Schlagwort: Gender

Männer und Feminismus

Anlässlich eines neuen Werbeplakats der Sportschau möchte ich ein paar Gedanken zu Feminismus von und für Männer formulieren. Auf dem Plakat, das in Knetcomicoptik erscheint, sind ein Mann und eine Frau zu sehen. Der Mann steht mit Glubschaugen vor der Frau, die oben nur einen BH trägt, dessen Körbchen wie Fußbälle aussehen. Auf diese glozt er ungeniert – darüber steht: „Männer sind so.“ (Vielleicht in etwas anderen Worten.)

Beim Anblick dieses Plakates stiegen sofort Wut, Ekel und Abneigung in mir auf. Ich will gar nicht ausschließen, dass ein Teil des Ekels auf verdrängter Lust beruht, die mir sowohl Fußball, als auch halbnackte Frauenkörper bereiten können. Der größere Teil des Ärgers bezieht sich jedoch auf das Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern, wie es auf diesem Plakat repräsentiert wird. Auf Nachfrage wurde mir auch klar, dass mein erster Gedanke keineswegs ‚die armen Frauen‘ war. Mir geht es um die Männer und die männliche Kultur. (Mit dem Ausdruck Kultur meine ich menschliche und zwischenmenschliche Praktiken, die teils bewusst, teils unbewusst ausgeübt werden, die aber zumindest die Schwelle von der zufälligen Erscheinung zur Einübung und zur Möglichkeit der symbolisch-sprachlichen Repräsentation überschritten haben.)

Einerseits kann eine Kultur, in der ein Teil der Menschen so offensichtlich weniger wert und leicht objektivierbar ist, selbst nur wenig wert sein. Diese Kultur der Entmenschlichung und Entwürdigung wird durch solche Plakate noch stärker zur Normalität, als sie ohnehin schon ist. Ein hoher Anteil der Männer und ein vielleicht nicht viel geringerer Anteil der Frauen, die dieses Plakat sehen, mögen denken, dass es ja in Ordnung ist, wenn die Männer Samstags um 18 Uhr nur noch das Eine im Kopf haben. Sind die Männer vom Fußball aufgeregt, haben sie eine recht weite Distanz zwischen sich und die Frauen gebracht, aus der heraus letztere ganz herrlich zu Sexobjekten gemacht werden können.

Dieses Plakat gehört also zum verbreiteten Gender-Backlash, der ohnehin eng mit dem Fußball als Domäne männliche geprägten Breiten- und Profisports verbunden ist. Andererseits, was bedeutet ein solches Plakat konkret für die Männer?

Natürlich interessiert sich nur ein Anteil aller Männer überhaupt für Fußball, ein Teil dieser Männer wiederum liebt Männer oder Frauen und Männer, ein Teil ist *Trans und ein weiterer Teil leidet unter Entwürdigungen und Degradierung, weil die Hautfarbe oder die Religion oder die körperliche Tüchtigkeit nicht zu seiner Umgebung und vor allem nicht zur dominanten Kultur passt. Will sagen, auch Männer sind äußerst verschieden. Aber wenn ich mich auf das Verhältnis von Männern zu Frauen konzentrieren will, helfen diese nur vordergründig inkludierend wirkenden Hinweise wenig.

Betrachte ich dieses Verhältnis vor dem Hintergrund der patriarchalen Alltagskultur stellen sich mir drei Fragen. (Nicht dass das alle möglichen wären, aber jetzt gerade kommen sie mir in den Sinn.) Mich interessieren dabei in erster Linie die Männer. Warum akzeptieren Männer die sexistische Kultur (a)? Leiden sie unterm Patriarchat (b)? Können Männer Feministen werden (c)?

