Schlagwort: Nationalsozialismus

Lucía Puenzo, Wakolda

Wie ist es Lucía Puenzo gelungen, sich so umsichtig und kunstvoll in Dr. Joseph Mengele hinein zu versetzen?

Der deutsche Arzt José, durch das Argentinien der 50er Jahre reisend, das heißt flüchtend, trägt die Züge eines vorsichtig gewordenen Fanatikers, als er auf die 8 Jahre alte Lilith und ihre Familie trifft. José betrachtet das Leben als Zuchtprojekt, als perfektibel und die Natur als vollkommen kontrollierbar. Er tritt als ruhiger, vernünftiger Zeitgenosse auf, höflich und bisweilen gewinnend, besonders im Kontakt mit Kindern, die ihn interessieren. Er weiß viel und lenkt allenfalls durch seine gelegentlich allzu ostentativer Schweigsamkeit das Misstrauen auf sich. Wer aber ist dieser José?

Liliths Vertrauen gewinnt er im Spiel, die beiden haben etwas gemeinsam, sei es eine ausgeprägte Neugier, sei es der Wunsch, hinter die Kulissen zu schauen. Mit den Eltern des blonden Mädchens mit ihrem kurzen Körper, den übervollen Lippen und der tiefen Stimme gelingt es José nicht so einfach. Er bleibt ein Fremder in dieser Familie, ein Fremder in Argentinien und vielleicht ein Fremder in der Nachkriegszeit. Sich selbst betrachtet er als „Überlebenden“.

Solche Überraschungen gelingen Puenza andauernd. Elegant und schnell wechselt sie die Perspektiven, zeigt dabei Grausamkeit neben Mitgefühl, Vertrauen neben Fremdheit und Hilflosigkeit neben Kontrollsucht. Puenzo wird nachgesagt, sie erzähle rasant, und tatsächlich prägt die filmische Herangehensweise den Roman. Puenzos Film „XXY“ hat auch in Deutschland einige Bekanntheit erlangt. Wakolda bleibt aber im Tempo der erzählten Geschichte angemessen.

Langsam gewöhnen sich der Star des Buches, Lilith, und ihre Familie an den Fremden José. In Patagonien an den argentinischen Bergen bewohnen sie gemeinsam eine Pension, die Liliths Eltern dort neu aufbauen – ein Erbe von Liliths Oma.

Nach und nach gewinnt José so viel des Vertrauens von Liliths Familie, dass er seine medizinischen Experimente, abgebrochen durch die Flucht vor dem Sieg der Allierten und den Jägern der Nazi-Verbrecher, fortsetzen kann. Wird Lilith ihren „Makel“ auswachsen können? Durch Spritzen, Bluttests und Vermessungen? – Jedoch, warum sollte sie das? Auch Lilith hat ihre Vorstellungen von normaler Größe, ist angetrieben vom Interesse an den Geheimnissen des Lebens und seiner Wirrungen. Lilith ist aber in einer Familie aufgewachsen, die ihre Geheimnisse hat, die etwas kennt, was José völlig fremd ist: gegenseitige Beachtung und Mitgefühl. Verdutzt sitzt er einer Szene gegenüber, in der Vater und Tochter sich die Hände streicheln und einander trotz (oder wegen?) Streit und Gereiztheiten aufmerksame Worte widmen.

Obwohl für José das Leben keine Geheimnisse birgt, hat er den perfekten Menschen nicht erschaffen können. Trotz unzähliger Messungen, Aufzeichnungen, Spritzen, Operationen, Schmerzen und Tränen weicht er in Argentinien zu einer neuen Methode aus. Er züchtet die perfekte Puppe. Ein Ebenbild zu Liliths erster Puppe Herlitzka, mit geordneten Maßen, blond, blauäugig mit der weißesten Haut, die einer Puppe je zugedacht war und gelenkig wie ein Baby. Ganz das Gegenstück zu Wakolda, der indianischen Puppe, die Lilith gegen das ursprüngliche Modell in einer Gewitternacht eingetauscht hat. Wakolda ist schmutzig, billig, dunkelfarbig und voller Rätsel. Sie weckt die Hoffnung, dass Josés Experimente nicht nur misslingen, sondern für immer abbrechen mögen.

