Kategorie: Männlichkeiten

Verteidigung der Kindheit in der Mittelschicht

Wer über das eigene Kind schreibt, überhöht es und das Leben mit ihm leicht, greift manchmal gar zur Schönfärbung. Die eigenen Kinder werden meist geliebt und zur Liebe gehört die Überhöhung, gerade wenn über sie geschrieben wird.  Eine reine Partnerschaft zum Kind wird sich kaum entwickeln. Daran lässt sich schwer rütteln und ich habe auch gar nichts dagegen.

Wird jedoch inzwischen auch die Kindheit im Allgemeinen überhöht? Vielleicht als  Ursprung und Reservior alles Menschlichen betrachtet? Beispiele wären Aussagen wie, wie schön, dass Kinder noch innehalten und die Kleinigkeiten der Welt in aller Zeit betrachtet (und dadurch wertschätzen?) können. Oder: Mein Elterndasein hat mich belehrt, wie schön es sein kann, Zeit und Energie geben zu können, ohne sie prompt vom Empfangenden zurück zu verlangen. Auf der anderen Seite haben schon Autorinnen wie Shulamith Firestone gegen alle Varianten der Entdeckung der Kindheit geäußert, dass sich dahinter nur der Versuch verbergen würde, die jungen Menschen möglichst effektiv zu unterdrücken. (Firestone, Nieder mit der Kindheit, Kursbuch 34 (1973), S. 1-24.)

Solchen Einwänden stehe ich skeptisch gegenüber un herrschted halte es für einen Verdienst der Neuzeit, die Bedürftigkeit der Kinder heraus zu stellen und so Vernachlässigung von Kindern eher zu verurteilen als Überfürsorglichkeit. Konkret fand ich die Kinderwelt immer stark und angenehm unterschieden von der übrigen Umgebung. Wie beim Babyschwimmen. Dort taucht man in eine extrem kinderorientierte Atmosphäre, die besonders beim Verlassen des Schwimmbades auffällt. Alle anwesenden Erwachsenen sind auf das Wohlergehen der Kinder konzentriert, darauf sich in Geduld und Ruhe den Bedürfnissen der Babys zu widmen und natürlich auf das, was die Kinder tun, von sich geben, wie sie schauen und sich bewegen. Nach meinen Erfahrungen rastete dort nie jemand aus, wurde wütend oder auch nur genervt. Schon wegen der sozialen Kontrolle auf so engem Raum nicht. Danach fühlte ich mich fast immer wie in Watte gepackt, glücklich, zwar erschöpft, aber auch ein wenig außerweltlich weich gestimmt. Eben für mein Baby angepasst.

Jetzt, über zwei Jahre später, komme ich noch weniger umhin zu konstatieren, dass mein Kind in seiner eigenen, einer Kinderwelt lebt. Er betrachtet ganz andere Dinge und diese ganz anders als Erwachsene, als ich. Seine Gefühle dabei sind heftiger und weniger kontrolliert wie auch die Reichweite seines Blicks viel kürzer ist, als der des erwachsenen Blickes. Es zählt das Nebengeräusch, die gerade entdeckte Blume, das ‚möchte eine Milch‘ und solche Dinge zählen fast alles. Dazu kommen noch Berührungen, grobe und weiche Arten, sich anzufassen, der Blick und die Stimme des Gegenüber, auf die das Kind sehr genau achtet. Über sie wird ein Gutteil der Beziehung hergestellt und von Situation zu Situation neu bestimmt. (Der Rest an Beziehung bildet sich durch Erinnerungen, wie ich annehme.) Seine Welt besteht aus seinen Eltern, seinem Zuhause (unserer Wohnung) und seinen (Spiel)Sachen, zu denen er eine sehr enge und imponierende Beziehung aufgebaut hat. Ich muss mir immer wieder klar machen, dass dies die Kinderwelt ist, die Welt meines Kindes und sie kommt mir dabei auch etwas fremd vor. Der Kontrast zur Wirtschaftswelt, die ich durch den Job auch immer mehr kennen lernen (muss), fällt beeindruckend aus.
In der Wirtschaftswelt achten alle auf ihre eigene Haut. Viele Angestellte einer Firma frotzeln sich den Tag über ständig an. Wenn es Ernst wird und ein Problem auftaucht, haben alle alles richtig gemacht, die anderen hingegen haben es falsch gemacht. Firmen sind Haifischbecken. Nach außen herrscht Gemeinschaftsgeist, innen jedoch Konkurrenz. Doch um was? Das habe ich noch nicht eruieren können, vermutlich geht es um schwer Zählbares wie Härte oder Durchsetzungskraft, eher nicht direkt um Löhne oder das Ansehen beim Chef/bei der Chefin.

Oft denke ich über die Arbeitsatmosphäre – nicht die alltägliche im Büro, sondern über die in der Arbeitswelt –, dass dies nur eine Männerwelt ohne Zukunft sein kann, weil es auf diesen Krampf nicht ankommt, sondern auf das, was mein Kind tagtäglich mit aller Hingabe, aber auch ohne Wahl, tut: sich einen Platz in der (sozialen) Welt zu suchen und dabei die eigenen Fähigkeiten auszuloten.

Ich würde gerne eine Verherrlichung der Kindheit vermeiden. Aufzuwachsen (nicht nur in dieser Welt, wie es oft heißt) bringt Schmerzen mit sich und ist ungeheuer anstrengend. Nicht umsonst geht er abends höchst erschöpft ins Bett. In dieser Lebensphase entsteht zum Beispiel Angst, dieses starke Gefühl des halb Verstehens, des Bemerkens von etwas, dessen Sinn in weiter Ferne liegt, es so gar nicht greifen zu können und daher von sich wegstoßen wollen.

Was kann dann Kindheit für Erwachsene heute und hier (an der Ostsee, in Westeuropa, im Westen?) bedeuten, was, einen Platz in der sozialen Welt zu suchen? Wo Erwachsene nun einmal Weitblick und Triebaufschub gelernt haben (Kultur schließlich, das kann ruhig gegen die oberflächlichen Befreiungstheorien betont werden). In die Kindheit Werte wie Wahrhaftigkeit und Mitgefühl oder Maximen wie kümmere Dich um die Bedürftigen zu legen, kommt mir willkürlich und zu kurz gesprungen vor. Forderungen, wie: Wir müssen lernen den Dingen ihre Zeit zu geben, zu abstrakt.

Diese Dinge mögen ihre Relevanz haben, aber sie klingen hier zu sehr nach allgemein sowie zeitlos Menschlichem. Vielleicht enthüllt der Blick vieler auf (ihre) Kinder einiges. Ich freue mich, wenn sich mein Kind wissbegierig zeigt, lernt und vor allem lernt, alleine mit Gegebenheiten und Vorhaben zurecht zu kommen. Er soll also etwas leisten können. Gleichzeitig gilt ihm der fürsorgende Blick, das intensive Mitleid mit der Trauer, die er zeigt, wenn er scheitert. In seiner Kindheit kommt mir das ständige Entwickeln neuer Fähigkeiten unter der Bedingung begrenzter menschlicher Macht gut und richtig vor. Menschliche Macht soll einfach bedeuten, etwas tun oder bewirken können. Diese Grenzen kennen wir keineswegs in jeder Situation, wir müssen sie vielmehr oft ex post und bestürzt zur Kenntnis nehmen. Aus diesem Drive und dieser Spannung kommen wir heute nicht recht heraus, ein sicherer und fragloser Platz in der sozialen Welt ist uns spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verwehrt. Ebenso ein eindeutiges, geografisches zu Hause.

Zumindest die Mittelschicht kann sich auf diese Weise recht gut in ihren Kindern spiegeln, soweit sie sich nicht den Blick auf diese wesentlichen Prozesse der Identitätsnahme durch in Bedrängnis geratene, männliche Konkurrenzk(r)ämpfe verstellen lässt. (Nichts gegen Konkurrenz an sich, sie ist ein soziales Faktum, vergleichbar mit Mobilität, aber alles gegen das unnötige Ankarren anderer, ohne auch nur ein Minimum an Reflexion und Distanzierung aufzuwenden.) Die Antennen in die Richtungen der anderen zu schwenken, kann heißen, sich Teile ihrer Lebenswelt lernend anzueignen und dabei die Grenzen der Nachahmung zu spüren vermögen. Der Preis für die engmaschige Kontrolle (die ja auch heute Eltern Kindern angedeihen lassen) mag nicht gering sein, in der Mittelschicht glaubt man, alleine durch Aufnahmefähigkeit immer mächtiger werden zu können. Die Grenzen dessen und die Schmerzhaftigkeit ihrer Erfahrung verdient allen Respekt. Ich kann nicht mehr nur sagen, geht wandern oder lest Bücher oder setzt euch für Gerechtigkeit ein, aber ich könntemuss sagen: Schätzt euer suchendes, über vielfache Bindungen verteiltes und dezentrales, ständig an Grenzen stoßendes Leben wie ihr, nicht zufällig, eure Kinder schätzt.

