Kategorie: Politik

Autoritärer Charakter 2.0

Jetzt muss ich ausnahmsweise mal eine Empörung los werden. Was mich aufregt und nervt, zunehmend seit ich im Social Web unterwegs bin, sind belehrende und zurechtweisende Kommentare oder Diskussionsbeiträge. Ob in Kommentaren zu YouTube-Videos, in Facebook-Threads (immerhin schreiben dort die Facebook-Freund_innen der Facebook-Freund_innen), in Kommentaren zu Blogeinträgen oder gelegentlich auch via Twitter, immer wieder kommen Sätze wie: „Lies erst Mal Buch xy oder Artikel za, dann können wir weiter reden“ oder „Bilde Dich erst Mal ein bisschen, Du hast ja eh keine Ahnung“ oder „beschäftige Dich mal da-und-da-mit“.

Das Wort ‚Shitstorm‘ macht seit längerem die Runde und bezieht sich auf beleidigende und verächtliche Kommentare zu was auch immer eine Person im Internet sagt, also veröffentlicht. Unter dem Mantel der Anonymität kann immer ordentlich drauf los geballert werden. Die Meisten der Leser_innen werden die unterirdischsten Kommentare und Sätze, oft auch noch in schlechter und noch öfter in falscher Sprache geschrieben, kennen, die sich unter YouTube-Videos häufen oder auf <a href=“http://www.hatr.org/“>hatr.org</a&gt; gesammelt werden. Aber diese Art Kommentare meine ich gerade nicht, so schrecklich all der Hass und die verletzenden Worte oft sind.

Was ich meine, kommt gar nicht ausschließlich von den vermeintlich ungebildeten, vor Hass verblendeten Nazis und Männern, die im Internet mal endlich schreiben können, was sie schon so lange fühlen. Was ich meine, kommt von links, von rechts (häufiger), von allen möglichen Beteiligten. Mir fielen die eingangs zitierten Sätze vor allem deswegen auf, weil sie nicht direkt Hass und Gewaltphantasien transportieren, sondern einen gesitteten Anspruch erheben. Mit dem Gestus von ‚Du bist noch nicht reif für meine Einsichten‘ wird eine spezielle Überlegenheit suggeriert, die den (vermeintlichen) Gegner mundtod machen soll.

Eine seriöse Erklärung dieses Phänomens (das, wie gesagt, auch sehr oft in von Linksradikalen gefüllten Threads auftritt) sähe eventuell so aus, dass die Leute die Kürze der im Internet und erst Recht in Kommentarsspalten getätigten Äußerungen übersehen. Das heißt im Klartext, dass diese Leute die fürs Internet notwendige Medienkompetenz nicht besitzen, weil sie spontante Äußerungen auf dem Bildschirm mit geschriebenen Worten verwechseln und jene unnötig wie fälschlich auf die Goldwaage legen. Niemand kann nämlich alles erklären und korrekt referenzieren, was in in 140-250 Zeichen geschrieben wird.

Mir persönlich ist jedoch die Medienkompetenz dieser Leute herzlich egal, die sollen mich (und andere) einfach nur in Ruhe lassen. Mal etwas schnell und flapsig hinschreiben lassen. Mal etwas ausprobieren lassen. Bitte. Danke.

Last but not least denke ich, dass es nicht nur um Verwechslungen und Kompetenzmängel geht. Worin besteht der positive Effekt von Äußerungen wie, „ließ erst mal <i>das</i> Buch, dann reden wir weiter“? Vielleicht gewinnt eine Person durch Nennung von Titel und AutorIn Autorität. Das gilt aber nicht sicher, denn vielleicht kennt das (anonyme) Gegenüber dieses Buch gar nicht oder findet es schlecht. Vielleicht kennt sich das Gegenüber sogar sehr gut mit einem Thema aus und die die wertvollen Bildungshinweise gebende Person hat gar nichts gewonnen. Es geht wahrscheinlich ohnehin kaum ums Gegenüber, darum, bei ihr oder ihm Autorität zu erlangen. Es handelt sich um ein Manöver, das das Gegenüber, aber auch das eigene Ich, durch die Praxis des Hinweises auf ein Drittes von sich fern hält und auf diese Weise die Autorität dieses Dritten über einen selbst aufrecht erhält. Natürlich kann es sich dabei um etwas anderes, als das konkret genannte Buch handeln, wenn beispielsweise mit Norman Finkelsteins ‚Holocaust-Industrie‘ nur der Gedanke geschützt wird, etwas stimme mit dem Gedenken an den Holocaust nicht. Der wiederum nur einen selbst vor diesem Gedenken schützt, das (für diese Person) einfach nicht auszuhalten ist.

Auf diesem Weg komme ich dann doch zurück zu einer Erweiterung der seriösen Erklärung des Phänomens <i>Belehrung 2.0</i>. Viele der kurzen und spontenen Äußerungen im Internet sind Null und Nichtig. Aber nicht selten berührt eine solche Äußerung doch die eigene Persönlichkeit: Überzeugungen, Gedanken, Gefühle, Sinnhorizonte, deren Beziehungen untereinander usw. Das führt insofern sogar leicht zu einer kleinen Krise, als dass sich im Web 2.0 Menschen aus völlig unterschiedlichen Milieus, Gruppen und Klassen sehr leicht treffen können. Viele, mich eingeschlossen, sind auf solche Krisen nicht vorbereitet. Ich halte mich dann oft raus, wenn es mir zu gruselig wird. Andere reagieren aggressiver auf die Berührung der eigenen Person, und die autoritäre Variante der abwehrenden Reaktionen ist eben die Belehrung.

Die Zahl der vielen, vielen ultraschrägen und selbst aggressiven Typen im Internet erleichtert es nicht gerade, sich berühren zu lassen, zu wissen (oder gar zu sagen), hier bin ich verletztlich, aber ich versuche es trotzdem mal, mich auszutauschen. Touché. Aber dieses Belehren nervt doch auch erheblich.

Andreas Kemper, [r]echte Kerle

I.

Schon im Mai 2011 hat Andreas Kemper im Unrast Verlag aus Münster seinen Text zur antifeministischen Männerrechtsbewegung veröffentlicht: [r]echte Kerle, zur Kumpanei der MännerRECHTSbewegung. Kemper beschreibt in seinem Buch die Entstehung der sogenannten Männer/Rechtsbewegung aus der Perspektive alternativer Männlichkeiten, wie sie in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in der BRD erprobt wurden.

