Schlagwort: Bedürfnisse

Verteidigung der Kindheit in der Mittelschicht

Wer über das eigene Kind schreibt, überhöht es und das Leben mit ihm leicht, greift manchmal gar zur Schönfärbung. Die eigenen Kinder werden meist geliebt und zur Liebe gehört die Überhöhung, gerade wenn über sie geschrieben wird.  Eine reine Partnerschaft zum Kind wird sich kaum entwickeln. Daran lässt sich schwer rütteln und ich habe auch gar nichts dagegen.

Wird jedoch inzwischen auch die Kindheit im Allgemeinen überhöht? Vielleicht als  Ursprung und Reservior alles Menschlichen betrachtet? Beispiele wären Aussagen wie, wie schön, dass Kinder noch innehalten und die Kleinigkeiten der Welt in aller Zeit betrachtet (und dadurch wertschätzen?) können. Oder: Mein Elterndasein hat mich belehrt, wie schön es sein kann, Zeit und Energie geben zu können, ohne sie prompt vom Empfangenden zurück zu verlangen. Auf der anderen Seite haben schon Autorinnen wie Shulamith Firestone gegen alle Varianten der Entdeckung der Kindheit geäußert, dass sich dahinter nur der Versuch verbergen würde, die jungen Menschen möglichst effektiv zu unterdrücken. (Firestone, Nieder mit der Kindheit, Kursbuch 34 (1973), S. 1-24.)

Solchen Einwänden stehe ich skeptisch gegenüber un herrschted halte es für einen Verdienst der Neuzeit, die Bedürftigkeit der Kinder heraus zu stellen und so Vernachlässigung von Kindern eher zu verurteilen als Überfürsorglichkeit. Konkret fand ich die Kinderwelt immer stark und angenehm unterschieden von der übrigen Umgebung. Wie beim Babyschwimmen. Dort taucht man in eine extrem kinderorientierte Atmosphäre, die besonders beim Verlassen des Schwimmbades auffällt. Alle anwesenden Erwachsenen sind auf das Wohlergehen der Kinder konzentriert, darauf sich in Geduld und Ruhe den Bedürfnissen der Babys zu widmen und natürlich auf das, was die Kinder tun, von sich geben, wie sie schauen und sich bewegen. Nach meinen Erfahrungen rastete dort nie jemand aus, wurde wütend oder auch nur genervt. Schon wegen der sozialen Kontrolle auf so engem Raum nicht. Danach fühlte ich mich fast immer wie in Watte gepackt, glücklich, zwar erschöpft, aber auch ein wenig außerweltlich weich gestimmt. Eben für mein Baby angepasst.

Jetzt, über zwei Jahre später, komme ich noch weniger umhin zu konstatieren, dass mein Kind in seiner eigenen, einer Kinderwelt lebt. Er betrachtet ganz andere Dinge und diese ganz anders als Erwachsene, als ich. Seine Gefühle dabei sind heftiger und weniger kontrolliert wie auch die Reichweite seines Blicks viel kürzer ist, als der des erwachsenen Blickes. Es zählt das Nebengeräusch, die gerade entdeckte Blume, das ‚möchte eine Milch‘ und solche Dinge zählen fast alles. Dazu kommen noch Berührungen, grobe und weiche Arten, sich anzufassen, der Blick und die Stimme des Gegenüber, auf die das Kind sehr genau achtet. Über sie wird ein Gutteil der Beziehung hergestellt und von Situation zu Situation neu bestimmt. (Der Rest an Beziehung bildet sich durch Erinnerungen, wie ich annehme.) Seine Welt besteht aus seinen Eltern, seinem Zuhause (unserer Wohnung) und seinen (Spiel)Sachen, zu denen er eine sehr enge und imponierende Beziehung aufgebaut hat. Ich muss mir immer wieder klar machen, dass dies die Kinderwelt ist, die Welt meines Kindes und sie kommt mir dabei auch etwas fremd vor. Der Kontrast zur Wirtschaftswelt, die ich durch den Job auch immer mehr kennen lernen (muss), fällt beeindruckend aus.
In der Wirtschaftswelt achten alle auf ihre eigene Haut. Viele Angestellte einer Firma frotzeln sich den Tag über ständig an. Wenn es Ernst wird und ein Problem auftaucht, haben alle alles richtig gemacht, die anderen hingegen haben es falsch gemacht. Firmen sind Haifischbecken. Nach außen herrscht Gemeinschaftsgeist, innen jedoch Konkurrenz. Doch um was? Das habe ich noch nicht eruieren können, vermutlich geht es um schwer Zählbares wie Härte oder Durchsetzungskraft, eher nicht direkt um Löhne oder das Ansehen beim Chef/bei der Chefin.