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Das abhängige Geschlecht

Als sich im 20. Jahrhundert die Kleinfamilie etablierte, verschoben sich auch die Geschlechterkoordinaten. Manche Geschlechtermythen mögen verdampft sein, dafür rückten Herd und Schürze auf der einen, Aktentasche und akkurater Scheitel auf der anderen Seite in den Vordergrund. Die Ehefrau und Mutter galt von nun an als die abhängige Person, die sowohl finanziell vom Ehemann unterhalten wurde, als auch emotional und psychisch von den Kindern abhing, wenn die Ehe denn Kinder hervor brachte. Stichwort Muttersymbiose. Die Kleinfamilie mag in starkem Maße Schimäre gewesen sein, eine zunehmende Abtrennung einer Kernfamilie von älteren Generationen und ferneren Verwandten konnte aber doch beobachtet werden.

Auf dem kleinkarierten Geschlechtermodell basierend wurde sogleich ein ganzes Bild des weiblichen Geschlechts gezeichnet. Es galt und gilt als emotional so fähig wie anfällig, beziehungs- und sorgeorientiert im Gegensatz zu erfolgs- und politisch orientiert. Die Frau kümmert sich um die Familie, der Mann um die instrumentell geprägten Beziehungen zur Außenwelt und zur öffentlichen Sphäre.

So nimmt es wenig Wunder, dass der ideelle feministische und männlichkeitskritische Dreischritt von der Anerkennung der Härte und Notwendigkeit der Sorgearbeit (care!) über die gegenseitige Ergänzung der Geschlechterrollen und -habitus im Sinne von Intellekt und Gefühle, Geld und Körper, Interessen und Werte für alle bis zur Verschiebung der anthropologischen Matrix zu einem Menschenbild eines prinzipiell von Beziehungen und Abhängigkeiten geprägten im Unterschied zum einsamen, hortenden und Grenzen möglichst bewaffnet schützenden Wesens verlief.

Noch ein Quentchen radikaler – wenn auch vielleicht naheliegend – ist die Behauptung, Männer und insbesondere Väter sind schon jetzt hinter dem Schein ihrer Autonomie das eigentlich abhängige Geschlecht. Hängt doch ihr Familienglück eben von den Tätigkeiten ihrer Frau ab und hat doch die Frau und Mutter ihrer Kinder letztlich die Kontrolle über das Ob und Wie der Geburt des Nachwuchses sowie der Methoden seiner Aufzucht.

Selbstverständlich sind beide Geschlechter (in der Zweiermatrix Frau und Mann) zunächst gleichermaßen aufeinander angewiesen, wenn Nachwuchs gewünscht wird. Auch sind die körperlichen Ausdrücke der Fortpflanzung ähnlich ludize: Menstruation und Ejakulation vermitteln, dass Kinder ohne Einsatz des Körpers nicht entstehen. Im Unterschied zum Samen bleibt zwar der Eisprung von außen unsichtbar, aber dass die Periode mit der Fortpflanzungsfähigkeit der Menschen so viel zu tun hat wie dieser, wussten die Menschen sicher schon immer. Doch der menschliche Körper hinterlässt auch einen rätselhaften Stachel. Woher kommen die Kinder – wie entsteht Leben? Um diese Fragen ranken die Bilder und Ideen der Geschlechter auch wenn biologisch-organisch alles aufgeklärt zu sein scheint.

Gerade in der modernen, kapitalistischen und rationalistischen Zeit zielt die Frage nach den Geschlechtern auf die Unmöglichkeit für das männliche Geschlecht, die Züchtung des Nachwuchses unter Kontrolle zu bekommen. Hat schon der eigene Körper des Mannes seinen Eigensinn und bietet nicht einfach formbar-kontrollierbare Masse, so bleibt der Körper der Partnerin noch stärker der männlichen Verfügung entzogen. Davon mag mann sich noch so unbeeindruckt zeigen: Schwangerschaft, Geburt und frühe Fütterung (bei Brusternährung) des Kindes bleibt in den Händen der Mutter des gemeinsamen Kindes. Schon Simone de Beauvoir hat betont, wie sehr die männlichen Mythen über die Weiblichkeit auf die ‚dunkle Natur‘ der Frau zielen, auf die Herabsetzung der Frau zur ‚bloßen, willenlosen Natur‘, die stets die Gefahr ausstrahlt, ihn zu sich herabzuziehen und zu besudeln. „Empfangen und geboren zu sein ist der Fluch, der auf seinem Schicksal liegt, ist die Unreinheit, die sein Sein befleckt.“ (Das andere Geschlecht, Neuübersetzung 1992, S. 198)

Gleichzeitig kann es nicht bei der männlichen Abwehr gegen ‚das Weibliche‘ bleiben. Ermöglichen die Frauen, und nur die Frauen, den Männern sich über den Wege des Nachwuchses zu entfalten und – in der so existenzialistisch angehauchten wie treffenden Sprache Beauvoirs – sich zu überschreiten. „Die Frau, die den Mann zur Endlichkeit verurteilt, ermöglicht es ihm auch, seine eigenen Grenzen zu überschreiten.“ (S. 200) Hier liegt des Pudels Kern: Nachwuchs wird nicht nur gezeugt, um das materielle und geistige Erbe zu sichern oder weil Babys und Kinder so niedlich sind. Kinder ermöglichen die Überschreitung einer Grenze; wir sehen uns selbst in ihnen, doch nicht nur unsere eigene Kindheit (als Identifikation), sondern auch, wie wir noch hätten sein können. Wir entfalten uns anhand ihrer Entwicklung. Dabei mögen auch Projektionen und reine Wunschbilder eine Rolle spielen (unter deren Druck Kinder erheblich leiden können), aber im gelungeneren Fall wachsen wir selbst ein wenig im Anblick der Persönlichkeiten unserer Kinder.

Zusammengefasst habe ich hier zwei Hypothesen:

  1. Männer sind nach wie vor körperlich abhängig von der Mutter ihrer Kinder, wenn denn Kinder gewünscht werden. Möchte eine Frau ein Kind zeugen, braucht sie zwar den Samen eines Mannes, braucht danach aber keine Sorge zu haben, wie sich das Leben bildet – nämlich unabhängig vom Erzeuger.
  2. Die Zeugung von Nachwuchs bildet eine zentrale Möglichkeit, sich zu überschreiten, zu entfalten, kurz gesagt, zu leben, wenn mit Leben gerade nicht der Erhalt oder die Übertragung von Gütern einerseits oder die Identifikation mit einem starren Bild des Selbst (aus der Vergangenheit) andererseits gemeint ist.

Zwei rohe Überlegungen noch zum Schluss.

  1. Auch ohne den männerrechtlichen und maskulinistischen Überhang wurde schon seit Jahren ein Gender-Backlash beobachtet. Es könnte sein, dass der zunehmende Druck in der Arbeitswelt (ökonomisch, aber auch durch die Aufdeckung der Kleinfamilie als Schimäre: wir wissen inzwischen von patchwork Familien, Alleinerziehenden und verwaisten Kindern) die Möglichkeiten der Selbstentfaltung in der Arbeitswelt eher gedeckelt werden. In dieser, wie auch in der Freizeitindustrie, kommen die Leute nur noch mit viel mehr und kurzlebigerem Wissen im Unterschied zur persönlichen Bildung über die Runden. Um so mehr kommen Bindungen an die Familie und besonders den Nachwuchs in Frage, um nicht praktisch bei sich selbst stehen zu bleiben. Ohne dass sich jedoch in der Welt der Geschlechter Wesentliches getan hätte, trifft nun aber die Menschen die Wucht der körperlichen Abhängigkeit noch direkter. Das macht eine an Idolatrie reichende Orientierung an Geschlechtermodellen attraktiv, faktisch zwar zum Leidwesen der Selbstüberschreitung, aber paradoxer Weise in der Funktion ihres Rettungsankers.
  2. Wie wird die Kleinfamilie/Partnerschaft mit ihren Geschlechtermodellen und -mythen heute gelebt? Für das abhängige Geschlecht gilt im besonderen Maße, dass eine Art Remystifizierung stattfindet. Nach dem Ende der Selbstherrlichkeit des schnäuzigen Familienvaters stehen sich ein tolpatschiger und eingeschüchteter Partner sowie eine tadelnde und ungeduldige Partnerin gegenüber. Auch wenn mann inzwischen im Haushalt mitmacht und auch der Beziehung zu den Kindern nicht entsagt. Moderne Männer bleiben in einem Käfig, einem Käfig aus Unsicherheit, zumindest zeigt sich die Annahme einer nicht selbstherrlichen Lebendigkeit als kompliziert und langwierig.

 

::Edit::

Als Kontrastprogramm empfehle ich diesen Beitrag zum selben Thema von Heinz-Jürgen Voss: ‚Der Mann‘ und Männlichkeiten in ihrer Einbindung in Herrschaftsverhältnisse

Kommentar: Hirschauer, Wozu Gender Studies?

