Schlagwort: Anerkennung

Trotzphase

OK, viele Bürger_innen in Deutschland befinden sich gerade in der Trotzphase. Während sie erwachsen sind und durch einfaches Nachfühlen und ein wenig Reflexion diese Phase durchstehen könn(t)en, hat mein Kind es zur Zeit wirklich manchmal schwer. Alle Eltern von Kindern, die 2-3 Jahre alt sind, kennen solche Phasen.

Das Kind entwickelt seinen Willen, will aber gerade nicht bei dem mitmachen, was die Eltern wollen. Trotz wird dieses Nein genannt, weil es – als Machtkampf verstanden – so deutlich wenig Chancen hat, aus sich heraus gegen den Willen der Er-, nein, Aufziehenden zu bestehen. Ohne ihre Gnade kein Nein und kein Ja. Oft wird dem Kind allein aus diesem Grund zugestanden, eine schwere Phase zu haben. Eigentlich liegt sie jedoch darin begründet, dass die Erziehenden so oft nein sagen. Dann bricht ehrliches Entsetzen aus: unter Tränen und lautem Wiederholen der Forderung versucht das Kind, seinen Willen doch noch zu bekommen. Es geht ihm wirklich für einen Moment lang nicht gut.

Ich denke, für Schwierigkeiten dieser Phase gibt es einen wesentlichen Grund. Unser Kind hat über zwei Jahre lang vor allem mitmachen wollen. Klar gibt es den neugierigen Blick über die Tischkante – was passiert denn da gerade? kann ich das auch? – immer noch. Aber jetzt möchte er machen. Selbst machen. Das Problem ist nur, wie findet er heraus, was genau er machen möchte? Es gibt so viele, oft widerstreitende oder zumindest einander ausschließende Bedürfnisse und Ansinnen, von den Gefühlen ganz zu schweigen. Die Milchflasche, die Wasserflasche, ein Schnuller; ach, ein Zug, eine Mülltonne, ein Stück Kartoffel. Welchen Wunsch soll er denn nun versuchen, zur Anerkennung zu bringen? Dass er bei seinen Eltern mit seinen Wünschen etwas bewirken kann, steht fest, aber jetzt geht es darum, sich aus dem für ein Kind reichhaltigen Schatz an Möglichkeiten einige zu eigen zu machen. Zusammen mit den Eltern. Vielleicht kommt daher das Thema hergeben/weggeben oder behalten/zurückhalten (anale Phase) in dieser Zeit. Wir können ihm alle möglichen Dinge geben, aber dafür wird er früher oder später Wünsche hergeben müssen, andere behalten können. Sehr gegenständliche Wünsche: Essen, Spielzeug, Bilder, aber auch Musik (lange Zeit kann er damit verbringen, die CDs durchzuprobieren und dabei jedes Mal in eine neue Welt einzutauchen) oder kuscheln, vorlesen und ausruhen.

Ich glaube, deswegen hat er und haben wir es gerade nicht nur leicht, wenn es auch wenige Erlebnisse sind, die so furious beeindrucken, wie ein junger Mensch, der sich allmählich einen eigenen Willen, ein freies Ich aufbaut.

Zum Hass auf Fremde im aufgeklärten Mittelstand

Berichte über Menschen, die gegenwärtig versuchen in die EU und namentlich nach Deutschland zu flüchten, sowie über den rassistischen Alltag in Deutschland sind Legion. Viele befassen sich mit der sogenannten Flüchtlingskrise, die gründlicheren deuten sie zu einer politischen Krise um, die auf institutionellen Versäumnissen beruht. Bund, Länder und Kommunen haben sich einfach (teilweise bewusst) nicht auf die Flüchtlinge vorbereitet. In dieser Situation – viele Menschen drängen sich in Lagern, aufgelassenen Gebäuden und Notunterkünften – reagieren manche Deutsche panisch, aggressiv, rassistisch. Auch in der englischsprachigen Presse finden wir lesenswerte Berichte über Merkels Position in der Flüchtlingspolitik (wankend, sich ideologiefrei gebend, aber agierend), über Dresdens Probleme, sich ein weltoffenes Weltbild jenseits eines imaginierten Opferstatus‘ zu verschaffen oder wie Europas Staaten anstreben, die Flüchtlinge vor allem polizeilich-kontrollierend, geradezu panoptisch zu umhegen.

Trotz allem, was wir jetzt an Wissen ansammeln können über die Situation der Flüchtlinge, der Migrant_innen und über die Aktionen und Reaktionen der Deutschen auf die Tatsache, dass da Menschen die Grenze zur EU überschreiten, in die Städte kommen und vermutlich mittel- oder langfristig bleiben werden, eine Frage wird so gut wie nie gestellt. Warum sehen wir gerade ein starkes Anwachsen der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland? Komische Frage vielleicht, na wegen der vielen Flüchtlinge! Und weil in Deutschland Fremdenfeindlichkeit nun ‚mal zur Normalität gehört.

Es kann zwar die ganze Story sein, dass die Deutschen/Nazis durchdrehen, wenn sich auch nur ein paar Nicht-Weiße, die auch noch kaum Deutsch können, nahe des eigenen Vorgartens niederlassen. Das gilt aber nur für wirkliche Nazis, für ausgesprochene Rassist_innen, die den Flüchtenden und denen, die sich ihnen hilfreich zeigen wollen, Gewalt androhen oder zumindest Gewalt herbei wünschen oder sie einfach beleidigen. Für Leute, die ihren Hass kaum kaschieren und in ihrem Kampf gegen die Deutsche Sprache bei jeder Verlautbarung kläglich scheitern.

Anders die, die mehr auf den Geist zu fallen vermögen, die jovial und rational argumentierend ihre Ablehnung von „Flüchtlingsströmen“ kund tun. Sie weisen auf Realitäten hin, sprechen von begrenzten Ressourcen und mangelnder Machbarkeit sowie Motivation bei der autochthonen Bevölkerung, weisen dabei weit von sich, rechts oder Nazis zu sein und fühlen sich auch ohne jede Reaktion von anderen latent diffamiert. Warum nun müssen wir immer häufiger Kommentare aus dieser Ecke lesen oder hören? Driftet die Mitte der Gesellschaft nach rechts? Sprudeln nur alte und tief sitzende Ressentiments beim erst besten Anlass heraus?

Es mangelt nicht an ehrlicher und moralischer Empörung über diesen verbrämten Hass. Aber woher rührt er? Was rührt ‚uns‘ an, dass wir so auf flüchtende Fremde reagieren?

Vielleicht hat das Dissent Magazin eine der weiseren Entscheidungen im Blätterwald getroffen und einen Artikel von Seyla Benhabib repostet, der im Jahr 2002 veröffentlicht wurde: In Search of Europe’s Borders. Während die Analyse der Ursachen von Xenophobie im deutschsprachigen Raum bislang nicht über die Feststellung zunehmender Prekarisierung von Arbeits- und Anerkennungsverhältnissen auch in der Mitte Gesellschaft hinaus kommt öffnet Benhabib den Blick für weitere Zusammenhänge.