Oft denke ich über die Arbeitsatmosphäre – nicht die alltägliche im Büro, sondern über die in der Arbeitswelt –, dass dies nur eine Männerwelt ohne Zukunft sein kann, weil es auf diesen Krampf nicht ankommt, sondern auf das, was mein Kind tagtäglich mit aller Hingabe, aber auch ohne Wahl, tut: sich einen Platz in der (sozialen) Welt zu suchen und dabei die eigenen Fähigkeiten auszuloten.

Ich würde gerne eine Verherrlichung der Kindheit vermeiden. Aufzuwachsen (nicht nur in dieser Welt, wie es oft heißt) bringt Schmerzen mit sich und ist ungeheuer anstrengend. Nicht umsonst geht er abends höchst erschöpft ins Bett. In dieser Lebensphase entsteht zum Beispiel Angst, dieses starke Gefühl des halb Verstehens, des Bemerkens von etwas, dessen Sinn in weiter Ferne liegt, es so gar nicht greifen zu können und daher von sich wegstoßen wollen.

Was kann dann Kindheit für Erwachsene heute und hier (an der Ostsee, in Westeuropa, im Westen?) bedeuten, was, einen Platz in der sozialen Welt zu suchen? Wo Erwachsene nun einmal Weitblick und Triebaufschub gelernt haben (Kultur schließlich, das kann ruhig gegen die oberflächlichen Befreiungstheorien betont werden). In die Kindheit Werte wie Wahrhaftigkeit und Mitgefühl oder Maximen wie kümmere Dich um die Bedürftigen zu legen, kommt mir willkürlich und zu kurz gesprungen vor. Forderungen, wie: Wir müssen lernen den Dingen ihre Zeit zu geben, zu abstrakt.

Diese Dinge mögen ihre Relevanz haben, aber sie klingen hier zu sehr nach allgemein sowie zeitlos Menschlichem. Vielleicht enthüllt der Blick vieler auf (ihre) Kinder einiges. Ich freue mich, wenn sich mein Kind wissbegierig zeigt, lernt und vor allem lernt, alleine mit Gegebenheiten und Vorhaben zurecht zu kommen. Er soll also etwas leisten können. Gleichzeitig gilt ihm der fürsorgende Blick, das intensive Mitleid mit der Trauer, die er zeigt, wenn er scheitert. In seiner Kindheit kommt mir das ständige Entwickeln neuer Fähigkeiten unter der Bedingung begrenzter menschlicher Macht gut und richtig vor. Menschliche Macht soll einfach bedeuten, etwas tun oder bewirken können. Diese Grenzen kennen wir keineswegs in jeder Situation, wir müssen sie vielmehr oft ex post und bestürzt zur Kenntnis nehmen. Aus diesem Drive und dieser Spannung kommen wir heute nicht recht heraus, ein sicherer und fragloser Platz in der sozialen Welt ist uns spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verwehrt. Ebenso ein eindeutiges, geografisches zu Hause.

Zumindest die Mittelschicht kann sich auf diese Weise recht gut in ihren Kindern spiegeln, soweit sie sich nicht den Blick auf diese wesentlichen Prozesse der Identitätsnahme durch in Bedrängnis geratene, männliche Konkurrenzk(r)ämpfe verstellen lässt. (Nichts gegen Konkurrenz an sich, sie ist ein soziales Faktum, vergleichbar mit Mobilität, aber alles gegen das unnötige Ankarren anderer, ohne auch nur ein Minimum an Reflexion und Distanzierung aufzuwenden.) Die Antennen in die Richtungen der anderen zu schwenken, kann heißen, sich Teile ihrer Lebenswelt lernend anzueignen und dabei die Grenzen der Nachahmung zu spüren vermögen. Der Preis für die engmaschige Kontrolle (die ja auch heute Eltern Kindern angedeihen lassen) mag nicht gering sein, in der Mittelschicht glaubt man, alleine durch Aufnahmefähigkeit immer mächtiger werden zu können. Die Grenzen dessen und die Schmerzhaftigkeit ihrer Erfahrung verdient allen Respekt. Ich kann nicht mehr nur sagen, geht wandern oder lest Bücher oder setzt euch für Gerechtigkeit ein, aber ich könntemuss sagen: Schätzt euer suchendes, über vielfache Bindungen verteiltes und dezentrales, ständig an Grenzen stoßendes Leben wie ihr, nicht zufällig, eure Kinder schätzt.