Zwar tauchten schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts erste von Männern verfasste antifeministische Streitschriften auf, an Fahrt gewannen diese Ideologien, so Kemper, allerdings erst in den 80er und 90er Jahren. Wie geschah das? Angesichts der zweiten Frauenbewegung oder des Feminismus der 2. Generation sowie der damaligen Schwulenbewegung entstanden um und nach 1973 auch erste, selbstkritische Männergruppen, in denen die linken Männer versuchten, ihre sexistischen Verhaltensweisen zu reflektieren und zu ändern. Dazu gehörte das Umfeld der Kommunebewegung, besetzten Häuser, Wohnprojekte und vielleicht auch der sogenannten Studentenbewegung. Eben in ausschließlich männlicher Form. Kemper grenzt von diesen alternativen Männern die bürgerlichen Männer ab, mit denen die Alternativen im Lauf der Jahre immer mehr in Berührung gerieten. Von den bürgerlichen, praktisch traditionellen Männern gingen die Impulse zur Wiederentdeckung der „natürlichen Männlichkeit“, des „wilden Mannes“ (S. 30-33) – in etwa, ‚der Mann muss penetrieren‘ – und schließlich der Figur des vom Feminismus geknechteten Vater und Mannes aus. Neben eher allgemeinen Festellungen wie: „Die Bürgerliche Männerbewegung institutionalisierte und entpolitisierte sich zusehends.“ (S. 28), bietet Kemper auch einen Einblick in den Hintergrund dieser Entwicklungen. Entpolitisierung der Männerbewegung hieß, „es ging nicht mehr um »Gegengesellschaft«, sondern um »Rollenfindung«, darum, Wege aus der »Identitätskrise« zu finden. Der heterosexuell orientierte Mann als patriarchales Konstrukt wurde von der bürgerlichen Männerbeweung kaum noch in Frage gestellt: »Annäherungsversuche und Intimitätsaustausch (nicht mit homosexuellen Beziehungen zu verwechseln) sind soziale Fähigkeiten, die Männer in der Regeln nicht gelernt, aber bitter nötig haben, wollen sie ihre Rollenkrise angehen und bewältigen.«“ (S. 25, mit einem Zitat aus Rodrigo Jokisch, Mann-Sein, Reinbek bei Hamburg 1983, S. 10.) Die Entpolitisierung der Männerbewegung wurde durch eine Krise der Männlichkeit selbst zumindest begünstigt. Erklärt das die neue, rechte Männerbewegung der sogenannte Maskulinisten (oder selbsternannt: Makulisten)?

Kemper ordent die antifeministische Männerbewegung konsequent in ein links-rechts Schema ein und gewinnt dadurch einen Blick für den umfassende Verachtung anderer, die diese Bewegung ausdrückt und antreibt. In den von ihm beschriebenen Publikationen, Vereinen und Internetforen (zum Beispiel MANNdat, Agens e.V., Väteraufbruch für Kinder e.V., Piraten-Männer AG und das Forum „Wieviel Gleichberechtigung verträgt das Land“) werden nicht nur misogyne und homophobe Töne laut, sondern auch rassistische, antisemitische oder schlichtweg rechtradikale. Das reicht bis zu Gewalt- und Mordphantasien. Obwohl Kemper in dieser Hinsicht viele ebenso verstörende wie erhellende Zitate zusammen trägt (S. 52-63), entgeht ihm durch die links-rechts Orientierung, dass es diesen Männer doch um ihre Männlichkeit geht.

II.

Besonders angesichts der phantasierten Gewalt in den Äußerungen der Maskulinisten, aber auch schon angesichts ihrer diffamierenden Äußerungen über Frauen, Schwule, über ‚lila Pudel‘ (gemeint sind profeministische Männer) oder Angestellte in Frauenhäusern muss die Gefährlichkeit dieser Äußerungen, ihre verletzende Wirkung und die Gefährlichkeit der sie tätigenden Personen Beachtung und Gegenwehr finden. Dennoch bleiben extrem gewaltverherrlichende und rechtsradikale Positionen der antifeministischen Männerbewegung ohne breite Akzeptanz, besonders wenn sie von diesen Männern für diese Männer artikuliert werden. Also von Forumsteilnehmer zu lobendem und beifällig ergänzendem Forumsteilnehmer.

Anders sieht die Lage aus, wenn es um angeblich oder tatsächlich ins Schwanken geratene Männlichkeiten geht. Ich will einen Aspekt (traditioneller) Männlichkeiten herausgreifen. Wie Andreas Kemper, Thomas Gesterkamp in seiner Studie „Geschlechterkampf von Rechts“ und neuerdings auch Hinrich Rosenbrock in „Die antifeministische Männerrechtsbewegung“ betonen, gelangen antifeministische und promaskulinistische Positionen immer stärker in den medialen Mainstream. Dabei erklärt die Nennung einiger Redakteure beim Spiegl, Deutschlandfunk oder bei der FAZ nichts, außer dass dort eben auch männerrechtsbewegte Männer sitzen. Eines der beliebtensten maskulinistischen Themen dieser Medien sind die Väterrechte. So erschien anlässlich der am 04. Juli 2012 vom Bundeskabinett beschlossenen Sorgerechtsreform am 07. Juli ein Artikel der Autorin Cornelia von Wrangel auf faz.net, in dem der Tenor vorherrscht, die Männer würden im Geschlechterkampf Terrain gut machen und es bürgere sich endlich ein, „der Frau nicht mehr die familiäre Vormachtstellung zu geben.“ (Hatten sie sie denn jemals gehabt?) Das geschähe natürlich vor allem zum Wohle der Kinder. Diese Einwürfe kann ich ohne weitere Hilfsmittel nicht ganz verstehen.

Ich muss kurz ein wenig ausholen. Der Verein „Väteraufbruch für Kinder“ erklärt auf seiner Homepage, dass Kinder unbedingt beide Eltern bräuchten, um psychisch gesund aufzuwachsen. Gemeint sind Frau und Mann als leibliche Eltern, neue PartnerInnen eines Elternteils, Adoptiv- oder Pflegeeltern oder homosexuelle Paare können die vom Verein angedachten erzieherischen Funktionen nicht erfüllen. Fehlt einem Kind der leibliche Vater, so tritt das Syndrom Elternentfremdung (Parental Alienation Syndrome) mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auf. Dieses Syndrom führt im Falle von Trennung der Eltern dazu, dass sich das Kind schlechter oder gar nicht von seiner Mutter lösen könne und auch später bleibende Bindungsstörungen erhalte. Die Funktion des Vaters sei es, dass das Kind lernt, sich von der Mutter zu trennen, und dadurch auch übt, menschlich-persönliche Beziehungen in Balance von Bindung und Ablösung zu pflegen. Etwas ausführlicher erklärt diese These eine Sozialarbeiterin und Mediatorin namens Wera Fischer in einem fiktiven Interview, das auf der Homepage des Vereins „Väteraufbruch für Kinder“ verlinkt ist. Hier eröffnet Fischer den Widerspruch, dass Kinder durch Väter, die sich emotional und praktisch von der Familie fern halten, internalisieren, wie Beziehungen aufrecht erhalten werden können. Die männliche Verweigerung an Kommunikation, Verantwortungsübernahme, Pflege und Beteiligung wird zu einem nicht nur normalen, sondern wichtigem Aspekt an menschlichen Beziehungen apostrophiert. Fischer betont, dass der Vater jene Funktion auch dann ausüben könne, wenn die traditionelle Rollenverteilung gewahrt bleibt: Frau – Familienpflege zu Hause, Mann – Geld für die Familie durch Arbeit aushäusig heranschaffen. Spätestens hier beschleicht eine/n der Verdacht, es könne sich um ganz simple Verteidigungsstrategien traditioneller Geschlechterrollen handeln. In der Tat bleiben die Thesen der VäterrechterInnen fast immer oberflächlich, pauschal und fern aller Lebensrealitäten. Eine ausführliche Widerlegung ihrer psychologischen Modelle lohnt sich nicht, aber die Frage, wozu das alles, schon. Warum wollen Väter das Sorgerecht für ihre Kinder, sollen aber der das väterliche Sorgerecht begründenden Ideologie gemäß ihre Kinder nicht waschen, wickeln, bespaßen, trösten oder in den Schlaf wiegen?