Die Debatte um Migration, Asyl und Flüchtlingshilfe dreht sich im erstaunlichen Maße um soziale Maßnamen. Es geht ums Geld: Was kosten Rettung der Flüchtenden aus dem Mittelmeer, ihre Erstaufnahme, Erstversorgung, Asylverfahren, Unterkunft und weitere Unterbringung? Welche soziale Rechte wachsen ihnen per Taschengeld, Gesundheitsversorgung und (notdürftigem) Obdach zu? (Hier findet sich eine große Schnittmenge mit den Wir-sind-nicht-das Weltsozialamt Parolen der Neo-Nationalsozialisten.) Dabei liegt im Hintergrund das Thema Staatsbürgerschaft. In modernen Staaten, so Benhabib, prägen nationale Identität, politische Rechte und soziale Teilhabe das Verständnis von Staatsbürgerschaft. In Europa, so dürfen wir hinzufügen, steht es um die kulturelle Identität in der Zeit offener Binnengrenzen, stark gestiegener räumlicher Mobilität und freier Wohnortwahl schlecht (das betrifft eine gemeinsame, europäische Identität sowie eine eindeutige nationalstaatlich gebundene Identität, wie Benhabib betont). Da mag der CSUler Markus Söder noch so sehr eine aus der Luft gegriffene „kulturelle Statik einer Gesellschaft“ apostrophieren. Die politischen Rechte sind hingegen aufs Wahlrecht beschränkt und von Elitenskeptizismus überlagert.

There is a general concern that contemporary citizenship is defined less by political responsibilities and participation than by the entitlement to social benefits and privileges. Against the background of falling electoral participation rates and the ossification of established party mechanisms, political citizenship appears obsolete.

Warum nun aber sehen es die deutschen Vorstadtverteidiger_innen nicht ein, dass dahergelaufene Kriegsflüchtlinge mirnichts, dirnichts deutsche oder europäische Staatsbürger werden angesichts ihrer (oft von den Einheimischen imaginierten) sozialen Teilhabe? Weil sie mit stark gestiegenem ökonomischen Druck und mangelnden Anerkennungsverhältnissen innerhalb unserer Gesellschaften leben müssen, so ließe sich auf die oben erwähnte Ursachenforschung zum Fremdenhass zurück kommen. Jedoch fehlt ein strikter Beweis, dass tatsächliche oder angedrohte Armut die Betroffenen (moralisch) verrohen und zu latent aggressiven Phobiker_innen werden lässt. (Die Schwierigkeiten mit einem allzu eindimensionalen Anerkennungsbegriff lasse ich ohnehin außen vor.) Vielmehr fehlt in den gängigen, meist allenfalls vorbewussten Begriffen von (Staats)Bürgerschaft ein politisches Verständnis derselben. So lässt sich in der Debatte um Migration und Asylrecht die Vernachlässigung der politischen und kulturellen Dimensionen zugunsten der monetär-sozialrechtlichen verstehen.

Hannah Arendt hat einmal die These vertreten, dass Menschen, die der politischen Teilhabe beraubt sind, sich auf soziale Ansprüche an den Staat kaprizieren. Stellt sich die Frage, ob genau dies das heutige Modell der Staatsbürgerlichkeit ausmacht. Kulturelle Identitäten lassen sich kaum noch verteidigen, weil sie nicht einmal klar und konkret definiert werden können. Moderne Nationalstaaten haben rein deskriptiv gesehen ohnehin eine multikulturelle Gesellschaft. Wie steht es aber mit der politischen Teilhabe? Benhabib konzentriert sich in dieser Frage auf das Wahlrecht und stellt fest, dass in Europa mindestens drei verschiedene politische Stände existieren: die einheimischen eines Nationalstaats mit vollen politischen Rechten, die Bürger anderer EU-Staaten mit stark verminderten Möglichkeiten der politischen Einflussnahme und Menschen ohne EU-Staatsbürgerschaft, die überhaupt keine politische Teilhabe wahrnehmen können. Das Wahlrecht (und hinzunehmen könnte man noch die innerparteiliche Demokratie) dimensioniert dieses Thema jedoch zu eng.

Zwar drücken viele Leute ihr Gefühl aus, dass ihr Kreuzchen in der Wahlkabine genau so wenig ändert, wie ihre Meinung vom journalistischen und politischen Establishment gehört wird. Aber auffällig selten wird dazu auch eine wirkliche Meinung präsentiert. Lieber wird über Diedaoben gesprochen und gelästert. Das, so meine Hypothese, liegt wiederum daran, dass die meisten Menschen dieses Schlages (männliche oder weibliche Angestellte der Mittelschicht, mit oder ohne Hochschulabschluss, in der Lage ganze Sätze zu formulieren und mit einem Mindestmaß an familiären Bindungen, was immer das sein mag) die Probleme durchaus kennen, die unter den Nägeln brennen, aber nicht wissen, wie sie das Richtige in die Tat umsetzen, ja leben sollen. Mag es dabei um den Wandel der Arbeitswelt gehen – Stresssteigerung ohne Lohnausgleich aber mit verstärkter (Lern)Disziplinierung und gleichzeitiger Sinnentleerung der Tätigkeiten selbst –, Fragen der richtigen Kindesaufzucht – wann in die Kita, wie sollen sich Väter beteiligen, was ist mit den Computern, was können die nicht-queeren von den Queerfamilien lernen, warum werden Alleinerziehende so allein gelassen –, um den Klimawandel, den Umgang mit der Natur und den Tieren – die Massentierhaltung – oder um die Verteilung der Zeit und Lebenszeit – auf Beziehungen, Medien, Job, Karriere, Kinder, Naturgenuss, Hobbys, geldlosem Wissens- und Erfahrungsaustausch und das Nichtstun; die meisten Menschen haben konkret gefragt nicht immer die schlechtesten Antworten. Viele haben genug vom Terminstress, ubiquitärem Lärm in den Städten, schlechter Luft, schlechter Stimmung, Staus, von Schule, Büro, Krankenhaus oder Fahrkabine. Nur ihren eigenen Stand in der Gesellschaft und in der gemeinschaftlichen Organisation und Bestimmung des Zusammenlebens können sie nicht orten und vermuten ihn daher irgendwo zwischen unten und draußen. Die Hypothese lautet daher, dass eine moralisch-ethische oder kognitive Desorientierung der Menschen weit überschätzt, die politische hingegen weit unterschätzt wird.

