Schlagwort: Ethik

Zu den Voraussetzungen progressiver Gemeinschaften

Disclaimer: Dies ist kein Text gegen Anarchismus, gegen Marximus oder Open Source Software. Ich bestreite nicht die enorme Wirkung von Vorurteilen und aus ihnen folgender Diskriminierung auf die in Rede stehenden Communities. Vielmehr halte ich jene für den wichtigsten Grund ihrer schmerzlichen Homogenität. Mir geht es um die Frage, welche ethischen Voraussetzungen menschliche Zusammenschlüsse haben, die ein progressives, ja radikales Selbstverständnis haben, um ihre Aktivitäten durchführen zu können. Beispiele wären Lesekreise, politische Arbeitskreise, Newsgroups oder Kunstfreundinnen; mehr oder minder feste Gruppierungen, denen um die Sache selbst geht. Sie tragen oft ihre eigenen ethischen Vorausetzungen in einem Selbstbild der Verpflichtung zu dieser Sache ohne Ansehen der Person nach außen, denn alle Ablenkung von dieser Verpflichtung muss vermieden, gar bekämpft werden. Wie aber können diese Voraussetzungen besser verstanden werden, als radikal in der Sache eben durch den Schutz der Person? Dies ist also ein analytischer Text.

Seit einiger Zeit arbeite ich als Programmierer. Als solcher will und muss ich regelmäßig Tech-Blogs lesen, auf denen hauptsächlich über Programmiersprachen, -techniken und vor allem einzelne Features von Programmierwerkzeugen (wie einem Texteditor) oder sogenannten Frameworks geschrieben und diskutiert wird. (Frameworks bestehen selbst aus Code und bilden die Basis der eigenen Software in Form einer Sammlung von Funktionen, die sehr hilfreich dabei sein können, ein konkretes Programm zu schreiben.)

Neulich stolperte ich über einige Artikel, die sich mit der (Kommunikations)Kultur in der Open Source Community beschäftigten. Open Source meint, dass der Code eines Programms frei ersichtlich, das heißt in der Regel auf Internetseiten abrufbar ist und daher von beliebig vielen Leuten verändert und verbessert werden kann. Das dient – technisch – der Fehlerkontrolle und -ausbesserung sowie allgemein einer besseren Verbreitung von Wissen und technischen Fähigkeiten. Anders proprietäre Software (wie Adobe Photoshop oder Googles Suchmaschine), die wir nutzen können, über deren ‚Quelle‘ wir aber nichts lernen können.

Kernaussage von Beiträgen wie The Life Cycle of Programming Languages von Betsy Haibel ist, dass die sich avandgardistisch und anarchisch gebärdende Szene der Hacker und Open Source Software contributer gerade weil sie beahauptet, gegen den moralisch unterdrückenden Mainstream zu stehen, offen für menschen- und lebensverachtende Haltungen sowie besonders empfindlich gegen Versuche ihrer Aufklärung sind. Es geht in diesen Communities vordergründig nur um guten Code, um Verdienste guter Arbeit und um die Verbesserung derjenigen Softwareprodukte, die alle nutzen und von denen alle profitieren können. Echte gemeinsinnige Arbeit im Dienste der Freiheit und Produktivität. Dabei, so hören wir aus den Communities, kann es verbal durchaus harsch zugehen, wenn nämlich eine Programmiererin eine andere und vor allem ihre Werkzeuge oder ihre Ansichten und Arbeitsmustern kritisiert.

news.ycombinator thread on node.js
Der Anfang einer Debatte über node.js, mit unhaltbaren Beschuldigungen.

Aber die offene Diskussion einschränkende Regeln, wie sie in großen Organisationen (im Amerikanischen für Konzern gebräuchliches Wort) und in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft vorherrschen, sollen hier nicht gelten. Diese bringen das Produkt nicht voran.