Das Lob vorweg: der Herr Hirschauer hat ganz schön beobachtet, dass die Gender Studies genau der Kategorie ein ungeheures Gewicht verleichen, dessen Genese und Gestaltung sie eigentlich kritisch begleiten wollten und sollten. Von ‚undoing gender‘ kann vielerorts in den Gender Studies und in den queeren Bewegungen keine Rede sein, nichts wird dort so stark zur persönlichen Identifikationsfläche gemacht, wie das Geschlecht.

Dennoch, hinter vielen von Hirschauers Sätzen verbirgt sich doch die alte Unlust, sich mit dem Thema zu beschäftigen, besonders, wenn es weh tut und Wunden aufreißen könnte. Schon das schon alte feministische Anliegen war und das gegewärtige der Gender Studies sollte es zumindest sein, das Thema Geschlecht gegen den Unwillen der Mehrheit wie eine muffige Ratte neben den Pudding mit Sahne aufs Tablett zu legen. Um es – wie von ihm gefordert – klar zu sagen, die Leute/Männer haben keine Lust, sich mit Frauen(Queeren)Themen zu befassen. Reflexartig wird bei seinem Aufploppen, wie die Erwähnung eines Frauenabends oder einer schwulen Performance, auf lautstarke Abwehr gestellt, obwohl es leicht wäre, Gender so zu ignorieren wie ein eingefleischter Fußballfan die Medaillen der Leichtathletik-WM. Hier bahnt sich doch ein Spagat an: wie schaffen es Wissenschaft oder soziale und politische Gruppen/Institutionen/’Bewegungen‘, das Thema Gender bewusst zu halten, ohne unkritisch daran kleben zu bleiben? Wie kann über etwas aufgeklärt werden, ohne sich eben den Prozessen zu verschreiben, über die aufgeklärt werden soll?

Der dutzendste Hinweis auf wissenschaftliche Distanz und Professionalität, auf moralische Enthaltsamkeit oder Annihilierung der Kategorien Täter und Opfer (das am simpelsten auszumachende Bedürfnis der Maskulisten) kann die Frage nicht beantworten. Auch das mahnende Gebot, sich aus Politik und ‚Bewegungen‘ raus zu halten, bringt nichts außer den Verdacht, dass hier Faulheit mit postmodernen Begründungsfiguren geschönt wird.

Natürlich bringt nicht jede Vermanschung von Wissenschaft und Politik Gutes hervor, auch das x-te Bekenntnis zum schwulen, queeren, feministischen Denken(!) löst keine Schockwellen in der Realität aus. (Denken ist nicht das Leben.) Es ist auch nicht alles interessant, tiefgründig oder bewegend, was unter den genannten Labeln (Großlabel ‚Gender‘) firmiert. Aber ganz so einfach wie der Hirschauer würde ich es mir nicht machen wollen.

PS: Ich sehe mal von seltsamen Bemerkungen wie „verständlichen […] Ressentiments“ der Männerrechtler oder den so nett angesprochenen „Ach Schwestern!“ ab. Ich finde es vor allem falsch, sich aus dem allem fein raus halten zu wollen.

Der hinkende Vater

Der Vater hinkt hinter her. Zumindest wenn er nicht allein erziehend, aber die zweite Beteiligte eine mit ihrer Brust stillende Mutter ist, und besonders dann, wenn der väterliche Teil der Eltern- oder Erziehungszeit kurz bleibt oder ganz wegfällt. Wir sprechen also bedauerlicher oder einfach realistischer Weise über die Situation einer breiten Mehrheit. In welcher Hinsicht und warum hinkt der Vater hinter her?

Wenn ein Baby geboren wird, hat es bereits 9 Monate im Bauch der Mutter verbracht. Aus dieser Zeit stammen gemeinsame Erfahrungen (gute und schlechte), die ein Vater niemals wird machen können. Nach der Geburt aber, wenn die genannten Bedingungen zutreffen, wird die Lage des Vaters nicht automatisch besser, seine Beziehung zu seinem Kind startet auf einer anderen Basis, als die der Mutter. Zu der Schwangerschaft kommt das Stillen. Mütter haben so zunächst mehr Möglichkeiten, das Kind kennen zu lernen und sich vom Kind kennen zu lernen lassen.

Als Vater wurde ich in den Babymonaten, und noch während das Kind Schritt für Schritt ins Kleinkindalter wechselt, den Eindruck und das Gefühl nicht los, immer Entwicklungen unseres Kindes nach der Mama zu bemerken. Sie war auch im Umgang mit dem Kind immer einen kleinen Schritt voraus. Sie gab früher auch heiße Milch, suchte neuere und größere Klamotten für es aus und bot ihm Unbekanntes zu essen an. Das mag an Unterschieden in unser beider Persönlichkeit liegen, ist aber auch durch das Mehr an Zeit verursacht, die die Mama mit dem Kind im Gegensatz zu mir als Feierabendpapa verbracht hat. Dazu kommt die Qualität dieser Zeit, zumindest anfänglich das Stillen, der Mittagsschlaf (oder die Tagesnickerchen) und die langen Spaziergänge. Ich sehe unser Kind dagegen eher (Achtung, Übertreibung!), wenn es morgens noch nicht ganz wach oder spät nachmittags schon halb auf dem Weg ins Bett ist.

Klar, je mehr Zeit wer mit dem Kind verbringt, desto höher sind die Changen auf eine engere Beziehung verglichen mit den Veranwortlichen für das Kind, die weniger Zeit haben. Mich überraschen jedoch zwei Dinge:

  1. Diese Lage fand ich in keinem Babyratgeber oder -heftchen beschrieben und behandelt. So klar und normal dieser Vorgang erscheint („Du wunderst Dich?“[rolleye]), so sehr bleibt er unbenannt. Bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass Väter unter solchen Umständen sich wohl hin und wieder zurück gesetzt fühlen, wenn das Baby z.B. immer zur Mutter möchte, wenn es Schmerzen hat, hungrig oder müde ist; dass sie gar gelegenlich traurig sein werden, eben weil ihre Beziehung zu dem Kind scheinbar so viel mehr Mühe kostet.
  2. In Elternratgebern und -broschüren steht tatsächlich oft, dass die Mütter angeblich die Väter von den alltäglichen Pflegeaufgaben entbinden, gar ihre Kontrolle über die Ausführung der Pflege nicht lockern wollen, wenn die Väter doch mal an den Babypopo wollen oder dürfen. Das mag es zwischen vielen Paaren geben, sollte aber doch eher eine Organsiationsfrage sein. (Ich übernehme zum Beispiel imme noch eher das Wickeln als sie.) Die Ratgeber decken sich hier mit manchen Schulen der Psychoanalyse, die annehmen, nach der Geburt bestehe eine Symbiose zwischen Mutter und Kind, die nur nach und nach durch Triangulierung oder einfach Beteiligung des Vaters (oder anderen Zweiten und Dritten von für das Kind Verantwortlichen) aufgelöst werde. Die Mutter hänge enger an dem Kind, würde sich auch – eben in der Pflege – eher um sein Wohl sorgen und versuchen, andere von dieser Zweierbeziehung abzuschirmen. Nun, Symbiose hin oder her, besorgter und kontollierender dem Kind gegenüber als ich empfinde ich die Mama nicht. Im Gegenteil, dadurch, dass ich später zum Füttern hinzugezogen wurde (als die Flasche aufkam), dass ich später manche wortähnliche Laute von unserem Kind gehört habe oder dass ich später als Trostspender akzeptiert wurde, konnte die Mutter dem Kind sogar eher Freiräume, Eigenstädigkeit und neue Erfahrungen ermöglichen. Wenn Väter alles nachholen und richtig machen wollen, hinken sie auch in puncto Selbständigkeitsentwicklung des Kindes hinter her.

Erst dieser Tage konnte ich wieder mal hören: „Ach, er schläft schon lange nicht mehr auf dem Arm ein.“ Zuvor war war die Mama mit dem Kind sechs Tage sogar ganzh alleine. In der halbwegs modernen Elternwelt heißt es immer: ‚Die Väter müssen ihren eigenen Umgang mit dem Baby finden und konsequent verteidigen.‘ Im Vergleich zu früheren, abwesenden Vätergenerationen mag das noch hinkommen, bietet aber bestenfalls die halbe Miete. Der Vorsprung der Mütter in der Beziehung zum Kind kommt auch in Vätergesprächen kaum vor und, wie ich ihn erfahren habe, er führt dazu, dass die Väter ihre Babys als jünger wahrnehmen, als sie sind. Vielleicht gar als unfähiger oder träger als sie es sind. Väter können dazu neigen, sich an Gewohnheiten in der Vater-Kind-Beziehung zu klammern.

Sicher bin ich mir aber, dass Väter nicht mehr aufwenden müssen, um eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, als die Mütter. Den Mehraufwand haben in den hier beschriebenen Konstellationen ja gerade die Mütter. Aber die Väter brauchen eine bestimmte Konzentration auf ihre Sicht auf das Kind, um nicht ins (trotzige) Gegenteil zu verfallen: den Rückzug vom Kind. Wenn Mama nun mal Dinge über das Kind weiß, die dem Papa bisher verborgen blieben, so hilft’s nicht, einen ‚eigenen Weg‘ einzuschlagen oder sich zurück zu ziehen. Ich war jedenfalls gelegentlich darüber trauig, dass ich hinter her hinke, und habe versucht, am Ball zu bleiben.