Die Väterrechtsbewegung bildet nicht nur die größte Blase unter den verschiedenen antifeministischen Strömungen (ca. 3000 Personen), sie ist auch anscheinend die einzige bundesweit regionalisierte Bewegung, die viele Gruppen für Väter organisieren, die das Sorgerecht für ihre Kinder aus welchen individuellen Gründen auch immer verloren haben. Die väterrechtliche Ideologie besagt auf der psychologischen Ebene, dass Väter den Kindern Beziehungen ohne Bindungen vorleben (eben das der eigenen Familie fern Bleiben und sich nicht Kümmern) und gerade dadurch die Lösung des Kindes von der Mutter begünstigen. Das wirkt so verblüffend logisch wie traditionell. Aber diese Logik ergibt noch keine individuelle Motivation, sich um das Sorgerecht eines Kindes (erfolglos) zu bemühen und dafür Hilfe bei den väterrechtlichen Gruppen zu suchen. Mir leuchtet der umgekehrte Weg viel mehr ein: ein zunehmend größerer Teil der in Trennung von der Mutter des eigenen Kindes lebenden Männer wollen Kontakt zu eben diesem Kind (oder diesen Kindern). Das Sorgerecht erhielten diese Väter aber dann nicht, wenn die Mutter dem nicht zustimmte (was nun mit dem aktuellen Beschluss des Bundeskabinetts geändert werden soll). Die Väter sehen sich nun als Opfer des Feminismus, nicht als Opfer der traditionell-männlichen Vaterrolle, die der Mutter allein die Sorge um das Kind überließ. Anschließend brauen einige VäterrechtlerInnen eine antifeministisch gerichtete Kindspsychologie zusammen, um den Antifeminismus besser begründen zu können; und nicht zuletzt um Trennungen generell zu verteufeln und im Namen des Kindes (das sich bekanntlich gegen keine Vereinnahmung wehren kann) für ungesund zu erklären.

Hier liegt die Krux. Es bewegt sich etwas in der Väterrolle und damit in einem Aspekt von Männlichkeiten und in der von Kemper erwähnten Identitätskrise von Männern. Wohlgemerkt, das gilt für heterosexuelle Väter eines Kindes (vermutlich auch nur für sogeannte Cis-Männer) – wenn sie sich für dieses Kind auch interessieren. Andere Aspekte habe ich hier ausgeblendet. Einen kleinen Hinweis auf diese Bewegung gibt auch die Zahl der zwischen 1995 und 2010 sich verdoppelten Geburten in nicht-ehelichen Beziehungen (von 15 auf 33% der Geburten). Ein gestiegenes Interesse von Vätern an ihren Kindern kann ich mit Zahlen nicht belegen, das Konzept der involvierten Vaterschaft weist aber in diese Richtung. Die nun zu Tage tretenden, väterlichen Wünsche verbünden sich aber schon angesichts der ersten Hürden mit ihrem Feind, dem Abbild des patriarchalen Mannes, der Opfer angeblicher, weiblicher Übermacht wird. So gesehen drängt sich die Forderung geradzu auf, dass Männer mit Vaterwünschen und Interesse an ihrem Kind diese Interessen nicht nur gegenüber ihren Arbeitgebern und ihren inneren Widerständen aus Karrieredruck Akzeptanz verschaffen sollten, sondern dass sie sich vor allem fragen sollten, was sie daran hindert, sich auf die kümmernde und sorgende Rolle gegenüber Mutter und Kind einzulassen bzw. inwieweit und warum sie glauben, ein eigenständiges und autonomes Leben nur unter der Bedingung führen zu können, dass sich die Frau um das Kind und um sich selbst (als Mutter) kümmert, während sie sich von der Liebe und den Geliebten abgetrennt in Geist, Wissen, Technik oder Methoden des Geldverdienens perfektionieren.

Neues zum Urheberrecht?

Seit Wochen wogt die Debatte um das Urheberrecht auf und ab. Was wichtig und verständlich ist angesichts der Wahlerfolge der Piratenpartei in den letzten Landeswahlen, des neuerlichen Gerichtsurteils aus Hamburg zum Streit GEMA vs. Youtube und der sich durch das Internet und die Digitalisierung rasch wandelnden Konsumkultur im Bereich künstlerischer Produktionen.

Ich möchte versuchen, mit diesem Text meinen Blick auf diese Debatte zu schärfen. Ich kann nicht alle offenen Fragen stellen, gar sie beantworten. Ich gebe auch keine Argumente für oder gegen Interessen, wie die der Urheber_innen, der Verwertungindustrie, der Konsument_innen oder Prosument_innen. Erst kommt etwas Theorie, etwas Analyse, dann einige Hinweise zur aktuellen Debatte als Kern dieses Einwurfs.

Das Urheberrecht basiert auf dem geistigen Eigentum. Geistiges Eigentum taucht als Begriff immer wieder in juristischen Debatten, gelegentlich auch in philosophischen auf. Das Grundgesetz verankert in der Rechtsordnung nur den generellen Eigentumbegriff im Artikel 14. Dort heißt es in Absatz 1: „Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet.“ Ergänzt wird diese Feststellung in Absatz 2: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Die Gewährleistung des Eigentums stellt ein Schutzrecht dar, das den Eigentümer und die Eigentümerin vor Eingriffen von außen schützen soll. Deutlich spricht das das Bürgerliche Gesetzbuch aus. § 903 BGB: „Der Eigentümer einer Sache kann, soweit nicht das Gesetz oder Rechte Dritter entgegenstehen, mit der Sache nach Belieben verfahren und andere von jeder Einwirkung ausschließen.“ Man kann also mit einem Brot, Tisch, Auto oder Schrank als Eigentum tun und lassen was man will. Dem sind allerdings (auch juristisch sogenannte) Schranken gesetzt. ‚Das Nähere regelt ein Gesetz‘, dies gilt gerade für das im Grundgesetz festgestellt Eigentum. Was das genau heißt, hängt von der Sache ab, die als Eigentum angesehen wird. Gebäude, Fahrzeuge, Waffen und auch Kunst- oder Kulturprodukte unterliegen bestimmten Regeln ihrer Herstellung und ihres Gebrauchs. Geistiges Eigentum fällt formal unter den generellen Eigtumsbegriff, geistige Werke als Eigentum unterliegen speziellen Regeln, die eben im Urheberrecht formuliert worden sind.

