Schlagwort: Kindheit

Verteidigung der Kindheit in der Mittelschicht

Wer über das eigene Kind schreibt, überhöht es und das Leben mit ihm leicht, greift manchmal gar zur Schönfärbung. Die eigenen Kinder werden meist geliebt und zur Liebe gehört die Überhöhung, gerade wenn über sie geschrieben wird.  Eine reine Partnerschaft zum Kind wird sich kaum entwickeln. Daran lässt sich schwer rütteln und ich habe auch gar nichts dagegen.

Wird jedoch inzwischen auch die Kindheit im Allgemeinen überhöht? Vielleicht als  Ursprung und Reservior alles Menschlichen betrachtet? Beispiele wären Aussagen wie, wie schön, dass Kinder noch innehalten und die Kleinigkeiten der Welt in aller Zeit betrachtet (und dadurch wertschätzen?) können. Oder: Mein Elterndasein hat mich belehrt, wie schön es sein kann, Zeit und Energie geben zu können, ohne sie prompt vom Empfangenden zurück zu verlangen. Auf der anderen Seite haben schon Autorinnen wie Shulamith Firestone gegen alle Varianten der Entdeckung der Kindheit geäußert, dass sich dahinter nur der Versuch verbergen würde, die jungen Menschen möglichst effektiv zu unterdrücken. (Firestone, Nieder mit der Kindheit, Kursbuch 34 (1973), S. 1-24.)

Solchen Einwänden stehe ich skeptisch gegenüber un herrschted halte es für einen Verdienst der Neuzeit, die Bedürftigkeit der Kinder heraus zu stellen und so Vernachlässigung von Kindern eher zu verurteilen als Überfürsorglichkeit. Konkret fand ich die Kinderwelt immer stark und angenehm unterschieden von der übrigen Umgebung. Wie beim Babyschwimmen. Dort taucht man in eine extrem kinderorientierte Atmosphäre, die besonders beim Verlassen des Schwimmbades auffällt. Alle anwesenden Erwachsenen sind auf das Wohlergehen der Kinder konzentriert, darauf sich in Geduld und Ruhe den Bedürfnissen der Babys zu widmen und natürlich auf das, was die Kinder tun, von sich geben, wie sie schauen und sich bewegen. Nach meinen Erfahrungen rastete dort nie jemand aus, wurde wütend oder auch nur genervt. Schon wegen der sozialen Kontrolle auf so engem Raum nicht. Danach fühlte ich mich fast immer wie in Watte gepackt, glücklich, zwar erschöpft, aber auch ein wenig außerweltlich weich gestimmt. Eben für mein Baby angepasst.

Jetzt, über zwei Jahre später, komme ich noch weniger umhin zu konstatieren, dass mein Kind in seiner eigenen, einer Kinderwelt lebt. Er betrachtet ganz andere Dinge und diese ganz anders als Erwachsene, als ich. Seine Gefühle dabei sind heftiger und weniger kontrolliert wie auch die Reichweite seines Blicks viel kürzer ist, als der des erwachsenen Blickes. Es zählt das Nebengeräusch, die gerade entdeckte Blume, das ‚möchte eine Milch‘ und solche Dinge zählen fast alles. Dazu kommen noch Berührungen, grobe und weiche Arten, sich anzufassen, der Blick und die Stimme des Gegenüber, auf die das Kind sehr genau achtet. Über sie wird ein Gutteil der Beziehung hergestellt und von Situation zu Situation neu bestimmt. (Der Rest an Beziehung bildet sich durch Erinnerungen, wie ich annehme.) Seine Welt besteht aus seinen Eltern, seinem Zuhause (unserer Wohnung) und seinen (Spiel)Sachen, zu denen er eine sehr enge und imponierende Beziehung aufgebaut hat. Ich muss mir immer wieder klar machen, dass dies die Kinderwelt ist, die Welt meines Kindes und sie kommt mir dabei auch etwas fremd vor. Der Kontrast zur Wirtschaftswelt, die ich durch den Job auch immer mehr kennen lernen (muss), fällt beeindruckend aus.
In der Wirtschaftswelt achten alle auf ihre eigene Haut. Viele Angestellte einer Firma frotzeln sich den Tag über ständig an. Wenn es Ernst wird und ein Problem auftaucht, haben alle alles richtig gemacht, die anderen hingegen haben es falsch gemacht. Firmen sind Haifischbecken. Nach außen herrscht Gemeinschaftsgeist, innen jedoch Konkurrenz. Doch um was? Das habe ich noch nicht eruieren können, vermutlich geht es um schwer Zählbares wie Härte oder Durchsetzungskraft, eher nicht direkt um Löhne oder das Ansehen beim Chef/bei der Chefin.