Als Denkanstoß vergleiche auch Die Männer und das Patriarchat von Antje Schrupp.

a) Diese Frage klingt merkwürdig. Auf den ersten Blick akzeptieren die Männer diese Kultur nicht, sie stellen sie her und bewahren sie, weil sie auf die patriarchale Dividende nicht verzichten können. Diese Dividende besteht nicht unbedingt in besserem Essen, mehr Freizeitmöglichkeiten, mehr Befriedigung beim Sex, mehr Einkommen, besserer Gesundheitsversorgung usw. Diese Dividende besteht vor allem darin, dass, verkürzt gesagt, die Welt für die Männer viel einfacher gestaltet ist, als für die Frauen – eben männlich. Was die Männer wissen, gilt als Wissen; was die Männer sexy finden, gilt als sexy; was Männer als richtigem Sport definieren, gilt als Sport. (Ich denke an die Schilderungen von H.D. in ihrem Roman HERmione.) Zum Beispiel sieht der Karriereweg so aus, dass sich mann von Job zu Job hangelt, am besten gespickt mit Aus- und Weiterbildungen sowie jeweiligen Aufstiegschancen. Eine Schwangerschaft kommt darin nicht vor und gilt daher für jede Karriere als Belastung. Für Männer stellt sich die Frage nicht, was ist mit meinem Job, wenn ich ein Kind erwarte? Nun, das alles steht nicht (wie als gute Gründe) hinter der sexistischen Alltagskultur, sondern sie besteht genau in diesen Phänomenen. So könnte von ihrer ‚Akzeptanz‘ gar nicht gesprochen werden, weil die Männer immer vom Patriarchat profitieren. Es gibt in der Männerwelt jedoch einen Stachel, der nicht gezogen werden kann. Aus dieser Welt wird ihr Gegenüber, die weibliche Welt, konsequent herausgedrängt, herabgewürdigt und abgeblendet, aber dennoch präsent gehalten. Die Frauen werden sozusagen durch projektive Bilder ersetzt. Es mag schon kein (heterosexueller) Mann ohne ein Bild von der Frau zurecht kommen, die männliche Welt braucht auf jeden Fall den blassen Hintergrund weiblicher Beziehungs-, Haus- und Erziehungsarbeit. Kant zum Beispiel brauchte die Welt der weiblichen Romane, gegen die der Vernunft gestellt. Liegt in dieser Trennung und Verkennung nicht ein Verlust für die männliche Welt, unter dem auch die Männer leiden?

b) Ich würde nicht sagen, dass Männer unter dem Patriarchat leiden. Besonders heterosexuelle Männer mögen darunter leiden, dass ihre ernsteren Beziehungen zu Frauen immer wieder scheitern. Viele Männer mögen unter Schuld und Schuldgefühlen leiden, weil sie die patriarchale Dividende einstreichen, während die Frauen unterdrückt und benutzt bleiben. Schließlich leiden gerade profeministische Männer an der Unsicherheit, sich in der männlichen Welt richtig verhalten zu wollen, aber nicht zu wissen wie. Aber das Wort leiden trägt nach meinem Verständnis so gut wie immer die Konnotation der Passivität, des Ertragens. Das trifft besonders dann zu, wenn Feministinnen wie feministisch geschulte Männer von Geschlechterstrukturen sprechen, die die Individuen unterdrücken würden. Damit kommt ein Aspekt der patriarchalen Kultur voll zum Tragen. Passivität hat ja oft eine weibliche, Aktivität eine männliche Konnotation. Das bedeutet, die leidenen Männer werden zu Frauen oder erklären sich zu solchen und alle Beteiligten finden diesen Zustand unerträglich. Deshalb würde ich sagen, dass wenn die Männer schon unter dem Patriarchat leiden sollten, dann müssen sie dieses Leid auch selbst tragen und können es nicht zu den Frauen deligieren. Besser wäre es sogar, direkt von den Gefühlen zu sprechen, die das Patriarchat bei Männern auslösen kann: Unsicherheit, Schuldgefühle, Selbstwertverluste. Solche Gefühle können zwar nicht einfach aufgelöst und sollten nicht verdrängt werden, aber die Männer können sie in eine Spannung zu ihren Wünschen nach Nähe, Einfühlung (durch sie, nicht nur für sie) und Achtung der Anderen bringen.