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Über linke Möglichkeiten III: Zum Universalismus der Kritik

Die Beiträge I (Carlo Strenger) und II ((linke) Idenität) dieser kleinen Serie verhandelten Strengers Sorge um universalistische Kritik und Verteidiung der (wohl bürgerlichen) Freiheit in Zeiten des Rechtsrucks und des Terrorismus sowie um (radikal) linke Identitäten heute. Nun geht’s um die Wurst: können Linke ihre Kritik universalistisch formulieren, können sie irgendetwas als Ihres gegen alle möglichen Anfeindungen verteidigen?

Zunächst ein kurzer Blick zurück, was wollte dieser Carlo Strenger von uns? Er wollte, dass die Linke (in Israel, aber nicht nur dort) wieder in der Lage kommt, die Verteidigung der westlichen Lebensform zu übernehmen und sie nicht dem rechten Lager zu überlassen, das seinerseits selbst die grundsätzlichen Regeln der Kritik nicht beachtet. Als da wären:

  • Überzeugungen können kritisiert, gar verachtet werden, Menschen nicht
  • Kritik muss auf Sachkenntnis beruhen, nicht auf bloßem Dafürhalten
  • Kritik muss grundsätzlich allen und bezüglich aller Hypothesen erlaubt sein

Im ersten Beitrag sagte ich nicht mehr, als dass diese Position nur recht altbackenen kritischen Rationalismus bietet. Altbacken einerseits, weil sogar die simpelste Reflexion auf die Grenzen der Sachlichkeit fehlt. Sachbestände oder Tatsachen gaukeln Objektivität vor, sind jedoch stets ihres Kontextes beraubt, stellen sie doch immer nur einen Ausschnitt von Fakten dar. Besonders Statistiken sind diesbezüglich mit Vorsicht zu genießen. Jedoch solche und weiter gehende Fragen zur Objektivität von Sachbeständen können aus Strengerscher Sicht auch zurück gewiesen werden. Niemand behauptet, Tatsachen wie Billardkugeln in der Hand zu halten, Sachlichkeit und Objektivität stellen sich allein dadurch ein, dass Fakten, die wer auch immer in ihrer Argumentation gebraucht, überprüfbar sein müssen. Das ist alles. Den Gegensatz dazu bildet der Glaubenssatz, nicht die Arbeitshypothese, die genutzt wird, um Fakten zu ermitteln, anhand derer sie geprüft werden kann.

Altbacken andererseits, weil Strenger hier einige wissenschaftstheoretische Prinzipen auf politische Debatten überträgt. Was schon innerhalb der akademischen Communities umstritten war und bleibt – zu denken wäre etwa an die hermeneutischen Wissenschaften – soll nun einfach für alle Debatten gelten. Strenger begegnet diesem Problem in seinem Buch „Zivilisierte Verachtung“ mit der These, dass alle in Debatten damit rechnen müssen, nicht die Expertise zu haben und dementsprechend von den Expert_innen nicht beachtet zu werden. Mangels Universalgelehrter sind wir darauf angewiesen, uns auf das Wissen anderer zu verlassen und die Kränkung des weniger Wissens auf uns zu nehmen. Diese Beobachtungen treffen sicher einen Punkt, aber wie steht es mit dem Wissen, das trotz oder gerade wegen des universalen Anspruchs der Wissenschaften unter den Tisch gewischt wird?

Solche Probleme des Universalismus können in einem Blogpost nicht einmal skizziert werden, deshalb konzentriere ich mich auf eine perspektivische Frage: was bedeutet Universalismus für die (radikale) Linke? Der Gegner der verbreiteten Varianten des modernen Universalismus bleibt die Religion „Jede moderne Gesellschaft muss damit zurechtkommen, dass Religionen fürs Erste ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens bleiben werden.“ Carlo Strenger, Zivilisierte Verachtung, S. 68. Etwas resignierter sogar klingt Habermas, wenn er mit Blick auf das gegenwärtige Amerika schreibt, „konfligierende Werteorientierungen – God, gays and guns – haben offensichtlich handfestere Interessensgegensätze überlagert.“ Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt a.M. 2009, S. 122. Dies, nicht ohne im Anschluss über den öffentlichen Vernunftgebrauch religiöser Gemeinschaften im säkularen Staat zu räsonieren.

Aus Sicht der Linken verschiebt sich das Problem etwas. Nicht der aller Kritik enthobene Glaubenssatz (vielleicht der auch), sondern das in den Schatten der Öffentlichkeit gestellte Leben gehört ins Licht gezogen. Was passiert eigentlich auf den Farmen, in den Fabriken und Büros, den Gefängnissen und Krankenhäusern, den Küchen und Schlafzimmern dieser Welt? Es wird gemunkelt: nicht nur Gutes.