Die ältere Theorie hat behauptet, das Ressentiment, darunter der Fremdenhass, nähre sich von der Verschiebung der Unterdrückung und Kanalisierung der Bedürfnisse vom Vater auf anonyme Mächte. Genannt seien neben einer herrschsüchtig gewordenen Rationalität das Kapital, der Trust, die Bürokratie und die häufig fälschlich im Verdacht stehende soziale Disziplinierung. Heute schimmert allmählich durch, dass das Ressentiment mit der Unsicherheit darüber wächst, wie das Richtige (gemeinsam) gelebt werden kann. Das beginnt beim auch ökonomisch erfolgreichen Abschied vom System der Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts, geht weiter mit der Befreiung der (sexuellen) Bedürfnisse von Sünde, Strafe und Scham – wohin die Reise auch immer gehen mag – sowie der richtigen Behandlung der Migrant_innen dieser Welt (anzukommen braucht viel, viel Zeit) und endet bei der Umorientierung der Ökonomie hin zur geldlosen Wertschätzung von Wissen und Eindrücken, die erst in den Kinderschuhen steckt. Die Flüchtenden mögen an sich unvertraut sein, mit ihrer Herkunft aus Krieg und Armut eigene Ängste repräsentieren, vor allem aber kann ihnen unterstellt werden, dass sie alleine durch ihre Wanderungsbewegung, ihre Mobilität die Suche nach dem richtigen Leben repräsentieren, also genau das, was den weißen rationalisiert HassendenAsylkritiker_innen hier fehlt. Migrant_innen werden als das gehasst, was einem oder einer selbst verbaut und verborgen wird. Natürlich irrtümlich, denn sie suchen wohl in erster Linie Schutz, Ruhe, Erholung und vielleicht ein wenig monetäres Einkommen. Sie wissen es auch nicht besser.

Erst wenn die Staatsbürgerschaft, oder was immer ihr folgen mag, wieder belebt wird mit Auseinandersetzungen um das richtige Zusammenleben in Bezug auf die genannten Themen der Zeit, wenn sich die politische Teilhabe auf diese Auseinandersetzung erweitert und die Leute dadurch in die Lage versetzt werden, Erschöpfung und Überforderung in kreative Lebensformen zu überführen und mit den dabei naturgemäß enstehenden Streits zurecht zu kommen, kann das Ressentiment wieder geschwächt werden. Dann werden Ein- und Ausschlüsse in und aus Gemeinschaften weniger wichtig als ihre konkrete Formung und die Bestimmung ihrer lebensweltlichen Koordinaten. Es gibt Hoffnung, aber ohne Beteiligung wird sie sich weiter in Ängsten, Projektionen und pauschaler Ablehnung anderer wandeln wie Wein in Essig.

Über linke Möglichkeiten III: Zum Universalismus der Kritik

Die Beiträge I (Carlo Strenger) und II ((linke) Idenität) dieser kleinen Serie verhandelten Strengers Sorge um universalistische Kritik und Verteidiung der (wohl bürgerlichen) Freiheit in Zeiten des Rechtsrucks und des Terrorismus sowie um (radikal) linke Identitäten heute. Nun geht’s um die Wurst: können Linke ihre Kritik universalistisch formulieren, können sie irgendetwas als Ihres gegen alle möglichen Anfeindungen verteidigen?

Zunächst ein kurzer Blick zurück, was wollte dieser Carlo Strenger von uns? Er wollte, dass die Linke (in Israel, aber nicht nur dort) wieder in der Lage kommt, die Verteidigung der westlichen Lebensform zu übernehmen und sie nicht dem rechten Lager zu überlassen, das seinerseits selbst die grundsätzlichen Regeln der Kritik nicht beachtet. Als da wären:

  • Überzeugungen können kritisiert, gar verachtet werden, Menschen nicht
  • Kritik muss auf Sachkenntnis beruhen, nicht auf bloßem Dafürhalten
  • Kritik muss grundsätzlich allen und bezüglich aller Hypothesen erlaubt sein

Im ersten Beitrag sagte ich nicht mehr, als dass diese Position nur recht altbackenen kritischen Rationalismus bietet. Altbacken einerseits, weil sogar die simpelste Reflexion auf die Grenzen der Sachlichkeit fehlt. Sachbestände oder Tatsachen gaukeln Objektivität vor, sind jedoch stets ihres Kontextes beraubt, stellen sie doch immer nur einen Ausschnitt von Fakten dar. Besonders Statistiken sind diesbezüglich mit Vorsicht zu genießen. Jedoch solche und weiter gehende Fragen zur Objektivität von Sachbeständen können aus Strengerscher Sicht auch zurück gewiesen werden. Niemand behauptet, Tatsachen wie Billardkugeln in der Hand zu halten, Sachlichkeit und Objektivität stellen sich allein dadurch ein, dass Fakten, die wer auch immer in ihrer Argumentation gebraucht, überprüfbar sein müssen. Das ist alles. Den Gegensatz dazu bildet der Glaubenssatz, nicht die Arbeitshypothese, die genutzt wird, um Fakten zu ermitteln, anhand derer sie geprüft werden kann.

Altbacken andererseits, weil Strenger hier einige wissenschaftstheoretische Prinzipen auf politische Debatten überträgt. Was schon innerhalb der akademischen Communities umstritten war und bleibt – zu denken wäre etwa an die hermeneutischen Wissenschaften – soll nun einfach für alle Debatten gelten. Strenger begegnet diesem Problem in seinem Buch „Zivilisierte Verachtung“ mit der These, dass alle in Debatten damit rechnen müssen, nicht die Expertise zu haben und dementsprechend von den Expert_innen nicht beachtet zu werden. Mangels Universalgelehrter sind wir darauf angewiesen, uns auf das Wissen anderer zu verlassen und die Kränkung des weniger Wissens auf uns zu nehmen. Diese Beobachtungen treffen sicher einen Punkt, aber wie steht es mit dem Wissen, das trotz oder gerade wegen des universalen Anspruchs der Wissenschaften unter den Tisch gewischt wird?

Solche Probleme des Universalismus können in einem Blogpost nicht einmal skizziert werden, deshalb konzentriere ich mich auf eine perspektivische Frage: was bedeutet Universalismus für die (radikale) Linke? Der Gegner der verbreiteten Varianten des modernen Universalismus bleibt die Religion „Jede moderne Gesellschaft muss damit zurechtkommen, dass Religionen fürs Erste ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens bleiben werden.“ Carlo Strenger, Zivilisierte Verachtung, S. 68. Etwas resignierter sogar klingt Habermas, wenn er mit Blick auf das gegenwärtige Amerika schreibt, „konfligierende Werteorientierungen – God, gays and guns – haben offensichtlich handfestere Interessensgegensätze überlagert.“ Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt a.M. 2009, S. 122. Dies, nicht ohne im Anschluss über den öffentlichen Vernunftgebrauch religiöser Gemeinschaften im säkularen Staat zu räsonieren.

Aus Sicht der Linken verschiebt sich das Problem etwas. Nicht der aller Kritik enthobene Glaubenssatz (vielleicht der auch), sondern das in den Schatten der Öffentlichkeit gestellte Leben gehört ins Licht gezogen. Was passiert eigentlich auf den Farmen, in den Fabriken und Büros, den Gefängnissen und Krankenhäusern, den Küchen und Schlafzimmern dieser Welt? Es wird gemunkelt: nicht nur Gutes.

