Über linke Möglichkeiten II: (linke) Identität

Im ersten Teil dieser kleinen Serie schrieb ich über Carlo Strengers Schmerz mit der Unfähigkeit der politischen Linken (in Israel), sich kritisch mit Bewegungen und Ideologien auseinanderzusetzen, die oft gruppenbezogen andere Menschen verachten und sie willkürlich zu Feinden erklären. Feinde, die diese Leute mit allen Mitteln bekämpfen müssten. Sobald solche Bewegungen, wie der Islamische Staat, von angeblich oder tatsächlich Unterdrückten gegründet und vorangetrieben werden, stehen, so Strenger, die Linken da wie Kühe wenn’s donnert. Wegen der Verbrechen der westlichen Welt werden im Namen der politischen Korrektheit selbst extreme Formen aggressiver Menschenverachtung abgewiegelt oder gar gerechtfertigt.

Bevor ich versuche zum Problem universalistischer Kritik eine vorläufige Position zu entwickeln, möchte ich klären, warum mich diese Sache überhaupt interessiert. Strenger erhebt Vorwürfe gegen die Linke, als Links-Liberaler. Er spricht über schwächelnde Kritik, Einseitigkeiten und sich einschleichende Akzeptanz von Gewalt, Hass und Willkür in einer politischen Kultur oder in politischen Kreisen, die sich in der Regel gegen Gewalt, Hass und Willkür im Kapitalismus, Sexismus oder Rassismus aussprechen.

Strenger geht es außerdem nicht nur um blinde Flecken in der linken Ideologie (oder Theorie oder Haltung), sondern um das Problem einer erstarkenden Rechten in Europa, deren Parteien in vielen Ländern inzwischen eine gefestigte Mehrheit vertreten (Schweiz, Niederlande, Österreich) oder die demokratischen Mehrheiten ernsthaft gefährden (Frankreich, mit einigen Abstrichen auch Großbritannien, Polen und Dänemark). Befindet sich die Linke also auf dem besten Weg des Versagens, der schon einmal, 1933, zur Katastrophe geführt hat?

Nicht so hastig, lieber Freund, ließe sich nun sagen, einmal Luft holen und den Denkweg überprüfen bitte. Gleich mehrere Einwände fallen sofort auf. Der schwächste zuerst:

1. Die Linke, besonders die radikale, systemkritische Linke, ist seit Jahr und Tag eine unterdrückte, politische Minderheit, die für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie ein mögliches Erstarken der Rechten aller Färbungen nicht verantwortlich gemacht werden kann. — Das riecht nach Ausrede und ist wohl auch eine. Selbst eine verfolgte politische Minderheit sollte sich immer wieder fragen, was sie anders machen könnte und wo die eigenen Verantwortlichkeiten liegen; zumal die Schlagworte ‚underdrückt‘ und ‚verfolgt‘ hier doch nicht ganz angebracht sind.

2. Kann es nicht sein, das nun auch Strengers Position allzu sehr von gewitterten Gefahren, Verteidigungshaltung, gar Ängsten geprägt ist? Müssen wir den Westen tatsächlich verteidigen, sind die Rechten und die Terrorist_innen tatsächlich auf dem Vormarsch? Ich denke, dass sie zwar einfach lauter (und nerviger) sind als die übrigen, dass sie auch oft unangemessene Aufmerksamkeit erhalten, obwohl ihnen doch die Kraft und die Stabilität fehlt, die Gesellschaft tatsächlich umzukrempeln (oder ihr Innerstes, ihren Kern nach außen zu kehren). Doch die berechtigte Frage, ob im anglo-europäischen Raum tatsächlich die liberalen, nicht-faschistischen oder nicht-dogmatischen Geister die Mehrheit halten, lässt sich kaum beantworten und neben eindeutigen statischen Daten über die Verbreitung mehr oder minder geschlossen-rechter Weltbilder sowie ernüchternde Wahlerfolge der sogenannten Populist_innen spricht vor allem die auffällige Tatsache der linken Doppelbewertung menschlichen Verhaltens (je nach sozialem Kontext) für einen selbstkritischen Blick. Was meine ich damit?

Menschliches Verhalten ist zunächst ein etwas menschelndes Wort, hier sollen damit psychologisch und sozial bedeutsame Verhaltensweisen erfasst werden, also von stützender Hilfe durch Begleitung, Beratung oder Spenden über beschreibende und erklärende Sprachhandlungen beziehungsweise beobachtendes Randstehen oder kritisch, aber persönlich anerkennde Äußerungen bis hin zu verbaler oder handgreiflicher Aggression. Sprech- und Handhandlungen fließen hier zusammen, was zwar unsauber, aber für meinen Zweck praktikabler zu sein scheint. Solche Handlungen werden von Linken, einschließlich mir selbst, fast immer kontextabhängig beurteilt, also doppelt im Sinne von mal-so-mal-so. Ein Nazi, der einem anderen Nazi mit Geld, Gutachten, Räumlichkeiten oder was auch immer hilft, steht ebenso treffsicher auf der falschen Seite, wie der kämpferische, autonome Antifa, der diesem Nazi ein paar in die Fresse haut, auf der richtigen. Augenscheinlich gibt es dabei gar kein Problem, denn die genannten Verhaltensweisen sind äußerst abstrakt gefasst und taugen an sich nicht zu einer (moralischen) Beurteilung. Der politisch-soziale Kontext, der letzte Zweck entscheidet, nicht ihre abstrakte Beschreibung.

So läge es nahe zu verlangen, nur noch über, sagen wir, Inhalte zu verhandeln und vielleicht käme sogar Unterstützung von einer sehr generösen Variante der Strengerschen Theorie: die Sachfragen stehen zur Debatte, nicht Motive handelnder Personen oder abstrakte Handlungskategorien. Jedoch hat die Sache einen schmerzhaften Haken. Allzu leicht gehen wir (in “ „) von der Beurteilung (ex post) von Handlungen zu ihrer Rechtfertigung (ex ante) über. Dann spielen konkrete Vorkommnisse und soziale Lage plötzlich keine Rolle mehr. Nazis zu verprügeln ist immer gerechtfertigt. Andere Meinungen abzuwerten und zu entwürdigen gilt als kritischer Geist. Es geht hierbei  nicht um die Trivialität, dass Leute nicht automatisch sympathisch, interessant und schlau daher kommen, weil sie als Marxist_innen, Feminist_innen oder Kritiker_innen der Whiteness auftreten. (Ein paar Blicke in linke Sphären, gar Monaden des Internets genügen.) Vielmehr stellt sich die Frage, ob die politische Linke nicht gerade weil die Welt aus ihrer Sicht falsch eingerichtet ist gar keinen Boden unter den Füßen hat, um Regeln, Prinzipien oder Maximen für ihr Handeln zu entwickeln, die in dieser Welt Geltung beanspruchen können. So weit könnten wir Strenger also Recht geben, wir haben gar nichts zu verteidigen und jene allgemeinen Rechtfertigungen von Handlungen (eben ex ante) verpuffen regelmäßig bei einer geaueren Prüfung.