Oft denke ich über die Arbeitsatmosphäre – nicht die alltägliche im Büro, sondern über die in der Arbeitswelt –, dass dies nur eine Männerwelt ohne Zukunft sein kann, weil es auf diesen Krampf nicht ankommt, sondern auf das, was mein Kind tagtäglich mit aller Hingabe, aber auch ohne Wahl, tut: sich einen Platz in der (sozialen) Welt zu suchen und dabei die eigenen Fähigkeiten auszuloten.

Ich würde gerne eine Verherrlichung der Kindheit vermeiden. Aufzuwachsen (nicht nur in dieser Welt, wie es oft heißt) bringt Schmerzen mit sich und ist ungeheuer anstrengend. Nicht umsonst geht er abends höchst erschöpft ins Bett. In dieser Lebensphase entsteht zum Beispiel Angst, dieses starke Gefühl des halb Verstehens, des Bemerkens von etwas, dessen Sinn in weiter Ferne liegt, es so gar nicht greifen zu können und daher von sich wegstoßen wollen.

Was kann dann Kindheit für Erwachsene heute und hier (an der Ostsee, in Westeuropa, im Westen?) bedeuten, was, einen Platz in der sozialen Welt zu suchen? Wo Erwachsene nun einmal Weitblick und Triebaufschub gelernt haben (Kultur schließlich, das kann ruhig gegen die oberflächlichen Befreiungstheorien betont werden). In die Kindheit Werte wie Wahrhaftigkeit und Mitgefühl oder Maximen wie kümmere Dich um die Bedürftigen zu legen, kommt mir willkürlich und zu kurz gesprungen vor. Forderungen, wie: Wir müssen lernen den Dingen ihre Zeit zu geben, zu abstrakt.

Diese Dinge mögen ihre Relevanz haben, aber sie klingen hier zu sehr nach allgemein sowie zeitlos Menschlichem. Vielleicht enthüllt der Blick vieler auf (ihre) Kinder einiges. Ich freue mich, wenn sich mein Kind wissbegierig zeigt, lernt und vor allem lernt, alleine mit Gegebenheiten und Vorhaben zurecht zu kommen. Er soll also etwas leisten können. Gleichzeitig gilt ihm der fürsorgende Blick, das intensive Mitleid mit der Trauer, die er zeigt, wenn er scheitert. In seiner Kindheit kommt mir das ständige Entwickeln neuer Fähigkeiten unter der Bedingung begrenzter menschlicher Macht gut und richtig vor. Menschliche Macht soll einfach bedeuten, etwas tun oder bewirken können. Diese Grenzen kennen wir keineswegs in jeder Situation, wir müssen sie vielmehr oft ex post und bestürzt zur Kenntnis nehmen. Aus diesem Drive und dieser Spannung kommen wir heute nicht recht heraus, ein sicherer und fragloser Platz in der sozialen Welt ist uns spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verwehrt. Ebenso ein eindeutiges, geografisches zu Hause.

Zumindest die Mittelschicht kann sich auf diese Weise recht gut in ihren Kindern spiegeln, soweit sie sich nicht den Blick auf diese wesentlichen Prozesse der Identitätsnahme durch in Bedrängnis geratene, männliche Konkurrenzk(r)ämpfe verstellen lässt. (Nichts gegen Konkurrenz an sich, sie ist ein soziales Faktum, vergleichbar mit Mobilität, aber alles gegen das unnötige Ankarren anderer, ohne auch nur ein Minimum an Reflexion und Distanzierung aufzuwenden.) Die Antennen in die Richtungen der anderen zu schwenken, kann heißen, sich Teile ihrer Lebenswelt lernend anzueignen und dabei die Grenzen der Nachahmung zu spüren vermögen. Der Preis für die engmaschige Kontrolle (die ja auch heute Eltern Kindern angedeihen lassen) mag nicht gering sein, in der Mittelschicht glaubt man, alleine durch Aufnahmefähigkeit immer mächtiger werden zu können. Die Grenzen dessen und die Schmerzhaftigkeit ihrer Erfahrung verdient allen Respekt. Ich kann nicht mehr nur sagen, geht wandern oder lest Bücher oder setzt euch für Gerechtigkeit ein, aber ich könntemuss sagen: Schätzt euer suchendes, über vielfache Bindungen verteiltes und dezentrales, ständig an Grenzen stoßendes Leben wie ihr, nicht zufällig, eure Kinder schätzt.