Jetzt wäre es an der Zeit, etwas ins Detail zu gehen, doch jede Formulierung verrät schon eine Tendenz. Sprechen wir vom objektivierten Leben? Von Menschen (und Tieren), die zu Objekten, Gegenständen der Interessen, gar des Hasses anderer gemacht werden? Die deswegen unter Klassenhass von oben, erzwungenem Sex, verachtenden Blicken und Kommentaren oder der Missachtung der Tatsache, dass sie überhaupt existieren, leiden und sich in Not den Angreifern bis in ihre Empfindungen hinein anpassen? Kann sich die unterdrückte Kreatur Subjektivität, ein eigenes Leben, Pläne, einen Willen und Respekt oder Anerkennung der eigenen Bedürfnisse erkämpfen? Oder sprechen wir von Kämpfen zwischen Klassen, Rassen, Geschlechtern, zwischen wachsamen Unterdrückten und selbstgefälligen Mächtigen, die die soziale Welt im Fluss halten? Behaupten wir zudem, dass es viele soziale Welten gibt ohne ein Zentrum der Unterdrückung (sei es selbst die Vernunft), wobei sich in manchen dieser Welten die unterdrückte Kreatur ihr eigenes Leben verschaffen kann. Dort kann sie frei von Beobachtung, Bestaunen und Kontrolle ihr Selbst entfalten. Sei es die Frauen- und Lesbenparty, die Landkommune oder gar ein Ghetto. Integration oder Segregation, das ist doch die linke Frage. (Ein wunderbares Beispiel gibt die Textsammlung „To Redeem a Nation. A History and Anthology of the Civil Rights Movement“, ed. Thomas West, James Mooney, St. James (NY) 1993.)

Universalism is a delusion, freedom is really jus abandonment. - F*cking emo-kid
Klodebatte in Oberlin (College?)

 

Ich will und kann es nicht leugnen, ich stehe auf der integrationistischen Seite. Bei aller Berechtigung für geschützte Räume und Gruppen (die ihre eigenen Gefährlichkeiten und Vertuschungen mit sich bringen), letztlich entfaltet sich menschliches Leben durch Offenheit, Verständigung mit anderen, durch ein reflexives Selbstbild, das halbwegs ausgewogen zwischen dem immer auch verfälschenden Blick der anderen und eigenem Fühlen, Denken und Handeln austariert wird. Wenn immer Verständigung mit anderen ins Spiel kommt, gebrauchen wir übergreifende Formulierungen (so wie gerade jetzt), vertrauen auf die Vernunft und Verständigkeit anderer, wägen Gründe und Gegengründe mit Hilfe von Argumenten ab. Das ist die eine Seite der Kritik, einfach die Offenheit für Einwände, für das Spiel mit dem Für und Wider.

Die andere Seite wird oft vernachlässigt, verbogen oder vermieden. Mit der Kritik heben wir etwas ins Licht, geben etwas eine Basis, machen es zum verteidigenswerten Gut. Welches Etwas? Das Leben selbst, oder seine Lebendigkeit, hält die soziale Welt im Fluss. Gerade mit seiner Fragilität und Verletzlichkeit scheint es stets dahin zu streben, anders zu werden. Wir scheinen immer noch was vor zu haben. So missverständlich und verkürzend humanistische Formeln eines Willens sein mögen, der nach Transzendierung strebt, der immer noch einen Entwurf fasst und dabei konstruiert und die Konstrukte realisiert, sie haben einen zumindest verführerischen Kern.

Denn alles Leben gibt sich mit Blick auf den Tod eine Form. Es geht um Ernährung und Verdauung, den Schutz vor Hitze und Kälte, allzu viel Nässe oder Trockenheit, um Partnersuche, die schwierige Bekämpfung von Krankheiten, die Aufzucht des Nachwuchses und den Umgang mit dem Altern. Für menschliches Leben gibt es dabei eben keine konkreten Prägungen oder Lebensformen, die vor Beginn des Lebens fest stehen würden. Diese sind vielmehr kontingent und haben ihre Zeit. Anders gesagt: ob Individuen Kinder wollen oder nicht, vegetarisch leben oder nicht, polyamourös, asexuell oder treu gebunden, all das kann nicht vorweg bestimmt werden. Psychoanalytisch formuliert: menschliches Begehren hat kein festes, gegebenes Objekt, sondern fließt frei, nicht ohne dass es in instabile und sich kreuzende Bahnen gelenkt wird.

Bleiben noch mindestens zwei Fragen offen. 1. Was bedeutet zwei Seiten der Kritik? Handelt es sich dabei nicht um einen Kniff, der zwei Komplexe in fälschlicher Weise vermanscht? 2. Welche gemeinschaftliche Lebensformen bleiben den Linken, mit denen sie sich identifizieren können?

Den zweiten Punkt kann ich hier nicht mehr beantworten; die Nation wird heute nur noch von Betonköpfen hoch gehalten und wurde vielleicht nicht zufällig zusammen mit der Dampflok erfunden. Sie sollte Begegnungen mit anderen einschränken und kanalisieren, nicht sehr erfolgreich, wie sich bis heute erwiesen hat. Alle Stände und Klassen sind nun auch vergangen, nach Adel, Bürgertum und Proletariat steht uns heute nur noch der Mittelstand zur Verfügung, der aber neben (nicht selten durchaus künstlerisch) darstellendem Konsum wenig zu bieten hat. Die Geschlechter nun haben viele Möglichkeiten auf zwei reduziert, sie wirken bei Licht betrachtet unglaubwürdig. Wer glaubt ernsthaft, dass Mädchen nur rosa-weiße Rüschchenkleider und Jungs nur grau-schwarz-dunkelblaue Sweatshirts mögen, dass Mädchen sich nicht fürs Klettern und Jungs nicht für Puppen und Rollenspiele interessieren? Solche Klischees wirken heute kräftig, aber nicht weniger hölzern und einschränkend, eigentlich einschneidend.—Ich weiß ehrlich nicht, in welchem Stand und Habitus ich heute zu hause sein kann.

Der erste Punkt hingegen verlangt eine Klärung. Die zwei Seiten universalistisch-linker Kritik lauten (verdünnt und zugespitzt): zum Kontakt mit anderen, dem Austausch von Blicken, Worten und Argumenten sowie der dafür nötigen Offenheit auf der einen Seite gesellt sich die nicht determinierte Entfaltung von Lebensformen vor dem Hintergrund unserer Bedürfnisse. Wir haben es hier mit zwei Elementen menschlichen Lebens zu tun, das Leben selbst hingegen kann jederzeit als fragil, verletzlich und potentiell ignoriert betrachtet werden. Es bedarf daher des kritischen Schutzes. Die beiden Seiten (oder altmodisch: Ausdrucksformen) des Lebens kommen aber zusammen, indem die Entfaltung der Lebensformen oft die Grenze der Rationalisierung darstellt. In Kontakt mit anderen kommen wir oft dazu, unser Leben zu erklären, Gründe für dieses oder jenes Urteilen oder Handeln anzugeben und zu argumentieren. Dieser Raum der Gründe (Dieter Sturma) bildet einen großen Teil der Verständlichkeit und Verständigung, findet seine Grenze aber am Begehren, am Soma. Alle Lebensformen enthalten einen nicht weiter begründbaren Teil (nicht unbedingt Kern), sie sind nie vollständig erklärbar und auch nicht zur Gänze manipulierbar. Dinge sind gelegentlich einfach so und nicht anders für eine Person. Ich halte es für sehr hilfreich, das anzuerkennen. Vielleicht, so meine Hypothese, wird dann auch den Menschen ein wenig der Druck genommen, sich immer vermehrend zu entfalten, sich stets zu steigern, immer noch mehr Teile ihres Lebens einer allgemeinen normativen Kontrolle zu unterwerfen. Vielleicht beginnen wir dann, Variationen gelegentlich interessanter zu finden als Steigerungen. Womit wir aber letztlich beim mittelständischen Identifikationsproblem wären, eine mögliche Gelegenheit für einen Teil IV.

