II) der Frage nachgehen: Was steht mit der politischen Identität, insbesondere der „linken“, eigentlich auf dem Spiel. Dazu meine These vorweg.

Linke Identität bedeutet für mich, die Hoffnung auf eine andere, bessere Welt vor dem Hintergrund des alltäglichen Falschen und Bösen, der „aufgeklärten Hölle“ (Ehrenburg), zu einem objektivierbaren Wissen zu machen. Egal woran und mit welchen Mitteln Linke den Hebel der Kritik ansetzen, sie – wir – müssen darauf vertrauen, dass es 1. zumindest in einem anderen Zusammenleben und in einer anderen Welt ein Zuhause gibt und 2. dieses Andere sowie der Weg dorthin auch verständlich gemacht werden können. Doch wo liegt hier der Haken?

Der linken Dreisatz kann an einem sehr guten Beispiel anschaulich gemacht werden. Ist es nicht schlicht der helle Wahnsinn, dass täglich Menschen im Mittelmeer ersaufen, nur weil es keine besseren Wege in das reiche Europa gibt, als sich für viel Geld auf ein für solche Reisen untaugliches Boot verfrachten zu lassen? Kaum wer, außerdem, tut etwas dagegen, ich selbst auch nicht. Von Schritt eins (Diagnose) nun zu Schritt zwei (Therapie: der Weg): Wie kann dieses unnötige Massensterben verhindert werden? Konkret und zugleich auf lange Sicht weiß ich es nicht, von raschen Rettungsmaßnahmen einmal abgesehen. Was politisch wirklich machbar ist, vermag ich nicht recht zu sagen. Zu Schritt drei (der andere, utopische Zustand) fällt mir dann erst recht kaum etwas ein. Wie sieht eine Welt aus, in der Migration nicht nur nicht tödlich, sondern auch erlaubt, gar erwünscht ist? Unter der Voraussetzung hinreichender Ehrlichkeit bleibt dieser Zustand nicht einfach auszumalen, denn nicht nur ich dürfte hier malen, auch meine Nachbar_innen, die lieber das Flüchtlingsheim anzünden, als zu gucken wer da kommt.

Nice Try: Why I stopped liking UN Watch’s Facebook Site

Meine persönliche Bemerkung zum Krieg zwischen der Hamas und Isreal.

Heute Abend habe ich mich selbst überrascht, wollte ich doch eine Email an UN Watch schreiben und so kurz wie gewürzt erklären, warum ich mein ‚Like‘ ihrer Facebookseite entfernt habe.

Ich sah‘ zuvor ein kurzes Video, das Ausschnitte aus einer Diskussion des UN Menschenrechtsrates in Genf zeigt. Diese Diskussion („Emergency Session on Gaza“, 23.07.2014) fand während dieses Krieges statt. Unter dem Titel „UN emergency session on Gaza: Hillel Neuer speaks out“ lassen sich enorme und absurde Anschuldigen gegen Israel ebenso wie Neuers („executive director of UN Watch“, wikipedia) Reaktionen finden.

Israel werden wohl nicht zufällig in diesem zahnlosen Gremium Kriegsverbrechen vorgeworfen – Staatsverbrechen, Genozid, die Vernichtung der Palästinenser, ethnische Säuberungen, Massaker und eine kriminelle Mentalität. Neuer hingegen berichtet aus Israel, von der Angst vor den Raketen der Hamas, von der Bedrohung des Lebens dort und den Traumen, die sie hervor bringt, jedoch auch von der Standhaftigkeit und dem Mut eines Volkes, dass sich nicht weiter zum willenlosen Opfer machen lässt. Seinen VorrednerInnen und KritikerInnen wirft er vor, beispielsweise die Verbrechen des Syrischen Staates an den Palästinensern zu verschweigen und überhaupt auf beiden Augen blind zu sein, wenn um Verbrechen geht, die nicht Israel begangen hat. Er und UN Watch seien die wahren Vertreter und Verteidiger der Menschenrechte, Israel das wirkliche Opfer in diesem Krieg.

In meiner Email hätte ich betont, dass die Beträge der Gegner Israels (nicht des Krieges wohlgemerkt) tatsächlich weitaus stupider und dumpfer anmuten als Neuers Standpunkt. In der Tat halte ich es außerdem für den entscheidenden Grund des allgemeinen Entsetzens über Israels Kriegsführung, dass die Erwartung an ein willenloses und sich opfern lassendes jüdisches Volk vom Handeln des Staates Israel durchbrochen oder zumindest stark irritiert wird. Nur wer sich und seine Motive nicht daraufhin abhorcht kann leichten Fußes Israel des Genozids bezichtigen, die Hamas hingegen Widerstandsgruppe hinstellen.

Dennoch wirkt das Insistieren auf die ‚wahre‘ Opferrolle und den ‚wahren‘ Verteidiger der Menschenrechte intellektuell unangemessen und unnötig unpolitisch. In diesen Rollen kann sich jeder in einem Krieg sehen und tut es bekanntlich auch so lange, bis die eigene Beteiligung und Verantwortung einfach nicht mehr zu leugnen ist. Auch hätte eine mitfühlende Bemerkung über den grausamen Kriegstod so vieler Menschen wie in diesem Krieg den Ausführungen Neuers nicht geschadet.

Wäre es nicht zudem ein politischer Einwurf in dieser Debatte gewesen, auf ein mögliches Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden zu verweisen, in dem die Jüdinnen und Juden ihr Leben nicht mehr am Hass und den Aggressionsproblemen der anderen ausrichten müssen? Hätte nicht auch ohne einen vielleicht tödlichen Traum vom ewigen Frieden und stiller Harmonie die Option für die PalästinenserInnen und Palästinenser, ohne den Hass der Hamas auf Israel (und ohne ihn sich zu eigen zu machen) das Leben viel freier gestalten zu können vernünftig und prospektiv geklungen?