c) Das bringt mich zu der Frage, ob Männer überhaupt Feministen werden können. Hier finde ich, haben mehrere Sichtweisen ihre Berechtigung, die sich aber teilweise widersprechen. Einerseits können sie es, indem sie sich mit der Welt der Frauen beschäftigen, also feministische Literatur lesen, den zornigen Feministinnen zuhören oder einfach ihren Freundinnen. Sie können sich mit der Problamtik auseinandersetzen, wie es wäre, wenn ich permanent abschätzende Blicke von unbekannten Personen erhalten würde. (Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen andere Menschen zu ihren Sexobjekten machen, sondern dass dies immer auf männliche Weise geschieht. Dadurch werden fast nur Frauen zu Sexobjekten und sie müssen sich dabei in ihrer Sexualität und ihrem Körperbild dem unterordnen, was den Mann erregt.) Dem Versuch, Männer so zu Feministen zu machen, stehen aber zwei verschiedene Einwände entgegen. Einerseits liegt in dieser Beschäftigung mit weiblichen Erfahrungen immer die Gefahr der Essentialisierung des Weiblichen. Gerade wenn allen Menschen, auch den Männern, die weibliche Welt (weibliche Sicht auf Arbeit, Beziehungen und Moral) nahe gebracht werden, erzeugt das eine Zementierung der Geschlechterverhältnisse, wie wir sie kennen. Das Problem, so diese Kritik weiter, liegt nicht in mangelnder Aufmerksamkeit für das Weibliche, sondern an der Unterscheidung von Mann und Frau (und im hinter ihr liegenden Tabu der Homosexualität). Anders gesagt, immer wenn wir glauben, die Frau verstanden zu haben, entfleucht sie uns wieder und gibt ein anderes Bild von sich – die arme Frau, die schwarze Frau, die lesbische Frau. Aus dieser Not sollten wir eine Tugend machen und uns auf das Spiel der steten Wandlung und Verschiebung der Bedeutung des Ausdrucks Frau einlassen. Wie Kathy Ferguson in „The Man Question“ würde ich jedoch davon ausgehen, dass hier noch kein echter Widerspruch lauert. Vor Essentialisierng sei gewarnt, andere zu verstehen heißt, sie immer an ihrer eigenen Neudeutung zu beteiligen. Ein echtes Problem taucht auf, wenn die Beschäftigung mit den Erfahrungen der Frauen im Patriarchat zum Umweg zu den eigenen Erfahrungen und Gefühlen der Männer gerät. Wenn ein Mann sagt, ‚ich fühle mich schlecht, wenn/weil du wütend bist‘, ist dieser Punkt erreicht. Die Wut und der Ärger der Feministinnen dient dann nur als Spiegel der männlichen Seele, macht Frauen erneut zu ihrem Instrument und verstärkt die Vermutung, dass weder jene Frauen ihren Ärger, noch die Männer ihre Gefühle selbst (er)tragen könnten. Dagegen einerseits und gegen die mögliche Selbstzufriedenheit der Beschäftigung mit den ganz eigenen Gefühlen andererseits hilft wohl nur ein Hin- und Herspringen zwischen der Betrachtung des männlichen Selbst und der weiblich-feministischen Welt. Das hilft besonders dann, wenn die Unterstellung einer egalitären Versöhnung zwischen den Geschlechtern zurück gewiesen werden soll. Das Patriarchat zerfällt gegenwärtig nicht und die Suche nach Wegen, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, bleibt noch ein Weile.

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Gender, Verstehen und ein Recht auf Eigenwilligkeit

Vor ein paar Wochen habe ich versucht, meine Gedanken zu Gender und Männlichkeiten etwas zu ordnen. Es gelang mit nicht recht und ich gebe es jetzt auf, hier eine breite Theoriereflexion anzubieten. Statt dessen habe ich zwei Gedanken aufgeschrieben, die vielleicht am ehesten als meine Fragen (in Auswahl) zu charakterisieren wären. Ich freue mich über kreative Kommentare.