Wohlgemerkt, einige grundsätzliche Probleme der Linken bleiben hier ausgeklammert: das Brodeln der Szene im eigenen Saft mit allen unschönen Folgen wie Frustration und aus dieser sich entwickelnden, nach innen gerichteten Aggressionen (interne Machtkämpfe, Spaltungsmanie); uneingestandene geistige Nähe zum Liberalismus, schließlich geht es immer wieder nur um die Erweiterung der Möglichkeiten für Individuen und schließlich eine unaufgearbeitete Vergangenheit, mir insbesondere bekannt aus Deutschland und Europa, wie Autoritarismus, Ohnmachtsgefühle, dogmatische Verschlossenheit gegen Einwände und andere Perspektiven sowie die Projektion der eigenen Schwächen auf andere Gruppen.

Vielmehr würde ich gerne weiter gehen und nach einer linken Position für das Problem des Universalismus in der falschen – oder postmodernen – Welt fragen. Vielleicht, so meine Hypothese, leidet die Linke tatsächlich unter einem Mangel an Willen, zu Sachfragen, gegebenen Tatsachen Position zu beziehen, sich dabei gelegenlich schmutzig zu machen und dabei in einer mehrheitlich nicht linken sozialen Welt an das Bohren dicker Bretter zu wagen. Auch ich halte am Prinzipiellen (nicht gemeint sind zu bloßen Schlagworten verdampfte Inhalte, ein Problem für sich) zu oft fest, obwohl jede Grundlage dafür in meiner eigenen Beurteilung der Lage fehlt und verpasse es auf diee Weise allzu oft, meine Meinung in einem gegebenen sozialen Kontext kund zu tun. Dadurch gibt sie einer polternden Rechten ohne Not starken Einfluss, verharrt im Reaktiven und setzt dabei grundlegende Errungenschaften (real existierende Freiheiten und Mitwirkungsmechanismen) aufs Spiel. So etwas schreibt sich am Schreibtisch natürlich gemütlich und entspannt, daher schwebt gleichzeitig die Frage im Raum, wohin dann mit all der Wut über die falsche Welt?

Über linke Möglichkeiten I: Carlo Strenger

Vor einigen Wochen traf ich zufällig auf ein Interview mit dem israelischen Psychologen und Philosophen Carlo Strenger. Die Linke habe versäumt, die Sicherheitsfrage in Israel zu beantworten und dieses Feld der Rechten überlassen. So habe Netanyahu wieder eine Wahl gewinnen können heißt es im Teaser. So interessant diese These schon ist, im Interview erweitert Strenger sie und behauptet, dass sich Freiheit gegen menschenfeindlichen Terrorismus und Extremismus jedweder Art nur mit Pochen auf die Substanz des freiheitlichen Zusammenlebens verteidigen lässt. Dies erinnert nun eher an alte Geschichten: wehrhafte Demokratie, Freiheitlich-Demokratische Grundordnung oder wie auch immer z.B. anglizistische Varianten der Verteidigung der westlich-demokratischer Lebensart heißen mögen. Man denke daran, was die weltliche Welt zu bieten habe, wenn sie sich nicht andauernd für ihre Verbrechen entschuldigen müsse, so Strenger, warauf unweigerlich die Nachfrage folgte: Was hat sie denn zu bieten?

Endlich mal fragt wer die Frage aller Fragen, kurz und klar. Strenger dazu: Ich glaube – vielleicht etwas altmodisch – immer noch daran, dass die menschliche Vernunft es ermöglicht, stets alles kritisch zu hinterfragen. Das sei die eigentliche Leistung und das Vermächtnis der Aufklärung, ein unschätzbares Gut. {Das war nicht ganz sein O-Ton, aber in Etwa.}

Ich konnte meine Enttäuschung nur schlecht vor mir selbst verbergen, kaufte mir noch sein Buch „Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit“, Berlin 2015 (Edition Suhrkamp), las es und war nach wie vor angezogen und enttäuscht gleichzeitig.

Im Kern vertritt Strenger eine Variante des kritischen Rationalismus, also tatsächlich eine etwas altmodische Theorie. Alle Fragen des Zusammenlebens seien letztlich Sachfragen, deren Diskussion und Beantwortung einerseits einen gewissen Kenntnisstand (je nach Sachgebiet), andererseits die generelle Offenheit für kritische Einwände und Widerlegungen von Hypothesen voraussetzen. Das gilt für Fragen der gesetzlichen Bestimmungen von Abtreibungen ebenso wie für eine Politik gegen den anthropogenen Klimawandel oder die Frage der Verteilung von Kondomen gegen die Verbreitung von HI und AIDS.

Diese Voraussetzungen werden von religiöser Orthodoxie, Verschwörungstheorien, faschistischen Ideologien und dergleichen offensichtlich nicht erfüllt. Vielmehr seien Vertreter_innen dieser Haltungen stets und ständig beleidigt, wenn wer kritische Einwände oder gar Ironie, Spott oder Karikierungen ihrer selbst erhebt und verbreitet, würden aber ihrerseits ohne mit der Wimper zu zucken verschiedene Menschengruppen für dumm, un-menschlich, feindlich, krank oder todeswürdig erklären.

Warum sollte ich mich jedoch auf dieses Spiel einlassen: kritisch Rational oder dumpf-agressiv-raunend, Sie haben die Wahl? Zur Debatte steht hier doch die politische Identität. Strenger behauptet, die Linken haben versagt (besonders in seinem Buch), weder die kommnunistisch-marxistische, noch die postmoderne Linke können dem Hass etwas entgegen setzen, sie haben in fahrlässiger, aber zum Teil auch notgedrungener Weise (was blieb anch dem Holocaust an Optionen zur Verteidigung des Westens übrig?) das Feld der Verteidigung der menschlichen Freiheit und Würde des Einzelnenen den Rechten überlassen. Diese können seit Jahrzehnten die mutigen Verteidiger von Freiheit und Demokratie geben, während sie selbst dem Hass und den Vorurteilen unterliegen, Menschen und nicht ihre Einstellungen und Ansichten verachten.

Bevor ich mich jedoch der Frage zuwende, was von dem kritischen Universalismus zu halten ist – in Zeiten postmoderner Aufklärung, Polyzentrik oder Verunsicherung – (Teil III) möchte ich im folgenden Post (Teil II) der Frage nachgehen: Was steht mit der politischen Identität, insbesondere der „linken“, eigentlich auf dem Spiel. Dazu meine These vorweg.