Diese Hoffnung der LeserInnen trügt. Die Machtsucht des Mannes, der im Traum vom Führer lachend verlassen und dem dadurch beinahe die Luft zu atmen genommen wird, wirft die Opfer geradezu in seine Arme. Nicht fähig eine (erotische) Begegnung zu halten, ist er dazu gezwungen, Menschen zu seinen Opfern zu machen, die von ihm gequält nur in seinen Armen Heilung und Rettung suchen können. Verstörend effektiv kann José seine Gelüste in Werke der Zucht wandeln, geradezu wütend macht das Maß, in dem auch Lilith und ihre Familie in einer Not dem Wirken Josés ausgeliefert sind. Niemand scheint zu bemerken, was er wirklich im Schilde führt, welchem Zweck sein Wissen und seine Freundlichkeit, seine guten Beziehungen und seine Fingerfertigkeit dienen. Er möchte den perfekten Menschen züchten und das Ergebnis seiner Zuchtmethoden an genetisch identischen Menschen – eineiigen Zwillingen – testen. Lilith möchte lediglich über sich hinaus wachsen und Liliths Mutter Eva möchte, dass ihre beiden Kinder leben.

José ist ein purer Sadist, einer ohne Fesselspielchen und ohne das Prinzip der Einwilligung. Lust gewinnt er in der Qual der anderen, ohne zu ahnen, dass er sie quält und Genuss bereitet ihn die Berühung von Körpern, denen diese Berührung unangenehm ist. Lilith entwickelt davon langsam eine Ahnung, kann sich zumindest innerlich Josés Armen entwinden.

Nur eines könnte Puenza übel genommen werden. Ein ehemaliges Opfer Josés hat in Argentinien seine Spur aufg enommen, findet ihn auf der Taufe von Evas Zwillingen wieder. Sie muss vor ihm sterben, in den Bergen Patagoniens. Ob dieser Teil der Geschichte realitätsgerecht ist oder nicht, hier scheint Josés Macht Reichweiten zu entwickeln, die ihr nicht zustehen. Vielleicht spricht hier aber nur die gekränkte Hoffnung, dass ihm sein Handwerk möglichst schnell gelegt werde.

Puenzas Roman Wakolda konfrontiert einen Mediziner des Nazismus mit dem Leben in Argentinien. Mit Indianern, Liebe, selbständigen Menschen und einer wundervollen Landschaft. Freilich tun sich dabei Abgründe auf, durch die Leichtigkeit seines Erfolgs und die Geringfügigkeit des Widerstandes. Wakolda überzeugt durch Puenzas Können, den Blick in die Unmenschlichkeit und die Seele der Vernichtung durch die Brille der Einfühlung und der Würde des Lebens zu wagen. Einsicht, Genuss der wundervollen Beschreibungen und Bekommenheit geben sich bei der Lektüre von Lucía Puenzos Wakolda ein Stelldichein.

Lucía Puenzo, Wakolda, Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2012, übersetzt von Rike Bolte. ISBN: 978-3-8031-3246-8

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H. M. Enzensberger, Hammerstein oder Der Eigensinn

Ein Kommentar

Hans Magnus Enzensberger hat in Zusammenarbeit mit Reinhard Müller die Geschichte der Familie von Hammerstein-Equord aufgeschrieben. Materialreich und kurzweilig beschreibt Enzensberger den Weg von Kurt von Hammerstein in die Reichswehr, zur Heeresleitung, über seinen Rücktritt (eingereicht im Dezember 1933) und Rückzug ins Privatleben bis zu seinem Tod 1943. Hat Hammerstein Hitler nun gewollt, akzeptiert, innerlich abgelehnt, nicht leiden gekonnt oder gar bekämpfen wollen? Auch Hammersteins Kinder spielen eine wichtige Rolle, zwei seiner Töchter hatten sich mit (jüdischen) KommunistInnen befreundet und über solche Verbindungen gelangten Nachrichten über Hitlers Pläne früh nach Moskau – wo sie anscheinend ignoriert wurden. Maria Luise von Hammerstein, die älteste Tochter der Eheleute Kurt und Maria, seit 1937 heißt sie von Münchhausen, hat nach dem Krieg ihr Leben als Kommunistin in der DDR verbracht, nicht ohne sich ebenfalls, nach Enzensbergers Worten, im Laufe der Jahre ihren Eigensinn zuzulegen. Seine Söhne engagierten sich später im Widerstand, das heißt sie kannten einige der Verschwörer vom 20. Juli 1944, waren an den Plänen selbst aber nicht beteiligt. Was die Nazis nicht daran gehindert hat, sie nach dem misslungenen Attentat auf Hitler zu verfolgen, sie überlebten mit Glück und einigen Freunden.