1. Einerseits versuchen linke Genderkritiker_innen zu Recht, das Geschlecht zu zerstören (Your Gender: male?, female?, fuck you!), denn wer genderd in dieser Welt? Die Männer. Sie geben Frauen ein Geschlecht und generieren (sowie rechtfertigen) auf diese Weise eine ganze Reihe von Unterdrückungs- und Kontrollmechanismen. Männer haben das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit erfunden, um Frauen von sich abhängig zu machen, denn Gender hängt nicht an der Zahl ‚Zwei‘, sondern an der Angewiesenheit der reproduzierenden Frauen auf die Lebensmittel beschaffenden und im öffentlichen Verkehr stehenden Männer. Aber: Männer mögen Frauen, Homo-, Trans- und Intersexuellen ein Geschlecht geben, sich selbst geben sie es nicht. Die Zerstörung des Konzepts Geschlecht wenden Männer konsequent auf sich an, sie begreifen und fühlen sich als vollkommene, befähigte und unabhängige Wesen. Den Preis dafür zahlen alle, die unfähiger und abhängiger als die Männer erscheinen (und sich selbst so kennen lernen), diejenigen mit den Eigenschaften schwächer, dümmer, weniger verständig und weniger kämpferisch. Ich werde den Verdacht nicht los, dass auch bei der Zerstörung des Geschlechts das Geschlecht immer mitgeschleift wird; aus dem Unbewussten (und sei es als Schimmer der Vergangenheit) wieder auftaucht, in Form von renitenten Elementen der Gesellschaft, die ihr Geschlecht nicht ablegen wollen, oder anstelle der Unterscheidung von Mir und Dir als Unterschied im Individuum selbst, nämlich als Unterschied zwischen dem ganzen bzw. perfekten und dem unvollständigen bzw. bedürftigen Menschen.

2. Eine ganz andere Schwierigkeit taucht auf, wenn ich versuche, andere zu verstehen. Vielleicht auch das Andere. Ob Männer Frauen verstehen wollen, Nicht-Jüd_innen die Jüd_innen, weiße nicht-weiße oder heterosexuelle nicht-heterosexuelle und homosexuelle Menschen; die Sache bleibt ambivalent. Wie schon Verena Stefan in ihrem Buch „Häutungen“ die Protagonistin sich fragen lässt, warum ihr Freund nie ein feministisches Buch auch nur ansehen würde, liegt darin auch der Vorwurf, Männer interessieren sich eben nicht für die Welt der Frauen. Für ihre Wahrnehmung, ihr Erleben und ihre Sicht auf sich selbst und auf sie, die Männer. Diese Ignoranz gehört zum (linken) patriarchalen Komplex, zum Glaube, die Frauen könnten keine Meinung von Gewicht haben und keine interessanten Themen aufbringen. Daher dient das Verstehen der anderen Seite, fest gezimmerte Grenzen zu überschreiten und Machtgefüge ins Wanken zu bringen. Wird diesem Ansatz unterstellt, ‚die andere Seite‘ würde durch die Behauptung dieser Grenze erst essentialisiert und auf diese Weise eine Praxis der Herstellung der Andersheit vollzogen, dann halte ich das für vorschnell. Denn die Forderung der Frauen an die Männer, sich einmal mit ihnen und dem Feminismus zu beschäftigen, rührt keineswegs aus dem Impuls, Frau sein zu dürfen und bleiben zu wollen. Was immer das heißen sollte. Auch Verena Stefan betont in einem neueren Interview, dass sie nicht Frau, sondern Mensch sein will und wollte, also Nachts alleine spazieren gehen oder alleine reisen.

Das Problem liegt im Geheimnis der anderen und im Versuch, jedes Geheimnis zu lüften, also der männlichen Art zu forschen. Ich muss dabei nicht nur an Donna Haraways wunderbaren Artikel „Teddy Bear Patriary“ (Nicholas Dirks, Geoff Eley, Sherry Ortner (Eds.), Culture / Power / History, 1994, S. 49-95) denken. Haraway analysiert dort, wie Männer die Kreaturen, für die sie sich interessieren (in diesem Fall Gorrilas), erlegen und ausstopfen müssen, um sie erforschen zu können.