Jetzt wäre es an der Zeit, etwas ins Detail zu gehen, doch jede Formulierung verrät schon eine Tendenz. Sprechen wir vom objektivierten Leben? Von Menschen (und Tieren), die zu Objekten, Gegenständen der Interessen, gar des Hasses anderer gemacht werden? Die deswegen unter Klassenhass von oben, erzwungenem Sex, verachtenden Blicken und Kommentaren oder der Missachtung der Tatsache, dass sie überhaupt existieren, leiden und sich in Not den Angreifern bis in ihre Empfindungen hinein anpassen? Kann sich die unterdrückte Kreatur Subjektivität, ein eigenes Leben, Pläne, einen Willen und Respekt oder Anerkennung der eigenen Bedürfnisse erkämpfen? Oder sprechen wir von Kämpfen zwischen Klassen, Rassen, Geschlechtern, zwischen wachsamen Unterdrückten und selbstgefälligen Mächtigen, die die soziale Welt im Fluss halten? Behaupten wir zudem, dass es viele soziale Welten gibt ohne ein Zentrum der Unterdrückung (sei es selbst die Vernunft), wobei sich in manchen dieser Welten die unterdrückte Kreatur ihr eigenes Leben verschaffen kann. Dort kann sie frei von Beobachtung, Bestaunen und Kontrolle ihr Selbst entfalten. Sei es die Frauen- und Lesbenparty, die Landkommune oder gar ein Ghetto. Integration oder Segregation, das ist doch die linke Frage. (Ein wunderbares Beispiel gibt die Textsammlung „To Redeem a Nation. A History and Anthology of the Civil Rights Movement“, ed. Thomas West, James Mooney, St. James (NY) 1993.)

Universalism is a delusion, freedom is really jus abandonment. - F*cking emo-kid
Klodebatte in Oberlin (College?)

 

Ich will und kann es nicht leugnen, ich stehe auf der integrationistischen Seite. Bei aller Berechtigung für geschützte Räume und Gruppen (die ihre eigenen Gefährlichkeiten und Vertuschungen mit sich bringen), letztlich entfaltet sich menschliches Leben durch Offenheit, Verständigung mit anderen, durch ein reflexives Selbstbild, das halbwegs ausgewogen zwischen dem immer auch verfälschenden Blick der anderen und eigenem Fühlen, Denken und Handeln austariert wird. Wenn immer Verständigung mit anderen ins Spiel kommt, gebrauchen wir übergreifende Formulierungen (so wie gerade jetzt), vertrauen auf die Vernunft und Verständigkeit anderer, wägen Gründe und Gegengründe mit Hilfe von Argumenten ab. Das ist die eine Seite der Kritik, einfach die Offenheit für Einwände, für das Spiel mit dem Für und Wider.

Die andere Seite wird oft vernachlässigt, verbogen oder vermieden. Mit der Kritik heben wir etwas ins Licht, geben etwas eine Basis, machen es zum verteidigenswerten Gut. Welches Etwas? Das Leben selbst, oder seine Lebendigkeit, hält die soziale Welt im Fluss. Gerade mit seiner Fragilität und Verletzlichkeit scheint es stets dahin zu streben, anders zu werden. Wir scheinen immer noch was vor zu haben. So missverständlich und verkürzend humanistische Formeln eines Willens sein mögen, der nach Transzendierung strebt, der immer noch einen Entwurf fasst und dabei konstruiert und die Konstrukte realisiert, sie haben einen zumindest verführerischen Kern.

Denn alles Leben gibt sich mit Blick auf den Tod eine Form. Es geht um Ernährung und Verdauung, den Schutz vor Hitze und Kälte, allzu viel Nässe oder Trockenheit, um Partnersuche, die schwierige Bekämpfung von Krankheiten, die Aufzucht des Nachwuchses und den Umgang mit dem Altern. Für menschliches Leben gibt es dabei eben keine konkreten Prägungen oder Lebensformen, die vor Beginn des Lebens fest stehen würden. Diese sind vielmehr kontingent und haben ihre Zeit. Anders gesagt: ob Individuen Kinder wollen oder nicht, vegetarisch leben oder nicht, polyamourös, asexuell oder treu gebunden, all das kann nicht vorweg bestimmt werden. Psychoanalytisch formuliert: menschliches Begehren hat kein festes, gegebenes Objekt, sondern fließt frei, nicht ohne dass es in instabile und sich kreuzende Bahnen gelenkt wird.

Bleiben noch mindestens zwei Fragen offen. 1. Was bedeutet zwei Seiten der Kritik? Handelt es sich dabei nicht um einen Kniff, der zwei Komplexe in fälschlicher Weise vermanscht? 2. Welche gemeinschaftliche Lebensformen bleiben den Linken, mit denen sie sich identifizieren können?