Linke Identität bedeutet für mich, die Hoffnung auf eine andere, bessere Welt vor dem Hintergrund des alltäglichen Falschen und Bösen, der „aufgeklärten Hölle“ (Ehrenburg), zu einem objektivierbaren Wissen zu machen. Egal woran und mit welchen Mitteln Linke den Hebel der Kritik ansetzen, sie – wir – müssen darauf vertrauen, dass es 1. zumindest in einem anderen Zusammenleben und in einer anderen Welt ein Zuhause gibt und 2. dieses Andere sowie der Weg dorthin auch verständlich gemacht werden können. Doch wo liegt hier der Haken?

Der linken Dreisatz kann an einem sehr guten Beispiel anschaulich gemacht werden. Ist es nicht schlicht der helle Wahnsinn, dass täglich Menschen im Mittelmeer ersaufen, nur weil es keine besseren Wege in das reiche Europa gibt, als sich für viel Geld auf ein für solche Reisen untaugliches Boot verfrachten zu lassen? Kaum wer, außerdem, tut etwas dagegen, ich selbst auch nicht. Von Schritt eins (Diagnose) nun zu Schritt zwei (Therapie: der Weg): Wie kann dieses unnötige Massensterben verhindert werden? Konkret und zugleich auf lange Sicht weiß ich es nicht, von raschen Rettungsmaßnahmen einmal abgesehen. Was politisch wirklich machbar ist, vermag ich nicht recht zu sagen. Zu Schritt drei (der andere, utopische Zustand) fällt mir dann erst recht kaum etwas ein. Wie sieht eine Welt aus, in der Migration nicht nur nicht tödlich, sondern auch erlaubt, gar erwünscht ist? Unter der Voraussetzung hinreichender Ehrlichkeit bleibt dieser Zustand nicht einfach auszumalen, denn nicht nur ich dürfte hier malen, auch meine Nachbar_innen, die lieber das Flüchtlingsheim anzünden, als zu gucken wer da kommt.

Ohne Netzwerk

Mir kommt für dieses Blog nichts mehr in den Sinn. Seit ein paar Wochen herrscht Leere in der Ideenwelt für kurze Artikel oder Geschichten. Ein paar große Themen rumoren noch im Kopf, jedoch möchte ich sie nicht allzu sehr eindampfen und habe gleichzeitig nicht die Zeit, mich richtig in sie zu stürzen.

Wie entsteht eine solche Lücke, Pause, Leere? Meine früher übliche, tagtägliche Beschäftigung mit Büchern, Geschichte(n), Politik, Theorie oder Moral hat sich enorm reduziert. Aus dem Leben eines Studierenden hat sich das eines Familientieres entwickelt, das neben Beruf (40 Stunden) und Familie kaum Zeit für sich und den Intellekt hat. Auch die ehemals alltägliche Begegnung mit Leuten, die irgendwie (und nicht selten vermeintlich) die eigenen Interessen teilten und die Gespräche in eine erahnbare und vertraute Richtung laufen ließen, reduzierte sich stark. Schon bevor die Kinder zur Welt kamen zeigte sich, dass mir die akademische Welt nicht mehr geheuer war. Zu sehr liefen die Gedanken und die Art, sie zu formulieren auseinander. Meine Dissertation in der Philosophie scheiterte nicht nur, weil mein erstes Kind starb. Schon vorher empfand ich Unsicherheit über das Thema (Menschenrechte), die Herangehensweise (schwankend zwischen Analyse und Unterwanderung des Mainstreams) und meinen damaligen intellektuellen Kontext. Kontext? Radikale Linke, die für dieses Thema allenfalls ein mildes Lächeln übrig haben, ein Unikolleg, in dem es hauptsächlich um Textkonsum ging, sowie ein paar frustrierte Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen, die auch mit anderen Dingen beschäftigt waren und sind. Kurz gesagt, meine Art an einen Text oder ein Thema heran zu gehen passt einfach nicht in die Uni, wirkt dort unproffessionell und selbstbezogen.
Bliebe noch die Politik oder die Gruppe.

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Jetzt empfinde ich die Auseinandersetzungen in der linken Szene weder als uninteressant, noch von den Thesen her falsch, aber doch ungeheuer anstrengend, konkurrenzbelastet und gleichzeitig repetitiv. Ein paar wirklich coole und fruchtbare Kontakte zerschlugen sich durch Umzüge ähnliche Schicksale. Aber ich weiß, es gibt eine Menge Leute, die sich persönlich und abstrahierend mit etwas beschäftigen wollen und können, die auch immerhin so viel über die eigenen Unsicherheiten wissen, dass sie nicht ständig alle Welt mit ihren Gewissheiten überziehen müssen. Ein Theweleits-Männerphantasien-Lesekreis war meine letzte großartige Erfahrung.
Nun, zwei Kinder und etwa sieben Jahre später? Ich lebe in der Provinz (und am Meer), verbringe sehr viel Zeit vor dem Rechner um mit Programmieren unser Geld zu verdienen, der Rest bleibt für die Familie.

Dieses Treiben in die geistige Langeweile bei ernormer Anstrengung durch Beruf und Kinderbetreuung wird in erster Linie durch Kontaktverlust erzeugt. Beziehung ist beinahe alles, gerade in der Frage der hobbyesken oder weiter reichenden Interessen. Es gibt sogar Jobs im Bereich des politischen Engagements – wenige und stark umkämpfte, aber trotzdem. Vereine und Organsiationen machen Jungen- oder Männerarbeit, andere versuchen, den Nazis Einflussmöglichkeiten zu entziehen, wieder andere machen Flüchtlingsarbeit oder Gewerkschaftsseminare. Schließlich gibt es sogar noch ein paar wirklich gute Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften, manchmal sogar mit etwas Budget. Ich hatte jedoch weder in die akademische Welt, noch in diese nennenwerte Kontakte. Die Suche nach gegenseitiger Anerkennung, stabiler Verlässlichkeit im Alltag oder einfach etwas Party gleicht nicht der Pflege eines Netzwerks aus Interessen. Selbst den letzten Versuch eines alten Bekannten, in einen geförderten Forschungskreis und eine angeschlossene Beratungsfirma zum Thema Demokratisierung von Abeitsprozessen und -verhältnissen zu rutschen habe ich, schon fest in meinem Beruf stehend, schließlich abgewiesen. Meine Büroarbeit ließ sich einfach über Bewerbungsschreiben initiieren, daher der (leere?) Raum ohne geteilte Interessen um mich herum.

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Nun muss und werde ich irgendwie von vorne beginnen, weiß aber nicht recht, wo anknüpfen? Ehrlicher: bei wem? Nebenbei, der Austausch über Social Media kann face-to-face Kontakte nicht ersetzen. Zumal dieses Blog kaum gelesen wird (Ihnen sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt!), noch viel seltener reagieren Leute auf einzelne Texte. Gleiches gilt für Facebook, meinen Twitter-Account habe ich wegen Mangel an Resonanz ganz abgestellt.