Enzensbergers Buch geht über den Eigensinn, über eine eigene Lebenswelt, die zwar Berührungen mit Nationalsozialismus oder Stalinismus nicht vermeiden kann, sich aber immer wieder erfolgreich gegen eine vollständige (politische) Vereinnahmung wehren kann. Was nicht über viele deutsche Lebenswelten bis 1945 – und später, vielleicht bis heute – gesagt werden kann. Enzensberger interessiert sich für diesen Eigensinn, für die Menschen, die ihn hegten und pflegten, seine Verwicklungen mit den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts und sein Driften in den Widerstand.

Warum interessiere ich mich für dieses Buch? Ich habe zu ihm gegriffen und es rasch gelesen, ohne zu wissen, welche Verwicklungen mich erwarten, weil mich der konservative Widerstand gegen den Nazionalsozialismus und das Verhalten der Militärs interessiert. Mich interessiert, warum Leute, die vom NS-System noch am wenigsten gefährdet wurden, Hitler erst verehrten, ihn später aber unbedingt töten wollten; warum Konservative den Aufbau der BRD so reibungslos mitgetragen haben, während Linke aller Färbungen skeptisch blieben; ob die politische Rechte in Deutschland eigensinnig, flexibel, duckmäuserisch-autoritär oder einfach machtversessen war und ist. Ich traue diesen Leuten einerseits nicht über den Weg, andererseits geht von ihnen eine meinerseits noch nicht ganz ergründete Faszination aus.

Kurt von Hammerstein gibt in Enzensbergers Buch eigentlich keine schillernde Gestalt ab. Er war ein Militär, war angeblich furchtbar faul, ging gerne auf Jagt, las keine Bücher, interessierte sich nicht für seine Kinder und sprach auch politisch kaum ein deutliches Wort aus. Enzensberger mag das teilweise anders gesehen haben, legt er ihm doch in einem der fiktiven Interviews die Worte in den Mund:

H[ammerstein]: […] Wenn es nach mir gegangen wäre, ich hätte schon im August 32 auf die Nazis schießen lassen! \ E[nzensberger]:Aber Sie haben es nicht getan. \ H: Ich war nicht sicher, ob die Truppe mir folgen würde. (S. 134)

Enzensberger selbst hält sich mit Urteilen zurück, dazu gleich mehr. Mit diesen Sätzen katapultiert er seine Leser_innen ins Zentrum der Problematik. Denn warum hätte man (32) unbedingt auf die Nazis schießen lassen müssen, um den NS zu verhindern? (Unabhängig davon, ob Hammerstein diesen Gedanken tatsächlich hatte.) Warum hängt eine solche Handlung dann wieder an der Folgschaft der Truppe? Zunächst ist der Chef der Heeresleitung natürlich ein Militär und als solcher denkt er in militärischen Kategorien. Politik, die mit Parteien und Öffentlichkeit zu tun hat, steht ihm fern. Jedoch lasten genau aus diesem Grund große Hoffnungen auf seinen Schultern, denn er könnte mit dem Militär im Rücken eine Gegenmacht zur nationalsozialistischen Bewegung aufbauen, könnte Hitlers Aufstieg verhindern oder ihn später stürzen. Dazu sind Parteien und Öffentlichkeit sogar eher hinderlich, schnelles, entschlossenes und wirkungsvolles Handeln ist gefragt. Schießen also. Dabei fällt auch bei Enzensberger unter den Tisch, dass es (1932) gar nicht primär um die Nazis selbst gegangen wäre, sondern darum, alles zu versuchen, dass die anderen Deutschen keine Nazis werden und das Angebot der Volksgemeinschaft weniger willig annehmen. Wie wahrscheinlich ist es daher, dass konservative Militärs die fundiertesten Antifaschisten abgeben?