Den zweiten Punkt kann ich hier nicht mehr beantworten; die Nation wird heute nur noch von Betonköpfen hoch gehalten und wurde vielleicht nicht zufällig zusammen mit der Dampflok erfunden. Sie sollte Begegnungen mit anderen einschränken und kanalisieren, nicht sehr erfolgreich, wie sich bis heute erwiesen hat. Alle Stände und Klassen sind nun auch vergangen, nach Adel, Bürgertum und Proletariat steht uns heute nur noch der Mittelstand zur Verfügung, der aber neben (nicht selten durchaus künstlerisch) darstellendem Konsum wenig zu bieten hat. Die Geschlechter nun haben viele Möglichkeiten auf zwei reduziert, sie wirken bei Licht betrachtet unglaubwürdig. Wer glaubt ernsthaft, dass Mädchen nur rosa-weiße Rüschchenkleider und Jungs nur grau-schwarz-dunkelblaue Sweatshirts mögen, dass Mädchen sich nicht fürs Klettern und Jungs nicht für Puppen und Rollenspiele interessieren? Solche Klischees wirken heute kräftig, aber nicht weniger hölzern und einschränkend, eigentlich einschneidend.—Ich weiß ehrlich nicht, in welchem Stand und Habitus ich heute zu hause sein kann.

Der erste Punkt hingegen verlangt eine Klärung. Die zwei Seiten universalistisch-linker Kritik lauten (verdünnt und zugespitzt): zum Kontakt mit anderen, dem Austausch von Blicken, Worten und Argumenten sowie der dafür nötigen Offenheit auf der einen Seite gesellt sich die nicht determinierte Entfaltung von Lebensformen vor dem Hintergrund unserer Bedürfnisse. Wir haben es hier mit zwei Elementen menschlichen Lebens zu tun, das Leben selbst hingegen kann jederzeit als fragil, verletzlich und potentiell ignoriert betrachtet werden. Es bedarf daher des kritischen Schutzes. Die beiden Seiten (oder altmodisch: Ausdrucksformen) des Lebens kommen aber zusammen, indem die Entfaltung der Lebensformen oft die Grenze der Rationalisierung darstellt. In Kontakt mit anderen kommen wir oft dazu, unser Leben zu erklären, Gründe für dieses oder jenes Urteilen oder Handeln anzugeben und zu argumentieren. Dieser Raum der Gründe (Dieter Sturma) bildet einen großen Teil der Verständlichkeit und Verständigung, findet seine Grenze aber am Begehren, am Soma. Alle Lebensformen enthalten einen nicht weiter begründbaren Teil (nicht unbedingt Kern), sie sind nie vollständig erklärbar und auch nicht zur Gänze manipulierbar. Dinge sind gelegentlich einfach so und nicht anders für eine Person. Ich halte es für sehr hilfreich, das anzuerkennen. Vielleicht, so meine Hypothese, wird dann auch den Menschen ein wenig der Druck genommen, sich immer vermehrend zu entfalten, sich stets zu steigern, immer noch mehr Teile ihres Lebens einer allgemeinen normativen Kontrolle zu unterwerfen. Vielleicht beginnen wir dann, Variationen gelegentlich interessanter zu finden als Steigerungen. Womit wir aber letztlich beim mittelständischen Identifikationsproblem wären, eine mögliche Gelegenheit für einen Teil IV.

Arno Gruen, Ein früher Abschied

Die Lektüre von Arno Gruens Buch „Ein früher Abschied. Objektbeziehungen und psychosomatische Hintergründe beim Plötzlichen Kindstod“ ging mir nahe. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass es in diesem Buch um grundsätzliche Fragen der Beziehung von Eltern zu ihrem Kind geht, um Fragen der Liebesverhältnisse und auch der gegenseitigen Wertschätzung in unserer Gesellschaft. Kann eine Kultur der Lieblosigkeit Kinder sterben lassen? Der plötzliche Kindstod (PKT) tritt auf, wenn ein Baby, oft zwischen dem 2. und 6., seltener bis zum 12. Lebensmonat, im Schlaf stirbt, jedoch keine eindeutige Todesursache wie eine Krankheit festgestellt werden kann. Diese Kinder scheinen einfach mit dem Atmen aufgehört zu haben. Sie sind zwar erstickt, aber es gibt dafür keine weiteren sichtbaren Ursachen im Körper. Auch sind diese Babys nur sehr selten blau angelaufen oder zeigen Zeichen eines Todeskampfes. Gruen versucht nun, diesen unheimlichen Tod psychosomatisch zu erklären.