Retrospektiv ergibt sich also ein Bild der Verlangeweilung und Verspießung, des Rückzugs auf private Interessen. Alle möglichen Bezieungen zu Menschen in der akademischen Welt oder im Spektrum der engagierten Berufe gingen verloren, weil eine distanzierte Stabilität fehlte; der seltene, aber einfache Anruf á la: „Hey, wir wollen hier dies und jenes machen, hast du nicht Lust etwas beizutragen?“ erschien abwegiger als small talk oder flauschiger Plausch. Aber auch die ständige Vermengung von Freizeit und Beruf, die praktisch nie enden wollende Arbeit – noch um zwei Uhr morgens wurde über ach so wichtige und brisante Themen gesprochen in den beiden genannten Sphären hat mich überfordert und manche Ereignisse in meinem Leben waren und sind unvereinbar damit.

So liegt auch schon beinahe fest, was künftig passieren sollte. Mehr bewusstes vernetzen und Kontakte schmieden, die Generierung von persönlicher Sicherheit aus vom Netzwerk getrennten Quellen (als da wären Freundschaften, Familie, vielleicht Liebschaften und das Selbst im präzisen Sinne eines Bildes vom Ich, auf das das Individuum zurückgreifen kann) und die Akzeptanz der eigenen Grenzen als Basis für die Belebung von Interessen. – Wer hat also Bock auf einen neuen Arbeitskreis?

Vom Wert der Abwägung

Bin immer mehr der Meinung, dass Meinungen, Aussagen, Behauptungen und Darstellungen mit zunehmender Distanz zwischen Sprechenden und Hörenden abgewogener und vorsichtiger vorgetragen werden sollten. Nur Menschen, die dich gut kennen, können Nuancen wie Augenzwinkern, Selbstdistanz, Hintergrundstimmung oder Provokation gleichsam mit hören. Sie kennen auch die Gegengewichte zu einer Meinung in deinem Weltbild, die das Gewicht der (spontanen) Aussage ins Verhältnis setzen und sie nicht gar zu nackt und glatt exponiert dastehen lassen.

Anders in der breiten Öffentlichkeit, zumal im oft anonymen, aber nicht unpersönlichen Web. Dort wiegen selbst schnell hingehackte Worte und nicht zu ende gedachte Verlautbarungen unheimlich viel und sollten deshalb um so gründlicher apodiktischer Wirkung und allem Begehren nach self promotion entzogen werden.

Solches Handeln und solche Fähigkeiten wären zudem außerordentlich ansteckend und hätten auf diese Weise eine zivilisierende Wirkung in der sogenannten Wissensgesellschaft. Dies gegen die echte Gefahr jeder Demokratisierung (im Sinne von Verbreiterung des Zugangs zur Öffentlichkeit und zur Politik der Gesellschaft): die Reduktion der Verständigung auf Pöbeln und gegen den mageren Versuch der political incorrectness, sich auf der Basis vom Mut zur Nachdenk- und Nachfühlverweigerung Gehör zu verschaffen.

Das abhängige Geschlecht

Als sich im 20. Jahrhundert die Kleinfamilie etablierte, verschoben sich auch die Geschlechterkoordinaten. Manche Geschlechtermythen mögen verdampft sein, dafür rückten Herd und Schürze auf der einen, Aktentasche und akkurater Scheitel auf der anderen Seite in den Vordergrund. Die Ehefrau und Mutter galt von nun an als die abhängige Person, die sowohl finanziell vom Ehemann unterhalten wurde, als auch emotional und psychisch von den Kindern abhing, wenn die Ehe denn Kinder hervor brachte. Stichwort Muttersymbiose. Die Kleinfamilie mag in starkem Maße Schimäre gewesen sein, eine zunehmende Abtrennung einer Kernfamilie von älteren Generationen und ferneren Verwandten konnte aber doch beobachtet werden.

Auf dem kleinkarierten Geschlechtermodell basierend wurde sogleich ein ganzes Bild des weiblichen Geschlechts gezeichnet. Es galt und gilt als emotional so fähig wie anfällig, beziehungs- und sorgeorientiert im Gegensatz zu erfolgs- und politisch orientiert. Die Frau kümmert sich um die Familie, der Mann um die instrumentell geprägten Beziehungen zur Außenwelt und zur öffentlichen Sphäre.

So nimmt es wenig Wunder, dass der ideelle feministische und männlichkeitskritische Dreischritt von der Anerkennung der Härte und Notwendigkeit der Sorgearbeit (care!) über die gegenseitige Ergänzung der Geschlechterrollen und -habitus im Sinne von Intellekt und Gefühle, Geld und Körper, Interessen und Werte für alle bis zur Verschiebung der anthropologischen Matrix zu einem Menschenbild eines prinzipiell von Beziehungen und Abhängigkeiten geprägten im Unterschied zum einsamen, hortenden und Grenzen möglichst bewaffnet schützenden Wesens verlief.

Noch ein Quentchen radikaler – wenn auch vielleicht naheliegend – ist die Behauptung, Männer und insbesondere Väter sind schon jetzt hinter dem Schein ihrer Autonomie das eigentlich abhängige Geschlecht. Hängt doch ihr Familienglück eben von den Tätigkeiten ihrer Frau ab und hat doch die Frau und Mutter ihrer Kinder letztlich die Kontrolle über das Ob und Wie der Geburt des Nachwuchses sowie der Methoden seiner Aufzucht.

Selbstverständlich sind beide Geschlechter (in der Zweiermatrix Frau und Mann) zunächst gleichermaßen aufeinander angewiesen, wenn Nachwuchs gewünscht wird. Auch sind die körperlichen Ausdrücke der Fortpflanzung ähnlich ludize: Menstruation und Ejakulation vermitteln, dass Kinder ohne Einsatz des Körpers nicht entstehen. Im Unterschied zum Samen bleibt zwar der Eisprung von außen unsichtbar, aber dass die Periode mit der Fortpflanzungsfähigkeit der Menschen so viel zu tun hat wie dieser, wussten die Menschen sicher schon immer. Doch der menschliche Körper hinterlässt auch einen rätselhaften Stachel. Woher kommen die Kinder – wie entsteht Leben? Um diese Fragen ranken die Bilder und Ideen der Geschlechter auch wenn biologisch-organisch alles aufgeklärt zu sein scheint.

