Schlagwort: Gesellschaft

Zum Rassismus

Seit einigen Wochen beschäftigt mich der Rassismus besonders. Es begann mit aktuellen Meldungen über die Zahl der ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer, kombiniert mit Informationen über das Verhalten des deutschen Innenministeriums gegenüber Griechenlands Umgang mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen. Griechenland wurde von den Deutschen dazu angetrieben, die aus der Türkei kommenden Flüchtlinge abzuhalten, die wegen dieser Politik den viel gefährlicheren Weg über das Mittelmeer suchen. 2011 sollen ungefähr 1500 Menschen im Mittelmeer ertrunken sein. Die wenigsten von ihnen wohl als von Haien geplagte Urlauber_innen.

Dazu kamen Debatten um die sogenannte ‚Flüchtlingsunterkunft‘ auf dem neuen Flughafen Berlin Schönefeld, das Flüchtlings-Protest Camp auf dem Berliner Oranienplatz und die Diskussion um Rassismus und Critical Whiteness im Umfeld des Blogs Mädchenmannschaft.

Bei all dem konnte ich nicht sicher sein, dass Slogans wie ‚Der Staat ist notwendig rassistich‘, ‚Rassismus tötet‘, ‚Ich bin weiß positioniert‘ und sogar ‚Grenzen auf für alle‘ meiner Vorstellung vom eigentlichen Problem nahe kommen. Daraufhin habe ich noch einmal recherchiert: Von den Informationen auf proAsyl.de über Asylverfahren in Deutschland, die Residenzpflicht, das Alysbewerberleistungsgesetz und die Möglichkeiten des Protests dagegen, über antirassistische Blogs, verschiedene Initiativen gegen Abschiebehaft und Abschiebeknäste bis zum in weiten Teilen großartigen Manifest von Kanak Attack.
Ein paar Tage später konnte ich die entscheidenden Gedanken formulieren.

Ich weiß immer noch nicht, was Rassismus ‚ist‘. Bin ich rassistisch? Natürlich. Rassismus macht sich bei gut erzogenen, gebildeten Weißen vor allem bemerkbar, wenn auf dem Gehweg eine farbige Person ein paar Sekunden länger oder kürzer angeblickt wird als üblich. Wenn ihr Gesicht etwas scheuer und aufmerksamer gemustert wird, wenn die Freude über ihren Anblick einen Tick stärker oder die Unlust auf die Begegnung ein Quentchen größer ist als in Begegnungen mit Weißen. All solche Dinge geschehen völlig unabhängig vom Verhalten des Gegenübers, das in jeder Begegnung natürlich auch eine Rolle spielt und das den alltäglichen Rassismus verzerren kann. Es kann ihn entkräften, ihn bestärken, ihn mit Gründen ausstatten oder einfach von ihm ablenken. Jeder Human of Color verhält sich für sich selbst verantwortlich auf die eine oder andere Weise, doch das ist nicht das zentrale Thema einer Beschreibung des weißen Rassismus. Von dem ich mich nicht frei sprechen kann.

Ich zweifle jedoch an den allzu offensichtlich selbstbezichtigenden Statements der kritischen Weißen, die davon ausgehen, dass der Rassismus rational wegreflektiert werden könne. Man solle seine ‚Privilegien reflektieren‘. Doch was ist das Ziel dieser Reflexion, ihr Ort? Schnell taucht die Frage auf: Von wem sollen die Privilegierten sich denn abgrenzen und mit wem verbünden? Gegen sich selbst, solidarisch mit den Unterdrückten? So vernünftig und geradezu Kantianisch (gegen die eigenen Triebe und Affekte im Sinne dessen handeln, was alle wollen können) diese Forderung daher kommt, sie kann kaum Bindungskraft erzeugen. Wie schnell werden (nach allem, was ich weiß) aus Entwicklungshelfer_innen Kolonisator_innen, aus antideutschen Deutschen veritable Rassisten, aus bewegten Männern Frauen und Schwule hassende Mythopoeten? Meist dauern solche Prozesse 5-10 Jahre. Mehr braucht es nicht für ein neues und gleichzeitig altes Feindbild.