Gruens These zum plötzlichen Kindstod kurz zusammengefasst: Während des Schlafs ganz allgemein treten immer wieder Phasen des Atemstillstandes und der Sauerstoffunterversorgung auf. Dann muss entweder die Atmung wieder einsetzen oder der schlafende Mensch aufwachen. Bezüglich der Ausbildung von Reizschwellen zum Aufwachen liegt aber ein komplexes neurologisches Muster vor. Während eine steigende Stimulation zunächst die Aufwachschwelle senkt (was intutitiv verständlich ist – mehr Lärm bedeutet rascheres Aufwachen), wird sie durch eine sehr starke Stimulation eher gehoben. Ab einem vermutlich individuell sehr verschiedenem Stimulationslevel kann also einem Säugling neurologisch das Aufwachen erschwert sein. Nun wird es interessant. Zu diesen Stimulationen zählt Gruen sowohl zu verarbeitende Unterlassungen von Reaktionen auf das Kind (besonders seine Wünsche nach Nähe und Hautkontakt), als auch Todeswünsche, beides ausgehend von der hauptsächlich das Kind versorgenden Person. Tritt nun eine Phase des Atemstillstandes ein, so kann das Kind unter solchen Umständen erschwert erwachen und kann an diesem Atemstillstand ersticken. Das betroffene Kind muss also wiederholt, dauerhaft und grundsätzlich nicht verstanden werden. Etwas metaphorischer ausgedrückt heißt das, die an plötzlichem Kindstod gestorbenen Kinder wurden in so lieblose Verhältnisse geboren, dass sie auch leblos werden mussten, sie haben ihr Leben aufgegeben, wie Tiere, die an der Auswegslogikeit in einer Falle sterben. (Diese Fallen gibt es wirklich. Ich kenne noch Mausefallen, in denen die Mäuse an Herzschlag starben, weil sie in einer Röhre gefangen wurden, aus der sie nicht mehr herauskamen. Die Ausgänge waren mit Türchen versprerrt, sie sich nur nach innen öffen lassen. Läuft eine Maus in eine solche Röhre, die in einem ihrer Gänge platziert ist, wird sie nicht verhungern oder verdursten, sondern viel schneller an Verzweiflung sterben.)

Gruen hat eine eigene Untersuchung durchgeführt, die die Umstände des plötzlichen Kindstodes von ihrer psychosozialen Seite her beleuchten soll. Er führte 16 Interviews mit Eltern von am PKT gestorbenen Kindern durch sowie 5 mit Eltern von Kindern, die sogenannte PKT-Krisen überlebt haben, also beinahe an Atemnot im Schlaf gestorben wären, aber durch Wachrütteln oder Ähnliches gerettet wurden. Eine methodische Schwierigkeit dieser Untersuchung sehe ich darin, dass Gruen nur ein einziges Interview mit den Eltern geführt hat, aus ihm aber ziemlich weitreichende Schlussfolgerungen über das (Zusammen)Leben der Eltern zieht. Schlussfolgerungen von der Art, wie sie selbst in einer langen Analyse nur sehr vorsichtig gemacht werden.

Gruens ausführlicher Bericht von diesen Interviews ist aber sehr interessant. Mir fielen folgende Phänomene auf: Die Eltern erzählten häufig, dass ihre Kinder in einem Alter von 2-6 Monaten in einem eigenen Zimmer schlafen. Sie berichten außerdem, dass sie das Kind in der Wohnung oder im Haus ganz alleine gelassen haben, selbst wenn es geschrieen hat. Sehr auffällig fand ich außerdem sich häufende Eindrücke der Mütter und Väter von starrem und durchdingendem, gar unpersönlichem Blick der Kinder. Der Blick sei durchbohrend und nicht auf sie (die Eltern) gerichtet gewesen. Auch vor einer allgemeinen Lebendigkeit des Kindes haben viele dieser Eltern Angst gehabt oder haben sie zumindest (nach Gruens Eindruck) auffällig negativ betont. Schließlich stolperte ich aber auch über einen verwirrenden Eindruck. Einerseits beschrieben viele der Eltern ihre Kinder als vorher ganz gesund und sich ’normal‘ entwickelnd, andererseits häufen sich auch Erwähnungen von ergebnislosen Arztbesuchen kurz vor dem Tod der Kinder oder sehr frühe Kankenhausaufenthalte nach einer schweren Geburt oder Ähnlichem.

Gruen verknüpft diese Berichte mit seinen Eindrücken von den interviewten Eltern. Vor allem Gefühllosigkeit und mangelnde Empathie für die Kinder, aber auch verdeckte Aggressionen und teils offene, teils unbewusste Todenswünsche gegen die Kinder seien ihm begegnet. Was kann man aber aus all dem schlussfolgern – wie kann es gedeutet werden?