Gerade in der modernen, kapitalistischen und rationalistischen Zeit zielt die Frage nach den Geschlechtern auf die Unmöglichkeit für das männliche Geschlecht, die Züchtung des Nachwuchses unter Kontrolle zu bekommen. Hat schon der eigene Körper des Mannes seinen Eigensinn und bietet nicht einfach formbar-kontrollierbare Masse, so bleibt der Körper der Partnerin noch stärker der männlichen Verfügung entzogen. Davon mag mann sich noch so unbeeindruckt zeigen: Schwangerschaft, Geburt und frühe Fütterung (bei Brusternährung) des Kindes bleibt in den Händen der Mutter des gemeinsamen Kindes. Schon Simone de Beauvoir hat betont, wie sehr die männlichen Mythen über die Weiblichkeit auf die ‚dunkle Natur‘ der Frau zielen, auf die Herabsetzung der Frau zur ‚bloßen, willenlosen Natur‘, die stets die Gefahr ausstrahlt, ihn zu sich herabzuziehen und zu besudeln. „Empfangen und geboren zu sein ist der Fluch, der auf seinem Schicksal liegt, ist die Unreinheit, die sein Sein befleckt.“ (Das andere Geschlecht, Neuübersetzung 1992, S. 198)

Gleichzeitig kann es nicht bei der männlichen Abwehr gegen ‚das Weibliche‘ bleiben. Ermöglichen die Frauen, und nur die Frauen, den Männern sich über den Wege des Nachwuchses zu entfalten und – in der so existenzialistisch angehauchten wie treffenden Sprache Beauvoirs – sich zu überschreiten. „Die Frau, die den Mann zur Endlichkeit verurteilt, ermöglicht es ihm auch, seine eigenen Grenzen zu überschreiten.“ (S. 200) Hier liegt des Pudels Kern: Nachwuchs wird nicht nur gezeugt, um das materielle und geistige Erbe zu sichern oder weil Babys und Kinder so niedlich sind. Kinder ermöglichen die Überschreitung einer Grenze; wir sehen uns selbst in ihnen, doch nicht nur unsere eigene Kindheit (als Identifikation), sondern auch, wie wir noch hätten sein können. Wir entfalten uns anhand ihrer Entwicklung. Dabei mögen auch Projektionen und reine Wunschbilder eine Rolle spielen (unter deren Druck Kinder erheblich leiden können), aber im gelungeneren Fall wachsen wir selbst ein wenig im Anblick der Persönlichkeiten unserer Kinder.

Zusammengefasst habe ich hier zwei Hypothesen:

  1. Männer sind nach wie vor körperlich abhängig von der Mutter ihrer Kinder, wenn denn Kinder gewünscht werden. Möchte eine Frau ein Kind zeugen, braucht sie zwar den Samen eines Mannes, braucht danach aber keine Sorge zu haben, wie sich das Leben bildet – nämlich unabhängig vom Erzeuger.
  2. Die Zeugung von Nachwuchs bildet eine zentrale Möglichkeit, sich zu überschreiten, zu entfalten, kurz gesagt, zu leben, wenn mit Leben gerade nicht der Erhalt oder die Übertragung von Gütern einerseits oder die Identifikation mit einem starren Bild des Selbst (aus der Vergangenheit) andererseits gemeint ist.

Zwei rohe Überlegungen noch zum Schluss.

  1. Auch ohne den männerrechtlichen und maskulinistischen Überhang wurde schon seit Jahren ein Gender-Backlash beobachtet. Es könnte sein, dass der zunehmende Druck in der Arbeitswelt (ökonomisch, aber auch durch die Aufdeckung der Kleinfamilie als Schimäre: wir wissen inzwischen von patchwork Familien, Alleinerziehenden und verwaisten Kindern) die Möglichkeiten der Selbstentfaltung in der Arbeitswelt eher gedeckelt werden. In dieser, wie auch in der Freizeitindustrie, kommen die Leute nur noch mit viel mehr und kurzlebigerem Wissen im Unterschied zur persönlichen Bildung über die Runden. Um so mehr kommen Bindungen an die Familie und besonders den Nachwuchs in Frage, um nicht praktisch bei sich selbst stehen zu bleiben. Ohne dass sich jedoch in der Welt der Geschlechter Wesentliches getan hätte, trifft nun aber die Menschen die Wucht der körperlichen Abhängigkeit noch direkter. Das macht eine an Idolatrie reichende Orientierung an Geschlechtermodellen attraktiv, faktisch zwar zum Leidwesen der Selbstüberschreitung, aber paradoxer Weise in der Funktion ihres Rettungsankers.
  2. Wie wird die Kleinfamilie/Partnerschaft mit ihren Geschlechtermodellen und -mythen heute gelebt? Für das abhängige Geschlecht gilt im besonderen Maße, dass eine Art Remystifizierung stattfindet. Nach dem Ende der Selbstherrlichkeit des schnäuzigen Familienvaters stehen sich ein tolpatschiger und eingeschüchteter Partner sowie eine tadelnde und ungeduldige Partnerin gegenüber. Auch wenn mann inzwischen im Haushalt mitmacht und auch der Beziehung zu den Kindern nicht entsagt. Moderne Männer bleiben in einem Käfig, einem Käfig aus Unsicherheit, zumindest zeigt sich die Annahme einer nicht selbstherrlichen Lebendigkeit als kompliziert und langwierig.

 

::Edit::

Als Kontrastprogramm empfehle ich diesen Beitrag zum selben Thema von Heinz-Jürgen Voss: ‚Der Mann‘ und Männlichkeiten in ihrer Einbindung in Herrschaftsverhältnisse

Kommentar: Hirschauer, Wozu Gender Studies?

Das Lob vorweg: der Herr Hirschauer hat ganz schön beobachtet, dass die Gender Studies genau der Kategorie ein ungeheures Gewicht verleichen, dessen Genese und Gestaltung sie eigentlich kritisch begleiten wollten und sollten. Von ‚undoing gender‘ kann vielerorts in den Gender Studies und in den queeren Bewegungen keine Rede sein, nichts wird dort so stark zur persönlichen Identifikationsfläche gemacht, wie das Geschlecht.

Dennoch, hinter vielen von Hirschauers Sätzen verbirgt sich doch die alte Unlust, sich mit dem Thema zu beschäftigen, besonders, wenn es weh tut und Wunden aufreißen könnte. Schon das schon alte feministische Anliegen war und das gegewärtige der Gender Studies sollte es zumindest sein, das Thema Geschlecht gegen den Unwillen der Mehrheit wie eine muffige Ratte neben den Pudding mit Sahne aufs Tablett zu legen. Um es – wie von ihm gefordert – klar zu sagen, die Leute/Männer haben keine Lust, sich mit Frauen(Queeren)Themen zu befassen. Reflexartig wird bei seinem Aufploppen, wie die Erwähnung eines Frauenabends oder einer schwulen Performance, auf lautstarke Abwehr gestellt, obwohl es leicht wäre, Gender so zu ignorieren wie ein eingefleischter Fußballfan die Medaillen der Leichtathletik-WM. Hier bahnt sich doch ein Spagat an: wie schaffen es Wissenschaft oder soziale und politische Gruppen/Institutionen/’Bewegungen‘, das Thema Gender bewusst zu halten, ohne unkritisch daran kleben zu bleiben? Wie kann über etwas aufgeklärt werden, ohne sich eben den Prozessen zu verschreiben, über die aufgeklärt werden soll?