Damit hätten interessante Punkte angeschnitten werden können, mag sein. Aber warum wollte ich UN Watch eine (belehrende) Email schreiben, dem Human Rights Council hingegen nicht? Auf mich trifft einfach etwas zu, was mich bei anderen stets ärgert. Ich glaube, dass meine vermeintlichen und echten Freunde höheren moralischen und politischen Ansprüchen genügen müssen und können, als die übrige Welt. Vom Vertreter des Iran oder dem Botschafter Palästinas in diesem Menschenrechtsrat erwarte ich fast nichts, von Hillel Neuer hingegen höchstes intellektuelles und politisches Niveau. Ein Niveau, das gar höher liegen soll als meines.

So unredlich das von meiner Seite aus ist, etwas habe ich auch gelernt: Diese Email hätte ich nicht aus Hass geschrieben. Vererbter und unbewusster Antisemitismus hätte sie nicht erklärt. Ich hätte einer seltsamen Enttäuschung Luft verschaffen wollen, die ihr Eigenleben führt und ihrer eigenen Kritik bedarf. ‚Die guten Freunde‘ müssen nicht besser sein als der Durchschnitt, um sich über ihn zu erheben zu können. 

 

Zum Rassismus

Seit einigen Wochen beschäftigt mich der Rassismus besonders. Es begann mit aktuellen Meldungen über die Zahl der ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer, kombiniert mit Informationen über das Verhalten des deutschen Innenministeriums gegenüber Griechenlands Umgang mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen. Griechenland wurde von den Deutschen dazu angetrieben, die aus der Türkei kommenden Flüchtlinge abzuhalten, die wegen dieser Politik den viel gefährlicheren Weg über das Mittelmeer suchen. 2011 sollen ungefähr 1500 Menschen im Mittelmeer ertrunken sein. Die wenigsten von ihnen wohl als von Haien geplagte Urlauber_innen.

Dazu kamen Debatten um die sogenannte ‚Flüchtlingsunterkunft‘ auf dem neuen Flughafen Berlin Schönefeld, das Flüchtlings-Protest Camp auf dem Berliner Oranienplatz und die Diskussion um Rassismus und Critical Whiteness im Umfeld des Blogs Mädchenmannschaft.

Bei all dem konnte ich nicht sicher sein, dass Slogans wie ‚Der Staat ist notwendig rassistich‘, ‚Rassismus tötet‘, ‚Ich bin weiß positioniert‘ und sogar ‚Grenzen auf für alle‘ meiner Vorstellung vom eigentlichen Problem nahe kommen. Daraufhin habe ich noch einmal recherchiert: Von den Informationen auf proAsyl.de über Asylverfahren in Deutschland, die Residenzpflicht, das Alysbewerberleistungsgesetz und die Möglichkeiten des Protests dagegen, über antirassistische Blogs, verschiedene Initiativen gegen Abschiebehaft und Abschiebeknäste bis zum in weiten Teilen großartigen Manifest von Kanak Attack.
Ein paar Tage später konnte ich die entscheidenden Gedanken formulieren.

Ich weiß immer noch nicht, was Rassismus ‚ist‘. Bin ich rassistisch? Natürlich. Rassismus macht sich bei gut erzogenen, gebildeten Weißen vor allem bemerkbar, wenn auf dem Gehweg eine farbige Person ein paar Sekunden länger oder kürzer angeblickt wird als üblich. Wenn ihr Gesicht etwas scheuer und aufmerksamer gemustert wird, wenn die Freude über ihren Anblick einen Tick stärker oder die Unlust auf die Begegnung ein Quentchen größer ist als in Begegnungen mit Weißen. All solche Dinge geschehen völlig unabhängig vom Verhalten des Gegenübers, das in jeder Begegnung natürlich auch eine Rolle spielt und das den alltäglichen Rassismus verzerren kann. Es kann ihn entkräften, ihn bestärken, ihn mit Gründen ausstatten oder einfach von ihm ablenken. Jeder Human of Color verhält sich für sich selbst verantwortlich auf die eine oder andere Weise, doch das ist nicht das zentrale Thema einer Beschreibung des weißen Rassismus. Von dem ich mich nicht frei sprechen kann.

Ich zweifle jedoch an den allzu offensichtlich selbstbezichtigenden Statements der kritischen Weißen, die davon ausgehen, dass der Rassismus rational wegreflektiert werden könne. Man solle seine ‚Privilegien reflektieren‘. Doch was ist das Ziel dieser Reflexion, ihr Ort? Schnell taucht die Frage auf: Von wem sollen die Privilegierten sich denn abgrenzen und mit wem verbünden? Gegen sich selbst, solidarisch mit den Unterdrückten? So vernünftig und geradezu Kantianisch (gegen die eigenen Triebe und Affekte im Sinne dessen handeln, was alle wollen können) diese Forderung daher kommt, sie kann kaum Bindungskraft erzeugen. Wie schnell werden (nach allem, was ich weiß) aus Entwicklungshelfer_innen Kolonisator_innen, aus antideutschen Deutschen veritable Rassisten, aus bewegten Männern Frauen und Schwule hassende Mythopoeten? Meist dauern solche Prozesse 5-10 Jahre. Mehr braucht es nicht für ein neues und gleichzeitig altes Feindbild.