Es überrascht kaum, dass Gruen wütende Reaktionen von PKT-betroffenen Eltern erhielt. Schließlich lassen sich viele Details seiner These zum plötzlichen Kindstod (aus dem Zusammenhang gerissen) als klassisches Mother-Blaming verstehen. Auch sein Hinweis, dass er eigentlich die patriarchale Kultur und das von Männern immer wieder hoch gehaltene und verstärkte Mutterideal für den PKT verantwortlich hält, kann aufgesetzt wirken, weil die Väter einfach nicht im Fokus der Untersuchung stehen.

Stellungnahmen gegen Gruens Buch, die mangelnde Wissenschaftlichekeit beklagen und daher gar nicht erst in medias res gehen, sind von der ‚Gemeinsamen Elterninitiative plötzlicher Säuglingstod (GEPS) Deutschland e.V.‘ online gesammelt worden. Verschiedene Reaktionen auf das Buch hat Dr. Paul Runge zusammen gestellt, als er in einem offenen Brief an Autor_innen einer Studie zum PKT an der Universität Münster auf Gruens Buch hinwies.

Gruen selbst hält es für „völlig abwegig, die Mütter schuldig zu sprechen.“ (S. 50) (Er sieht in den Müttern eher die Opfer einer in der Gesellschaft fest verankerten Machtideologie.) Weder Todeswünsche der Mütter gegen ihre Kinder, noch ihre ablehnende Haltung gegenüber den Säuglingen betrachtet Gruen als kausale Ursachen des plötzlichen Kindtodes. (Vgl. S. 117 und S. 133f) Welche Rolle spielen dann aber verdrängte Todeswünsche gegen das eigene Kind?

Wenn die Mutter dem Kind keine starken bewußten Gefühle entgegenbringt, die ihm eine intensive Erfahrung emotionaler Bedeutsamkeit vermitteln, dann muß es in ihren unbewußten Regionen nach Nahrung suchen. Was es sucht und braucht, ist Intensität, und diese Intensität findet es dann in den Todes- und Zerstörungsphantasien, die seine Mutter aus ihrem Bewußtsein verdrängt hat. [Und:] Mit Todeswünschen kann man nicht leben. (S. 141f und S. 143)

Gruen erklärt, dass diese Todeswünsche besonders leicht dann entstehen können, wenn die Mutter selbst so liebesbedürftig ist, dass das Kind als Bedrohung für die eigenen Bedürfnisse wahrgenommen wird. Das Kind offen als Problem oder gar Feind zu sehen, verbietet der Mutter jedoch die oft vom Vater/Mann aufgedrängte Mutterrolle einer liebenden und fürsorglichen Mutter, die diese dann auch mit Hingabe spielen. Darum, so Gruen, wirken die von ihm intervieweten Mütter gefühllos gegenüber ihren Kindern und sogar ihrem Tod. Ihre eigene Bedrüftigkeit steht im Mittelpunkt ihrer Emotionen und ihrer Wahrnehmung. So können für das bedürftige Baby auswegslose Situationen entstehen, in denen sie gezwungen sind, sich auf ihren Tod zu konzentrieren.

Ich möchte nun zwei Punkte herausstreichen, die für mich strittig wirken. Welche Rolle können Todeswünsche tatsächlich beim Tod des eigenen Kindes spielen und wie deutet Gruen den tatsächlichen Tod der Kinder? (1.) Wie sehr hat sich Gruen von der patriarchal definierten Mutterrolle tatsächlich emanzipiert? (2.)

1. Zwei Einwände kamen mir bei der Lektüre von Gruens Buch ständig in den Kopf. Todeswünsche haben zum einen wohl die meisten Eltern gegen ihre Kinder – auch ich hatte einen solchen Traum, jedoch ist mein Kind daran nicht gestorben. Ich glaube vor allem nicht, dass Todeswünsche per se damit einher gehen, dass das Kind nicht geliebt und nicht sein gelassen wird. Zwar gilt für Gruen, dass besonders verdrängte Todeswünsche Kinder in die Auswegslosigkeit treiben können, aber damit eröffnet er letztlich ein ganz neues Feld. Denn eigentlich ist die Verdrängung von Gefühlen allgemein, auch der eigenen Wünsche, der Hintergrund für einen lieblosen Umgang mit dem eigenen Kind. Von ihren eigenen Gefühlen und Wünschen abgeschnittene Eltern können für ihre Kinder zur Lebensbedrohung werden. Dieses Muster halte ich für die plausiblere Fährte zur psychsomatischen Erklärung des PKT als konkrete Todeswünsche oder überhaupt Inhalte dieser unzugänglichen Gefühle und Wünsche. Mein zweiter Einwand bezieht sich ebenfalls auf das Abgeschnittensein der Eltern von sich selbst. Gruen zieht bei der Deutung seiner Interviews zu wenig in Betracht, dass ja die Kinder tatsächlich gestorben sind, die Eltern also trauern. Auch werden sie Schuldgefühle haben (vgl. S. 175-185), die sich konkret auf den Tod ihrer Kinder beziehen, und sie, besonders wenn diese wiederum verdrängt werden, nur erschwert trauern lassen. Schuld bezieht sich naturgemäß auf eine_n selbst, so können die Gestorbenen selbst leicht außen vor geraten. Gruen fiel dieses Abgeschnittensein der Eltern von den gestorbenen Kindern auf. Er bedenkt jedoch den Zusammenhang zwischen dem plötzlichen Kindstod und einem massiven Auftreten von Schuldgefühlen bei den Hinterbliebenen nicht. Weil der PKT eben keine erklärende Ursache für den Tod des Kindes ist, erschwert er die Verarbeitung des Geschehenen erheblich und legt für den Trauerprozess den Rückgriff auf Schuldgefühle und -zuweisungen nahe.