Coolness (enthebt)

Coolness geht mir enorm auf die Nerven. Wenn ich etwas mehr Zeit hätte, würde ich einen Verein gegen die Coolness gründen.

Überall sehe ich nur noch Coolness, Coolness avanciert vom Bollo-Image zum Mainstream der Gebildeten und Anders-Seienden. Coolness bedeutet, dass die Leute (inklusive mir) nichts tun, was nicht in ihrer Peergroup Anerkennung finden würde. Umgekehrt findet in Gruppen von Freund_innen nichts Anerkennung, was nicht mindestens den Coolnessfaktor ’sehr hoch‘ aufweist.

Dieser Kreislauf generiert einen völlig inhaltsleeren Verhaltenscontainer, denn was als cool gilt und was nicht, ist von Freundeskreis zu Bekanntenkreis komplett austauschbar. Er bringt ein Selbstwertgefühl auf der Basis von nichts zustande. Gar nichts. Weil die einen iPhones cool finden, die anderen Vorabendserien, die nächsten Demos, die folgenden Tattoos, wieder die nächsten Weleda-Produkte und die letzten finden eine coole Schreibe cool. Es gilt: Nicht anecken, nicht darüber sprechen, Austausch vermeiden. Oft wiederholte Kurzwellen von Bestätigung und Gegenbestätigung rollen durch den Äther und treffen niemanden Bestimmtes.

Die wichtigste Grundregel der Coolness lautet,

lass nichts an dich herankommen, lass dir nichts nahe kommen.

Coolness ist einfach Style. Alles hat stylisch auszufallen, zu gefallen und in puncto Style perfektioniert zu werden. Das funktioniert nicht ohne eine große Portion Auskennerei. Die Leute müssen auf dem Laufenden sein. Was geht ab, was gehört sich, wer macht was, wer lässt etwas anderes und was kann ich darüber auf Facebook erfahren? Zu dieser allgemeinen Auskennerei gesellt sich schließlich die innigste Überzeugung, genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Alle anderen Überzeugungen und Syles gehören in die Schublade des Achselzuckens.

Ich benutze auch das Wort ‚cool‘. Ganz selbstverständlich und ohne viel nachzudenken. Während ich mich hier echauffiere haben andere bereits zig neue Möglichkeiten entdeckt, cool zu sein und zu wirken. Ich denke nicht, dass Coolness zu oberflächlich, unsolidarisch mit den Uncoolen, postmodern beliebig oder einfach neumodischer Krams wäre, der wieder vergeht. Coolness gehört vielmehr zum narzisstischen Perfektionismus ‚unserer‘ Tage und wird so schnell weder vergehen, noch verstanden werden.

Eigentlich wollte ich nur los werden, wie genervt ich davon bin.

Neues zum Urheberrecht?

Seit Wochen wogt die Debatte um das Urheberrecht auf und ab. Was wichtig und verständlich ist angesichts der Wahlerfolge der Piratenpartei in den letzten Landeswahlen, des neuerlichen Gerichtsurteils aus Hamburg zum Streit GEMA vs. Youtube und der sich durch das Internet und die Digitalisierung rasch wandelnden Konsumkultur im Bereich künstlerischer Produktionen.

Ich möchte versuchen, mit diesem Text meinen Blick auf diese Debatte zu schärfen. Ich kann nicht alle offenen Fragen stellen, gar sie beantworten. Ich gebe auch keine Argumente für oder gegen Interessen, wie die der Urheber_innen, der Verwertungindustrie, der Konsument_innen oder Prosument_innen. Erst kommt etwas Theorie, etwas Analyse, dann einige Hinweise zur aktuellen Debatte als Kern dieses Einwurfs.

Das Urheberrecht basiert auf dem geistigen Eigentum. Geistiges Eigentum taucht als Begriff immer wieder in juristischen Debatten, gelegentlich auch in philosophischen auf. Das Grundgesetz verankert in der Rechtsordnung nur den generellen Eigentumbegriff im Artikel 14. Dort heißt es in Absatz 1: „Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet.“ Ergänzt wird diese Feststellung in Absatz 2: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Die Gewährleistung des Eigentums stellt ein Schutzrecht dar, das den Eigentümer und die Eigentümerin vor Eingriffen von außen schützen soll. Deutlich spricht das das Bürgerliche Gesetzbuch aus. § 903 BGB: „Der Eigentümer einer Sache kann, soweit nicht das Gesetz oder Rechte Dritter entgegenstehen, mit der Sache nach Belieben verfahren und andere von jeder Einwirkung ausschließen.“ Man kann also mit einem Brot, Tisch, Auto oder Schrank als Eigentum tun und lassen was man will. Dem sind allerdings (auch juristisch sogenannte) Schranken gesetzt. ‚Das Nähere regelt ein Gesetz‘, dies gilt gerade für das im Grundgesetz festgestellt Eigentum. Was das genau heißt, hängt von der Sache ab, die als Eigentum angesehen wird. Gebäude, Fahrzeuge, Waffen und auch Kunst- oder Kulturprodukte unterliegen bestimmten Regeln ihrer Herstellung und ihres Gebrauchs. Geistiges Eigentum fällt formal unter den generellen Eigtumsbegriff, geistige Werke als Eigentum unterliegen speziellen Regeln, die eben im Urheberrecht formuliert worden sind.

Vom Eigentum heißt es ja, dass sein Gebrauch der Allgemeinheit dienen soll. So wird ein Gegensatz zwischen individueller Eigentümerin und der Allgmeinheit sowie deren Interessen aufgebaut, der gerade in der Urheberrechtsdebatte eine wichtige Rolle spielt. Im frühesten Urheberrecht der neuzeitlichen Geschichte, dem englischen ‚Statue of Anne‘ von 1710, wird dieser Gegensatz noch eher übertüncht. Weil Buchhändler, Drucker und andere Personen Werke von Autoren ohne deren Einstimmung gedruckt, kopiert und verkauft hätten, hätten sie zu ihrem Nachteil gehandelt und zu ihrem und ihrer Familien Ruin beigetragen heißt es dort. Um dies zu verhindern und „for the Encouragement of Learned Men to Compose and Write useful Books“ soll das unberechtigte Kopieren und Verkaufen von Büchern und ähnlichen Druckwerken verboten werden. Urheber_innen sollen also ihr Auskommen sicher haben können und gleichzeitig (oder als Nebeneffekt, oder als eigentlicher Zweck des Mittels Urheber_inneneinkommenssicherung?) sollen nützliche Bücher geschrieben werden. Damit die Gesellschaft einen kulturellen Schatz entfalten kann.

