Schlagwort: Maskulinismus

Andreas Kemper, [r]echte Kerle

I.

Schon im Mai 2011 hat Andreas Kemper im Unrast Verlag aus Münster seinen Text zur antifeministischen Männerrechtsbewegung veröffentlicht: [r]echte Kerle, zur Kumpanei der MännerRECHTSbewegung. Kemper beschreibt in seinem Buch die Entstehung der sogenannten Männer/Rechtsbewegung aus der Perspektive alternativer Männlichkeiten, wie sie in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in der BRD erprobt wurden.

Zwar tauchten schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts erste von Männern verfasste antifeministische Streitschriften auf, an Fahrt gewannen diese Ideologien, so Kemper, allerdings erst in den 80er und 90er Jahren. Wie geschah das? Angesichts der zweiten Frauenbewegung oder des Feminismus der 2. Generation sowie der damaligen Schwulenbewegung entstanden um und nach 1973 auch erste, selbstkritische Männergruppen, in denen die linken Männer versuchten, ihre sexistischen Verhaltensweisen zu reflektieren und zu ändern. Dazu gehörte das Umfeld der Kommunebewegung, besetzten Häuser, Wohnprojekte und vielleicht auch der sogenannten Studentenbewegung. Eben in ausschließlich männlicher Form. Kemper grenzt von diesen alternativen Männern die bürgerlichen Männer ab, mit denen die Alternativen im Lauf der Jahre immer mehr in Berührung gerieten. Von den bürgerlichen, praktisch traditionellen Männern gingen die Impulse zur Wiederentdeckung der „natürlichen Männlichkeit“, des „wilden Mannes“ (S. 30-33) – in etwa, ‚der Mann muss penetrieren‘ – und schließlich der Figur des vom Feminismus geknechteten Vater und Mannes aus. Neben eher allgemeinen Festellungen wie: „Die Bürgerliche Männerbewegung institutionalisierte und entpolitisierte sich zusehends.“ (S. 28), bietet Kemper auch einen Einblick in den Hintergrund dieser Entwicklungen. Entpolitisierung der Männerbewegung hieß, „es ging nicht mehr um »Gegengesellschaft«, sondern um »Rollenfindung«, darum, Wege aus der »Identitätskrise« zu finden. Der heterosexuell orientierte Mann als patriarchales Konstrukt wurde von der bürgerlichen Männerbeweung kaum noch in Frage gestellt: »Annäherungsversuche und Intimitätsaustausch (nicht mit homosexuellen Beziehungen zu verwechseln) sind soziale Fähigkeiten, die Männer in der Regeln nicht gelernt, aber bitter nötig haben, wollen sie ihre Rollenkrise angehen und bewältigen.«“ (S. 25, mit einem Zitat aus Rodrigo Jokisch, Mann-Sein, Reinbek bei Hamburg 1983, S. 10.) Die Entpolitisierung der Männerbewegung wurde durch eine Krise der Männlichkeit selbst zumindest begünstigt. Erklärt das die neue, rechte Männerbewegung der sogenannte Maskulinisten (oder selbsternannt: Makulisten)?

Kemper ordent die antifeministische Männerbewegung konsequent in ein links-rechts Schema ein und gewinnt dadurch einen Blick für den umfassende Verachtung anderer, die diese Bewegung ausdrückt und antreibt. In den von ihm beschriebenen Publikationen, Vereinen und Internetforen (zum Beispiel MANNdat, Agens e.V., Väteraufbruch für Kinder e.V., Piraten-Männer AG und das Forum „Wieviel Gleichberechtigung verträgt das Land“) werden nicht nur misogyne und homophobe Töne laut, sondern auch rassistische, antisemitische oder schlichtweg rechtradikale. Das reicht bis zu Gewalt- und Mordphantasien. Obwohl Kemper in dieser Hinsicht viele ebenso verstörende wie erhellende Zitate zusammen trägt (S. 52-63), entgeht ihm durch die links-rechts Orientierung, dass es diesen Männer doch um ihre Männlichkeit geht.

II.