2. Nach meinem Eindruck konnte sich Gruen trotz aller kritischen Diskussion nicht von einer traditionellen Mutterrolle als Idealbild trennen. Nicht nur, weil er immer wieder betont, wie sehr Kinder Liebe und ungeteilte Aufmerksamkeit von der Mutter brauchen, was so pauschal formuliert natürlich stimmt. Ihm ist vor allem ein Widerspruch nicht aufgefallen, der mich nachdenklich gestimmt hat. Das Ideal einer Bindung zwischen Mutter und Kind, so Gruen, sei die gegenseitige Liebe und ein Austausch. Zum (eben nicht starren) Blickaustausch zwischen Mutter und Kind, genannt „Tanz“ der Augen, schreibt er: „Dieser Augentanz ist der grundlegende Akt des Austauschs zwischen Mutter und Kind, der die Bindung zwischen ihnen begründet und aufrecht erhält, und konstituiert damit das Urmodell des Liebesaktes.“ Was, wenn nicht diese Analogie, unterstellt dieser Bindung Parität oder, negativ ausgedrückt, Machtferne? So sehr Bindung, Liebe, „Raum für freie Entfaltung“ (S. 125) und mit ihnen ein positives Selbstbild der eigenen Person auf Gegenseitigkeit und Austausch beruhen, ich bezweifle sehr, dass dieser Austausch zwischen Mutter und Kind paritätisch sein kann. Auch für Gruen sind nämlich die Rollen von Mutter und Kind nicht austauschabar: „Wenn eine Mutter das Bemuttertwerden selbst hat entbehren müssen, dann hat sie Schwierigkeiten, es ihren eigenen Kindern zu gewähren. Es kann dann zu einer unbewußten Umkehrung der Rollen kommen: Die Mutter erwartet von ihrem Kind die Liebe, die ihre einst vorenthalten wurde und die sie nun dem Kind geben müsste.“ (S. 144, vgl. auch S. 118-125) Nun handelt es sich anscheinend doch um eine spezielle Liebe, die davon geprägt ist, dass Erwachsenen- und Kinderwelt aufeinander treffen. Die Mutter (respektive die versorgende Person) kann viel mehr als das Kind, wie zum Beispiel die Windeln wechseln, füttern, Wärme und Kälte regulieren usw. Anders das Kind, das sie zwar an allerlei Verhalten und Wunschbefriedigungen hindern kann und das lediglich über seine Hilfsbedürftigkeit Macht ausüben kann (und diese wohl kaum instrumentell). Allerdings hindert das Kind mit seiner Hilflosigkeit durchaus die versorgende Person an der Befriediung einiger Bedürfnisse, wie beispielsweise dem Schlafbedürfnis. Die Komplexität dieser Begegnung macht die Bindung zu einem Kind eine Herausforderung und das besonders für patriarchalisch-heterosexuell geprägte Männer/Väter. Väter überlassen diese Begegnung lieber den Müttern aufgrund von Ohnmachtsgefühlen ihnen gegenüber, weil und zumal die Mütter dieser Begegnung aufgrund von Schwangerschaft und Geburt (sowie wenn sie mit der Brust stillen) ohnehin ausgesetzt sind. Nach meinem Eindruck kann eine lebendige und von Gleichwertigkeit geprägte Bindung zwischen Eltern und Kind, sowie zwischen den Eltern, zumindest erleichtert werden, wenn sich Väter und Mütter auf diese Herausforderung einlassen.

Die verwendete Ausgabe: Arno Gruen, Ein früher Abschied. Objektbeziehungen und psychosomatische Hintergründe beim Plötzlichen Kindstod, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1999.