Ich will auch nicht in das Mantra einer möglichen, anti-kritischen Argumentation einstimmen, das darauf beharrt, dass sich Gefühle von Fremdheit und Vertrautheit nun einmal an bestimmten Zeichen anhaften müssen, also warum nur an religiöser Kleidung und religiösen oder weltanschaulichen Symbolen, an Assessoirs oder Verhaltensweisen, warum nicht an der Hautfarbe? Erst mit diesen Gefühlen könne dann echte Diversität gelebt werden, die Grenzen des Fremden verflüssigt und der Möglichkeitsraum von Tolaranz und Pluralität erprobt werden. Ja, warum nicht?

Doch da bleibt ein Kern im Rassismus, der von allen diesen Theoremen und Diskussionen nur selten auch nur gestreift wird, und das ist eine spezielle Form der Aufmerksamkeit, die Weiße den Nicht-Weißen widmen. In Sorge um das eigene Selbst, die eigenen Grenzen, deren Festigeit und vor allem beruhend auf dem speziellen Wissen, dass Weiße sich nicht an Schwarze binden können, erwächst für die Nicht-Weißen zunächst der Status zu beobachtender Objekte und dann ihre Entwertung oder Degradierung, wenn nicht gleich zum Nicht-Menschlichen, so doch zum Ganz-Anders-Menschlichen.
Solches Wissen kann natürlich durch neue Erfahrungen und Gewohnheiten entkräftet werden, durch Kontakte, Bekanntschaften, Freundschaften und Liebschaften. Es gilt auch, dass die im Rassismus unerwartete Stimme der People of Color dieses Wissen zumindest von außen in Frage stellt. Ja, Kanaken können sprechen! Sie sind dabei weder verpflichtet, so zu sprechen, dass es den Weißen gefällt, noch deren Referenzrahmen zu benutzen. Wenn sie sprechen, gerät das weiße Wissen in Bewegung, zumindest wenn es sich irgendwie bewegen lässt. Vielleicht werden doch Bindungen möglich, die der Rassismus hemmt.

Hier stehen wir jedoch nicht am Ende der Fahnenstange. Es gibt etwas im Rassismus, was auch über ihn hinaus reicht. Im Rassismus steckt ja das Unvermögen, die Perspektive zu wechseln, die Situation, geschweige denn die Probleme oder das Leid der anderen wahrzunehmen und ebenso empfindsam wie verantwortlich zu reagieren. Wie geht es es eigentlich den Flüchtlingen (die wohl eher selten weiß sind), die in Deutschland nur geduldet sind und von Unterhaltszahlungen in Sachform leben müssen, in den Abschiebeknästen oder ohne gültige Papiere der Willkür von letztlich jeder/m ausgesetzt, der ihnen begegnet? Wie geht eine Flucht und eine Einreise über das Mittelmeer, wie sind die Schieber und Menschenhändler? Ein Bundesinnenminister kann ohne mit der Wimper zu zucken die Sinti und Roma aus Serbien des Asylmissbrauchs bezichtigen und die Kürzung der Unterhaltszahlungen fordern, während in Berlin das Mahnmal für die von den Deutschen während des Nationalsozialismus ermordeten Siniti und Roma unter salbungsvollen Reden eingeweiht wird. Usw.

Blindheit für das Schicksal anderer Menschen (zu denen, wie gesagt, keine Beziehung hergestellt werden kann) lässt viele im Dunklen stehen. Wer interessiert sich für die, die in den Psychiatrien leiden, die 40-jährigen in den Pflegeheimen, für Blinde oder Analphabet_innen? Aber: In kürzester Zeit würde Überforderung und Hilflosigkeit eintreten, wenn ein Mensch sich um all diese Schicksale bemühen wollte. Nicht zufällig beginnt mein Text auch spätestens hier, nach Moral zu duften. Ich meine jedoch gerade nicht, dass sich alle um alle und alles kümmern sollten. Vielmehr möchte ich die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass diese Blindheit, gepaart mit jener (unterstellten) Bindungslosigkeit, zum Usus auch der kritischsten Gesellschaftskritikerin gehört.

Für mich resultieren aus diesen Bemerkungen zwei halbwegs stabile Urteile, nämlich einerseits, dass in der Gesellschaft von viel Leid aus Blindheit und falschem Wissem über andere keine Zufriedenheit aufkommen kann, und andererseits, dass ohne den Blick auf die eigenen Verluste und Schmerzen die der anderen viel leichter verdunkelt werden können.

H. M. Enzensberger, Hammerstein oder Der Eigensinn

Ein Kommentar

Hans Magnus Enzensberger hat in Zusammenarbeit mit Reinhard Müller die Geschichte der Familie von Hammerstein-Equord aufgeschrieben. Materialreich und kurzweilig beschreibt Enzensberger den Weg von Kurt von Hammerstein in die Reichswehr, zur Heeresleitung, über seinen Rücktritt (eingereicht im Dezember 1933) und Rückzug ins Privatleben bis zu seinem Tod 1943. Hat Hammerstein Hitler nun gewollt, akzeptiert, innerlich abgelehnt, nicht leiden gekonnt oder gar bekämpfen wollen? Auch Hammersteins Kinder spielen eine wichtige Rolle, zwei seiner Töchter hatten sich mit (jüdischen) KommunistInnen befreundet und über solche Verbindungen gelangten Nachrichten über Hitlers Pläne früh nach Moskau – wo sie anscheinend ignoriert wurden. Maria Luise von Hammerstein, die älteste Tochter der Eheleute Kurt und Maria, seit 1937 heißt sie von Münchhausen, hat nach dem Krieg ihr Leben als Kommunistin in der DDR verbracht, nicht ohne sich ebenfalls, nach Enzensbergers Worten, im Laufe der Jahre ihren Eigensinn zuzulegen. Seine Söhne engagierten sich später im Widerstand, das heißt sie kannten einige der Verschwörer vom 20. Juli 1944, waren an den Plänen selbst aber nicht beteiligt. Was die Nazis nicht daran gehindert hat, sie nach dem misslungenen Attentat auf Hitler zu verfolgen, sie überlebten mit Glück und einigen Freunden.