Ich will auch nicht in das Mantra einer möglichen, anti-kritischen Argumentation einstimmen, das darauf beharrt, dass sich Gefühle von Fremdheit und Vertrautheit nun einmal an bestimmten Zeichen anhaften müssen, also warum nur an religiöser Kleidung und religiösen oder weltanschaulichen Symbolen, an Assessoirs oder Verhaltensweisen, warum nicht an der Hautfarbe? Erst mit diesen Gefühlen könne dann echte Diversität gelebt werden, die Grenzen des Fremden verflüssigt und der Möglichkeitsraum von Tolaranz und Pluralität erprobt werden. Ja, warum nicht?

Doch da bleibt ein Kern im Rassismus, der von allen diesen Theoremen und Diskussionen nur selten auch nur gestreift wird, und das ist eine spezielle Form der Aufmerksamkeit, die Weiße den Nicht-Weißen widmen. In Sorge um das eigene Selbst, die eigenen Grenzen, deren Festigeit und vor allem beruhend auf dem speziellen Wissen, dass Weiße sich nicht an Schwarze binden können, erwächst für die Nicht-Weißen zunächst der Status zu beobachtender Objekte und dann ihre Entwertung oder Degradierung, wenn nicht gleich zum Nicht-Menschlichen, so doch zum Ganz-Anders-Menschlichen.
Solches Wissen kann natürlich durch neue Erfahrungen und Gewohnheiten entkräftet werden, durch Kontakte, Bekanntschaften, Freundschaften und Liebschaften. Es gilt auch, dass die im Rassismus unerwartete Stimme der People of Color dieses Wissen zumindest von außen in Frage stellt. Ja, Kanaken können sprechen! Sie sind dabei weder verpflichtet, so zu sprechen, dass es den Weißen gefällt, noch deren Referenzrahmen zu benutzen. Wenn sie sprechen, gerät das weiße Wissen in Bewegung, zumindest wenn es sich irgendwie bewegen lässt. Vielleicht werden doch Bindungen möglich, die der Rassismus hemmt.

Hier stehen wir jedoch nicht am Ende der Fahnenstange. Es gibt etwas im Rassismus, was auch über ihn hinaus reicht. Im Rassismus steckt ja das Unvermögen, die Perspektive zu wechseln, die Situation, geschweige denn die Probleme oder das Leid der anderen wahrzunehmen und ebenso empfindsam wie verantwortlich zu reagieren. Wie geht es es eigentlich den Flüchtlingen (die wohl eher selten weiß sind), die in Deutschland nur geduldet sind und von Unterhaltszahlungen in Sachform leben müssen, in den Abschiebeknästen oder ohne gültige Papiere der Willkür von letztlich jeder/m ausgesetzt, der ihnen begegnet? Wie geht eine Flucht und eine Einreise über das Mittelmeer, wie sind die Schieber und Menschenhändler? Ein Bundesinnenminister kann ohne mit der Wimper zu zucken die Sinti und Roma aus Serbien des Asylmissbrauchs bezichtigen und die Kürzung der Unterhaltszahlungen fordern, während in Berlin das Mahnmal für die von den Deutschen während des Nationalsozialismus ermordeten Siniti und Roma unter salbungsvollen Reden eingeweiht wird. Usw.

Blindheit für das Schicksal anderer Menschen (zu denen, wie gesagt, keine Beziehung hergestellt werden kann) lässt viele im Dunklen stehen. Wer interessiert sich für die, die in den Psychiatrien leiden, die 40-jährigen in den Pflegeheimen, für Blinde oder Analphabet_innen? Aber: In kürzester Zeit würde Überforderung und Hilflosigkeit eintreten, wenn ein Mensch sich um all diese Schicksale bemühen wollte. Nicht zufällig beginnt mein Text auch spätestens hier, nach Moral zu duften. Ich meine jedoch gerade nicht, dass sich alle um alle und alles kümmern sollten. Vielmehr möchte ich die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass diese Blindheit, gepaart mit jener (unterstellten) Bindungslosigkeit, zum Usus auch der kritischsten Gesellschaftskritikerin gehört.

Für mich resultieren aus diesen Bemerkungen zwei halbwegs stabile Urteile, nämlich einerseits, dass in der Gesellschaft von viel Leid aus Blindheit und falschem Wissem über andere keine Zufriedenheit aufkommen kann, und andererseits, dass ohne den Blick auf die eigenen Verluste und Schmerzen die der anderen viel leichter verdunkelt werden können.