Ich denke auch an einen kurzen Wortwechsel mit meiner Freundin. Auf meinem Schreibtisch lag „Der gemachte Mann“ von R. Connell. Mit Blick auf dieses Buch sagte sie, sie würde es gerne lesen, worauf ich antwortete, das ginge sie gar nichts an. Sie dazu sinngemäß: ‚Da kannst du mal sehen, wie unangenehm es ist, immer so beforscht und präsentiert zu werden.‘ Das hat mich auf einen Gedanken gebracht. Die Veröffentlichung von letztlich sehr intimen Gefühlswelten, gerade wenn es um Unterdrückung und Entwürdigung geht, hat ihre notwendigen Seiten. Wie gesagt, Ignoranz gegenüber den Opfern, den weniger Privilegierten gehört oft zum System der Unterdrückung. Also sollten sich gerade Privilegierte mit der anderen Seite beschäftigen. Aber diese Veröffentlichung macht auch doppelt verletzlich. Ich meine gar nicht so sehr all der Spam und Shitstorm, der als Reaktion folgen kann. Auch wenn ich versuche, die Geschichte und Sichtweise der anderen sehr verantwortungsvoll wahrzunehmen (Eine Handlungsanweisung dazu findet sich hier), wird garantiert etwas davon ‚auf dem Weg zu mir‘ verloren gehen, von mir umgedeutet werden, abgeschwächt oder aufgewertet, jedenfalls anders als gemeint ankommen. Diesem Risiko müssten Männer sich erst Mal aussetzen können, daher meine Reaktion auf den Wunsch einer Frau, „Der gemachte Mann“ lesen zu wollen. (‚Um Gottes Willen, kann ich dann nicht missverstanden werden?‘) Wie viel Correctness und Moral auch immer diesem Risiko entgegen gesetzt wird, es lässt sich, glaube ich, nicht auflösen. Selbstverständlich muss ich die andere Seite ernst nehmen, also ernst bleiben und versuchen, nicht auszuweichen. Aber das gibt keine vollständige Sicherheit vor mir, denn mein Blick bleibt immer gefährlich. Ob das der Blick der Privilegierten oder der Blick des Anderen ist, will ich hier nicht entscheiden, bin mir aber sicher, dass sich kein Mensch als frei von ihm rühmen kann. Aus dieser Gefahr wächst (als Rettendes?) zunächst einmal das Recht, etwas nicht erzählen zu müssen, vor allem, nicht alles begründen zu müssen, die eigene Geschichte und das eigene Anliegen nicht wasserdicht machen zu müssen.

Ein solches Recht ähnelte dem Recht auf den Kampf um die eigenen Angelegenheiten, wie es Jenn Frank in ihrem genialen Text I was a Teenage Sexist andeutet.

A lot of my favorite people are rigorous anti-feminists, but in the nicest possible way.

These folks really do treat women as peers – academically, professionally, personally, romantically – and many of these right-headed people shy from any sort of “battle.”

These anti-sexists always turn a polite, blind eye. Why keep picking fights? Diatribes are no fun. Stop whining and buck up, you! If your vagina (or whatever you have there, since not every woman or feminist is privileged to have one) is the worst you can complain about, it’s gonna be one easy ride, sister! Or mister. Whoever. Whomever.

Leute, die so reden, wie Frank erzählt, hören natürlich gar nicht zu, wehren ab, weichen aus. Gerade deswegen gibt es ein Recht, ihnen die Beschwerden nicht begründen zu müssen. Sie sind nämlich mit gemeint, es betrifft sie selbst, und kein rationaler Grund alleine wird ihnen das näher bringen können. Vor allem aber rückt jede Rechtfertigung die Last der Begründung auf die rechtfertigende Seite, eine Last, die die der Entwürdigung noch ergänzen würde.