Mit dem gleichen Recht sollen also zwei verschiedene Ziele erreicht werden. Kreative Menschen sollen Geld für ihre Werke erhalten können. Jede Kopie, ungebilligter Verkauf und jede Nachahmung ist Diebstahl. Gleichzeitig soll die kulturelle Produktion dadurch erst ermöglicht oder zumindest stark erleichtert werden. Werke von Kreativen sollen also einerseits von ihnen selbst oder nur mit ihrer Einwilligung (die von ihren pekuniären Interessen nicht unabhängig sein wird) verkauft und verbreitet werden, wodurch eben eine breite Öffentlichkeit in den Genuss dieser Werke kommt. Das klingt einfach und nach einer Versöhnung von individuellem und allgemeinem Interesse, ist es aber leider nicht.

Da wäre zunächst die Technik. Ich lasse die Patente hier ganz außen vor. Handelt es sich um Bücher, Musikaufnahmen, Filme oder Computerpogramme, sie lassen sich zunehmend leicht kopieren und vervielfältigen. Die technische Erleichterung von Kopien hat den deutschen Gesetzgeber schon in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts dazu gebracht, eine sogenannte Schranke im Urheberrecht einzubauen. Privatkopien von Musik auf Cassetten waren seit dem ohne Einwilligung der Urheber_innen erlaubt. Dafür zahlte man für jeden Tonträger eine pauschale und geringe Abgabe, die die GEMA wieder an die Musiker_innen ausschüttet. Ähnlich funktioniert auch die VG-Wort für Autor_innen aller Couleur. Angesichts der noch viel stärkeren Vereinfachung von Kopie und Verbreitung von digitalisierten Werken kommt nun leicht die Idee auf, dass das Urheberrecht noch einmal neue Schranken erhalten soll. Kopieren, und Filesharing sollen genau so ohne Zustimmung der Urheber_innen erlaubt werden, wie Privatkopien im Zeitalter der MC. Über eine angemessene Entschädigung der Künstler_innen wäre dann auch noch zu sprechen.

Bevor ich aber auf Urheber_innen, Verwertungsgesellschaften, Verwertungsindustrie und Konsument_innen/Prosument_innen zu sprechen komme, noch ein kurzer Ausflug. G. W. F. Hegel hat noch gesagt (§§ 65-70 seiner Rechtsphilosophie), dass das geistige Eigentum einerseits natürlich verkäuflich (‚veräußerlich‘) ist, schließlich nimmt es die Form von Büchern, Bildern, Skulpturen usw. an. (Es sei denn, es handelt sich um Religion, Moral etc. Einstellungen kann man nicht handeln.) Es bliebe aber, so Hegel, ‚allgemein‘ Eigentum der kreativen Person, was vor allem bedeutete, dass sein oder ihr Name mit dem Werk verbunden bleiben müsse. Das ist das Plagiatsverbot. Hegel wusste natürlich auch, dass man mit der Hilfe der Werke anderer eigene Werke schafft und dass das auch erlaubt sein muss. Aber der geistige Wert des Werkes, der Teil der Persönlichkeit an oder in ihm, diese Aspekte lassen sich nicht vom Werk trennen. Inzwischen kann aus sachlichen Gründen an dieser Behauptung gezweifelt werden, vollkommen verkehrt scheint mir aber ihre Inanspruchnahme für das Kopierverbot zu sein. Über Kauf und Verkauf von Werken ist in puncto Plagiat nichts gesagt, die ganze Ökonomie der kulturellen Produktion und besonders das finanzielle Auskommen der Kreativen interessiert Hegel herzlich wenig. Aber eine Verbindung zwischen monetärer und ideeller Wertschätzung der Werke von Künstler_innen lässt sich ohne weiteres auch nicht leugnen. Wie sieht es inzwischen konkret damit aus?

Ich rede nun nicht mehr vom Plagiat. Ich rede von kopieren, teilen, rumschicken, up- und downloaden. Zunächst einmal ist doch die Beobachtung interessant, dass eine Debatte um die Bezahlung kultureller Produkte bzw. ihrer Hersteller_innen so intensiv geführt wird. Es geht hier ja nicht um den Welthunger, Waffenexporte oder Atomkraft. Kulturelle Produkte haben ihren Wert, Leute wollen sie herstellen und sie wollen sie konsumieren. Nur auf ein Wie können sich nicht alle Beteiligten einigen. Dafür sind auch zu viele und vor allem zu verschiedene Player im Spiel. Da sind auf Künstler_innen-Seite Newcomer und Etablierte, die ohne und die mit Vertrag, da sind halbwegs wohlhabende Konsument_innen und solche ohne Geld. Da gibt es Leute, die Batman umsonst sehen wollen und solche, die für indonesische Indipendentfilme gerne ein paar Euro berappen. Nicht zu vergessen sind die Verlage, die Kinos, die Konzertveranstalter, Radiostationen, Bibliotheken, vom Staat bezahlte Wissenschaftler_innen und die Blogger_innen und zahllosen Produzent_innen von Remakes und Remixes. Warum sind sie alle auf ihre Art auf das Urheberrecht fixiert? Für sie alle bedeutet es natürlich etwas Unterschiedliches. Das bedeutet es auch in der Tat. Einerseits schützt es die Eigentümerin und den Eigentümer, es regelt damit den Handel mit geistigen Produkten. Aber es macht viel mehr als einen Schutzwall fürs Eigentum zu bilden. Es regelt auch, was mit dem Eigentum an geistigen Werken passieren darf, wie die Erlaubnis zur Privatkopie. Durch das Digital Rights Management, dessen Aushebelung das Urheberrecht verbietet, kann technisch genau bestimmt werden, auf welchen Geräten welche Kopie wie lange abgespielt und ob sie kopiert werden kann. Hier haben die Verwerter ihre Interessen eingebracht. Die Justiz kann aber nicht jede Kopie, jeden Up- und Download kontrollieren, freilich zum Vorteil derjenigen User oder Konsument_innen, die nicht zahlen wollen oder können.