Vom Eigentum heißt es ja, dass sein Gebrauch der Allgemeinheit dienen soll. So wird ein Gegensatz zwischen individueller Eigentümerin und der Allgmeinheit sowie deren Interessen aufgebaut, der gerade in der Urheberrechtsdebatte eine wichtige Rolle spielt. Im frühesten Urheberrecht der neuzeitlichen Geschichte, dem englischen ‚Statue of Anne‘ von 1710, wird dieser Gegensatz noch eher übertüncht. Weil Buchhändler, Drucker und andere Personen Werke von Autoren ohne deren Einstimmung gedruckt, kopiert und verkauft hätten, hätten sie zu ihrem Nachteil gehandelt und zu ihrem und ihrer Familien Ruin beigetragen heißt es dort. Um dies zu verhindern und „for the Encouragement of Learned Men to Compose and Write useful Books“ soll das unberechtigte Kopieren und Verkaufen von Büchern und ähnlichen Druckwerken verboten werden. Urheber_innen sollen also ihr Auskommen sicher haben können und gleichzeitig (oder als Nebeneffekt, oder als eigentlicher Zweck des Mittels Urheber_inneneinkommenssicherung?) sollen nützliche Bücher geschrieben werden. Damit die Gesellschaft einen kulturellen Schatz entfalten kann.

Mit dem gleichen Recht sollen also zwei verschiedene Ziele erreicht werden. Kreative Menschen sollen Geld für ihre Werke erhalten können. Jede Kopie, ungebilligter Verkauf und jede Nachahmung ist Diebstahl. Gleichzeitig soll die kulturelle Produktion dadurch erst ermöglicht oder zumindest stark erleichtert werden. Werke von Kreativen sollen also einerseits von ihnen selbst oder nur mit ihrer Einwilligung (die von ihren pekuniären Interessen nicht unabhängig sein wird) verkauft und verbreitet werden, wodurch eben eine breite Öffentlichkeit in den Genuss dieser Werke kommt. Das klingt einfach und nach einer Versöhnung von individuellem und allgemeinem Interesse, ist es aber leider nicht.

Da wäre zunächst die Technik. Ich lasse die Patente hier ganz außen vor. Handelt es sich um Bücher, Musikaufnahmen, Filme oder Computerpogramme, sie lassen sich zunehmend leicht kopieren und vervielfältigen. Die technische Erleichterung von Kopien hat den deutschen Gesetzgeber schon in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts dazu gebracht, eine sogenannte Schranke im Urheberrecht einzubauen. Privatkopien von Musik auf Cassetten waren seit dem ohne Einwilligung der Urheber_innen erlaubt. Dafür zahlte man für jeden Tonträger eine pauschale und geringe Abgabe, die die GEMA wieder an die Musiker_innen ausschüttet. Ähnlich funktioniert auch die VG-Wort für Autor_innen aller Couleur. Angesichts der noch viel stärkeren Vereinfachung von Kopie und Verbreitung von digitalisierten Werken kommt nun leicht die Idee auf, dass das Urheberrecht noch einmal neue Schranken erhalten soll. Kopieren, und Filesharing sollen genau so ohne Zustimmung der Urheber_innen erlaubt werden, wie Privatkopien im Zeitalter der MC. Über eine angemessene Entschädigung der Künstler_innen wäre dann auch noch zu sprechen.

Bevor ich aber auf Urheber_innen, Verwertungsgesellschaften, Verwertungsindustrie und Konsument_innen/Prosument_innen zu sprechen komme, noch ein kurzer Ausflug. G. W. F. Hegel hat noch gesagt (§§ 65-70 seiner Rechtsphilosophie), dass das geistige Eigentum einerseits natürlich verkäuflich (‚veräußerlich‘) ist, schließlich nimmt es die Form von Büchern, Bildern, Skulpturen usw. an. (Es sei denn, es handelt sich um Religion, Moral etc. Einstellungen kann man nicht handeln.) Es bliebe aber, so Hegel, ‚allgemein‘ Eigentum der kreativen Person, was vor allem bedeutete, dass sein oder ihr Name mit dem Werk verbunden bleiben müsse. Das ist das Plagiatsverbot. Hegel wusste natürlich auch, dass man mit der Hilfe der Werke anderer eigene Werke schafft und dass das auch erlaubt sein muss. Aber der geistige Wert des Werkes, der Teil der Persönlichkeit an oder in ihm, diese Aspekte lassen sich nicht vom Werk trennen. Inzwischen kann aus sachlichen Gründen an dieser Behauptung gezweifelt werden, vollkommen verkehrt scheint mir aber ihre Inanspruchnahme für das Kopierverbot zu sein. Über Kauf und Verkauf von Werken ist in puncto Plagiat nichts gesagt, die ganze Ökonomie der kulturellen Produktion und besonders das finanzielle Auskommen der Kreativen interessiert Hegel herzlich wenig. Aber eine Verbindung zwischen monetärer und ideeller Wertschätzung der Werke von Künstler_innen lässt sich ohne weiteres auch nicht leugnen. Wie sieht es inzwischen konkret damit aus?

Ich rede nun nicht mehr vom Plagiat. Ich rede von kopieren, teilen, rumschicken, up- und downloaden. Zunächst einmal ist doch die Beobachtung interessant, dass eine Debatte um die Bezahlung kultureller Produkte bzw. ihrer Hersteller_innen so intensiv geführt wird. Es geht hier ja nicht um den Welthunger, Waffenexporte oder Atomkraft. Kulturelle Produkte haben ihren Wert, Leute wollen sie herstellen und sie wollen sie konsumieren. Nur auf ein Wie können sich nicht alle Beteiligten einigen. Dafür sind auch zu viele und vor allem zu verschiedene Player im Spiel. Da sind auf Künstler_innen-Seite Newcomer und Etablierte, die ohne und die mit Vertrag, da sind halbwegs wohlhabende Konsument_innen und solche ohne Geld. Da gibt es Leute, die Batman umsonst sehen wollen und solche, die für indonesische Indipendentfilme gerne ein paar Euro berappen. Nicht zu vergessen sind die Verlage, die Kinos, die Konzertveranstalter, Radiostationen, Bibliotheken, vom Staat bezahlte Wissenschaftler_innen und die Blogger_innen und zahllosen Produzent_innen von Remakes und Remixes. Warum sind sie alle auf ihre Art auf das Urheberrecht fixiert? Für sie alle bedeutet es natürlich etwas Unterschiedliches. Das bedeutet es auch in der Tat. Einerseits schützt es die Eigentümerin und den Eigentümer, es regelt damit den Handel mit geistigen Produkten. Aber es macht viel mehr als einen Schutzwall fürs Eigentum zu bilden. Es regelt auch, was mit dem Eigentum an geistigen Werken passieren darf, wie die Erlaubnis zur Privatkopie. Durch das Digital Rights Management, dessen Aushebelung das Urheberrecht verbietet, kann technisch genau bestimmt werden, auf welchen Geräten welche Kopie wie lange abgespielt und ob sie kopiert werden kann. Hier haben die Verwerter ihre Interessen eingebracht. Die Justiz kann aber nicht jede Kopie, jeden Up- und Download kontrollieren, freilich zum Vorteil derjenigen User oder Konsument_innen, die nicht zahlen wollen oder können.