Ich bin aus solchen Gründen vorsichtig damit geworden, jedes Gespräch und jede Lektüre als Lernvorgang zu sehen. Nach dem Motto, ‚danach weiß ich besser Bescheid über die Lage der Frauen oder die Lage der Frauen in Südindien oder die Situation der überlebenden Jüd_innen nach 1945‘. Es geht dabei nicht um meinen Wissensdurst, wie bei einem Gespräch über Nanoteilchen oder frühgotische Kirchtürme. Wenn es gut läuft, komme ich mit etwas in Berührung, ohne es dabei ergreifen zu können. Keine unknifflige Sache.

Schwangerschaft, Geburt, Hebammen

Schwangerschaft und Geburt – die Sicht des Freundes

Das Wort schwanger erscheint auf dem Display des Schwangerschaftstests, ein hochentwickeltes, kleines Gerät, das aussieht wie ein Fieberthermometer. Manche mögen mit Schrecken, manche mit Freude, andere mit Ungläubigkeit oder Furcht reagieren. Alles wird nicht zuletzt den Stand der Beziehung zwischen Mutter und Vater ausdrücken. Bei mir traten Freude und Unglaube zutage, die Freude überwog bald. Aber ich will nicht eine Geschichte meiner Empfindungen für eine Schwangerschaft schreiben. Was habe ich, was haben wir so erlebt während dieser 9 Monate und jetzt der beiden seit der Geburt? Was hat mir zu denken gegeben?

Entscheidet frau und mann sich dafür, das Kind zu bekommen, folgen eine riesige Menge Arbeit, Aufregung und Ablenkung. Ablenkung vom eigenen Leben, die Sorgen, ob man das Leben, das bis dato da war, weiter führen kann, sind bekannt und eines der besten Argumente, ein Kind nicht zu bekommen. In der Tat, das Leben, wie es vorher war – in einer Szene, in der Arbeit, gerade in der Beziehung – geht vorüber und ein neues fängt an, ohne das etwas zurück kehren würde. Das habe ich erst nach der Geburt erfahren. Hinzu kommen ein paar persönliche Entwicklungen: Viele werden erst mit einem Kind Verantwortung für andere übernehmen, manche auch dann nicht. Viel mehr bedeutet es nicht, erwachsen zu werden, man kann zumindest zeitweise und bei manchen Gelegenheiten von sich absehen und für jemand anderes da sein. Vorher habe zumindest ich alles für mich allein getan: gegessen, geschlafen, gelesen, getanzt, geliebt. Außerdem kommt eine Erkenntnis auf, die pathetisch klingt, auch so bleiben muss und gerade deswegen immer wieder in den Hintergrund rückt. Nichts hat die Bedeutung, wie das Leben des (eigenen) Kindes, buchstäblich nichts die Bedeutung, wie das Leben eines Menschen. Alles andere, ein Haus, eine akademische Arbeit oder der Beruf müssen sich hinten anstellen.

Doch was war eigentlich geschehen? Ein Kind wächst und gedeiht im Körper meiner Freundin heran. Das hat nicht nur Einfluss auf ihr Bild von sich und ihrem Körper, sondern auch ganz einfach körperliche Folgen. Diese gelten, und nun kommt das Entscheidende, als ‚normal‘. ‚Normal‘ sollte das Wort sein, dass ich und wir in dieser Zeit wohl am häufigsten zu hören bekommen werden. Normal sind alle Schmerzen, alle Einschränkungen und die ganze Übelkeit. Frau wird stets darauf hingewiesen, dass sie, das Kind in Aussicht, diese Dinge ertragen muss. Gefühlt wird nur ganz wenig in Schwangerenmedizin erprobt und bemüht. Hier liegen die Entwicklungen brach, weil zumindest in Deutschland die Medizin und alle angrenzenden Berufe, die mit der Schwangerschaft zu tun haben, die Natürlichkeit entdeckt haben.