Brutalität und Angst auf dem Spielplatz

Die Szene geht mir nicht aus dem Kopf. Vor ein, zwei Wochen steuerte ich mit meinem Kind einen Spielplatz an, um ein wenig zu schaukeln. Ebenfalls auf dem Weg dorthin war ein Kind, das etwas älter war, als meines. Es konnte zumindest laufen. Im Schlepptau ein Mann, vermutlich der Vater.

Auf diesem Spielplatz gibt es ein ganz normales Klettergerüst, modern, aus Holz und mit verschiedenen Brücken, die kleine Türme oder Häuschen verbinden. Die Stimmung zwischen den Beiden war von Beginn an schlecht. Der Vater maulte das Kind an, vielleicht weil es ihm zu langsam zum Spielplatz ging. (Seine Sprache konnte ich nicht verstehen.) Die entscheidende Szene spielt sich auf einer der Brücken des Klettergerüsts ab, die nur aus einem dicken Seil besteht, das mit einer Art Reling aus dünneren Seilen versehen ist. Das Kind stand auf der Plattform vor der Brücke und sollte diese nun überqueren. Wohlgemerkt: ein Kind, erst seit ein paar Monaten läuft und noch mit Schnuller unterwegs ist.

Wie nun einmal passieren kann, das Kind bekam Angst auf dieser Brücke, fing an zu weinen, hielt sich nur noch an den Seilen der Reling fest und wollte offensichtlich herunter genommen werden, vielleicht auf den Arm – jedenfalls Hilfe. Der Mann reagierte wütend, meckerte das Kind an. Es wurde angewiesen, weiter zu gehen. Nun entsponn sich eine furchtbare Situation. Das Kind weinte, wollte aber auch auf den Mann/Vater hören, setzte ab und an einen Fuß voran, ging nicht zurück auf die Plattform. Der Vater war wütend, schrie beinahe das Kind an, es sollte weiter gehen und aufhören zu weinen. Die ganze Zeit sah das Kind hilfesuchend auf den Mann hinunter, der bellend und gestikulierend genau unter ihm stand. Schließlich hörte das Kind sogar auf zu weinen und ließ nur noch Schluchzer hören, ab und an unterbrochen von dem Drang, doch los zu heulen. Das Gemecker des Vaters ging immer weiter, das Kind rückte nach und nach über die Brücke. Bevor das Ziel erreicht war, verließ ich die Szene.

Ich war völlig überfordert, wollte eigentlich eingreifen, aber eine Angst hielt mich zurück. Auch achtete ich natürlich auf meinen Sohn, der das Geschehen auch beobachtete und sicherlich alles genau, wenn auch genau so sicher auf seine Art, verstand. Abgesehen von meiner Wut und Traurigkeit versuchte ich zu verstehen, was da vor sich ging. Was hat der Mann wohl für eine Beziehung zum Kind, zu sich und warum handelt er so und welche Folgen hat das?

Natürlich kenne ich die Antworten darauf nicht wirklich, aber die enorme Lieblosigkeit des Vaters ließ mich immer weiter darüber nachdenken. Er war nicht eigentlich streng, er hat sich einfach nicht für die Lage seines Kindes interessiert. Dieses Kind, und ich nehme an – reine Spekulation – es ist sein Sohn, durfte nicht weinen, sollte sich selbst über diese Brücke helfen und überhaupt ohne eine helfende Hand zurecht kommen. Zwar unterdrücken und manipulieren auch helfende Hände (immer, auch meine eigenen), aber hier wurde ein Kind mit einer merkwürdigen Härte behandelt, die es vielleicht nicht manipuliert, aber dafür um so mehr einer namenlosen Ungerechtigkeit aussetzt. Denn wie alleine sich das Kind in diesem Moment gefühlt hat, kann wohl schwer ermessen werden, wie hilflos und wie gedemütigt. Schließlich musste es auch die Erfahrung machen, dass Zuschauer nicht zur Hilfe kommen.

Vielleicht hatte dieser Mann einfach einen schlechten Tag, das kommt vor. Die meisten Eltern werden gelegentlich überreizt, aggressiv oder einfach unempathisch auf ihr Kind reagieren. Was aber, wenn dieses Verhalten des Vaters, wenn auch möglicherweise gedämpft und rationalisierter, die (unbewusste) Regel ist? Wie sehen die kulturellen Folgen aus?

Ich nehme ganz spekulativ an, dass dieser Mann der Vater dieses Kindes und dieses sein Sohn ist. Er konnte auf diesen schnullernden, auf wackeligen Beinen gehenden und mit offenen Babyaugen guckenden nicht stolz sein. Der Kleine brauchte Hilfe, sowohl bei Entscheidungen, als auch bei Bewegungen, im Falle der eskalierenden Szene brauchte er sogar Hilfe zum Abbruch der Überquerung der Seilbrücke. Das geht gar nicht: weitermachen, aushalten, durchhalten. Vielleicht spielt hier auch eine Faulheit oder Müdigkeit des Vaters eine große Rolle, vielleicht war sie der Grund für die ganze Entgleisung. Jedoch kommt es auch darauf an, wie der Vater den Sohn sieht. Zunächst entdeckt der Vater mangelnden Willen, mangelnde Kraft und fehlendes Durchhaltevermögen. Du musst doch nur den Fuß hierhin setzen und … Mag das Ergebnis am Ende eine (scheinbare) Härte, das Gefühl der Pflicht zur Überlegenheit und zur Allmächtigkeit sein, die wir allüberall an Männern in den Straßen beobachten können. Eine überlaute Sicherheit in Gruppen (von Männern) wird gesucht und wiederholt gefunden werden.

Die andere Seite bildet eine wohl tief sitzende und unaussprechliche Angst, die schon beim Vater zu beobachten war. Die Angst, sich einzumischen, sich zu beteiligen und Anteil zu nehmen. Selbst diejenigen, die ihm am nächsten stehen und für die er Verantwortung übernommen hat, bleiben alleine. Die Idee, dass er ihnen als anderer auf die Pelle rückt und verletzende Verkennungen vornimmt, scheint abwegig. Vielmehr gilt für ihn, sich angesichts von Bedürfnis, Leid oder simplem Gefühle anderer heraus zu halten. Sollte doch eine Reaktion verlangt werden, wird die innere Leere mit Aggressionen geschützt.

Hier haben wir eine der Grundbausteine für Bösartigkeit, wohl auf der Basis mangelnder, wie oft abstrakt gesagt wird, Bildung und Erziehung. Oder mangelnder Humanität. Oder mangelnder Liebe und Mangel an Respekt und Bewunderung für das Leben. Dieser Ansatz mag veraltet sein und in der vernetzten, konformistischen Moderne stark unter Druck geraten sein. Ob wir einzelne ihn jedoch schon ignorieren können, wage ich zu bezweifeln.

Nachtrag zu ‚gute Vaterschaft‘

Nachdem in ‚Gute Vaterschaft‘ der Satz

Die Schwangere steht im Vordergrund, wie es ihr geht, wird von nun an signifikant öfter gefragt.

bereits veröffentlicht war, wurde mir klar, dass er weinerlich klingt oder zumindest nach Gemosere riecht. Dieser Eindruck hätte durch ein hinzugefügtes ‚zu Recht‘ zwar leicht wegediert werden können. Aber ich wollte den Satz so stehen lassen und lieber diesen Nachtrag formulieren.

Natürlich wird zu Recht auch der Freund während einer Schwangerschaft öfter nach dem Befinden der schwangeren Freundin gefragt, als zuvor und als nach seinem Befinden. Männer, behaupte ich nun spontan, sind das nicht gewohnt und schauen sich gehörig um, wenn es so scheint, dass ihr Befinden von dem ihrer Frau/Freundin abhängt. Einen wahren Kern enthält dieser Schein ebenfalls.

Zurück aber zum Gejammere und Geheule. So sagt aufZehenspitzen über die ’neuen Väter‘:

Ich bemühe mich wirklich, eure Probleme zu verstehen, liebe (verhinderte) neue Väter. Aber wenn ich ehrlich bin, außerhalb meines privaten Umfelds, scheren sie mich einen Dreck. Denn ihr lebt eure Ängste auf den Rücken der (eurer) Frauen aus. Ihr drückt euch, wovor Frauen sich nicht drücken können. Ich will eure blöden “ich bin gefangen im Rollenbild”-Ausreden nicht mehr hören. Und auch nichts von Männlichkeitsverlustängsten. Oder, dass der Job dann drunter leidet oder eben die Finanzen. Woohoo! Denkt ihr, das ist neu für Frauen, die Mütter sind oder werden wollen? Merkt ihr nicht, dass ihr eine Wahl habt und wir noch immer nicht?