Zum einen müssen sich offenen und freiheitsliebenden Hacker-Communities mit einem Brett vorm Kopf herumschlagen: Wer kann nicht Teil dieser Communities sein? Diejenigen, die andere Arbeiten zu erledigen haben. diversity conferenceDie Kinder und Familie zu versorgen haben, die schlechter bezahlt werden, deren Karrieren den Bach runter gehen, weil sie nicht die erforderlichen Überstunden machen können, die schon beim Bewerbungsgespräch aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Orientierung raus fliegen. Solche Umstände nicht zu berücksichtigen heißt, auf mögliche Talente und gute Beiträge zum Code zu verzichten. Das entlarvt die Unschuldsvermutung, dass diese Communities für alle offen seien, die bereit seien, qualitativ hochwertige Beiträge zu leisten. (Code muss mindestens geschrieben, getestet und dokumentiert werden.) Denn man mag vor sich hertragen, dass es auf Nebensächlichkeiten wie Hautfarbe, Geschlecht und familiäre Situation nicht ankäme, faktisch kommt es immer darauf an, weil normale persönliche Vorurteile zusammen mit der unfairen Verteilung an Zeit und anderen Resourcen die behauptete Offenheit zur Farce machen. Am Ende sind es nur junge, weiße Männer ohne großes familiäres Engagement, die die offene Community bilden.

Zum anderen haben wir es mit einem hinreichend generalisierbaren Problem zu tun. Damit meine ich nicht die Trolls, die sich besonders gerne in den offenen und anonymisierten Bubbles (des Internets) einbringen. Auch gegen sie haben Libertäre aller Färbungen wenig Mittel in der Hand, doch das steht auf einem anderen Blatt. Vielmehr dachte ich bei der Lektüre der wunderbaren Artikel an die scheinbare, moralische Neutralität aller um seiner Selbst willen betriebenen Aktivitäten. Sport gilt seit eh und je als moralisch-politisch unbescholten, wissenschaftliche Forschung ebenfalls, denn es geht um Wahrheitsfindung. Hinzuzufügen wären mindestens die Kunst, manche Form politischer Radikalität und eben die Free Library and Open Source Software Bewegung. Mir am besten bekannt sind immer noch der wissenschaftlich orientierte Marxismus und an intellektuellen Leistungen interessierte Arbeitskreise oder Seminare. Beispielsweise gilt als eine mögliche Antwort auf die Frage, warum so wenige Frauen in der universitären Philosophie vertreten sind, dass dieses als Spiel, das um sich selbst dreht, für Frauen weniger attraktiv erscheint als für Männer. Männer brillieren im harten Wettkampf der philosophischen Ansichten, auch wenn sie dieses Feld eigentlich betreten hatten, um andere, nicht philosophische Probleme zu klären. (Z.B. warum sind nicht alle Menschen glücklich? Warum bin ich nicht glücklich?)

Elizabeth Cady Stanton and Susan B. Anthony
Elizabeth Stanton (seated) with Susan B. Anthony. Suffragist movement, with arguable engagement.

David Papineau drückt es so aus: „Most young people come into philosophy […] because they want to address important issues, not to make the next move in a technical exercise. When they discover that they need to dance on the head of a pin to get a job, women and men are likely to react differently. Where many men will relish the competitive challenge and enjoy the game for its own sake, many women will see it as the intellectual equivalent of putting balls in pockets with pointed sticks, and conclude that they could be doing something better with their lives.“

Nun es mag durchaus zutreffen, dass es neben Diskriminierungen und Vorurteilen andere Gründe, geradezu philosophische Gründe gibt, warum in der Philosophie ein Gender-Bias herrscht, warum diese Disziplin bis heute eine männliche geblieben ist. Jedoch vermute ich nicht die schiere Härte der philosophischen Diskukssionen als einen dieser Gründe. Meiner Erfahrung nach werden philosophische Standpunkte (an der Universität) eher nachlässig debattiert, harte Streits entstehen eigentlich eher vor dem Hintergrund politisch-moralischer Differenzen, die wir ja gerade (vermeintlich) neutral gestellt hatten.

Worum dreht es sich dann? Erster Teil meiner Hypothese: das Spiel um sich selbst funktioniert nicht ohne eine Ethik. Sie sei im Anschluss an Texte wie ‚Free as in sexist?‘ Free culture and the gender gap von Joseph Reagle libertarian-anarchic ethic genannt. Hier eine zusammenfassende Passge:

„the libertarian–anarchic ethic is susceptible to hypocrisy and sexism. (By sexism I mean an attitude of inherent superiority and exclusive privilege towards one gender, perhaps with demeaning or derogatory displays towards the other.) For example, [scholar Susan] Herring found that women were labeled as “censors” when they expressed concerns on views about date rape though they did not attempt to exclude others’ views; “Meanwhile, males hypocritically represented themselves as heroic defenders of freedom of expression, even as their behavior showed them to be intolerant of even partial disagreement with their views”. She also found hypocrisy on chat channels and in conversations in which women’s protests were claimed to be censorious and “going too far” in silencing men though “the men can hardly be said to be silent in the discussion, because they contributed 70% of the words overall”.“