Diese Frage soll keine Scheinfrage sein. Immerhin, und das deutet Enzensberger via Hammerstein an, sorgte das Militär für persönliche Bindungen und Verbindlichkeiten, die viel älter waren, als der Nationalsozialismus und die Bindungen an sein System konterkarieren konnten. Das stimmt und bildet wohl das wichtigste Motiv der Attentäter vom 20. Juli. Als der Krieg zu verloren gehen und mit der sich abzeichnenden vollständigen Niederlage Deutschlands die Zerschlagung der Wehrmacht/Reichswehr drohte, haben einige Offiziere die rote Linie überschritten und in Hitler ihren Gegner gesehen. Um das Militär und Deutschland zu retten musste der Übeltäter beseitigt werden, so lange er beides zu retten schien, wurde er unterstützt. Das alles sagt noch wenig über die politisch-moralische Haltung der Militärs aus. Die Attentäter – wie wohl alle konservativen Militärs – waren Antidemokraten, Antisemiten, Antiliberale, Antisozialisten, deutsche Nationalisten und sicher nicht selten Großmachtträumer. Sie hatten insofern eine große Schnittmenge mit Hitlers Bewegung. So erklären sich auch die enormen Beschränkungen ihres Widerstandes. Nicht die Zerschlagung der Weimarer Republik, der Umgang mit den politischen Gegnern der Nazis, die Ermordung der Behinderten, die auf Entmenschlichung und Vernichtung zielende Verfolgung der Juden von Anfang an, die ‚Rassegesetze‘ oder die KZs empörten die Militärs. Es war die Hybris von Hitlers Kriegsführung und Deutschlands Untergang, die den Miltärs Sorgen bereitete. In diesem Koordinatenfeld liegt auch Hammersteins Schweigen zu den nationalsozialistischen Verbrechen.

Dieses Schweigen hat es in sich. Sowohl Kurt von Hammerstein, als auch seine Söhne und seine zum Teil kommunistisch orientierten Töchter haben sich kaum oder wenig zu ihrer Geschichte geäußert. Enzensberger ist nicht zufällig auf fiktive Interviews angewiesen. Dabei gäbe es viel zu erzählen. Vielleicht nicht gerade von Kurts Jagdausritten, aber aus dem japanischen Exil seiner Tochter Maria Therese oder von den Verwicklungen mit den Geheimdienstapparaten von KPD und SU, in die Helga von Hammerstein sich begab. Einzig Ruth von Mayenburg, eine Kommunistin, die keinen Wert auf ihre adelige Herkunft legte, hat auch nach dem Krieg ihre Hingabe an den real existierenden Kommmunismus sowie die Verbrechen des Stalinismus offen gelegt. Sie wird von Enzensberger als gesprächsinteressierte Ausnahme dargestellt. (Vgl. S. 252-258) Sie war eine Freundin Kurt von Hammesteins, aber nicht Teil der Familie.

In der Glosse „Das Schweigen der Hammersteins“ (S. 340-343) versucht Enzensberger, diesem Schweigen näher zu kommen. Weder das Schweigen als preußische Tugend, noch das von Diktaturen erzwungene Schweigen scheinen ihm das der Hammersteins zu bilden und zu erklären. Natürlich wird das „Unliebsame“ lieber beschwiegen, als offen beredet. Aber warum? Hildur Zorn, die jüngste Tochter Hammersteins, sagt das Ihre dazu.