Der dutzendste Hinweis auf wissenschaftliche Distanz und Professionalität, auf moralische Enthaltsamkeit oder Annihilierung der Kategorien Täter und Opfer (das am simpelsten auszumachende Bedürfnis der Maskulisten) kann die Frage nicht beantworten. Auch das mahnende Gebot, sich aus Politik und ‚Bewegungen‘ raus zu halten, bringt nichts außer den Verdacht, dass hier Faulheit mit postmodernen Begründungsfiguren geschönt wird.

Natürlich bringt nicht jede Vermanschung von Wissenschaft und Politik Gutes hervor, auch das x-te Bekenntnis zum schwulen, queeren, feministischen Denken(!) löst keine Schockwellen in der Realität aus. (Denken ist nicht das Leben.) Es ist auch nicht alles interessant, tiefgründig oder bewegend, was unter den genannten Labeln (Großlabel ‚Gender‘) firmiert. Aber ganz so einfach wie der Hirschauer würde ich es mir nicht machen wollen.

PS: Ich sehe mal von seltsamen Bemerkungen wie „verständlichen […] Ressentiments“ der Männerrechtler oder den so nett angesprochenen „Ach Schwestern!“ ab. Ich finde es vor allem falsch, sich aus dem allem fein raus halten zu wollen.

Wie alt ist mein Kind?

Habe bemerkt, wie sehr ich schwanke. Unser Kind ist nach Zahlen 16 Monate alt. Oft denke ich,

wie groß du schon geworden bist, kannst schon dies und jenes, erkennst leicht Dinge wieder, ahmst nach, weißt was du willst. Du kannst doch auch schon durchschlafen, alleine essen, sauber essen, weniger Quatsch machen.

Dann fällt mir auf, wenn ich ihn nur oder neutral oder liebevoll anschaue,

wie klein bist du noch, wie jung und erst kurz auf der Welt. Da greift der Wunsch nach beschützen und in Ruhe lassen.

Der hinkende Vater

Der Vater hinkt hinter her. Zumindest wenn er nicht allein erziehend, aber die zweite Beteiligte eine mit ihrer Brust stillende Mutter ist, und besonders dann, wenn der väterliche Teil der Eltern- oder Erziehungszeit kurz bleibt oder ganz wegfällt. Wir sprechen also bedauerlicher oder einfach realistischer Weise über die Situation einer breiten Mehrheit. In welcher Hinsicht und warum hinkt der Vater hinter her?

Wenn ein Baby geboren wird, hat es bereits 9 Monate im Bauch der Mutter verbracht. Aus dieser Zeit stammen gemeinsame Erfahrungen (gute und schlechte), die ein Vater niemals wird machen können. Nach der Geburt aber, wenn die genannten Bedingungen zutreffen, wird die Lage des Vaters nicht automatisch besser, seine Beziehung zu seinem Kind startet auf einer anderen Basis, als die der Mutter. Zu der Schwangerschaft kommt das Stillen. Mütter haben so zunächst mehr Möglichkeiten, das Kind kennen zu lernen und sich vom Kind kennen zu lernen lassen.

Als Vater wurde ich in den Babymonaten, und noch während das Kind Schritt für Schritt ins Kleinkindalter wechselt, den Eindruck und das Gefühl nicht los, immer Entwicklungen unseres Kindes nach der Mama zu bemerken. Sie war auch im Umgang mit dem Kind immer einen kleinen Schritt voraus. Sie gab früher auch heiße Milch, suchte neuere und größere Klamotten für es aus und bot ihm Unbekanntes zu essen an. Das mag an Unterschieden in unser beider Persönlichkeit liegen, ist aber auch durch das Mehr an Zeit verursacht, die die Mama mit dem Kind im Gegensatz zu mir als Feierabendpapa verbracht hat. Dazu kommt die Qualität dieser Zeit, zumindest anfänglich das Stillen, der Mittagsschlaf (oder die Tagesnickerchen) und die langen Spaziergänge. Ich sehe unser Kind dagegen eher (Achtung, Übertreibung!), wenn es morgens noch nicht ganz wach oder spät nachmittags schon halb auf dem Weg ins Bett ist.

Klar, je mehr Zeit wer mit dem Kind verbringt, desto höher sind die Changen auf eine engere Beziehung verglichen mit den Veranwortlichen für das Kind, die weniger Zeit haben. Mich überraschen jedoch zwei Dinge:

  1. Diese Lage fand ich in keinem Babyratgeber oder -heftchen beschrieben und behandelt. So klar und normal dieser Vorgang erscheint („Du wunderst Dich?“[rolleye]), so sehr bleibt er unbenannt. Bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass Väter unter solchen Umständen sich wohl hin und wieder zurück gesetzt fühlen, wenn das Baby z.B. immer zur Mutter möchte, wenn es Schmerzen hat, hungrig oder müde ist; dass sie gar gelegenlich traurig sein werden, eben weil ihre Beziehung zu dem Kind scheinbar so viel mehr Mühe kostet.
  2. In Elternratgebern und -broschüren steht tatsächlich oft, dass die Mütter angeblich die Väter von den alltäglichen Pflegeaufgaben entbinden, gar ihre Kontrolle über die Ausführung der Pflege nicht lockern wollen, wenn die Väter doch mal an den Babypopo wollen oder dürfen. Das mag es zwischen vielen Paaren geben, sollte aber doch eher eine Organsiationsfrage sein. (Ich übernehme zum Beispiel imme noch eher das Wickeln als sie.) Die Ratgeber decken sich hier mit manchen Schulen der Psychoanalyse, die annehmen, nach der Geburt bestehe eine Symbiose zwischen Mutter und Kind, die nur nach und nach durch Triangulierung oder einfach Beteiligung des Vaters (oder anderen Zweiten und Dritten von für das Kind Verantwortlichen) aufgelöst werde. Die Mutter hänge enger an dem Kind, würde sich auch – eben in der Pflege – eher um sein Wohl sorgen und versuchen, andere von dieser Zweierbeziehung abzuschirmen. Nun, Symbiose hin oder her, besorgter und kontollierender dem Kind gegenüber als ich empfinde ich die Mama nicht. Im Gegenteil, dadurch, dass ich später zum Füttern hinzugezogen wurde (als die Flasche aufkam), dass ich später manche wortähnliche Laute von unserem Kind gehört habe oder dass ich später als Trostspender akzeptiert wurde, konnte die Mutter dem Kind sogar eher Freiräume, Eigenstädigkeit und neue Erfahrungen ermöglichen. Wenn Väter alles nachholen und richtig machen wollen, hinken sie auch in puncto Selbständigkeitsentwicklung des Kindes hinter her.