Solches Gejammere nervt in der Tat, insbesondere wenn Vater gewordene Männer sich darüber beschweren, dass es ihnen schwer fällt, zwischen Familie und Beruf zu entscheiden. Als ob das tatsächlich eine Entweder-Oder-Frage wäre. Als ob die Väter keinen Gestaltungsspielraum gegenüber ihren Arbeitgebern oder in ihrem Berufsleben hätten. Als ob tatsächlich Rollenbilder Menschen gefangen nehmen können.

Das enthebt die Männer jedoch nicht, ihre Identitätskrise wirklich durch zu leben zu arbeiten. Wenn es sich schon langsam (viel zu langsam) heraus schält, dass das klassische Rollenbild des abwesenden Geldjägers und Versorgers nicht mehr gelebt werden kann, weil die Mütter auf ihre Rechte pochen und die Väter entdecken, welchen persönlichen Reichtum sie aus einer gute Beziehung zu Frau und Kindern schöpfen können, dann brauchen die Väter neue Entwürfe – gar Utopien? – für das Zusammenleben. Vermutlich bleibt das auch aus feministischer Sicht nicht ganz schnuppe.

Vor allem jedoch sprechen die Tatsachen dagegen, sich als Vater und Mann irgendwelchen finsteren gesellschaftlichen Mächten ausgeliefert zu sehen, den Feministinnen oder einem untätigen Vater Staat. Solche Passivität führt geradewegs in männerrechtliche Gefilde. Online, gerne auf Spiegel-Online, wird gejammert und geunkt, angegriffen und gepöbelt, aber die wichtigen Aufgaben bleiben liegen.

Welche Vaterrolle wird künftig an Ansehen gewinnen und sich durchsetzen? Angenommen, das Begehren der Väter richtet sich auf mehr, als auf Büro, Bankkonto, Auto, Fußballverein und den sonntäglichen Beischlaf, dann wirkt das Begehren auf Kinder, Frau/Freundin, vielleicht Geliebte_n, Spaziergänge, Müßiggang und (Selbst)Gestaltung zunächst verwirrend. Wie soll ich das alles auch noch unter meinen Hut bekommen? Aber irgendwie werden die neuen Väter auch dort wieder Stabilität generieren können. Jeder für sich selbst.

Wie machen das eigentlich alleinerziehende Väter? Und schwule Väter? Mit einer besseren Vernetzung könnten ‚wir‘ uns sicher das eine oder andere Nützliche abschauen.

Gute Vaterschaft

Ein solcher Titel verspricht mehr, als der Text einlösen kann. Was ich mir unter einer guten Vaterschaft vorstelle, weiß ich noch nicht. Mein zweites Kind kommt bald zur Welt, mein erstes starb mit dreieinhalb Monaten. Viele Vater-Erfahrungen kann ich nicht vorweg nehmen.

Während der zweiten Schwangerschaft meiner Freundin fielen mir Eigenschaften und Reaktionsweisen an mir selbst auf, die mir neu waren. Bei der ersten Schwangerschaft lag mein Fokus auf der seltsamen und bisweilen fragwürdigen Behandlung, die meine Freundin durch Ärzte, Ärztinnen und Hebammen erfuhr. Jetzt musste ich mir darüber klar werden, wie sehr ich entgegen aller guten Vorsätze vermied, die Vaterrolle selbst zu prägen. Wie prägen sie andere Männer?

Väter wie Malte Welding und Rochus Wolff haben von den ‚modernen‘ Anforderungen an ihre Vaterschaft erzählt. Während Welding Fragen stellt: mache ich alles richtig, kann ich es gar perfekt machen, so dass mein Kind gesund (über)lebt? Konvergieren Realitäten wie Lohnarbeit und Mietzahlungen mit den aktuellen Kindererziehungsmethoden à la ‚zurück zum 24-Stunden-Tragetuch‘?; empfiehlt Wolff

Auch Männer müssen sagen: Ich will Zeit für meine Kinder haben. Wir Männer müssen endlich kapieren, dass man Erwerbs- und Reproduktionsarbeit auch paritätisch teilen kann und dass es unglaublich bereichernd ist, viel Zeit mit unseren Kindern verbringen zu können: Es macht uns zu vollständigeren, glücklicheren Menschen.

— Geärgert habe ich mich über Thomas Gesterkamps Erläuterung der Vätertypen. Alle Typen sind gut, auch wenn sich die einen um Kind und Familie sorgen, die anderen lieber im Hobbykeller verschwinden. So war die Postmoderne nicht gemeint.

Zumindest eins steht fest, die Vaterschaft beginnt mit der Schwangerschaft und wird vielleicht auch schon in dieser Zeit entscheidend geprägt. Wie sich der Vater zur Schwangeren verhält, so wird in etwa auch die Vaterschaft aussehen. Zugewandt oder abgewandt, ängstlich und neugierig, mehr verspielt oder mehr ernst. Die Aufteilung von Berufs- und Hausarbeit spielt hier zwar eine entscheidende Rolle, sagt aber nicht alles aus. Auch wer als Vater und Mann kräftig im Haushalt mithilft, kann sich emotional verantwortungslos fühlen, unter- oder überlegen.

Mit einer Schwangerschaft kommt ein Mann vielleicht zum ersten Man an einen Punkt der wirklichen Ohnmachtsgefühle in seinem Leben. Wenn ich vor allem mich selbst richtig beobachtet habe, geht es nicht so sehr darum, dass die Schwangere letztlich die Kontrolle über das Baby hat. Das stimmt zwar, trifft aber nicht den Kern der Ohnmacht. Da muss der werdende Vater zusehen, wie die Schwangere, wenn denn der Bauch wächst, unverschämt und ungeniert angeglotzt wird, und hat Glück, wenn sie sich zur Wehr zu setzen weiß. Da gibt es all die ärztliche Kontrolle, ein Arbeitsverbot für Kindergärten (wegen der Infektionsgefahr für die Schwangere und das Kind) und eine sich verändernde Perspektive aller Verwandten und Freunde auf die Paarbeziehung. Die Schwangere steht im Vordergrund, wie es ihr geht, wird von nun an signifikant öfter gefragt. Zu diesen Reaktionen der anderen gesellen sich innere Reaktionen des Vaters.

So kann der Vater die mal mehr, mal weniger intensiv auftretenden Schwangerschaftssymptome zu lindern helfen, mehr aber nicht. Alleine das macht ohnmächtig, dazu kommt der Eindruck, den es hinterlässt, in Sachen Kindergebären auf Frauen angewiesen zu sein. Nur die Mutter kann Kinder bekommen, der Vater kann das nicht. Wenn ein Junge in einer Mutter-Vater-Kinder-Familie aufgewachsen ist, wird ihn dieses Wissen schwer beeindrucken. Daher kommt der Begriff ‚womb envy‘ (z.B. bei Catherine Silver oder bei Eva Kittay im Buch „Joyce Trebilcot (Ed.), Mothering, 1984“), der Neid der Männer auf die Fähigkeit der Frauen, in ihrem Körper lebendige Menschen heranwachsen zu lassen, sie zu gebären und in der ersten Zeit zu nähren. Nicht zufällig haben sich einige radikale Feministinnen, wie Shulamith Firestone, für eine Entwicklung künstlicher Reproduktion der Menschen ausgesprochen, um das Feld der Geschlechter verlassen zu können, denn dieser Neid der Männer bildet die Basis für Ohnmachtsgefühle, Ängste, Aggressionen und Gewalt gegenüber Frauen.

Solche Vermutungen mögen reichlich abstrakt klingen, nach natürlichen Gesetzen, wo es doch um Handlungsspielräume geht, oder nach unbeweisbarer Spekulation. Auf den Boden des Gebärneides wird der Vater jedoch gesetzt, wenn er zum ersten Mal den dringenden Wunsch verspürt, die bedürftige Schwangere im Regen stehen zu lassen und bei Übelkeit, Schmerzen und einem Satz wie ‚trägst du mir mal den Rechner rüber‘ das grummelige ’stell dich nicht so an‘ gerade noch für sich behält. Ich bin der Meinung, dass der Stolz des Vaters, seine Freude über das Kind erst dann richtig zur Geltung kommen können, wenn auch diese Seiten seiner Gefühlswelt gewürdigt werden.

Das bisweilen mühsam aufgebaute Kartenhaus der Autonomie in der Beziehung beginnt kräftig zu schwanken, wenn der Vater von anderen mehr als der Freund / Mann / Begleiter der Schwangeren gesehen wird, das Befinden der Schwangeren mehr zu zählen scheint als seines, er der Schwangeren in unangenehmen Situationen beistehen möchte und ihr manche täglichen Gänge abnimmt. Wo bin ich, wenn ich für sie da bin? Leidet der Vater unter einem Gefühl des Machtverlustes oder lernt er dazu? Auf diese Situation reagieren verschiedene Väter natürlich ganz verschieden und bereiten sich dementsprechend auf unterschiedliche Varianten ihrer Vaterschaft, also der Sorge um ein Kind vor.