Die Schwangerschaft und die Geburt rufen massive Schmerzen und andere Leiden hervor, aber so groß das Kinderkriegen inzwischen wieder geschrieben wird, eine adäquate Reaktion darauf bleibt aus. Die allgemeine Freude bricht sich Bahn, zu Recht, aber weder Menschen, die einem im Alltag begegnen, noch Institutionen reagieren wirklich auf die Probleme des Kinderkriegens. Zum Beispiel schränkt die Schwangerschaft die Arbeitskraft und -lust mancher Schwangeren erheblich ein, aber einen Ausgleich, eine finanzielle Unterstützung, gar eine zweimonatige Kur gibt es dafür nicht. Die Wochen des sogenannten Mutterschutzes beschränken sich auf 6 Wochen vor und 8 Wochen nach der Geburt. Eine richtige Anerkennung der Arbeit und Leistung, ein Kind zu gebären, fehlt, besonders in finanzieller Hinsicht. Das gerät zur entscheidenden Frage an alle Einrichtungen und auch politischen Entscheidungen in diesem Feld (Krankenkassen, Bezirksämter, Jugendämter, Arbeitsämter, Arbeitgeber ohnehin): Werden tatsächlich die schwangeren Frauen als solche, als aktive, tätige und gleichzeitig Schmerzen erleidende wahrgenommen, gestützt und entschädigt? Oft einfach nicht.

Kontrolle findet hingegen ständig statt. In Österreich sind die Voruntersuchungen Pflicht (wer sie versäumt, erhält im Anschluss weniger finanzielle Unterstützung), in Deutschland die U1-9, die Untersuchungen des Kindes nach der Geburt bis zum schulpflichtigen Alter im Hinblick auf körperliche Gesundheit und Entwicklung. Alle queere und Gender-Theorie hat es längst behauptet, die Fortpflanzung geriet zu dem entscheidenden Feld der Politik, die sich um die Erhaltung der Gattung, der Nation und des Staatswesens in Form des menschlichen Nachwuchses kümmert. Das kann man Bio-Politik nennen, es bleibt eine patriarchale Politik, die von Männern über Frauen bestimmt und ausgeübt wird. Was diese Theorien aber verhältnismäßig selten betonen, ist, dass Bio-Politik nicht einfach um das Leben, um den Körper oder Volkskörper dreht, sondern dass es um konkrete Individuen in ihrer erlebten Subjektivität geht, dass Menschen öffentliches Gut werden, nur weil sie ein Kind bekommen wollen, und dass dies das eigentliche Verbrechen dieser Politik und Praktiken darstellt. Medizinische Hilfe findet auf einer ganz anderen Ebene statt, als das, was frau als Kontrolle erlebt. Bei einem Routinescan war ich dabei. Der Arzt, vielleicht ein besonderer Fall, erklärt nur das, was gemäß den Regeln zu erklären ist, fragt entsprechend welche früh erkennbaren Schäden man wissen möchte und welche nicht. Über mehr wird nicht gesprochen, über die Art der folgenden Behandlung nicht, über die Schmerzen, die er der Schwangeren beim Drücken und Schieben des Bauches zufügen wird, über die persönliche Situation schon gar nicht. Auf die Frage, welcher Kaffeekonsum wohl empfohlen wird, folgt eine Moralpredigt, dass Frauen, wenn sie sich schwanger einem Laster verschreiben, auch die Folgen zu tragen haben. Abwehrende und machtsichernde Moral statt zu verstehen, das andere Subjekt zu verstehen, das kristallisiert sich als Muster der Behandlung Schwangerer heraus.

Als ein Musterfall von Ideologie stellt sich dann die Hebammenkultur in ihrem Umgang mit Schwangerschaft und Geburt heraus. Nur die natürliche, die spontane Geburt gilt in Deutschland als angemessen und einer schwangeren Frau würdig. Alles andere wird mit bohrenden Fragen quittiert, der Wunschkaiserschnitt braucht nach wie vor eine Diagnose zur Indikation, wenn physische Gründe ausscheiden, bleibt nur die Angst vor Geburtsschmerzen. Diese gehören zur Schwangerschaft wie das Amen in die Kirche, die Frau kann sie ertragen und wer das nicht will, wird von Hebammen in die Mangel genommen. Sehr wahrscheinlich nicht von allen, vielleicht hatten wir nur Pech, aber eine Tendenz meine ich doch verspürt zu haben, was auch jeder Blick in ein Schwangerschaftsforum im Internet bestätigt. Vielleicht hat es einst viel Sinn gemacht, die Frauen aus der Vorherrschaft der männlich geprägten Medizin zu befreien, als die Geburt noch von den männlichen Ärzten, nicht von den Frauen durchgeführt wurde. Heute muss die Frau alles selbst machen, am besten zu Hause, ohne jede Betäubung, um möglichst alles zu spüren. Also auch alle Schmerzen. Es bleibt nur die Erkenntnis, wie sie meine Freundin formulierte: Um die Geburt kommt man nicht herum. Schmerzen während und nach der Geburt sind tatsächlich normal, Schmerzen von einem solchen Ausmaß, dass jede Frau sie verdrängen muss, will sie noch ein Kind bekommen oder sich über das Kind selbst freuen.