Reagle beschreibt das Phänomen trefflich und inspirierend, aber seine Analyse kann erweitert werden. Warum zeigt sich die anarchistisch-libertäre Ethik so anfällig für Seximus? Welches ihrer Inhalte steht für diese Anfälligkeit? Anarchistisch-libertär – das zielt auf individuelle Freiheit. Sie zu schützen und möglichst unabhänigig von jeder Form kollektiver Kontrolle zu machen ist ihr erklärtes Ziel. Was aber soll Sexismus sein, wenn nicht eine Form kollektiver Kontrolle? Hier scheint es um noch etwas anderes zu gehen.

Auf anarchistisch-libertäre Ethiken treffen wir, so der zweite Teil meiner Hypothese, wenn in einem Diskurshabitat (wie einem marxistischen Zirkel, einem Sportverein, einem Hacker-Newsroom) das Selbstbild einer heroischen, mutigen oder zumindest beharrlichen Wächterfunktion einer Sache selbst existiert, sei diese Sache die Wahrheit, sportliche oder programmiertechnische Leistung oder was auch immer. Das Engagement im Dienst dieser Sache, so der tragende Tenor dieser Selbstbilder, wird stets von außen bedroht: von Zensur, von Kontollmechanismen, von Diskursvorschriften, moralischen Regeln und institutionell initiierten und durchgeführten Reformen. Die ganze Universtätsreform (Stichwort: Bologna) gerät in den Augen mancher Wissenschaftler_innen zu einer vielarmigen Krake, die die reine und unschuldige Suche nach der Wahrheit zu ersticken droht. Unzählige weitere Beispiele könnten folgen.

Besonders in dem hier besprochenen Zusammenhang fällt das ramponierte Image persönlicher Rücksichtnahme aus Sicht anarchisch-libertärer Selbstbilder auf. Auf persönliche Eitelkeiten und angebliche Verletzungen könne man hier keine Rücksicht nehmen, es gehe um die Sache selbst, um Wahrheit, das Kapitalverhältnis oder den jeweils besseren Algorithmus. Im Gegenteil, alle persönliche Rücksichtnahme stehe im Dienst des Rückschritts, der spießig-bürgerlichen Verschanzung hinter Scheinwahrheiten (überhaupt hinter Schein) und würde mit Verdrängung, Verleugnung und Ausbremsung des Fortschritts unter einer Decke stecken. Wobei Vorsicht geboten ist. Ich will nicht wieder nur darauf hinaus, dass die Debatten in anarchisch-libertären Zirkeln so besonders und unangehem hart seien. Haben wir es hier nicht vielmehr schlicht mit einem anarchistischen Irrtum zu tun?

Es liegt nahe, die Freiheit der Gedanken und viel stärker noch die Freiheit der Worte mit der Abwesenheit von Kontrolle erlaubenden Regeln zu verbinden. Offen gesprochen wird nur, wo gewisse Rücksichtnahmen gefallen sind, vielleicht sogar nur mit sich selbst, in jedem Fall aber nicht, wenn stets und ständig darüber gewacht wird, ob Aussage X oder Y nun (moralisch-sittlich) korrekt gemacht worden sind. Es geht darum, Dinge auszusprechen, die das Gesetz (also der Vater) verbietet auszusprechen. Auf diese Weise kommt aber nur die halbe Wahrheit ans Licht. Wenn der Blick allzu starr auf Vorschriften, Gesetze, Autoritäten und die Unterdrückung der Freiheit gerichtet wird, kann ein wenig Misstrauen nicht schaden. Umgekehrt gilt nämlich, dass gerade Rücksichten die Freiheit des Wortes stärken. Wann trauen sich Leute, offen zu sprechen – wenn sie gerade nicht mit sich selbst sprechen? Wenn ihre Worte mit distanzierendem Respekt behandelt werden. Wenn die Zuhörenden nicht sofort eine Replik parat haben und bereit sind, wenigstens ein Stückchen den Weg der sprechenden Person (gedanklich und emotional) zu folgen.