Erst dieser Tage konnte ich wieder mal hören: „Ach, er schläft schon lange nicht mehr auf dem Arm ein.“ Zuvor war war die Mama mit dem Kind sechs Tage sogar ganzh alleine. In der halbwegs modernen Elternwelt heißt es immer: ‚Die Väter müssen ihren eigenen Umgang mit dem Baby finden und konsequent verteidigen.‘ Im Vergleich zu früheren, abwesenden Vätergenerationen mag das noch hinkommen, bietet aber bestenfalls die halbe Miete. Der Vorsprung der Mütter in der Beziehung zum Kind kommt auch in Vätergesprächen kaum vor und, wie ich ihn erfahren habe, er führt dazu, dass die Väter ihre Babys als jünger wahrnehmen, als sie sind. Vielleicht gar als unfähiger oder träger als sie es sind. Väter können dazu neigen, sich an Gewohnheiten in der Vater-Kind-Beziehung zu klammern.

Sicher bin ich mir aber, dass Väter nicht mehr aufwenden müssen, um eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, als die Mütter. Den Mehraufwand haben in den hier beschriebenen Konstellationen ja gerade die Mütter. Aber die Väter brauchen eine bestimmte Konzentration auf ihre Sicht auf das Kind, um nicht ins (trotzige) Gegenteil zu verfallen: den Rückzug vom Kind. Wenn Mama nun mal Dinge über das Kind weiß, die dem Papa bisher verborgen blieben, so hilft’s nicht, einen ‚eigenen Weg‘ einzuschlagen oder sich zurück zu ziehen. Ich war jedenfalls gelegentlich darüber trauig, dass ich hinter her hinke, und habe versucht, am Ball zu bleiben.

Nice Try: Why I stopped liking UN Watch’s Facebook Site

Meine persönliche Bemerkung zum Krieg zwischen der Hamas und Isreal.

Heute Abend habe ich mich selbst überrascht, wollte ich doch eine Email an UN Watch schreiben und so kurz wie gewürzt erklären, warum ich mein ‚Like‘ ihrer Facebookseite entfernt habe.

Ich sah‘ zuvor ein kurzes Video, das Ausschnitte aus einer Diskussion des UN Menschenrechtsrates in Genf zeigt. Diese Diskussion („Emergency Session on Gaza“, 23.07.2014) fand während dieses Krieges statt. Unter dem Titel „UN emergency session on Gaza: Hillel Neuer speaks out“ lassen sich enorme und absurde Anschuldigen gegen Israel ebenso wie Neuers („executive director of UN Watch“, wikipedia) Reaktionen finden.

Israel werden wohl nicht zufällig in diesem zahnlosen Gremium Kriegsverbrechen vorgeworfen – Staatsverbrechen, Genozid, die Vernichtung der Palästinenser, ethnische Säuberungen, Massaker und eine kriminelle Mentalität. Neuer hingegen berichtet aus Israel, von der Angst vor den Raketen der Hamas, von der Bedrohung des Lebens dort und den Traumen, die sie hervor bringt, jedoch auch von der Standhaftigkeit und dem Mut eines Volkes, dass sich nicht weiter zum willenlosen Opfer machen lässt. Seinen VorrednerInnen und KritikerInnen wirft er vor, beispielsweise die Verbrechen des Syrischen Staates an den Palästinensern zu verschweigen und überhaupt auf beiden Augen blind zu sein, wenn um Verbrechen geht, die nicht Israel begangen hat. Er und UN Watch seien die wahren Vertreter und Verteidiger der Menschenrechte, Israel das wirkliche Opfer in diesem Krieg.

In meiner Email hätte ich betont, dass die Beträge der Gegner Israels (nicht des Krieges wohlgemerkt) tatsächlich weitaus stupider und dumpfer anmuten als Neuers Standpunkt. In der Tat halte ich es außerdem für den entscheidenden Grund des allgemeinen Entsetzens über Israels Kriegsführung, dass die Erwartung an ein willenloses und sich opfern lassendes jüdisches Volk vom Handeln des Staates Israel durchbrochen oder zumindest stark irritiert wird. Nur wer sich und seine Motive nicht daraufhin abhorcht kann leichten Fußes Israel des Genozids bezichtigen, die Hamas hingegen Widerstandsgruppe hinstellen.

Dennoch wirkt das Insistieren auf die ‚wahre‘ Opferrolle und den ‚wahren‘ Verteidiger der Menschenrechte intellektuell unangemessen und unnötig unpolitisch. In diesen Rollen kann sich jeder in einem Krieg sehen und tut es bekanntlich auch so lange, bis die eigene Beteiligung und Verantwortung einfach nicht mehr zu leugnen ist. Auch hätte eine mitfühlende Bemerkung über den grausamen Kriegstod so vieler Menschen wie in diesem Krieg den Ausführungen Neuers nicht geschadet.

Wäre es nicht zudem ein politischer Einwurf in dieser Debatte gewesen, auf ein mögliches Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden zu verweisen, in dem die Jüdinnen und Juden ihr Leben nicht mehr am Hass und den Aggressionsproblemen der anderen ausrichten müssen? Hätte nicht auch ohne einen vielleicht tödlichen Traum vom ewigen Frieden und stiller Harmonie die Option für die PalästinenserInnen und Palästinenser, ohne den Hass der Hamas auf Israel (und ohne ihn sich zu eigen zu machen) das Leben viel freier gestalten zu können vernünftig und prospektiv geklungen?

Damit hätten interessante Punkte angeschnitten werden können, mag sein. Aber warum wollte ich UN Watch eine (belehrende) Email schreiben, dem Human Rights Council hingegen nicht? Auf mich trifft einfach etwas zu, was mich bei anderen stets ärgert. Ich glaube, dass meine vermeintlichen und echten Freunde höheren moralischen und politischen Ansprüchen genügen müssen und können, als die übrige Welt. Vom Vertreter des Iran oder dem Botschafter Palästinas in diesem Menschenrechtsrat erwarte ich fast nichts, von Hillel Neuer hingegen höchstes intellektuelles und politisches Niveau. Ein Niveau, das gar höher liegen soll als meines.

So unredlich das von meiner Seite aus ist, etwas habe ich auch gelernt: Diese Email hätte ich nicht aus Hass geschrieben. Vererbter und unbewusster Antisemitismus hätte sie nicht erklärt. Ich hätte einer seltsamen Enttäuschung Luft verschaffen wollen, die ihr Eigenleben führt und ihrer eigenen Kritik bedarf. ‚Die guten Freunde‘ müssen nicht besser sein als der Durchschnitt, um sich über ihn zu erheben zu können. 