Die von Hegel noch stark gemachte Verknüpfung zwischen Urheber_in und ihrem oder seinem Werk wird vom Urheberrecht nicht wir durch einen Zaun geschützt. Vielmehr regelt das Urheberrecht (als Basis für Nutzungslizenzen), wie die Werke gebraucht werden können. Es bestimmt dadurch einerseits, wer wann welches Geld für diese Nutzung verlangen kann und andererseits den Zugang zu den Werken selbst. Auf diese Weise bildet das Urheberrecht den Rahmen und die Zielscheibe zugleich für alle Konflikte zwischen der Verwertungsindustrie und den User_innen. Die Urheber_innen hängen wiederum an den Verwertungsfirmen dran und beklagen sich, wenn diese, wie Google/Youtube oder kino.to, ihnen kein Stück von ihrem Kuchen überlassen. Noch ein Beispiel: Wenn Sven Regener in seiner sogenannten ‚Wutrede‚ behauptet, dass die GEMA sie seien, also die Künstler_innen, dann stimmt das insofern nicht, als dass die GEMA keineswegs den Handel mit ihren Werken regelt oder sichert. Die GEMA sorgt auch nicht für angemessene Preise ihrer Werke. Vielmehr schüttet sie Geld aus, dass sie in Form von Pauschalbeträgen für die Erlaubnis zur Privatkopie erhalten hat. Also, juristisch gesprochen, über eine Eigentumsschranke. Daher noch einmal: Das Urheberrecht reguliert den Gebrauch von Werken, nicht primär ihren Handel; es schützt nicht die Urheber_innen als Eigentümer_innen ihrer Werke. Es versucht, allgemein-öffentlichen Zugang zu kulturellen Werken mit ihrer ökonomischen Verwertung vor dem Hintergrund der technischen Möglichkeiten irgendwie und stets unvollständig miteinander in Einklang zu bringen.

In zwei Dingen sind sich alle Beteiligten, zumindest auf dem Niveau des Lippenbekenntnisses, einig. Die Urheber_innen müssen erstens ihr Auskommen erhalten, sie müssen vor ökonomischer Ausbeutung geschützt werden. Zweitens muss die Kulturproduktion angekurbelt werden. Nur die Wege, dies zu erreichen, unterscheiden sich stark. Natürlich kostet die Produktion von Hollywoodfilmen, schon die vom Tatort, viel Geld. Ebenso das Lektorieren, Herstellen, Verbreiten und Bekanntmachen von Romanen, die Produktion von Platten, ja selbst die Modelle der Architekten kosten eine Stange Geld. Von den Bauwerken selbst ganz zu schweigen. Um diese Art der Produktion nicht austrocken zu lassen, braucht es die Verwerter, sprich Verlage und Produktionsfirmen. Sie sorgen auch für Kopierschutz und eben eine anständige Bezahlung der Werke. Es stimmt auch, dass diese Verwerter mitnichten im Sinne der unter ihren Verträgen stehenden Kreativen agieren. Diese treten zum Beispiel in der Filmbranche sogar alle Rechte an ihren Werken ab und bekommen vor allem Geld für Fernsehewiederholungen. Die Verwerter blocken aber auch den kostenfreien Zugang zu vielen Filmen und Platten – und Büchern.

Auf der anderen Seite stehen viele Low- oder Zero-Budget Produktionen, die mit mehr oder weniger Herzblut, dafür aber immer ohne Verkaufsinteressen gemacht worden sind. Dazu gehören unzählige Blogs, Flugblätter, Remixe, Neuuntertitelungen von Filmszenen und mit wackeliger Handykamera gedrehte Kurzvideos. Hier wird ohnehin kopiert und geteilt, was das Zeug hält. Das Filesharing Programm Soulseek wurde zum Beispiel von DJs und DJanes mit dem Zweck gegründet, eigene Tracks auszutauschen. Erst später wurde es zu einer Tauschbörse, in der auch mit viel Geld produzierte Musik hin und her kopiert wurde. (Ob das stimmt und was aus Soulseek inzwischen geworden ist, habe ich nicht überprüft.)

Nach meinem Eindruck gerät die Debatte vor allem dann unnötig ins Trudeln, wenn beide Arten der Kulturproduktion vermengt und dann zusammen aufs Urheberrecht bezogen werden. Denn Kulturproduktionen, die viel Geld kosten und einspielen sollen, wird es auf absehbare Zeit ebenso geben, wie die wesentlich jüngere konsumierende Produktion, die mit Geld nur wenig zu tun hat. Große und größere Filme, aufwendige Musikproduktionen und Literatur brauchen Verlage. Das gilt besonders unter dem Aspekt, dass Publikumsverlage mit dem Verkauf einiger weniger Bücher, nämlich der Bestseller, die Bücher finanzieren, die nicht schlechter sind, aber sich weniger verkaufen. Wie sollten letztere sonst überhaupt erscheinen? Ich kann es ebenso verstehen, dass die an der Produktion von Werken Beteiligten ihr Geld haben wollen, wie dass einige Leute diese Produktionen trotzdem umsonst konsumieren wollen. Das ergibt Konflikte, mit denen Blogger_innen gar nicht in Berührung kommen. Das Urheberrecht ist längst auf dem Weg, hier Lösungen zu finden und zwischen dem Recht auf Lizenzenvergabe seitens der Verwerter, dem Anspruch auf Zugang zu den Werken (besonders seitens der Wissenschaft, wenn es um extrem teurer Fachzeitschriften geht) und, nicht zu vergessen, den Datenschutzrechten der Konsument_innen abzuwägen. Das gleiche Urheberrecht ist zwar auch die Basis für alle Lizensierungsmodelle, die vom Geld nicht berührt sind, wie die Creative Common Lizenzen. Aber die ohnehin unentgeldlich arbeitenden Kreativen sind weiter vom Urheberrecht nicht betroffen, die Kulturproduktion der Prosumenten kann sich frei entfalten, wenn es um Bloggerdebatten, Lyrikportale und andere Lowest Budget Produktionen handelt. Anders gesagt, wer seine Werke nicht verwerten will, kann schon heute darauf verzichten. Für die Grenzfälle, wie Remixe aus den aufwendigen und von Verwertern geleiteten Produktionen, den modernen Collagen, wird man fair-use Regelungen finden.