Männer und Väter wollen inzwischen ‚dabei sein‘, so auch der Titel der wirklich nicht schlechten Broschüre des zuständigen Bundesministeriums: „Ich bin dabei! Vater werden“ Sie lässt zwar Vaterschaften von Schwulen, von Armen und Vätern mit psychischen Problemen aus, im Übrigen bewegt sie sich auf der Höhe der Zeit. Männer sind endlich mal für die Frauen da und sehen dies auch endlich ein; Schwangerschaft und Geburt bedeuten harte und unvertretbare Arbeit für die Frauen, wegen derer sie jede Unterstützung verdienen. Eine der Einsichten aus der Zeit kurz nach der Geburt zur Veranschaulichung: Wenn die Mutter das Baby stillt, stellt sich eine besondere Beziehung zwischen Mutter und Kind ein, die in dieser Form und Ausprägung für den Vater einfach nicht zu haben ist. Väter können nicht säugen, die Flasche ersetzt das nicht. (Was gar nicht gegen die Flasche spricht.) Mir kam die Idee, dass diese Privilegierung in Sachen Beziehung zum Kind viele Männer früh zum Aufgeben und Einschnappen bringt – dann-lass-ichs-eben-sein. So entstand und ensteht immer wieder neu die Mär von der Emotionalität und Beziehungsfähigkeit der Frauen, von den Mängeln der Männer in eben diesen Bereichen, die sich notgedrungen auf Vernunft und Geldverdienen zurück ziehen, beleidigt wohlgemerkt, und mit dem Wunsch, diesen Mangel durch Kontrolle dessen, was die Frau dort tut, wieder wett zu machen. It is the jealousy, stupid! Männer hätten gerne eine innige Beziehung zum Kind, sehen aber den Vorsprung der Mutter, sprich eigenen Frau oder Freundin, und ziehen sich enttäuscht zurück, ohne auf Ausgleich zu warten und zu pochen, ohne sich trotz dieses Unterschiedes zwischen stillenden Müttern und zusehenden Vätern um Nähe zum Kind zu bemühen.

Vielleicht erzählt das aber auch nur eine ganz persönliche Geschichte, und damit bin ich vorläufig am letzten Punkt. Warum schreibe ich das alles, warum, zumindest bewusst, auch stellvertretend für meine Freundin, die Wichtigeres zu tun hat? Ist es die männliche Rationalisierung emotionaler Überwältigung? Ist es der Versuch, die eigene Unfähigkeit, sich konkret und in jeder notwendigen Situation um die schwangere Freundin und später das Kind zu kümmern, zu kompensieren? Wiederhole ich das Schema, die Mütter haben sich verantwortlich um die Wirklichkeit und die dortigen Nöte zu kümmern, während Väter in die weite Welt fliehen dürfen? Das trifft es sicher. Lieber den Schein von Macht über andere, die vermeintlich oder tatsächlich Fehler machen, als sich mit der Arbeit von Mensch zu Mensch schmutzig zu machen. Das ist mein Problem, das Problem vieler Väter – und doch bleibt das alles, was ich hier versuchsweise ausgedrückt habe, ein unheimlich unbearbeitetes Problem, es wenigstens zur Sprache zu bringen, bringt die Dinge schon einen Schritt in die richtige Richtung.