Enzensbergers Buch geht über den Eigensinn, über eine eigene Lebenswelt, die zwar Berührungen mit Nationalsozialismus oder Stalinismus nicht vermeiden kann, sich aber immer wieder erfolgreich gegen eine vollständige (politische) Vereinnahmung wehren kann. Was nicht über viele deutsche Lebenswelten bis 1945 – und später, vielleicht bis heute – gesagt werden kann. Enzensberger interessiert sich für diesen Eigensinn, für die Menschen, die ihn hegten und pflegten, seine Verwicklungen mit den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts und sein Driften in den Widerstand.

Warum interessiere ich mich für dieses Buch? Ich habe zu ihm gegriffen und es rasch gelesen, ohne zu wissen, welche Verwicklungen mich erwarten, weil mich der konservative Widerstand gegen den Nazionalsozialismus und das Verhalten der Militärs interessiert. Mich interessiert, warum Leute, die vom NS-System noch am wenigsten gefährdet wurden, Hitler erst verehrten, ihn später aber unbedingt töten wollten; warum Konservative den Aufbau der BRD so reibungslos mitgetragen haben, während Linke aller Färbungen skeptisch blieben; ob die politische Rechte in Deutschland eigensinnig, flexibel, duckmäuserisch-autoritär oder einfach machtversessen war und ist. Ich traue diesen Leuten einerseits nicht über den Weg, andererseits geht von ihnen eine meinerseits noch nicht ganz ergründete Faszination aus.

Kurt von Hammerstein gibt in Enzensbergers Buch eigentlich keine schillernde Gestalt ab. Er war ein Militär, war angeblich furchtbar faul, ging gerne auf Jagt, las keine Bücher, interessierte sich nicht für seine Kinder und sprach auch politisch kaum ein deutliches Wort aus. Enzensberger mag das teilweise anders gesehen haben, legt er ihm doch in einem der fiktiven Interviews die Worte in den Mund:

H[ammerstein]: […] Wenn es nach mir gegangen wäre, ich hätte schon im August 32 auf die Nazis schießen lassen! \ E[nzensberger]:Aber Sie haben es nicht getan. \ H: Ich war nicht sicher, ob die Truppe mir folgen würde. (S. 134)

Enzensberger selbst hält sich mit Urteilen zurück, dazu gleich mehr. Mit diesen Sätzen katapultiert er seine Leser_innen ins Zentrum der Problematik. Denn warum hätte man (32) unbedingt auf die Nazis schießen lassen müssen, um den NS zu verhindern? (Unabhängig davon, ob Hammerstein diesen Gedanken tatsächlich hatte.) Warum hängt eine solche Handlung dann wieder an der Folgschaft der Truppe? Zunächst ist der Chef der Heeresleitung natürlich ein Militär und als solcher denkt er in militärischen Kategorien. Politik, die mit Parteien und Öffentlichkeit zu tun hat, steht ihm fern. Jedoch lasten genau aus diesem Grund große Hoffnungen auf seinen Schultern, denn er könnte mit dem Militär im Rücken eine Gegenmacht zur nationalsozialistischen Bewegung aufbauen, könnte Hitlers Aufstieg verhindern oder ihn später stürzen. Dazu sind Parteien und Öffentlichkeit sogar eher hinderlich, schnelles, entschlossenes und wirkungsvolles Handeln ist gefragt. Schießen also. Dabei fällt auch bei Enzensberger unter den Tisch, dass es (1932) gar nicht primär um die Nazis selbst gegangen wäre, sondern darum, alles zu versuchen, dass die anderen Deutschen keine Nazis werden und das Angebot der Volksgemeinschaft weniger willig annehmen. Wie wahrscheinlich ist es daher, dass konservative Militärs die fundiertesten Antifaschisten abgeben?

Diese Frage soll keine Scheinfrage sein. Immerhin, und das deutet Enzensberger via Hammerstein an, sorgte das Militär für persönliche Bindungen und Verbindlichkeiten, die viel älter waren, als der Nationalsozialismus und die Bindungen an sein System konterkarieren konnten. Das stimmt und bildet wohl das wichtigste Motiv der Attentäter vom 20. Juli. Als der Krieg zu verloren gehen und mit der sich abzeichnenden vollständigen Niederlage Deutschlands die Zerschlagung der Wehrmacht/Reichswehr drohte, haben einige Offiziere die rote Linie überschritten und in Hitler ihren Gegner gesehen. Um das Militär und Deutschland zu retten musste der Übeltäter beseitigt werden, so lange er beides zu retten schien, wurde er unterstützt. Das alles sagt noch wenig über die politisch-moralische Haltung der Militärs aus. Die Attentäter – wie wohl alle konservativen Militärs – waren Antidemokraten, Antisemiten, Antiliberale, Antisozialisten, deutsche Nationalisten und sicher nicht selten Großmachtträumer. Sie hatten insofern eine große Schnittmenge mit Hitlers Bewegung. So erklären sich auch die enormen Beschränkungen ihres Widerstandes. Nicht die Zerschlagung der Weimarer Republik, der Umgang mit den politischen Gegnern der Nazis, die Ermordung der Behinderten, die auf Entmenschlichung und Vernichtung zielende Verfolgung der Juden von Anfang an, die ‚Rassegesetze‘ oder die KZs empörten die Militärs. Es war die Hybris von Hitlers Kriegsführung und Deutschlands Untergang, die den Miltärs Sorgen bereitete. In diesem Koordinatenfeld liegt auch Hammersteins Schweigen zu den nationalsozialistischen Verbrechen.