Mit anderen Worten, wer wirklich an der Wahrheit, an der Freiheit zur Wahrheit interessiert ist (oder an guten Progammen, an mutiger Kunst oder, oder, oder …), braucht Voraussetzungen, die die wahrheitssuchenden Worte alleine nicht schaffen können, braucht die beteiligten Personen. Diese müssen sich beteiligt fühlen, engagieren und gleichzeitig um der Wahrheit selbst willen die Personen, die sie suchen, vor persönlichen Angriffen schützen. Person und Wahrheit (oder welches reine, hehre Ziel auch immer) voneinander zu trennen, hat durchaus seinen Sinn und produktiven Effekt, aber nicht derart, dass jede gegenseitige Kontrolle (scheinbar) abgeschafft wird, sondern in der Variante des Bewussteins der persönlichen Präsenz beim Sprechen und Zurückhaltung beim Hören.

encounter between cat and reptile
An Encounter

Verletzungen und Kränkungen dienen nicht der Wahrheitsfindung, lavierende Angst vor Zensur ebenfalls nicht, aber gerade die Vermeidung von Einengung der Worte durch angespitztes auf die Pelle Rücken bildet einen nicht unerheblichen Teil des Rahmens für geistig-seelische Innovation.

In einem solchen Rahmen wäre es möglich, die existierenden Kontrollmechanismen und Sitten kritisch unter die Lupe zu nehmen. Es geht nicht darum, die düsteren Anteile sittlicher Kontrolle auszublenden oder gar zu behaupten, ehrliche Worte in einer Replik seien an sich potentiell verletzend. Hörende sollten generell versuchen, persönliche Empfindlichkeiten so weit wie möglich zugunsten der Entfaltung des Wortes der anderen zurück zu stellen. Jedoch gilt das namentlich für den Impetus aggressiv zurück zu schlagen und für die Neigung, scheinbar nur reaktiv auf Begriffe wie Zensur, Unterdrückung der Freiheit oder political correctness zu rekurrieren.

Gruppierungen, Zirkel, Zusammenschlüsse oder Arbeitskreise, die ein ganz besonders progressives Selbstbild pflegen, im Dienste irgendeiner Sache zu stehen vermeinen und sich durch die Verteidigung von persönlicher Freiheit und Offenheit definieren, leiden leicht unter der Leugnung ihrer Voraussetzungen. Sie mögen sich gerade wenige Gedanken zu ihrer Methode machen – durchaus gelegentlich erfrischend – und zahlen dafür den Preis des schnellen Erliegens der Verdachtshuberei. Stets meinen ihre Mitglieder (in welchem formalen Sinne auch immer), sie müssen eine Freiheit gegen die Unterdrückung der Worte verteidigen, wo sie doch diejenigen Personen schützen sollten, die versuchen ehrliche und gelegentlich radikale Worte zu finden.

Natürlich kann auch eingewendet werden, dass, wenn hier die progressiven Zirkel gegen sich selbst verteidigt werden, ihre Arbeit für dauernde Optimierung, Erweiterung des Wissens und Vermehrung der Möglichkeiten mitnichten einer echten Progression dient, die doch eher in der Entdeckung einer neugierigen Faulheit liege.

Touché. Alle uns bekannten Wege der Progression und des Fortschrittes in der Sache selbst mögen selbst in ihren radikalsten Formen keinen Ausweg aus der geistig-kulturellen Krise bieten. Wir kennen Kapitalismus, Disziplin, Steigerung/Wachstum und Optimierung. Was danach kommt, bleibt eine große Unbekannte. Vielleicht führt aber auch die verzweifelte Suche nach dem ganz anderen in die Irre und lässt manches Pflänzchen der Hoffnung übersehen.

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Männerfantasien

Nein, leider geht es hier nicht um das großartige Buch von K. Theweleit. Ich frage mich zwar schon länger, warum er nicht auch ‚Mein Kampf‘ in seinen seinen nicht gerade kurzen Bänden auseinander genommmen hat. Aber das gehört woanders hin.

Vor ein paar Wochen hörte ich einen Vortrag. Es ging um Technologie, um Programmieren genauer gesagt. Irgendjemand hatte in einer Firma eine neue Technik entwickelt. So weit ich es begriffen habe, ging es um Datenverwaltung und -bearbeitung. Ich hörte dem Vortrag interessiert zu, der Vortragende machte eine gute Show und strahlte Kompetenz aus. Ich war und bin neu auf diesem Gebiet, daher versuchte ich einfach, so viel wie möglich zu verstehen.