Für mich war und ist es eine beeindruckende und nicht ganz verarbeitete Erfahrung, durch die Aufmerksamkeit für meine Nächsten die (imaginierte) Fähigkeit zu verlieren, alles machen zu können. Manches an Gewohnheiten, Hobbys und Interessen muss hinten an stehen. Der Vater kann sich nicht einfach in den Hobbykeller zurück ziehen, um Kraft für seine Liebsten zu sammeln – so ein gängiges Märchen -, und er kann das Familienglück auch nicht als Kompensation für den Verlust der Befriedigung seiner Ego-Interessen betrachten. Nicht nur das Bild des Mannes als Herrscher über die Familie, als Tonangeber bröckelt (seit Jahrzehnten), sondern auch das Bild als Vater, Partner, Berufsausübender, Freund im Freundeskreis und Freizeitgenießer in einem wird auf eine harte Probe gestellt. Schon mit der Schwangerschaft werden Zeit und Energie an die Schwangere und das Baby gebunden. Hinzu kommt die Erfahrung des für den Mann Unerfahrbaren: Wie kann meine Partnerin das Kind wachsen lassen und gebären?

Wenn das kein schönes Beispiel für die Potenz von Machtverschiebungen abgibt.

Ich betrachte diese Bemerkungen als einen Hintergrund für weitere Texte, in denen ich einzelne Aspekte herausgreife und unter die Lupe nehme, angereichert mit denen neuen Erfahrungen, die da kommen werden. Vorläufig bleibt das Fazit, dass die Schwangerschaft meiner Freundin auch mich und mein Bild von mir verändert hat. Als Vater bin ich in hohem Maße von der Mutter abhängig und kann versuchen, diese Erfahrungen so in das Bild, das ich von Beziehungen habe, einzubauen, dass sie nicht als Machtverlust gilt, sondern als produktive Verschiebung meiner Prioritäten.

[Edit: ] Hier findet ihr einen Nachtrag.

Männerfantasien

Nein, leider geht es hier nicht um das großartige Buch von K. Theweleit. Ich frage mich zwar schon länger, warum er nicht auch ‚Mein Kampf‘ in seinen seinen nicht gerade kurzen Bänden auseinander genommmen hat. Aber das gehört woanders hin.

Vor ein paar Wochen hörte ich einen Vortrag. Es ging um Technologie, um Programmieren genauer gesagt. Irgendjemand hatte in einer Firma eine neue Technik entwickelt. So weit ich es begriffen habe, ging es um Datenverwaltung und -bearbeitung. Ich hörte dem Vortrag interessiert zu, der Vortragende machte eine gute Show und strahlte Kompetenz aus. Ich war und bin neu auf diesem Gebiet, daher versuchte ich einfach, so viel wie möglich zu verstehen.

Für das Folgende: Triggerwarnung!

Mitten in seinem Vortrag meinte dieser Herr nun, er müsse einen rape joke reißen. Es ging um Objekte und ob er mit seinem Programm diese Objekte manipuliert hatte. (Objekte sind in der Programmierwelt Repräsentanten eines bestimmten Datentyps, nämlich des Typs ‚Objekt‘, nicht einfach irgend welche Dinge.) Eine Sache, die sehr gut ohne einen Hinweis auf Vergewaltigungen auskäme. Er erzählte, dass sie die in Frage stehenden Objekte durchaus stark verändert hätten:

we raped the shit out of them.

Glücklicher Weise wurde ihm sofort der Hinweis gegeben, dass dies kein Ort für rape jokes sei. Wohlgemerkt, diesen Witz hatte er sogar auf seinen PowerPoint-Folien festgehalten. Für alle gut lesbar. Daraufhin versicherte er, dass dies der einzige Witz dieser Art in seinem Vortrag sei und man versicherte ihm, dass er sich keine Sorgen machen, aber bitte keinen Zweiten reißen solle.

Durch diese Situation wurde die bis dahin amüsierte Stimmung deutlich kühler und der Vortrag endete mit wesentlich weniger Lachern, als er begann. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Vortragende wirkte auf mich wie jemand, der Vergewaltigungen ablehnt und verabscheut, er schien loyal mit seiner Kollegin zusammen zu arbeiten und er sollte klug und gebildet genug sein, um auf Nachfrage Vergewaltigungen moralisch zu verurteilen. Dieser Witz gehörte einfach zu seinen Showeinlagen und er hätte niemals damit gerechnet, plötzlich auf Abelehnung statt Gelächter zu stoßen.

Für mich war mit diesem Witz jegliche Konzentration dahin, ich überlegte den Rest der Zeit des Vortrages, warum er wohl diesen Witz gemacht und sogar an die Wand projiziert hatte. Eine sowohl unterhaltsame wie interessante Situation war völlig zerstört worden und wich Empörung, Wut und Verstörung.

Warum hatte er nun diesen Witz gemacht? Natürlich sind der Witz und der ihn riss Teil der rape culture. Vergewaltigungen erscheinen als normal, möglicher Weise geächtet, aber doch eher als keinere Verfehlungen einer nur im Idealfall gewaltlos funktionierenden männlichen Sexualität, die sich nun mal nimmt, was sie braucht. Es stimmt auch, dass wohl kaum eine Frau* diesen Witz als Unterhaltungsmoment in ihren* Vortrag eingebaut hätte. Gegenrezepte, wie die Entdeckung einer gebenden und empfangenden männlichen Sexualität durch die Männer, sowie der Öffnung der Männer für die Freude an der eigenen Lust und dadurch der Achtung für die Lust und die Unlust der anderen und besonders der Frauen liegen nicht falsch. Dennoch kam ich in Gedanken nicht von der Situation des Vortrags los.

Der rape joke hatte nicht nur die ganze Atmosphäre kaputt gemacht, auch der Typ, der den Vortrag hielt, sank sofort Meilenweit in meiner Achtung. Er hatte dem Vortrag und der Situation jegliche menschliche Angenehmheit genommen. Auch das Thema war mit einem Mal völlig unwichtig geworden. Ich würde nicht salbungsvoll sagen, dieser Witz sei gegen die Menschlichkeit gerichtet gewesen. Er drückte durch seine Akzeptanz der ebenso latenten wie stabilen Vergewaltigungsdrohung gegenüber Frauen eine Verachtung aus, die das zusammen Arbeiten und gemeinsame Zeit Genießen zerstörte. So frappierend ich den beißenden Widerspruch zwischen dem Witz und dem (vermutlichen) ethischen Kodex seines Sprechers fand, noch mehr beeindruckte mich seine unausweichliche, destruktive Kraft.

Bis aber die Mehrheit der Männer es für nötig befindet, sich gegen die Zerstörungen der männlichen Kultur zu wehren, werden wohl leider noch viele, viele rape jokes gerissen werden.

Männer und Feminismus

Anlässlich eines neuen Werbeplakats der Sportschau möchte ich ein paar Gedanken zu Feminismus von und für Männer formulieren. Auf dem Plakat, das in Knetcomicoptik erscheint, sind ein Mann und eine Frau zu sehen. Der Mann steht mit Glubschaugen vor der Frau, die oben nur einen BH trägt, dessen Körbchen wie Fußbälle aussehen. Auf diese glozt er ungeniert – darüber steht: „Männer sind so.“ (Vielleicht in etwas anderen Worten.)

Beim Anblick dieses Plakates stiegen sofort Wut, Ekel und Abneigung in mir auf. Ich will gar nicht ausschließen, dass ein Teil des Ekels auf verdrängter Lust beruht, die mir sowohl Fußball, als auch halbnackte Frauenkörper bereiten können. Der größere Teil des Ärgers bezieht sich jedoch auf das Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern, wie es auf diesem Plakat repräsentiert wird. Auf Nachfrage wurde mir auch klar, dass mein erster Gedanke keineswegs ‚die armen Frauen‘ war. Mir geht es um die Männer und die männliche Kultur. (Mit dem Ausdruck Kultur meine ich menschliche und zwischenmenschliche Praktiken, die teils bewusst, teils unbewusst ausgeübt werden, die aber zumindest die Schwelle von der zufälligen Erscheinung zur Einübung und zur Möglichkeit der symbolisch-sprachlichen Repräsentation überschritten haben.)

Einerseits kann eine Kultur, in der ein Teil der Menschen so offensichtlich weniger wert und leicht objektivierbar ist, selbst nur wenig wert sein. Diese Kultur der Entmenschlichung und Entwürdigung wird durch solche Plakate noch stärker zur Normalität, als sie ohnehin schon ist. Ein hoher Anteil der Männer und ein vielleicht nicht viel geringerer Anteil der Frauen, die dieses Plakat sehen, mögen denken, dass es ja in Ordnung ist, wenn die Männer Samstags um 18 Uhr nur noch das Eine im Kopf haben. Sind die Männer vom Fußball aufgeregt, haben sie eine recht weite Distanz zwischen sich und die Frauen gebracht, aus der heraus letztere ganz herrlich zu Sexobjekten gemacht werden können.