Besonders angesichts der phantasierten Gewalt in den Äußerungen der Maskulinisten, aber auch schon angesichts ihrer diffamierenden Äußerungen über Frauen, Schwule, über ‚lila Pudel‘ (gemeint sind profeministische Männer) oder Angestellte in Frauenhäusern muss die Gefährlichkeit dieser Äußerungen, ihre verletzende Wirkung und die Gefährlichkeit der sie tätigenden Personen Beachtung und Gegenwehr finden. Dennoch bleiben extrem gewaltverherrlichende und rechtsradikale Positionen der antifeministischen Männerbewegung ohne breite Akzeptanz, besonders wenn sie von diesen Männern für diese Männer artikuliert werden. Also von Forumsteilnehmer zu lobendem und beifällig ergänzendem Forumsteilnehmer.

Anders sieht die Lage aus, wenn es um angeblich oder tatsächlich ins Schwanken geratene Männlichkeiten geht. Ich will einen Aspekt (traditioneller) Männlichkeiten herausgreifen. Wie Andreas Kemper, Thomas Gesterkamp in seiner Studie „Geschlechterkampf von Rechts“ und neuerdings auch Hinrich Rosenbrock in „Die antifeministische Männerrechtsbewegung“ betonen, gelangen antifeministische und promaskulinistische Positionen immer stärker in den medialen Mainstream. Dabei erklärt die Nennung einiger Redakteure beim Spiegl, Deutschlandfunk oder bei der FAZ nichts, außer dass dort eben auch männerrechtsbewegte Männer sitzen. Eines der beliebtensten maskulinistischen Themen dieser Medien sind die Väterrechte. So erschien anlässlich der am 04. Juli 2012 vom Bundeskabinett beschlossenen Sorgerechtsreform am 07. Juli ein Artikel der Autorin Cornelia von Wrangel auf faz.net, in dem der Tenor vorherrscht, die Männer würden im Geschlechterkampf Terrain gut machen und es bürgere sich endlich ein, „der Frau nicht mehr die familiäre Vormachtstellung zu geben.“ (Hatten sie sie denn jemals gehabt?) Das geschähe natürlich vor allem zum Wohle der Kinder. Diese Einwürfe kann ich ohne weitere Hilfsmittel nicht ganz verstehen.

Ich muss kurz ein wenig ausholen. Der Verein „Väteraufbruch für Kinder“ erklärt auf seiner Homepage, dass Kinder unbedingt beide Eltern bräuchten, um psychisch gesund aufzuwachsen. Gemeint sind Frau und Mann als leibliche Eltern, neue PartnerInnen eines Elternteils, Adoptiv- oder Pflegeeltern oder homosexuelle Paare können die vom Verein angedachten erzieherischen Funktionen nicht erfüllen. Fehlt einem Kind der leibliche Vater, so tritt das Syndrom Elternentfremdung (Parental Alienation Syndrome) mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auf. Dieses Syndrom führt im Falle von Trennung der Eltern dazu, dass sich das Kind schlechter oder gar nicht von seiner Mutter lösen könne und auch später bleibende Bindungsstörungen erhalte. Die Funktion des Vaters sei es, dass das Kind lernt, sich von der Mutter zu trennen, und dadurch auch übt, menschlich-persönliche Beziehungen in Balance von Bindung und Ablösung zu pflegen. Etwas ausführlicher erklärt diese These eine Sozialarbeiterin und Mediatorin namens Wera Fischer in einem fiktiven Interview, das auf der Homepage des Vereins „Väteraufbruch für Kinder“ verlinkt ist. Hier eröffnet Fischer den Widerspruch, dass Kinder durch Väter, die sich emotional und praktisch von der Familie fern halten, internalisieren, wie Beziehungen aufrecht erhalten werden können. Die männliche Verweigerung an Kommunikation, Verantwortungsübernahme, Pflege und Beteiligung wird zu einem nicht nur normalen, sondern wichtigem Aspekt an menschlichen Beziehungen apostrophiert. Fischer betont, dass der Vater jene Funktion auch dann ausüben könne, wenn die traditionelle Rollenverteilung gewahrt bleibt: Frau – Familienpflege zu Hause, Mann – Geld für die Familie durch Arbeit aushäusig heranschaffen. Spätestens hier beschleicht eine/n der Verdacht, es könne sich um ganz simple Verteidigungsstrategien traditioneller Geschlechterrollen handeln. In der Tat bleiben die Thesen der VäterrechterInnen fast immer oberflächlich, pauschal und fern aller Lebensrealitäten. Eine ausführliche Widerlegung ihrer psychologischen Modelle lohnt sich nicht, aber die Frage, wozu das alles, schon. Warum wollen Väter das Sorgerecht für ihre Kinder, sollen aber der das väterliche Sorgerecht begründenden Ideologie gemäß ihre Kinder nicht waschen, wickeln, bespaßen, trösten oder in den Schlaf wiegen?