Für das Folgende: Triggerwarnung!

Mitten in seinem Vortrag meinte dieser Herr nun, er müsse einen rape joke reißen. Es ging um Objekte und ob er mit seinem Programm diese Objekte manipuliert hatte. (Objekte sind in der Programmierwelt Repräsentanten eines bestimmten Datentyps, nämlich des Typs ‚Objekt‘, nicht einfach irgend welche Dinge.) Eine Sache, die sehr gut ohne einen Hinweis auf Vergewaltigungen auskäme. Er erzählte, dass sie die in Frage stehenden Objekte durchaus stark verändert hätten:

we raped the shit out of them.

Glücklicher Weise wurde ihm sofort der Hinweis gegeben, dass dies kein Ort für rape jokes sei. Wohlgemerkt, diesen Witz hatte er sogar auf seinen PowerPoint-Folien festgehalten. Für alle gut lesbar. Daraufhin versicherte er, dass dies der einzige Witz dieser Art in seinem Vortrag sei und man versicherte ihm, dass er sich keine Sorgen machen, aber bitte keinen Zweiten reißen solle.

Durch diese Situation wurde die bis dahin amüsierte Stimmung deutlich kühler und der Vortrag endete mit wesentlich weniger Lachern, als er begann. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Vortragende wirkte auf mich wie jemand, der Vergewaltigungen ablehnt und verabscheut, er schien loyal mit seiner Kollegin zusammen zu arbeiten und er sollte klug und gebildet genug sein, um auf Nachfrage Vergewaltigungen moralisch zu verurteilen. Dieser Witz gehörte einfach zu seinen Showeinlagen und er hätte niemals damit gerechnet, plötzlich auf Abelehnung statt Gelächter zu stoßen.

Für mich war mit diesem Witz jegliche Konzentration dahin, ich überlegte den Rest der Zeit des Vortrages, warum er wohl diesen Witz gemacht und sogar an die Wand projiziert hatte. Eine sowohl unterhaltsame wie interessante Situation war völlig zerstört worden und wich Empörung, Wut und Verstörung.

Warum hatte er nun diesen Witz gemacht? Natürlich sind der Witz und der ihn riss Teil der rape culture. Vergewaltigungen erscheinen als normal, möglicher Weise geächtet, aber doch eher als keinere Verfehlungen einer nur im Idealfall gewaltlos funktionierenden männlichen Sexualität, die sich nun mal nimmt, was sie braucht. Es stimmt auch, dass wohl kaum eine Frau* diesen Witz als Unterhaltungsmoment in ihren* Vortrag eingebaut hätte. Gegenrezepte, wie die Entdeckung einer gebenden und empfangenden männlichen Sexualität durch die Männer, sowie der Öffnung der Männer für die Freude an der eigenen Lust und dadurch der Achtung für die Lust und die Unlust der anderen und besonders der Frauen liegen nicht falsch. Dennoch kam ich in Gedanken nicht von der Situation des Vortrags los.

Der rape joke hatte nicht nur die ganze Atmosphäre kaputt gemacht, auch der Typ, der den Vortrag hielt, sank sofort Meilenweit in meiner Achtung. Er hatte dem Vortrag und der Situation jegliche menschliche Angenehmheit genommen. Auch das Thema war mit einem Mal völlig unwichtig geworden. Ich würde nicht salbungsvoll sagen, dieser Witz sei gegen die Menschlichkeit gerichtet gewesen. Er drückte durch seine Akzeptanz der ebenso latenten wie stabilen Vergewaltigungsdrohung gegenüber Frauen eine Verachtung aus, die das zusammen Arbeiten und gemeinsame Zeit Genießen zerstörte. So frappierend ich den beißenden Widerspruch zwischen dem Witz und dem (vermutlichen) ethischen Kodex seines Sprechers fand, noch mehr beeindruckte mich seine unausweichliche, destruktive Kraft.

Bis aber die Mehrheit der Männer es für nötig befindet, sich gegen die Zerstörungen der männlichen Kultur zu wehren, werden wohl leider noch viele, viele rape jokes gerissen werden.