Dieses Schweigen hat es in sich. Sowohl Kurt von Hammerstein, als auch seine Söhne und seine zum Teil kommunistisch orientierten Töchter haben sich kaum oder wenig zu ihrer Geschichte geäußert. Enzensberger ist nicht zufällig auf fiktive Interviews angewiesen. Dabei gäbe es viel zu erzählen. Vielleicht nicht gerade von Kurts Jagdausritten, aber aus dem japanischen Exil seiner Tochter Maria Therese oder von den Verwicklungen mit den Geheimdienstapparaten von KPD und SU, in die Helga von Hammerstein sich begab. Einzig Ruth von Mayenburg, eine Kommunistin, die keinen Wert auf ihre adelige Herkunft legte, hat auch nach dem Krieg ihre Hingabe an den real existierenden Kommmunismus sowie die Verbrechen des Stalinismus offen gelegt. Sie wird von Enzensberger als gesprächsinteressierte Ausnahme dargestellt. (Vgl. S. 252-258) Sie war eine Freundin Kurt von Hammesteins, aber nicht Teil der Familie.

In der Glosse „Das Schweigen der Hammersteins“ (S. 340-343) versucht Enzensberger, diesem Schweigen näher zu kommen. Weder das Schweigen als preußische Tugend, noch das von Diktaturen erzwungene Schweigen scheinen ihm das der Hammersteins zu bilden und zu erklären. Natürlich wird das „Unliebsame“ lieber beschwiegen, als offen beredet. Aber warum? Hildur Zorn, die jüngste Tochter Hammersteins, sagt das Ihre dazu.

Aber es bleibt der Zweifel, ob die Nachgeborenen über genügend Vorstellungskraft verfügen, um dem, was vor vielen Jahrzehnten geschah, gerecht zu werden. ‚Das können die Heutigen sowieso nicht mehr verstehen, weil sie glauben, sie wüßten, wo es langgeht‘, sagt Hildur Zorn in ihrer trockenen Art. (S. 341)

Diese Verständnisbarrieren dienen nur als Vorwand, so könnte eingewendet werden. Schließlich kann niemand andere Menschen in ihrer Situation vollständig verstehen, aber sehr viele versuchen es doch immer wieder, und nicht ohne Erfolg. Arrogantes Abwinken nach dem Motto, ‚ihr könnt mich sowieso nicht verstehen‘ gebrauchen Leute, die etwas zu verbergen haben. Das mag sein, bleibt die Frage, was hier verborgen wird. Laut Enzensberger: Prüfungen und schwere Entscheidungen, die das ganze Leben prägen. Wie sich auf die Kommunisten einzulassen, dabei den Geliebten zu verlieren, weil er von den Stalinisten angeklagt, verurteilt und hingerichtet wird; wie die Verschwörer vom 20. Juli zu kennen, nach dem Attentatsversuch zu fliehen, dabei in Angst vor Folter und Erschießung zu schweben und schließlich knapp zu überleben. Jedoch schreibt Maria, dieses Mal die Ehefrau von Hammerstein, „[u]nser Itineraire gehört der Vergangenheit an und braucht nicht mehr erwähnt zu werden.“ Enzenzsberger weiter: „Die Entscheidungen jedes einzelnen wurden nicht in Frage gestellt, sondern akzeptiert, auch dann, wenn sie […] schwer verständlich waren oder politische Gefahren mit sich brachten. Begründungen werden nicht verlangt und nicht gegeben. Hildur Zorn sagt: ‚Warum sollten sie ihr Leben erklären?'“ (S. 342)

Ich denke, hier liegt der Schlüssel. Nicht in Kurt von Hammersteins Großzügigkeit oder hoher Intelligenz (die sich in Schweigen geäußert haben?). Es gibt eine Form der Renitenz und der Eigensinnigkeit, die in der Forderung des Verzichts auf Rechtfertigung gründet. Mit dieser Renitenz kann man im Grunde jeder Forderung widerstehen, die aus einer anderen Lebenswelt stammt. Sie bildet auch den Hintergrund der Enzensbergerischen Zurückhaltung im moralischen oder politischen Urteil. Urteile über das Verhalten der Hammersteins aus einer Perspektive der gegenwärtigen Erfahrungen und Erwartungen (wie von Zivilcourage) verbieten sich praktisch von selbst, wenn diese Begründungsverweigerung konsequent durchgehalten wird. ‚Ihr versteht uns nicht, wir verstehen euch nicht; lassen wir uns also mit Urteilen in Ruhe‘, das ist Tolaranz mit abgewendetem Blick. Wie konservativ ist diese Haltung, wie nützlich, welche Gefahren birgt sie?

Es scheint mir hilfreich, diesen Komplex in drei Aspekte zu differenzieren.