Die von Hegel noch stark gemachte Verknüpfung zwischen Urheber_in und ihrem oder seinem Werk wird vom Urheberrecht nicht wir durch einen Zaun geschützt. Vielmehr regelt das Urheberrecht (als Basis für Nutzungslizenzen), wie die Werke gebraucht werden können. Es bestimmt dadurch einerseits, wer wann welches Geld für diese Nutzung verlangen kann und andererseits den Zugang zu den Werken selbst. Auf diese Weise bildet das Urheberrecht den Rahmen und die Zielscheibe zugleich für alle Konflikte zwischen der Verwertungsindustrie und den User_innen. Die Urheber_innen hängen wiederum an den Verwertungsfirmen dran und beklagen sich, wenn diese, wie Google/Youtube oder kino.to, ihnen kein Stück von ihrem Kuchen überlassen. Noch ein Beispiel: Wenn Sven Regener in seiner sogenannten ‚Wutrede‚ behauptet, dass die GEMA sie seien, also die Künstler_innen, dann stimmt das insofern nicht, als dass die GEMA keineswegs den Handel mit ihren Werken regelt oder sichert. Die GEMA sorgt auch nicht für angemessene Preise ihrer Werke. Vielmehr schüttet sie Geld aus, dass sie in Form von Pauschalbeträgen für die Erlaubnis zur Privatkopie erhalten hat. Also, juristisch gesprochen, über eine Eigentumsschranke. Daher noch einmal: Das Urheberrecht reguliert den Gebrauch von Werken, nicht primär ihren Handel; es schützt nicht die Urheber_innen als Eigentümer_innen ihrer Werke. Es versucht, allgemein-öffentlichen Zugang zu kulturellen Werken mit ihrer ökonomischen Verwertung vor dem Hintergrund der technischen Möglichkeiten irgendwie und stets unvollständig miteinander in Einklang zu bringen.

In zwei Dingen sind sich alle Beteiligten, zumindest auf dem Niveau des Lippenbekenntnisses, einig. Die Urheber_innen müssen erstens ihr Auskommen erhalten, sie müssen vor ökonomischer Ausbeutung geschützt werden. Zweitens muss die Kulturproduktion angekurbelt werden. Nur die Wege, dies zu erreichen, unterscheiden sich stark. Natürlich kostet die Produktion von Hollywoodfilmen, schon die vom Tatort, viel Geld. Ebenso das Lektorieren, Herstellen, Verbreiten und Bekanntmachen von Romanen, die Produktion von Platten, ja selbst die Modelle der Architekten kosten eine Stange Geld. Von den Bauwerken selbst ganz zu schweigen. Um diese Art der Produktion nicht austrocken zu lassen, braucht es die Verwerter, sprich Verlage und Produktionsfirmen. Sie sorgen auch für Kopierschutz und eben eine anständige Bezahlung der Werke. Es stimmt auch, dass diese Verwerter mitnichten im Sinne der unter ihren Verträgen stehenden Kreativen agieren. Diese treten zum Beispiel in der Filmbranche sogar alle Rechte an ihren Werken ab und bekommen vor allem Geld für Fernsehewiederholungen. Die Verwerter blocken aber auch den kostenfreien Zugang zu vielen Filmen und Platten – und Büchern.

Auf der anderen Seite stehen viele Low- oder Zero-Budget Produktionen, die mit mehr oder weniger Herzblut, dafür aber immer ohne Verkaufsinteressen gemacht worden sind. Dazu gehören unzählige Blogs, Flugblätter, Remixe, Neuuntertitelungen von Filmszenen und mit wackeliger Handykamera gedrehte Kurzvideos. Hier wird ohnehin kopiert und geteilt, was das Zeug hält. Das Filesharing Programm Soulseek wurde zum Beispiel von DJs und DJanes mit dem Zweck gegründet, eigene Tracks auszutauschen. Erst später wurde es zu einer Tauschbörse, in der auch mit viel Geld produzierte Musik hin und her kopiert wurde. (Ob das stimmt und was aus Soulseek inzwischen geworden ist, habe ich nicht überprüft.)

Nach meinem Eindruck gerät die Debatte vor allem dann unnötig ins Trudeln, wenn beide Arten der Kulturproduktion vermengt und dann zusammen aufs Urheberrecht bezogen werden. Denn Kulturproduktionen, die viel Geld kosten und einspielen sollen, wird es auf absehbare Zeit ebenso geben, wie die wesentlich jüngere konsumierende Produktion, die mit Geld nur wenig zu tun hat. Große und größere Filme, aufwendige Musikproduktionen und Literatur brauchen Verlage. Das gilt besonders unter dem Aspekt, dass Publikumsverlage mit dem Verkauf einiger weniger Bücher, nämlich der Bestseller, die Bücher finanzieren, die nicht schlechter sind, aber sich weniger verkaufen. Wie sollten letztere sonst überhaupt erscheinen? Ich kann es ebenso verstehen, dass die an der Produktion von Werken Beteiligten ihr Geld haben wollen, wie dass einige Leute diese Produktionen trotzdem umsonst konsumieren wollen. Das ergibt Konflikte, mit denen Blogger_innen gar nicht in Berührung kommen. Das Urheberrecht ist längst auf dem Weg, hier Lösungen zu finden und zwischen dem Recht auf Lizenzenvergabe seitens der Verwerter, dem Anspruch auf Zugang zu den Werken (besonders seitens der Wissenschaft, wenn es um extrem teurer Fachzeitschriften geht) und, nicht zu vergessen, den Datenschutzrechten der Konsument_innen abzuwägen. Das gleiche Urheberrecht ist zwar auch die Basis für alle Lizensierungsmodelle, die vom Geld nicht berührt sind, wie die Creative Common Lizenzen. Aber die ohnehin unentgeldlich arbeitenden Kreativen sind weiter vom Urheberrecht nicht betroffen, die Kulturproduktion der Prosumenten kann sich frei entfalten, wenn es um Bloggerdebatten, Lyrikportale und andere Lowest Budget Produktionen handelt. Anders gesagt, wer seine Werke nicht verwerten will, kann schon heute darauf verzichten. Für die Grenzfälle, wie Remixe aus den aufwendigen und von Verwertern geleiteten Produktionen, den modernen Collagen, wird man fair-use Regelungen finden.

Ich will auch nicht bestreiten, dass die Verwertung von kulturellen Werken aus der aufwendigen Produktion einem enormen Wandel durch Digitalisierung und neue Konsumkulturen unterliegt. Die Musikindustrie hat wohl die Digitalisierung (zunächst) verschlafen, indem sie auf hohe Preise für Tonträger und aggressive Werbung gegen Raubkopien setzte. Dadurch hat die den Weg der Musik raus aus dem Studio auf die Bühne übersehen. Ähnliches könnte den Publikumsverlagen in der Buchbranche blühen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass das Urheberrecht nicht Urheber_innen und ihre Werke schützt. Vielmehr ist ja in der Diskussion, ob das Urheberrecht auf solche Prozesse regelnd reagieren soll, oder ob es sich zum Schaden der Rechtssicherheit mit fair-use Klauseln aus den Verhandlungen zum angemessenen Gebrauch von leicht digalisierbaren Werken heraushält.