Dieses Plakat gehört also zum verbreiteten Gender-Backlash, der ohnehin eng mit dem Fußball als Domäne männliche geprägten Breiten- und Profisports verbunden ist. Andererseits, was bedeutet ein solches Plakat konkret für die Männer?

Natürlich interessiert sich nur ein Anteil aller Männer überhaupt für Fußball, ein Teil dieser Männer wiederum liebt Männer oder Frauen und Männer, ein Teil ist *Trans und ein weiterer Teil leidet unter Entwürdigungen und Degradierung, weil die Hautfarbe oder die Religion oder die körperliche Tüchtigkeit nicht zu seiner Umgebung und vor allem nicht zur dominanten Kultur passt. Will sagen, auch Männer sind äußerst verschieden. Aber wenn ich mich auf das Verhältnis von Männern zu Frauen konzentrieren will, helfen diese nur vordergründig inkludierend wirkenden Hinweise wenig.

Betrachte ich dieses Verhältnis vor dem Hintergrund der patriarchalen Alltagskultur stellen sich mir drei Fragen. (Nicht dass das alle möglichen wären, aber jetzt gerade kommen sie mir in den Sinn.) Mich interessieren dabei in erster Linie die Männer. Warum akzeptieren Männer die sexistische Kultur (a)? Leiden sie unterm Patriarchat (b)? Können Männer Feministen werden (c)?

Als Denkanstoß vergleiche auch Die Männer und das Patriarchat von Antje Schrupp.

a) Diese Frage klingt merkwürdig. Auf den ersten Blick akzeptieren die Männer diese Kultur nicht, sie stellen sie her und bewahren sie, weil sie auf die patriarchale Dividende nicht verzichten können. Diese Dividende besteht nicht unbedingt in besserem Essen, mehr Freizeitmöglichkeiten, mehr Befriedigung beim Sex, mehr Einkommen, besserer Gesundheitsversorgung usw. Diese Dividende besteht vor allem darin, dass, verkürzt gesagt, die Welt für die Männer viel einfacher gestaltet ist, als für die Frauen – eben männlich. Was die Männer wissen, gilt als Wissen; was die Männer sexy finden, gilt als sexy; was Männer als richtigem Sport definieren, gilt als Sport. (Ich denke an die Schilderungen von H.D. in ihrem Roman HERmione.) Zum Beispiel sieht der Karriereweg so aus, dass sich mann von Job zu Job hangelt, am besten gespickt mit Aus- und Weiterbildungen sowie jeweiligen Aufstiegschancen. Eine Schwangerschaft kommt darin nicht vor und gilt daher für jede Karriere als Belastung. Für Männer stellt sich die Frage nicht, was ist mit meinem Job, wenn ich ein Kind erwarte? Nun, das alles steht nicht (wie als gute Gründe) hinter der sexistischen Alltagskultur, sondern sie besteht genau in diesen Phänomenen. So könnte von ihrer ‚Akzeptanz‘ gar nicht gesprochen werden, weil die Männer immer vom Patriarchat profitieren. Es gibt in der Männerwelt jedoch einen Stachel, der nicht gezogen werden kann. Aus dieser Welt wird ihr Gegenüber, die weibliche Welt, konsequent herausgedrängt, herabgewürdigt und abgeblendet, aber dennoch präsent gehalten. Die Frauen werden sozusagen durch projektive Bilder ersetzt. Es mag schon kein (heterosexueller) Mann ohne ein Bild von der Frau zurecht kommen, die männliche Welt braucht auf jeden Fall den blassen Hintergrund weiblicher Beziehungs-, Haus- und Erziehungsarbeit. Kant zum Beispiel brauchte die Welt der weiblichen Romane, gegen die der Vernunft gestellt. Liegt in dieser Trennung und Verkennung nicht ein Verlust für die männliche Welt, unter dem auch die Männer leiden?

b) Ich würde nicht sagen, dass Männer unter dem Patriarchat leiden. Besonders heterosexuelle Männer mögen darunter leiden, dass ihre ernsteren Beziehungen zu Frauen immer wieder scheitern. Viele Männer mögen unter Schuld und Schuldgefühlen leiden, weil sie die patriarchale Dividende einstreichen, während die Frauen unterdrückt und benutzt bleiben. Schließlich leiden gerade profeministische Männer an der Unsicherheit, sich in der männlichen Welt richtig verhalten zu wollen, aber nicht zu wissen wie. Aber das Wort leiden trägt nach meinem Verständnis so gut wie immer die Konnotation der Passivität, des Ertragens. Das trifft besonders dann zu, wenn Feministinnen wie feministisch geschulte Männer von Geschlechterstrukturen sprechen, die die Individuen unterdrücken würden. Damit kommt ein Aspekt der patriarchalen Kultur voll zum Tragen. Passivität hat ja oft eine weibliche, Aktivität eine männliche Konnotation. Das bedeutet, die leidenen Männer werden zu Frauen oder erklären sich zu solchen und alle Beteiligten finden diesen Zustand unerträglich. Deshalb würde ich sagen, dass wenn die Männer schon unter dem Patriarchat leiden sollten, dann müssen sie dieses Leid auch selbst tragen und können es nicht zu den Frauen deligieren. Besser wäre es sogar, direkt von den Gefühlen zu sprechen, die das Patriarchat bei Männern auslösen kann: Unsicherheit, Schuldgefühle, Selbstwertverluste. Solche Gefühle können zwar nicht einfach aufgelöst und sollten nicht verdrängt werden, aber die Männer können sie in eine Spannung zu ihren Wünschen nach Nähe, Einfühlung (durch sie, nicht nur für sie) und Achtung der Anderen bringen.

c) Das bringt mich zu der Frage, ob Männer überhaupt Feministen werden können. Hier finde ich, haben mehrere Sichtweisen ihre Berechtigung, die sich aber teilweise widersprechen. Einerseits können sie es, indem sie sich mit der Welt der Frauen beschäftigen, also feministische Literatur lesen, den zornigen Feministinnen zuhören oder einfach ihren Freundinnen. Sie können sich mit der Problamtik auseinandersetzen, wie es wäre, wenn ich permanent abschätzende Blicke von unbekannten Personen erhalten würde. (Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen andere Menschen zu ihren Sexobjekten machen, sondern dass dies immer auf männliche Weise geschieht. Dadurch werden fast nur Frauen zu Sexobjekten und sie müssen sich dabei in ihrer Sexualität und ihrem Körperbild dem unterordnen, was den Mann erregt.) Dem Versuch, Männer so zu Feministen zu machen, stehen aber zwei verschiedene Einwände entgegen. Einerseits liegt in dieser Beschäftigung mit weiblichen Erfahrungen immer die Gefahr der Essentialisierung des Weiblichen. Gerade wenn allen Menschen, auch den Männern, die weibliche Welt (weibliche Sicht auf Arbeit, Beziehungen und Moral) nahe gebracht werden, erzeugt das eine Zementierung der Geschlechterverhältnisse, wie wir sie kennen. Das Problem, so diese Kritik weiter, liegt nicht in mangelnder Aufmerksamkeit für das Weibliche, sondern an der Unterscheidung von Mann und Frau (und im hinter ihr liegenden Tabu der Homosexualität). Anders gesagt, immer wenn wir glauben, die Frau verstanden zu haben, entfleucht sie uns wieder und gibt ein anderes Bild von sich – die arme Frau, die schwarze Frau, die lesbische Frau. Aus dieser Not sollten wir eine Tugend machen und uns auf das Spiel der steten Wandlung und Verschiebung der Bedeutung des Ausdrucks Frau einlassen. Wie Kathy Ferguson in „The Man Question“ würde ich jedoch davon ausgehen, dass hier noch kein echter Widerspruch lauert. Vor Essentialisierng sei gewarnt, andere zu verstehen heißt, sie immer an ihrer eigenen Neudeutung zu beteiligen. Ein echtes Problem taucht auf, wenn die Beschäftigung mit den Erfahrungen der Frauen im Patriarchat zum Umweg zu den eigenen Erfahrungen und Gefühlen der Männer gerät. Wenn ein Mann sagt, ‚ich fühle mich schlecht, wenn/weil du wütend bist‘, ist dieser Punkt erreicht. Die Wut und der Ärger der Feministinnen dient dann nur als Spiegel der männlichen Seele, macht Frauen erneut zu ihrem Instrument und verstärkt die Vermutung, dass weder jene Frauen ihren Ärger, noch die Männer ihre Gefühle selbst (er)tragen könnten. Dagegen einerseits und gegen die mögliche Selbstzufriedenheit der Beschäftigung mit den ganz eigenen Gefühlen andererseits hilft wohl nur ein Hin- und Herspringen zwischen der Betrachtung des männlichen Selbst und der weiblich-feministischen Welt. Das hilft besonders dann, wenn die Unterstellung einer egalitären Versöhnung zwischen den Geschlechtern zurück gewiesen werden soll. Das Patriarchat zerfällt gegenwärtig nicht und die Suche nach Wegen, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, bleibt noch ein Weile.