  1. Dass es Lebenswelten gibt, die aus anderen Lebenswelten heraus schlecht verstanden werden können, mag es häufig geben. Aber mindestens genauso häufig wird in der Forderung der Enthaltung vom gegenseitigen Verstehen nur eine Selbstlüge laut. Als wären die Hammersteins nicht in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen – oder den stalinistischen Kommunismus -, alleine weil sie dort gelebt haben, gearbeitet haben, die Söhne waren zum Teil Soldaten. Die Hammersteins haben die Welt der Nazis, das NS-Deutschland wahrnehmen und auch in all seinen verbrecherischen Dimensionen verstehen können. Schließlich beteiligt sich auch meine, die Enkelgeneration, an der Abschottung Europas nach außen, am eigentlich gar nicht so neuen Kapitalismus und am alltäglichen Sexismus. Schließlich hat auch Enzensberger wohl nur wenige Mühen gescheut, die Hammersteins zu verstehen, was ihm auch nicht allzu schlecht gelungen ist. Bei vorschnellem und mechanischem Beharren auf einem Standpunkt ganz außen, jenseits des Verständlichen, bleibe ich skeptisch.
  2. Einserseits wirkt aus heutiger Sicht Kurt von Hammerstein wie ein eingefleischter Antifaschist. Sein Sohn Kunrat versucht noch alles, damit der Sarg des Generals bei dessen Beerdigung 1943 nicht in eine Hakenkreuzfahne gehüllt wird (vgl. S. 267f). Andererseits tritt eben dieser Sohn bei dieser Beerdigung in Wehrmachtsuniform auf (Foto S. 269). Beides erschien wohl innerhalb dieser Familie als völlig selbstverständlich und eben nicht hinterfragbar. Die Bindungen der männlichen Hammersteins an das deutsche Militär mögen eine vollständige Hingabe an den Nationalsozialismus sogar behindert haben, im Falle des Niedergangs des Militärs sogar Widerstand ausgelöst haben, sie haben aber eben keine politische Opposition ausgelöst. Immer wieder bekommt man aus den Kreisen des militärischen Widerstandes zu hören, dass die deutschen Offiziere den Nazis moralisch haushoch überlegen gewesen seien. Diese Offiziere werden gerne wegen ihres Charakters, ihrer Standfestigkeit und Integrität gelobt, während aus den Nationalsozialisten windige, unstete und oft lächerliche Gauner werden. Wer muss da nicht an antisemitische Vorurteile denken. Der deutsche Offizier wird so zum ersten und gemeinsten Opfer der mit antisemitischen Bildern belegten NS-Führung. So weit ein möglicher Abscheu mancher, gewiss sehr weniger Militärs den Nazis gegenüber ehrlich war, wurde er aus Motiven gespeist, die heute mehr als zweifelhaft erscheinen. Aus den Nazis wird Pöbel, werden Gauner und Betrüger, werden Utopisten, Schwärmer und unstete Naturen. Auch den so ehrenhaften Militärs sollte nicht entgangen sein, dass viele Nationalsozialisten nicht so verrückt waren, wie Hitler, Streicher oder viele der völlig unfähigen Minister. Viele waren ordentliche, deutsche Bürokraten, normale Mütter oder Väter, hielten sich von Ganoven fern, waren fleißig, pflichtbewusst und auf Sauberkeit bedacht. Auch und gerade bei der Judenvernichtung, diesem doch arg schmutzigen Geschäft. Hier kann ich mich des Urteils nicht enthalten: Auch wenn einige deutsche Offiziere nicht bei jeder Gelegenheit ‚Sieg Heil!‘ schrieen, sie haben die Verbrechen ähnlich gründlich in ihrem moralischen Haushalt zu Pflicht und Anständigkeit geformt und sie genau so ohne Skrupel vollendet, wie die von ihnen bespöttelten Nazis.
  3. Doch und gerade weil wir das alles schon gewusst haben, was ist interessant am Hammersteinschen Schweigen? Es bleibt nicht nur möglich, dass Kunrat von Hammerstein die Ermordung der Juden nicht nur nicht unterstützt hat, sondern auch mit Abscheu beobachtet hat. Wie es immer möglich bleibt, dass Einzelne sich ihre Menschlichkeit bewahren, auch wenn die Angebote der Unmenschlichkeit immer zahlreicher und einfacher anzunehmen sind. Nach meinem Eindruck steckt in dem Schweigen der Hammerteins, ihrem Eigensinn, tatsächlich etwas Faszinierendes. Einerseits entlastet die Verweigerung der steten Erklärbarkeit des eigenen Lebens individuell ganz außerordentlich in einer Kultur, in der alles erklär- und begründbar gehalten werden muss, andererseits gibt es hier noch eine Variante des Politischen zu entdecken, die ganz neue Möglichkeiten von Widerstand, Kritik und revolutionärer Haltung bietet, als sie bislang üblich sind. Vielleicht gelang es den Hammersteins, sich auf eine besondere Weise dem Nationalsozialismus zu entziehen, weil sie eben nicht Verfolgte waren. Sie standen nicht wie die Juden, die Sozialdemokraten, Kommunisten, Intellektuellen oder Homosexuellen von Beginn an in einer mehr oder minder unfreiwilligen Gegnerschaft zum NS-System. Wenn man weniger Blasses sagen will, als sie hätten sich geweigert und entzogen, kann betont werden, dass sie sich dem Sog der Erklärung entzogen und auf ihr Leben, ihre Entscheidungen und ihre Wegen beharrt haben. Eine solche Haltung kann Verfolgten oder irgendwie Gehassten, Erniedrigten und Verletzten nicht ohne Weiteres empfohlen, kann aber jenen Privilegierten und nicht Stigmatisierten als Reaktionsoption auf Stigmatisierte und Entrechtete nahe gelegt werden. Diese erhalten dadurch das eigensinnige Recht, sich nicht stets für ihr Leben und ihre Lebensform rechtfertigen zu müssen. Das soll kein Freifahrtsschein für beispielsweise häusliche Gewalt in ‚fremden Kulturen‘ (was immer das sein mag) abgeben. Dieses Recht hängt vielmehr an der Überlegung, dass aus Lebensformen Bindungen entstehen, die aus der Perspektive einer Kultur des ubiquitären Rechtfertigungszwangs als nicht kontrollierbar oder gar als ungerecht erscheinen. Ich halte es jedoch für unrealistisch, dass sich alle Bindungen aus Lebensformen zerreiben lassen oder dass sich umgekehrt eines schönen Tages alle Menschen ausschließlich an rationale Einsichten binden. Der Eigensinn kann sogar utopische Gegenwelten und Gegenöffentlichkeiten bilden, gewissermaßen Revolutionen auf Probe.