Ich will auch nicht bestreiten, dass die Verwertung von kulturellen Werken aus der aufwendigen Produktion einem enormen Wandel durch Digitalisierung und neue Konsumkulturen unterliegt. Die Musikindustrie hat wohl die Digitalisierung (zunächst) verschlafen, indem sie auf hohe Preise für Tonträger und aggressive Werbung gegen Raubkopien setzte. Dadurch hat die den Weg der Musik raus aus dem Studio auf die Bühne übersehen. Ähnliches könnte den Publikumsverlagen in der Buchbranche blühen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass das Urheberrecht nicht Urheber_innen und ihre Werke schützt. Vielmehr ist ja in der Diskussion, ob das Urheberrecht auf solche Prozesse regelnd reagieren soll, oder ob es sich zum Schaden der Rechtssicherheit mit fair-use Klauseln aus den Verhandlungen zum angemessenen Gebrauch von leicht digalisierbaren Werken heraushält.

Zwei wichtige Fragen sind aber noch offen geblieben: Was passiert, wenn ideelle und monetäre Wertschätzung von Werken wirklich getrennt werden, wenn das überhaupt möglich ist (a)? Warum sind die sogenannte Netzgemeinde und die Urheberrechtskonservativen an ein und demselben Verständnis von Produktionssteigerung (eben durch Abbau oder Erhalt des Urheberrechts) orientiert)(b)?

ad a) Das Urheberrecht basiert auf dem Begriff des geistigen Eigentums, also auf der Verknüpfung von Urheber_in und ihrem Werk. Ich behaupte nun aber, dass das Urheberrecht diese Verknüpfung nicht (mehr) schützt. Dennoch bestehen Ansprüche an das Urheberrecht, durch anständige Bezahlung von Werken auch den Fleiß, den Mut, die Arbeit, das Herzblut und Engagement usw. der Urheber_innen sicher zu stellen. Die Arbeit in der Kulturproduktion ist teuer und anstrengend und verdient eine entsprechende Wertschätzung. Die Debatte ums Urheberrecht zu einer Debatte um Geld zu machen, ist ein bekannter Schachzug. Ich meine aber, dass wir sie zu einer Debatte um Anerkennung machen müssen. Dazu ein Vorschlag: Aufwendige und teure Produktionen werden ihre Anerkennung immer auch über Geld und über Verkaufszahlen erhalten. Gute Kritiken sprechen zwar ihre eigene Sprache und es kommt sehr oft vor, dass miese Werke oft angeschaut und verkauft werden. Insofern schleichen sich hier Risse und Quetschungen in die Anerkennung ein. Aber die Verquickung von ideeller und monetärer Wertschätzung wird sich in diesen Bereichen (der aufwendigen Produktionen) nicht ohne Weiteres auflösen lassen. Schwierig ist das in den Grenzbereichen, nämlich Werken, die in mühevoller Einzelarbeit entstanden sind, sich aber schlecht verkaufen und die Urheber_innen sich in der Folge durch Kopien beklaut fühlen. In diesen Fällen kann man weder sagen, ‚lasst euch doch auf die Schulter klopfen und es dabei bewenden‘, noch ‚wenn alle Nutzer_innen legal handelten, würden eure Werke weg gehen wie warme Brötchen‘. Vielleicht werden die Urheber_innen in diesen (ziemlich großen) Grenzbereichen von Kunst, Wissenschaft und Essayistik immer mit einem Mangel an Anerkennung leben, vielleicht bietet aber auch die Verbreitung geldloser und kooperativer Kulturproduktion neue Währungen der Anerkennung aus.

Eine weitere Schwierigkeit stellt aber genau diese Low und Zero Budget Kultur dar. ‚Freibiermentalität‘ oder ‚Gratiskultur‘ werden in diesem Bereich geradezu zum Kern der Angelegenheit. Leute produzieren irgendwas, stellen es umsonst zur Verfügung und bisweilen wird nicht nur per organisierter Arbeitsteilung zusammen produziert, sondern auch auf einen Namen, auf eine für das Produkt verantwortliche Person oder Gruppe verzichtet. Street-Art hat es vorgemacht, in vielen Remixes, sogenannten Mash-Ups usw. ist dieses Vorgehen ebenfalls Usus geworden. Dass jemand etwas anderes aus meinem Werk macht ist dann Anerkennung genug, manchmal auch schon die Gewissheit, dass mein Werk oft angesehen wird. Aber müssen das nicht eher kleine Bereiche der Kulturproduktion bleiben? Am Ende steht auch bei Wikipediaartikeln, bei OpenSource Programmen oder über den allermeisten Blogs ein Name einer Person oder Organisation. Pseudonyme sind ohnehin nichts Neues. Dennoch handelt es sich in diesen Bereichen um nicht-kommerzielle Produktion und die Währung der Anerkennung für die Werke besteht darin, dass andere auf sie reagieren, Kommtare eintrudeln, ein Netz von Links und händischen Verweisen entsteht sowie eine Reihe neuer Werke, die ohne die ersteren zumindest anders wären. Ich würde aber zu bedenken geben, dass dies sehr weiche Formen der Anerkennung sind, die nicht jeder Psyche entsprechen, und bei denen Formen der Missachtung (vom Schweigen bis zum sogenannten Shitstorm) immer mit eingerechnet werden müssen. Dennoch habe ich die Hoffnung, dass mit dieser Produduktionsweise eine nicht-kapitalistische im Enstehen begriffen ist.

ad b) Das führt zum letzten Punkt. Auch Kulturproduktion ist kapitalistisch. Das bedeutet, sie ist auf Steigerung und Optimierung ausgelegt und kann sogar ohne nicht lange bestehen. Wertsteigerung (messbar in Geld) und Wissenssteigerung (in der Produktionsweise) sind eingeschlossen. Interessanter Wiese argumentieren sowohl die Verteidiger_innen des bestehenden Urheberrechts, als auch die sogenannte Netzgemeinde, dass mit ihren Vorhaben die Wertsteigerung erst gesichert, wenn nicht gar exorbitant beschleunigt wird. Nun, ich hätte nicht üble Lust zu behaupten, dass die nicht-kommerzielle Kulturproduktion mit Steigerung und Wachstum gar nichts zu tun hat. Seien wir ehrlich, wir freuen uns, wenn die Wirtschaft wächst, die Löhne und Gehälter steigen, wenn wir mehr wissen und dazu lernen; wir haben Probleme mit Dingen, die nicht zu ändern, zu steigern sind, mit Krankheit, Körper und Tod. Natürlich ist der Kapitalismus auch in meinem Kopf und in meiner Seele. Mit der nicht-kommerziellen Produktion könnte etwas Neues entstehen. Ich bin auch überrascht und interessiert zu sehen, wie viele Klicks ‚Sneezing Panda‘ oder Riley mit ihren frühen Einsichten erhält. Aber der Wert solcher Filmchen liegt eigentlich nicht in ihren Klicks, sondern in ihrer Wahrheit. Wahrheiten verändern nämlich die Sicht auf die Welt, auf einen selbst, auf die anderen. Ohne die Wahrheit eines Werkes x wäre die Wahrheit von Werk y anders ausgefallen. Es geht um Präsenz und Wirkung, um Perspektivenverschiebung und Erneuerung unseres immer unvollständigen Verstehens von Menschen und Welt. Vielleicht schiebt sich das eines Tages vor die monetäre Wertschätzung und Verwertung der Werke, auch wenn es keineswegs eine völlig neue Art und Weise subjektiver Orientierung darstellt. Wir sollten also auch über Wirtschaft reden; wir brauchen nicht nur Anreize zu arbeiten und zu produzieren, sondern auch Antriebe. Neugier und Freude an Veränderung sind die ersten Stichworte.