Zwei wichtige Fragen sind aber noch offen geblieben: Was passiert, wenn ideelle und monetäre Wertschätzung von Werken wirklich getrennt werden, wenn das überhaupt möglich ist (a)? Warum sind die sogenannte Netzgemeinde und die Urheberrechtskonservativen an ein und demselben Verständnis von Produktionssteigerung (eben durch Abbau oder Erhalt des Urheberrechts) orientiert)(b)?

ad a) Das Urheberrecht basiert auf dem Begriff des geistigen Eigentums, also auf der Verknüpfung von Urheber_in und ihrem Werk. Ich behaupte nun aber, dass das Urheberrecht diese Verknüpfung nicht (mehr) schützt. Dennoch bestehen Ansprüche an das Urheberrecht, durch anständige Bezahlung von Werken auch den Fleiß, den Mut, die Arbeit, das Herzblut und Engagement usw. der Urheber_innen sicher zu stellen. Die Arbeit in der Kulturproduktion ist teuer und anstrengend und verdient eine entsprechende Wertschätzung. Die Debatte ums Urheberrecht zu einer Debatte um Geld zu machen, ist ein bekannter Schachzug. Ich meine aber, dass wir sie zu einer Debatte um Anerkennung machen müssen. Dazu ein Vorschlag: Aufwendige und teure Produktionen werden ihre Anerkennung immer auch über Geld und über Verkaufszahlen erhalten. Gute Kritiken sprechen zwar ihre eigene Sprache und es kommt sehr oft vor, dass miese Werke oft angeschaut und verkauft werden. Insofern schleichen sich hier Risse und Quetschungen in die Anerkennung ein. Aber die Verquickung von ideeller und monetärer Wertschätzung wird sich in diesen Bereichen (der aufwendigen Produktionen) nicht ohne Weiteres auflösen lassen. Schwierig ist das in den Grenzbereichen, nämlich Werken, die in mühevoller Einzelarbeit entstanden sind, sich aber schlecht verkaufen und die Urheber_innen sich in der Folge durch Kopien beklaut fühlen. In diesen Fällen kann man weder sagen, ‚lasst euch doch auf die Schulter klopfen und es dabei bewenden‘, noch ‚wenn alle Nutzer_innen legal handelten, würden eure Werke weg gehen wie warme Brötchen‘. Vielleicht werden die Urheber_innen in diesen (ziemlich großen) Grenzbereichen von Kunst, Wissenschaft und Essayistik immer mit einem Mangel an Anerkennung leben, vielleicht bietet aber auch die Verbreitung geldloser und kooperativer Kulturproduktion neue Währungen der Anerkennung aus.

Eine weitere Schwierigkeit stellt aber genau diese Low und Zero Budget Kultur dar. ‚Freibiermentalität‘ oder ‚Gratiskultur‘ werden in diesem Bereich geradezu zum Kern der Angelegenheit. Leute produzieren irgendwas, stellen es umsonst zur Verfügung und bisweilen wird nicht nur per organisierter Arbeitsteilung zusammen produziert, sondern auch auf einen Namen, auf eine für das Produkt verantwortliche Person oder Gruppe verzichtet. Street-Art hat es vorgemacht, in vielen Remixes, sogenannten Mash-Ups usw. ist dieses Vorgehen ebenfalls Usus geworden. Dass jemand etwas anderes aus meinem Werk macht ist dann Anerkennung genug, manchmal auch schon die Gewissheit, dass mein Werk oft angesehen wird. Aber müssen das nicht eher kleine Bereiche der Kulturproduktion bleiben? Am Ende steht auch bei Wikipediaartikeln, bei OpenSource Programmen oder über den allermeisten Blogs ein Name einer Person oder Organisation. Pseudonyme sind ohnehin nichts Neues. Dennoch handelt es sich in diesen Bereichen um nicht-kommerzielle Produktion und die Währung der Anerkennung für die Werke besteht darin, dass andere auf sie reagieren, Kommtare eintrudeln, ein Netz von Links und händischen Verweisen entsteht sowie eine Reihe neuer Werke, die ohne die ersteren zumindest anders wären. Ich würde aber zu bedenken geben, dass dies sehr weiche Formen der Anerkennung sind, die nicht jeder Psyche entsprechen, und bei denen Formen der Missachtung (vom Schweigen bis zum sogenannten Shitstorm) immer mit eingerechnet werden müssen. Dennoch habe ich die Hoffnung, dass mit dieser Produduktionsweise eine nicht-kapitalistische im Enstehen begriffen ist.

ad b) Das führt zum letzten Punkt. Auch Kulturproduktion ist kapitalistisch. Das bedeutet, sie ist auf Steigerung und Optimierung ausgelegt und kann sogar ohne nicht lange bestehen. Wertsteigerung (messbar in Geld) und Wissenssteigerung (in der Produktionsweise) sind eingeschlossen. Interessanter Wiese argumentieren sowohl die Verteidiger_innen des bestehenden Urheberrechts, als auch die sogenannte Netzgemeinde, dass mit ihren Vorhaben die Wertsteigerung erst gesichert, wenn nicht gar exorbitant beschleunigt wird. Nun, ich hätte nicht üble Lust zu behaupten, dass die nicht-kommerzielle Kulturproduktion mit Steigerung und Wachstum gar nichts zu tun hat. Seien wir ehrlich, wir freuen uns, wenn die Wirtschaft wächst, die Löhne und Gehälter steigen, wenn wir mehr wissen und dazu lernen; wir haben Probleme mit Dingen, die nicht zu ändern, zu steigern sind, mit Krankheit, Körper und Tod. Natürlich ist der Kapitalismus auch in meinem Kopf und in meiner Seele. Mit der nicht-kommerziellen Produktion könnte etwas Neues entstehen. Ich bin auch überrascht und interessiert zu sehen, wie viele Klicks ‚Sneezing Panda‘ oder Riley mit ihren frühen Einsichten erhält. Aber der Wert solcher Filmchen liegt eigentlich nicht in ihren Klicks, sondern in ihrer Wahrheit. Wahrheiten verändern nämlich die Sicht auf die Welt, auf einen selbst, auf die anderen. Ohne die Wahrheit eines Werkes x wäre die Wahrheit von Werk y anders ausgefallen. Es geht um Präsenz und Wirkung, um Perspektivenverschiebung und Erneuerung unseres immer unvollständigen Verstehens von Menschen und Welt. Vielleicht schiebt sich das eines Tages vor die monetäre Wertschätzung und Verwertung der Werke, auch wenn es keineswegs eine völlig neue Art und Weise subjektiver Orientierung darstellt. Wir sollten also auch über Wirtschaft reden; wir brauchen nicht nur Anreize zu arbeiten und zu produzieren, sondern auch Antriebe. Neugier und Freude an Veränderung sind die ersten Stichworte.

[Ich weiß, Letzteres kann man mir leicht um die Ohren hauen. Ich bitte um treffendere Ausdrücke und Formulierungen.]

Texte, die ich verwendet, aber nicht verlinkt habe:

– Deutscher Bundestag, Drucksache 17/7899, 23. 11. 2011, Dritter Zwischenbericht der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“

– Martin Grötschel / Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Hg_innen), Geistiges Eigentum, Reihe Debatte, Heft 7, Berlin 2008

– Rainer Kuhlen, Wissen als Eigentum?

– Berhold Seliger, Schneiden wir den Kuchen neu an, der Freitag, 10. 05. 2012

– Niki Stein, Unter Piraten, FAZ-Online, 19. 04. 2012