Diese Bemerkungen kommen nicht ohne zweifelnde Fragen aus. War nicht die nationalsozialistische Volksgemeinschaft eben ein solches Probjekt der irrationalen (Ver)Bindungen? Haben nicht die Hammersteins und generell Konservative deshalb mehr mit dem NS-System gemeinsam als beispielsweise überzeugte Liberale? Verbirgt sich hinter diesem eigensinnigen Recht nicht geschickt das Verbrechen? Eine richtige Diskussion dieser Fragen würde einen Artikel von noch einmal dieser Länge erfordern. Daher nur zwei Bemerkungen. Ohne Zweifel wäre es absurd, den Nationalsozialismus als Höhepunkt des Goliath Aufklärung zu kennzeichnen, den Eigensinn hingegen als Rationalitätszwängen flüchtenden David. Gerade angesichts der vollständig irrationalen NS-Ideologie muss konstatiert werden, dass sich die Nationalsozialisten gegen den modernen Rationalismus gewandt haben. Der Eigensinn beruht jedoch nicht auf schlichter Irrationalität, sondern auf der Beachtung möglicher Begegnungen von verschiedenen Lebensformen und -entwürfen, so weit diese Bindungen erzeugen. Historisch konnte der Eigensinn viele Varianten erzeugen. Die Loge, der Salon, das Caféhaus, der Club, die Kommune, die Selbsthilfegruppe, das besetzte Haus oder der geschützte Raum – und heute? Ein Neonazi-Camp in Mecklenburg-Vorpommern zähle ich gewiss nicht dazu, denn hier wird nach meiner Vermutung die Vernichtung der anderen geübt und werden ihre Fähigkeiten zur Bindung geleugnet.

Gender, Verstehen und ein Recht auf Eigenwilligkeit

Vor ein paar Wochen habe ich versucht, meine Gedanken zu Gender und Männlichkeiten etwas zu ordnen. Es gelang mit nicht recht und ich gebe es jetzt auf, hier eine breite Theoriereflexion anzubieten. Statt dessen habe ich zwei Gedanken aufgeschrieben, die vielleicht am ehesten als meine Fragen (in Auswahl) zu charakterisieren wären. Ich freue mich über kreative Kommentare.

1. Einerseits versuchen linke Genderkritiker_innen zu Recht, das Geschlecht zu zerstören (Your Gender: male?, female?, fuck you!), denn wer genderd in dieser Welt? Die Männer. Sie geben Frauen ein Geschlecht und generieren (sowie rechtfertigen) auf diese Weise eine ganze Reihe von Unterdrückungs- und Kontrollmechanismen. Männer haben das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit erfunden, um Frauen von sich abhängig zu machen, denn Gender hängt nicht an der Zahl ‚Zwei‘, sondern an der Angewiesenheit der reproduzierenden Frauen auf die Lebensmittel beschaffenden und im öffentlichen Verkehr stehenden Männer. Aber: Männer mögen Frauen, Homo-, Trans- und Intersexuellen ein Geschlecht geben, sich selbst geben sie es nicht. Die Zerstörung des Konzepts Geschlecht wenden Männer konsequent auf sich an, sie begreifen und fühlen sich als vollkommene, befähigte und unabhängige Wesen. Den Preis dafür zahlen alle, die unfähiger und abhängiger als die Männer erscheinen (und sich selbst so kennen lernen), diejenigen mit den Eigenschaften schwächer, dümmer, weniger verständig und weniger kämpferisch. Ich werde den Verdacht nicht los, dass auch bei der Zerstörung des Geschlechts das Geschlecht immer mitgeschleift wird; aus dem Unbewussten (und sei es als Schimmer der Vergangenheit) wieder auftaucht, in Form von renitenten Elementen der Gesellschaft, die ihr Geschlecht nicht ablegen wollen, oder anstelle der Unterscheidung von Mir und Dir als Unterschied im Individuum selbst, nämlich als Unterschied zwischen dem ganzen bzw. perfekten und dem unvollständigen bzw. bedürftigen Menschen.

2. Eine ganz andere Schwierigkeit taucht auf, wenn ich versuche, andere zu verstehen. Vielleicht auch das Andere. Ob Männer Frauen verstehen wollen, Nicht-Jüd_innen die Jüd_innen, weiße nicht-weiße oder heterosexuelle nicht-heterosexuelle und homosexuelle Menschen; die Sache bleibt ambivalent. Wie schon Verena Stefan in ihrem Buch „Häutungen“ die Protagonistin sich fragen lässt, warum ihr Freund nie ein feministisches Buch auch nur ansehen würde, liegt darin auch der Vorwurf, Männer interessieren sich eben nicht für die Welt der Frauen. Für ihre Wahrnehmung, ihr Erleben und ihre Sicht auf sich selbst und auf sie, die Männer. Diese Ignoranz gehört zum (linken) patriarchalen Komplex, zum Glaube, die Frauen könnten keine Meinung von Gewicht haben und keine interessanten Themen aufbringen. Daher dient das Verstehen der anderen Seite, fest gezimmerte Grenzen zu überschreiten und Machtgefüge ins Wanken zu bringen. Wird diesem Ansatz unterstellt, ‚die andere Seite‘ würde durch die Behauptung dieser Grenze erst essentialisiert und auf diese Weise eine Praxis der Herstellung der Andersheit vollzogen, dann halte ich das für vorschnell. Denn die Forderung der Frauen an die Männer, sich einmal mit ihnen und dem Feminismus zu beschäftigen, rührt keineswegs aus dem Impuls, Frau sein zu dürfen und bleiben zu wollen. Was immer das heißen sollte. Auch Verena Stefan betont in einem neueren Interview, dass sie nicht Frau, sondern Mensch sein will und wollte, also Nachts alleine spazieren gehen oder alleine reisen.