[Ich weiß, Letzteres kann man mir leicht um die Ohren hauen. Ich bitte um treffendere Ausdrücke und Formulierungen.]

Texte, die ich verwendet, aber nicht verlinkt habe:

– Deutscher Bundestag, Drucksache 17/7899, 23. 11. 2011, Dritter Zwischenbericht der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“

– Martin Grötschel / Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Hg_innen), Geistiges Eigentum, Reihe Debatte, Heft 7, Berlin 2008

– Rainer Kuhlen, Wissen als Eigentum?

– Berhold Seliger, Schneiden wir den Kuchen neu an, der Freitag, 10. 05. 2012

– Niki Stein, Unter Piraten, FAZ-Online, 19. 04. 2012

Die Wutbügerin / der Wutbürger

Am 18. Januar 2011 sendete WDR 5 im ‚Tagesgespräch‘ eine Diskussion um mein ganz privates Unwort des Jahres 2010. Mancher Bürger und manche Bürgerin nutzten diese Gelegenheit, um mit Hilfe eines Stichwortes ihren Unmut über ein politisches Ereignis oder gar die politische Entscheidungskultur überhaupt zu äußern. Menschen mit migrantischem Hintergrund waren darunter, die den Ausdruck ‚Kopftuchmädchen‘ Thilo Sarrazins oder die in der Sarrazin-Debatte beschworenen ‚Integrationsverweigerer‘ zum Anlass nahmen, die deutsche Integrationspolitik zu schelten. Andere äußerten sich beleidigt und empört über den ‚Eurorettungsschirm‘ oder ‚alternativlos‘.

Einige der Äußerungen waren politisch liberal, andere linksliberal, wiederum andere eher recht-nationalistisch einzustufen. Was mich aufgeweckt und zum Nachdenken gebracht hat, waren die Wut und die Frustration, die an den Äußerungen abzulesen war. Woher dieser Frust? Wie verbreitet ist er? Welche politischen Folgen, vor allem für die politisch-demokratische Kultur zeitig er? Muss und kann man etwas daran drehen?

Ich denke, diese Fragen sind zunächst nicht rein wissenschaftlich zu beantworten; etwa mit Meinungsumfragen samt offener Fragen, mit teilnehmender Beobachtung, kognitiv-psychologischer Theoriebildung oder der Analyse der politischen Programme der Parteien und der Verankerung der politischen Öffentlichkeit in der Bevölkerung. Wissen über diese Umstände wäre zwar hilfreich, ersetzt aber nicht den folgenden Gedankengang.

In einer (vermutlich im Radio ausgestrahlten) Diskussion zwischen Theodor Adorno und Arnold Gehlen geht um die Frage der Ent- oder Belastung der Menschen durch Insitutionen bzw. um das Maß der den Menschen zuzutrauenden und zuzumutenden Freiheit, die einen Aufwand an Reflexion und Irrtumstoleranz mit sich zieht.

Gehlens These ist, dass die Menschen durch einen Abbau von Institutionen mehr belastet werden, als ihnen gut tut. Sie sind in die Welt geworfen und müssen ohne einen Schutz gegebener Einrichtungen leben, die Wahrnehmung und Verhalten orientieren und den Menschen Entscheidungen abnehmen. Wobei ich den Heideggerschen Ausdruck der Geworfenheit in die Welt hier eingebaut habe, er wird von Gehlen nicht verwendet. Der Mangel an Institutionen setzt für Gehlen das Innere des Menschen frei, d.h. die innere Unsicherheit – für ihn: Benns ‚inneres Gewoge‘ – und „das ist die Öffentlichkeit“, so Gehlen. Er stimmt dafür, das gerade noch Vorhandene an Institutionen zu konservieren, um dem Menschen nicht die Reflexion und die ‚Lebensirrtümer‘ zuzumuten, die den Philosophen anzuvertrauen sind, die sie aber auf sich genommen haben, „um sich frei zu schwimmen“.

Nun könnte man sagen, hier, in der Belastung der Menschen, liegt die Ursache für die Frustration und die Wut der WutbürgerInnen, die sich der Welt einfach ausgesetzt sehen und alleine in ihr zurecht kommen müssen. Diese Überlastung führt zu Unmut, der dann in die Öffentlichkeit gelangt und die Belastung noch weiter treibt, zumindest aber bestätigt. Ein/e PsychoanalytikerIn würde hingegen fragen, woher der Frust und die Wut genau kommen und dafür in jedem Fall Ereignisse in der persönlichen Biographie vermuten. Dafür kommen eine Menge Möglichkeiten in Frage: sei es ein persönliches Umfeld, das unbefriedigend ist, aus dem sich ein Mensch aber nicht getraut zu fliehen; sei es ein Umfeld, das zwar in Ordnung ist, aber trotzdem Wünsche offen lässt, oder ganz andersartige innere Konflikte, die natürlich auf ungelösten äußeren Konflikten beruhen, die wiederum vermutlich mit den primären Bezugspersonen dieses Menschen zusammen hängen. Es zählt hier auch kaum, ob mit Hilfe des Begriffs des Triebs oder mit denen des Konflikts, der (inneren) Objekte oder des Selbst gefragt wird.

Nun gilt es, das Therapeutische wiederum zu reflektieren und damit geht es zurück zu philosophischen Fragen. Jetzt wird es spannend und entscheidend: Geht es darum, diese Belastungen aufzulösen, am Ende gar Versöhnung mit sich und der menschlichen Umwelt zu ermöglichen; oder geht es darum, gerade mit diesen Belastungen zu arbeiten, sie zu nutzen? Ich plädiere für Letzteres, aber was ist damit gemeint? Als erstes gilt es, allen Frust, alle Wut und die damit verbundenen Belastungen nicht mehr einfach und immer wieder gleich auszuagieren, das heißt unbewusst handelnd auszutragen. Hierzu passt die Äußerung Adornos in der Diskussion mit Gehlen, dass die Menschen aus seiner Sicht viel zu häufig genau das tun, was von Ihnen erwartet wird und sich daher in vorgegebenen Bahnen bewegen. Wird genau das aber anerkannt, ergeben sich neue Möglichkeiten. Aus dieser Sicht sind tatsächlich nicht die Möglichkeiten zu handeln, zu fühlen, zu denken und zu sein belastend, sondern deren Einschränkung, wie auch immer individuell verursacht. Freiheit ist dann aber auf zwei verschiedene Grenzen ihrer selbst bezogen. Einerseits beruht sie auf der Anerkennung der Belastungen, die jedes Individuum hat, seiner Frustrationsgrenzen und seinem zumindest momentanen Nicht-Können. Anerdererseits ergibt sich durch genau diese Anerkennung Veränderung, es entsteht etwas Neues, subjektiv (und vermutlich auch objektiv beobachtbar) nicht Geahntes.