Die Väterrechtsbewegung bildet nicht nur die größte Blase unter den verschiedenen antifeministischen Strömungen (ca. 3000 Personen), sie ist auch anscheinend die einzige bundesweit regionalisierte Bewegung, die viele Gruppen für Väter organisieren, die das Sorgerecht für ihre Kinder aus welchen individuellen Gründen auch immer verloren haben. Die väterrechtliche Ideologie besagt auf der psychologischen Ebene, dass Väter den Kindern Beziehungen ohne Bindungen vorleben (eben das der eigenen Familie fern Bleiben und sich nicht Kümmern) und gerade dadurch die Lösung des Kindes von der Mutter begünstigen. Das wirkt so verblüffend logisch wie traditionell. Aber diese Logik ergibt noch keine individuelle Motivation, sich um das Sorgerecht eines Kindes (erfolglos) zu bemühen und dafür Hilfe bei den väterrechtlichen Gruppen zu suchen. Mir leuchtet der umgekehrte Weg viel mehr ein: ein zunehmend größerer Teil der in Trennung von der Mutter des eigenen Kindes lebenden Männer wollen Kontakt zu eben diesem Kind (oder diesen Kindern). Das Sorgerecht erhielten diese Väter aber dann nicht, wenn die Mutter dem nicht zustimmte (was nun mit dem aktuellen Beschluss des Bundeskabinetts geändert werden soll). Die Väter sehen sich nun als Opfer des Feminismus, nicht als Opfer der traditionell-männlichen Vaterrolle, die der Mutter allein die Sorge um das Kind überließ. Anschließend brauen einige VäterrechtlerInnen eine antifeministisch gerichtete Kindspsychologie zusammen, um den Antifeminismus besser begründen zu können; und nicht zuletzt um Trennungen generell zu verteufeln und im Namen des Kindes (das sich bekanntlich gegen keine Vereinnahmung wehren kann) für ungesund zu erklären.

Hier liegt die Krux. Es bewegt sich etwas in der Väterrolle und damit in einem Aspekt von Männlichkeiten und in der von Kemper erwähnten Identitätskrise von Männern. Wohlgemerkt, das gilt für heterosexuelle Väter eines Kindes (vermutlich auch nur für sogeannte Cis-Männer) – wenn sie sich für dieses Kind auch interessieren. Andere Aspekte habe ich hier ausgeblendet. Einen kleinen Hinweis auf diese Bewegung gibt auch die Zahl der zwischen 1995 und 2010 sich verdoppelten Geburten in nicht-ehelichen Beziehungen (von 15 auf 33% der Geburten). Ein gestiegenes Interesse von Vätern an ihren Kindern kann ich mit Zahlen nicht belegen, das Konzept der involvierten Vaterschaft weist aber in diese Richtung. Die nun zu Tage tretenden, väterlichen Wünsche verbünden sich aber schon angesichts der ersten Hürden mit ihrem Feind, dem Abbild des patriarchalen Mannes, der Opfer angeblicher, weiblicher Übermacht wird. So gesehen drängt sich die Forderung geradzu auf, dass Männer mit Vaterwünschen und Interesse an ihrem Kind diese Interessen nicht nur gegenüber ihren Arbeitgebern und ihren inneren Widerständen aus Karrieredruck Akzeptanz verschaffen sollten, sondern dass sie sich vor allem fragen sollten, was sie daran hindert, sich auf die kümmernde und sorgende Rolle gegenüber Mutter und Kind einzulassen bzw. inwieweit und warum sie glauben, ein eigenständiges und autonomes Leben nur unter der Bedingung führen zu können, dass sich die Frau um das Kind und um sich selbst (als Mutter) kümmert, während sie sich von der Liebe und den Geliebten abgetrennt in Geist, Wissen, Technik oder Methoden des Geldverdienens perfektionieren.

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