 

Brutalität und Angst auf dem Spielplatz

Die Szene geht mir nicht aus dem Kopf. Vor ein, zwei Wochen steuerte ich mit meinem Kind einen Spielplatz an, um ein wenig zu schaukeln. Ebenfalls auf dem Weg dorthin war ein Kind, das etwas älter war, als meines. Es konnte zumindest laufen. Im Schlepptau ein Mann, vermutlich der Vater.

Auf diesem Spielplatz gibt es ein ganz normales Klettergerüst, modern, aus Holz und mit verschiedenen Brücken, die kleine Türme oder Häuschen verbinden. Die Stimmung zwischen den Beiden war von Beginn an schlecht. Der Vater maulte das Kind an, vielleicht weil es ihm zu langsam zum Spielplatz ging. (Seine Sprache konnte ich nicht verstehen.) Die entscheidende Szene spielt sich auf einer der Brücken des Klettergerüsts ab, die nur aus einem dicken Seil besteht, das mit einer Art Reling aus dünneren Seilen versehen ist. Das Kind stand auf der Plattform vor der Brücke und sollte diese nun überqueren. Wohlgemerkt: ein Kind, erst seit ein paar Monaten läuft und noch mit Schnuller unterwegs ist.

Wie nun einmal passieren kann, das Kind bekam Angst auf dieser Brücke, fing an zu weinen, hielt sich nur noch an den Seilen der Reling fest und wollte offensichtlich herunter genommen werden, vielleicht auf den Arm – jedenfalls Hilfe. Der Mann reagierte wütend, meckerte das Kind an. Es wurde angewiesen, weiter zu gehen. Nun entsponn sich eine furchtbare Situation. Das Kind weinte, wollte aber auch auf den Mann/Vater hören, setzte ab und an einen Fuß voran, ging nicht zurück auf die Plattform. Der Vater war wütend, schrie beinahe das Kind an, es sollte weiter gehen und aufhören zu weinen. Die ganze Zeit sah das Kind hilfesuchend auf den Mann hinunter, der bellend und gestikulierend genau unter ihm stand. Schließlich hörte das Kind sogar auf zu weinen und ließ nur noch Schluchzer hören, ab und an unterbrochen von dem Drang, doch los zu heulen. Das Gemecker des Vaters ging immer weiter, das Kind rückte nach und nach über die Brücke. Bevor das Ziel erreicht war, verließ ich die Szene.

Ich war völlig überfordert, wollte eigentlich eingreifen, aber eine Angst hielt mich zurück. Auch achtete ich natürlich auf meinen Sohn, der das Geschehen auch beobachtete und sicherlich alles genau, wenn auch genau so sicher auf seine Art, verstand. Abgesehen von meiner Wut und Traurigkeit versuchte ich zu verstehen, was da vor sich ging. Was hat der Mann wohl für eine Beziehung zum Kind, zu sich und warum handelt er so und welche Folgen hat das?

Natürlich kenne ich die Antworten darauf nicht wirklich, aber die enorme Lieblosigkeit des Vaters ließ mich immer weiter darüber nachdenken. Er war nicht eigentlich streng, er hat sich einfach nicht für die Lage seines Kindes interessiert. Dieses Kind, und ich nehme an – reine Spekulation – es ist sein Sohn, durfte nicht weinen, sollte sich selbst über diese Brücke helfen und überhaupt ohne eine helfende Hand zurecht kommen. Zwar unterdrücken und manipulieren auch helfende Hände (immer, auch meine eigenen), aber hier wurde ein Kind mit einer merkwürdigen Härte behandelt, die es vielleicht nicht manipuliert, aber dafür um so mehr einer namenlosen Ungerechtigkeit aussetzt. Denn wie alleine sich das Kind in diesem Moment gefühlt hat, kann wohl schwer ermessen werden, wie hilflos und wie gedemütigt. Schließlich musste es auch die Erfahrung machen, dass Zuschauer nicht zur Hilfe kommen.

Vielleicht hatte dieser Mann einfach einen schlechten Tag, das kommt vor. Die meisten Eltern werden gelegentlich überreizt, aggressiv oder einfach unempathisch auf ihr Kind reagieren. Was aber, wenn dieses Verhalten des Vaters, wenn auch möglicherweise gedämpft und rationalisierter, die (unbewusste) Regel ist? Wie sehen die kulturellen Folgen aus?

Ich nehme ganz spekulativ an, dass dieser Mann der Vater dieses Kindes und dieses sein Sohn ist. Er konnte auf diesen schnullernden, auf wackeligen Beinen gehenden und mit offenen Babyaugen guckenden nicht stolz sein. Der Kleine brauchte Hilfe, sowohl bei Entscheidungen, als auch bei Bewegungen, im Falle der eskalierenden Szene brauchte er sogar Hilfe zum Abbruch der Überquerung der Seilbrücke. Das geht gar nicht: weitermachen, aushalten, durchhalten. Vielleicht spielt hier auch eine Faulheit oder Müdigkeit des Vaters eine große Rolle, vielleicht war sie der Grund für die ganze Entgleisung. Jedoch kommt es auch darauf an, wie der Vater den Sohn sieht. Zunächst entdeckt der Vater mangelnden Willen, mangelnde Kraft und fehlendes Durchhaltevermögen. Du musst doch nur den Fuß hierhin setzen und … Mag das Ergebnis am Ende eine (scheinbare) Härte, das Gefühl der Pflicht zur Überlegenheit und zur Allmächtigkeit sein, die wir allüberall an Männern in den Straßen beobachten können. Eine überlaute Sicherheit in Gruppen (von Männern) wird gesucht und wiederholt gefunden werden.

Die andere Seite bildet eine wohl tief sitzende und unaussprechliche Angst, die schon beim Vater zu beobachten war. Die Angst, sich einzumischen, sich zu beteiligen und Anteil zu nehmen. Selbst diejenigen, die ihm am nächsten stehen und für die er Verantwortung übernommen hat, bleiben alleine. Die Idee, dass er ihnen als anderer auf die Pelle rückt und verletzende Verkennungen vornimmt, scheint abwegig. Vielmehr gilt für ihn, sich angesichts von Bedürfnis, Leid oder simplem Gefühle anderer heraus zu halten. Sollte doch eine Reaktion verlangt werden, wird die innere Leere mit Aggressionen geschützt.

Hier haben wir eine der Grundbausteine für Bösartigkeit, wohl auf der Basis mangelnder, wie oft abstrakt gesagt wird, Bildung und Erziehung. Oder mangelnder Humanität. Oder mangelnder Liebe und Mangel an Respekt und Bewunderung für das Leben. Dieser Ansatz mag veraltet sein und in der vernetzten, konformistischen Moderne stark unter Druck geraten sein. Ob wir einzelne ihn jedoch schon ignorieren können, wage ich zu bezweifeln.