Was soll das alles für unsere Frage bringen? Auf die genannten Frustrationsäußerungen der WutbürgerInnen scheint es im Wesentlichen drei Reaktionen zu geben, so lange sie nicht einfach und letztlich wohl zynisch ignoriert werden: 1) die Empfehlung, doch die Gründe und Ursachen des Frusts in einer Therapie herauszubekommen; 2) die Forderung, die Einrichtung der Gesellschaft so lange zu ändern, bis kein individueller Frust mehr entsteht; und schließlich 3) eine nur beobachtende Haltung, die zwar nicht ignoriert, aber in der reinen Beschreibung sich jeder subjktiven Reaktion enthält. Mit der dritten Variante kann ich wenig anfangen und nehme an, dass sie dauerhaft nur aufgrund hoher Verdrängungsleistungen funktionieren kann. Die beiden Ersten hingegen sind subjektiv oder objektiv, individualistisch oder sozial orientiert, meinethalben auch idealistisch oder materialistisch. Es ist nichts Neues, diesen Gegensatz dialektisch in Bewegung bringen zu wollen, ihn ganzheitlich auflösen oder versuchsweise in eine Polymorphie des Denkens und des Handelns zu transformieren.

So lehrreich all das ist, mich interessiert die Frage nach dem Glück als Gegensatz zur Frustration. Frust und Wut sind augenscheinlich Formen des Unglücks. Glück erwächst nicht aus der Abschaffnung des Unglücks, sondern aus seiner Anerkennung. Es kommt nicht, wenn diese Menschen plötzlich alle JounalistInnen, BloggerInnen, PolitikerInnen oder NGO-AktivistInnen werden, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, oder das Gleiche mit Hilfe einer Auszeit von drei Jahren und gründlicher Therapie versuchen. Abgesehen davon, dass das von den verfügbaren Ressourcen her schwierig werden würde, ist es auch für das Glücksproblem keine Lösung. Dem Glück dient nur die Anerkennung seiner je eigenen Beschränkungen, die auch anders mit Schwächen bezeichnet werden können. Die Anerkennung des Unglücks bringt das Glück hervor, es emergiert aus dieser Anerkennung, ohne dass alles zugleich geändert werden müsste. Therapie kann dabeihelfen, aber nur wenn es nicht um einfaches Wissen über sich selbst geht. Nicht nur die Wahrheit ist den Menschen zuzumuten, auch die Freiheit. Dieses sich selbst und seine Grenzen, seine Persönlichkeit anerkennen, kann nur in- und außerhalb der Therapie zugleich geschehen.

Baring und die Führung

Am 13. September wurde eine Ausgabe von Anne Wills Talkrunde unter dem Titel: „Politik am Volk vorbei“ gesendet. Mit von der Partie: Arnulf Baring.
Die Bühne ist so aufgeteilt, dass die gewählten Volksvertreter denen gegenüber saßen, die das ‚echte Volk‘ repräsentieren sollten. Konflikte sollten von selbst entstehen. Denn beide Seiten konkurrierten um die richtige Repräsentation des Volkes, das selbstverständlich draußen blieb. Höchstens als Publikum konnte es klatschend oder murrend reagieren.
Baring trat als elitistischer Volkstribun auf, er forderte von den Parteien mehr und effektivere Führung. (Das Führungspersonal ist nicht nachgebildet worden, weil die Parteien in diese Richtung nach dem zweiten Weltkrieg keine Antrengungen mehr unternommen hätten.)

Führung ist aber ein Begriff, der von der sogenannten neuen Rechten zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt wurde und der eine Reaktion auf das Scheitern des bürokratischen Rechtsstaates war, der von vielen dieser Rechten, wie Carl Schmitt, noch als liberal bezeichnet wurde. Dieser preußische Rechtsstaat schien an den modernen Entwicklungen überfordert worden zu sein. Technik, intellektuelle Neuerungen, aber vor allem gesellschaftliche Entwicklungen wie die zunehmende Pluralisierung, Individualisierung und die Politisierung vormals vom politischen System Ausgeschlossener machten die politische Herrschaft mittels reiner Regelaufstellung und -befolgung zu schwerfällig und ideologieanfällig. Vielleicht war Bismarcks Sozialgesetzgebung der letzte große Versuch, mit Hilfe von Rechtsregeln die latent oder manifest schwelenden Konflikte in der Gesellschaft zu reglementieren und klein zu halten.
Der bürokratische Rechtsstaat stand schon damals dem anglo-amerikanischen System der rationalen Regierung mit Hilfe von argumentativer Rechtfertigung (im Unterschied zur Regelerfüllung) zur Lösung aller großen und kleinen Konflikte entgegen. Mit groß und klein sind Probleme in der Gesellschaft wie Armut, Rassismus und das Patriarchat auf der einen Seite, sowie Streits zwischen Individuen, insbesondere wenn sie vor Gericht landen, gemeint. Eine vollständige Lösung solcher Konflikte und Probleme wurde in diesen politischen und Rechtskulturen nie erreicht, oder angestrebt. Es geht immer nur um eine situative Befriedung, die eine Befriedigung von allzu vernachlässigten Interessen und Bedürfnissen mit einschließt.

Dieses System wurde in Deutschland von der Rechten abgelehnt. Statt dessen versuchte man, mit dem Führungsbegriff eine eigene, moderne Variante politischer Herrschaft durchzusetzen. Führung und Gefolgschaft sollte die Lösung von Problemen (echten oder illusionären) ermöglichen, ohne auf die Praxis der Abwägung von guten Gründen und Interessen, also gegenseiter, sachorientierter Kritik zurückgreifen zu müssen. Führung braucht Gefolgschaft in einem doppelten Sinn: dem Befolgen des Willens des Führers, auch wenn dieser von unten unterstellt wird; und eine Gruppe der Gefolgschaft, also im Falle des Nationalsozialismus der deutschen Volksgemeinschaft. Auf diese war das individuelle und das politische Verhalten und die Moral abgestimmt. Außenseiter, Volksfremde, angebliche Gefahren wurden entrechtet, verfolgt und vernichtet. Auch in diesem Zusammenhang steht der Holocaust an den europäischen Juden.
Baring hat dennoch Führung von den Parteien verlangt. Ganz abgesehen vom Fehlen jeglicher Entrüstung über diese Forderung in der folgenden Diskussion (Barings Statement hatte sie eingeleitet), wurde auch die sachliche Unmöglichkeit dieser Lösung eines im übrigen nicht näher beschriebenen Problems nicht thematisiert. Der deutsche Staat ist aber inzwischen zu einer Mischform aus bürokratischem Rechtsstaat(regelgeleitete Gerichtsbarkeit) und rationalem Regierungsstaat (öffentlich debattierte Gesetzgebung) geworden. Hier hat Führung keinen Platz und wird auch kaum mehr akzeptiert werden.