Das Problem liegt im Geheimnis der anderen und im Versuch, jedes Geheimnis zu lüften, also der männlichen Art zu forschen. Ich muss dabei nicht nur an Donna Haraways wunderbaren Artikel „Teddy Bear Patriary“ (Nicholas Dirks, Geoff Eley, Sherry Ortner (Eds.), Culture / Power / History, 1994, S. 49-95) denken. Haraway analysiert dort, wie Männer die Kreaturen, für die sie sich interessieren (in diesem Fall Gorrilas), erlegen und ausstopfen müssen, um sie erforschen zu können.

Ich denke auch an einen kurzen Wortwechsel mit meiner Freundin. Auf meinem Schreibtisch lag „Der gemachte Mann“ von R. Connell. Mit Blick auf dieses Buch sagte sie, sie würde es gerne lesen, worauf ich antwortete, das ginge sie gar nichts an. Sie dazu sinngemäß: ‚Da kannst du mal sehen, wie unangenehm es ist, immer so beforscht und präsentiert zu werden.‘ Das hat mich auf einen Gedanken gebracht. Die Veröffentlichung von letztlich sehr intimen Gefühlswelten, gerade wenn es um Unterdrückung und Entwürdigung geht, hat ihre notwendigen Seiten. Wie gesagt, Ignoranz gegenüber den Opfern, den weniger Privilegierten gehört oft zum System der Unterdrückung. Also sollten sich gerade Privilegierte mit der anderen Seite beschäftigen. Aber diese Veröffentlichung macht auch doppelt verletzlich. Ich meine gar nicht so sehr all der Spam und Shitstorm, der als Reaktion folgen kann. Auch wenn ich versuche, die Geschichte und Sichtweise der anderen sehr verantwortungsvoll wahrzunehmen (Eine Handlungsanweisung dazu findet sich hier), wird garantiert etwas davon ‚auf dem Weg zu mir‘ verloren gehen, von mir umgedeutet werden, abgeschwächt oder aufgewertet, jedenfalls anders als gemeint ankommen. Diesem Risiko müssten Männer sich erst Mal aussetzen können, daher meine Reaktion auf den Wunsch einer Frau, „Der gemachte Mann“ lesen zu wollen. (‚Um Gottes Willen, kann ich dann nicht missverstanden werden?‘) Wie viel Correctness und Moral auch immer diesem Risiko entgegen gesetzt wird, es lässt sich, glaube ich, nicht auflösen. Selbstverständlich muss ich die andere Seite ernst nehmen, also ernst bleiben und versuchen, nicht auszuweichen. Aber das gibt keine vollständige Sicherheit vor mir, denn mein Blick bleibt immer gefährlich. Ob das der Blick der Privilegierten oder der Blick des Anderen ist, will ich hier nicht entscheiden, bin mir aber sicher, dass sich kein Mensch als frei von ihm rühmen kann. Aus dieser Gefahr wächst (als Rettendes?) zunächst einmal das Recht, etwas nicht erzählen zu müssen, vor allem, nicht alles begründen zu müssen, die eigene Geschichte und das eigene Anliegen nicht wasserdicht machen zu müssen.

Ein solches Recht ähnelte dem Recht auf den Kampf um die eigenen Angelegenheiten, wie es Jenn Frank in ihrem genialen Text I was a Teenage Sexist andeutet.

A lot of my favorite people are rigorous anti-feminists, but in the nicest possible way.

These folks really do treat women as peers – academically, professionally, personally, romantically – and many of these right-headed people shy from any sort of “battle.”

These anti-sexists always turn a polite, blind eye. Why keep picking fights? Diatribes are no fun. Stop whining and buck up, you! If your vagina (or whatever you have there, since not every woman or feminist is privileged to have one) is the worst you can complain about, it’s gonna be one easy ride, sister! Or mister. Whoever. Whomever.

Leute, die so reden, wie Frank erzählt, hören natürlich gar nicht zu, wehren ab, weichen aus. Gerade deswegen gibt es ein Recht, ihnen die Beschwerden nicht begründen zu müssen. Sie sind nämlich mit gemeint, es betrifft sie selbst, und kein rationaler Grund alleine wird ihnen das näher bringen können. Vor allem aber rückt jede Rechtfertigung die Last der Begründung auf die rechtfertigende Seite, eine Last, die die der Entwürdigung noch ergänzen würde.

Ich bin aus solchen Gründen vorsichtig damit geworden, jedes Gespräch und jede Lektüre als Lernvorgang zu sehen. Nach dem Motto, ‚danach weiß ich besser Bescheid über die Lage der Frauen oder die Lage der Frauen in Südindien oder die Situation der überlebenden Jüd_innen nach 1945‘. Es geht dabei nicht um meinen Wissensdurst, wie bei einem Gespräch über Nanoteilchen oder frühgotische Kirchtürme. Wenn es gut läuft, komme ich mit etwas in Berührung, ohne es dabei ergreifen zu können. Keine unknifflige Sache.