Gender, Verstehen und ein Recht auf Eigenwilligkeit

Vor ein paar Wochen habe ich versucht, meine Gedanken zu Gender und Männlichkeiten etwas zu ordnen. Es gelang mit nicht recht und ich gebe es jetzt auf, hier eine breite Theoriereflexion anzubieten. Statt dessen habe ich zwei Gedanken aufgeschrieben, die vielleicht am ehesten als meine Fragen (in Auswahl) zu charakterisieren wären. Ich freue mich über kreative Kommentare.

1. Einerseits versuchen linke Genderkritiker_innen zu Recht, das Geschlecht zu zerstören (Your Gender: male?, female?, fuck you!), denn wer genderd in dieser Welt? Die Männer. Sie geben Frauen ein Geschlecht und generieren (sowie rechtfertigen) auf diese Weise eine ganze Reihe von Unterdrückungs- und Kontrollmechanismen. Männer haben das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit erfunden, um Frauen von sich abhängig zu machen, denn Gender hängt nicht an der Zahl ‚Zwei‘, sondern an der Angewiesenheit der reproduzierenden Frauen auf die Lebensmittel beschaffenden und im öffentlichen Verkehr stehenden Männer. Aber: Männer mögen Frauen, Homo-, Trans- und Intersexuellen ein Geschlecht geben, sich selbst geben sie es nicht. Die Zerstörung des Konzepts Geschlecht wenden Männer konsequent auf sich an, sie begreifen und fühlen sich als vollkommene, befähigte und unabhängige Wesen. Den Preis dafür zahlen alle, die unfähiger und abhängiger als die Männer erscheinen (und sich selbst so kennen lernen), diejenigen mit den Eigenschaften schwächer, dümmer, weniger verständig und weniger kämpferisch. Ich werde den Verdacht nicht los, dass auch bei der Zerstörung des Geschlechts das Geschlecht immer mitgeschleift wird; aus dem Unbewussten (und sei es als Schimmer der Vergangenheit) wieder auftaucht, in Form von renitenten Elementen der Gesellschaft, die ihr Geschlecht nicht ablegen wollen, oder anstelle der Unterscheidung von Mir und Dir als Unterschied im Individuum selbst, nämlich als Unterschied zwischen dem ganzen bzw. perfekten und dem unvollständigen bzw. bedürftigen Menschen.

2. Eine ganz andere Schwierigkeit taucht auf, wenn ich versuche, andere zu verstehen. Vielleicht auch das Andere. Ob Männer Frauen verstehen wollen, Nicht-Jüd_innen die Jüd_innen, weiße nicht-weiße oder heterosexuelle nicht-heterosexuelle und homosexuelle Menschen; die Sache bleibt ambivalent. Wie schon Verena Stefan in ihrem Buch „Häutungen“ die Protagonistin sich fragen lässt, warum ihr Freund nie ein feministisches Buch auch nur ansehen würde, liegt darin auch der Vorwurf, Männer interessieren sich eben nicht für die Welt der Frauen. Für ihre Wahrnehmung, ihr Erleben und ihre Sicht auf sich selbst und auf sie, die Männer. Diese Ignoranz gehört zum (linken) patriarchalen Komplex, zum Glaube, die Frauen könnten keine Meinung von Gewicht haben und keine interessanten Themen aufbringen. Daher dient das Verstehen der anderen Seite, fest gezimmerte Grenzen zu überschreiten und Machtgefüge ins Wanken zu bringen. Wird diesem Ansatz unterstellt, ‚die andere Seite‘ würde durch die Behauptung dieser Grenze erst essentialisiert und auf diese Weise eine Praxis der Herstellung der Andersheit vollzogen, dann halte ich das für vorschnell. Denn die Forderung der Frauen an die Männer, sich einmal mit ihnen und dem Feminismus zu beschäftigen, rührt keineswegs aus dem Impuls, Frau sein zu dürfen und bleiben zu wollen. Was immer das heißen sollte. Auch Verena Stefan betont in einem neueren Interview, dass sie nicht Frau, sondern Mensch sein will und wollte, also Nachts alleine spazieren gehen oder alleine reisen.

Das Problem liegt im Geheimnis der anderen und im Versuch, jedes Geheimnis zu lüften, also der männlichen Art zu forschen. Ich muss dabei nicht nur an Donna Haraways wunderbaren Artikel „Teddy Bear Patriary“ (Nicholas Dirks, Geoff Eley, Sherry Ortner (Eds.), Culture / Power / History, 1994, S. 49-95) denken. Haraway analysiert dort, wie Männer die Kreaturen, für die sie sich interessieren (in diesem Fall Gorrilas), erlegen und ausstopfen müssen, um sie erforschen zu können.

Ich denke auch an einen kurzen Wortwechsel mit meiner Freundin. Auf meinem Schreibtisch lag „Der gemachte Mann“ von R. Connell. Mit Blick auf dieses Buch sagte sie, sie würde es gerne lesen, worauf ich antwortete, das ginge sie gar nichts an. Sie dazu sinngemäß: ‚Da kannst du mal sehen, wie unangenehm es ist, immer so beforscht und präsentiert zu werden.‘ Das hat mich auf einen Gedanken gebracht. Die Veröffentlichung von letztlich sehr intimen Gefühlswelten, gerade wenn es um Unterdrückung und Entwürdigung geht, hat ihre notwendigen Seiten. Wie gesagt, Ignoranz gegenüber den Opfern, den weniger Privilegierten gehört oft zum System der Unterdrückung. Also sollten sich gerade Privilegierte mit der anderen Seite beschäftigen. Aber diese Veröffentlichung macht auch doppelt verletzlich. Ich meine gar nicht so sehr all der Spam und Shitstorm, der als Reaktion folgen kann. Auch wenn ich versuche, die Geschichte und Sichtweise der anderen sehr verantwortungsvoll wahrzunehmen (Eine Handlungsanweisung dazu findet sich hier), wird garantiert etwas davon ‚auf dem Weg zu mir‘ verloren gehen, von mir umgedeutet werden, abgeschwächt oder aufgewertet, jedenfalls anders als gemeint ankommen. Diesem Risiko müssten Männer sich erst Mal aussetzen können, daher meine Reaktion auf den Wunsch einer Frau, „Der gemachte Mann“ lesen zu wollen. (‚Um Gottes Willen, kann ich dann nicht missverstanden werden?‘) Wie viel Correctness und Moral auch immer diesem Risiko entgegen gesetzt wird, es lässt sich, glaube ich, nicht auflösen. Selbstverständlich muss ich die andere Seite ernst nehmen, also ernst bleiben und versuchen, nicht auszuweichen. Aber das gibt keine vollständige Sicherheit vor mir, denn mein Blick bleibt immer gefährlich. Ob das der Blick der Privilegierten oder der Blick des Anderen ist, will ich hier nicht entscheiden, bin mir aber sicher, dass sich kein Mensch als frei von ihm rühmen kann. Aus dieser Gefahr wächst (als Rettendes?) zunächst einmal das Recht, etwas nicht erzählen zu müssen, vor allem, nicht alles begründen zu müssen, die eigene Geschichte und das eigene Anliegen nicht wasserdicht machen zu müssen.

Ein solches Recht ähnelte dem Recht auf den Kampf um die eigenen Angelegenheiten, wie es Jenn Frank in ihrem genialen Text I was a Teenage Sexist andeutet.

A lot of my favorite people are rigorous anti-feminists, but in the nicest possible way.

These folks really do treat women as peers – academically, professionally, personally, romantically – and many of these right-headed people shy from any sort of “battle.”

These anti-sexists always turn a polite, blind eye. Why keep picking fights? Diatribes are no fun. Stop whining and buck up, you! If your vagina (or whatever you have there, since not every woman or feminist is privileged to have one) is the worst you can complain about, it’s gonna be one easy ride, sister! Or mister. Whoever. Whomever.

Leute, die so reden, wie Frank erzählt, hören natürlich gar nicht zu, wehren ab, weichen aus. Gerade deswegen gibt es ein Recht, ihnen die Beschwerden nicht begründen zu müssen. Sie sind nämlich mit gemeint, es betrifft sie selbst, und kein rationaler Grund alleine wird ihnen das näher bringen können. Vor allem aber rückt jede Rechtfertigung die Last der Begründung auf die rechtfertigende Seite, eine Last, die die der Entwürdigung noch ergänzen würde.

Ich bin aus solchen Gründen vorsichtig damit geworden, jedes Gespräch und jede Lektüre als Lernvorgang zu sehen. Nach dem Motto, ‚danach weiß ich besser Bescheid über die Lage der Frauen oder die Lage der Frauen in Südindien oder die Situation der überlebenden Jüd_innen nach 1945‘. Es geht dabei nicht um meinen Wissensdurst, wie bei einem Gespräch über Nanoteilchen oder frühgotische Kirchtürme. Wenn es gut läuft, komme ich mit etwas in Berührung, ohne es dabei ergreifen zu können. Keine unknifflige Sache.