Aber es bleibt der Zweifel, ob die Nachgeborenen über genügend Vorstellungskraft verfügen, um dem, was vor vielen Jahrzehnten geschah, gerecht zu werden. ‚Das können die Heutigen sowieso nicht mehr verstehen, weil sie glauben, sie wüßten, wo es langgeht‘, sagt Hildur Zorn in ihrer trockenen Art. (S. 341)

Diese Verständnisbarrieren dienen nur als Vorwand, so könnte eingewendet werden. Schließlich kann niemand andere Menschen in ihrer Situation vollständig verstehen, aber sehr viele versuchen es doch immer wieder, und nicht ohne Erfolg. Arrogantes Abwinken nach dem Motto, ‚ihr könnt mich sowieso nicht verstehen‘ gebrauchen Leute, die etwas zu verbergen haben. Das mag sein, bleibt die Frage, was hier verborgen wird. Laut Enzensberger: Prüfungen und schwere Entscheidungen, die das ganze Leben prägen. Wie sich auf die Kommunisten einzulassen, dabei den Geliebten zu verlieren, weil er von den Stalinisten angeklagt, verurteilt und hingerichtet wird; wie die Verschwörer vom 20. Juli zu kennen, nach dem Attentatsversuch zu fliehen, dabei in Angst vor Folter und Erschießung zu schweben und schließlich knapp zu überleben. Jedoch schreibt Maria, dieses Mal die Ehefrau von Hammerstein, „[u]nser Itineraire gehört der Vergangenheit an und braucht nicht mehr erwähnt zu werden.“ Enzenzsberger weiter: „Die Entscheidungen jedes einzelnen wurden nicht in Frage gestellt, sondern akzeptiert, auch dann, wenn sie […] schwer verständlich waren oder politische Gefahren mit sich brachten. Begründungen werden nicht verlangt und nicht gegeben. Hildur Zorn sagt: ‚Warum sollten sie ihr Leben erklären?'“ (S. 342)

Ich denke, hier liegt der Schlüssel. Nicht in Kurt von Hammersteins Großzügigkeit oder hoher Intelligenz (die sich in Schweigen geäußert haben?). Es gibt eine Form der Renitenz und der Eigensinnigkeit, die in der Forderung des Verzichts auf Rechtfertigung gründet. Mit dieser Renitenz kann man im Grunde jeder Forderung widerstehen, die aus einer anderen Lebenswelt stammt. Sie bildet auch den Hintergrund der Enzensbergerischen Zurückhaltung im moralischen oder politischen Urteil. Urteile über das Verhalten der Hammersteins aus einer Perspektive der gegenwärtigen Erfahrungen und Erwartungen (wie von Zivilcourage) verbieten sich praktisch von selbst, wenn diese Begründungsverweigerung konsequent durchgehalten wird. ‚Ihr versteht uns nicht, wir verstehen euch nicht; lassen wir uns also mit Urteilen in Ruhe‘, das ist Tolaranz mit abgewendetem Blick. Wie konservativ ist diese Haltung, wie nützlich, welche Gefahren birgt sie?

Es scheint mir hilfreich, diesen Komplex in drei Aspekte zu differenzieren.

  1. Dass es Lebenswelten gibt, die aus anderen Lebenswelten heraus schlecht verstanden werden können, mag es häufig geben. Aber mindestens genauso häufig wird in der Forderung der Enthaltung vom gegenseitigen Verstehen nur eine Selbstlüge laut. Als wären die Hammersteins nicht in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen – oder den stalinistischen Kommunismus -, alleine weil sie dort gelebt haben, gearbeitet haben, die Söhne waren zum Teil Soldaten. Die Hammersteins haben die Welt der Nazis, das NS-Deutschland wahrnehmen und auch in all seinen verbrecherischen Dimensionen verstehen können. Schließlich beteiligt sich auch meine, die Enkelgeneration, an der Abschottung Europas nach außen, am eigentlich gar nicht so neuen Kapitalismus und am alltäglichen Sexismus. Schließlich hat auch Enzensberger wohl nur wenige Mühen gescheut, die Hammersteins zu verstehen, was ihm auch nicht allzu schlecht gelungen ist. Bei vorschnellem und mechanischem Beharren auf einem Standpunkt ganz außen, jenseits des Verständlichen, bleibe ich skeptisch.
  2. Einserseits wirkt aus heutiger Sicht Kurt von Hammerstein wie ein eingefleischter Antifaschist. Sein Sohn Kunrat versucht noch alles, damit der Sarg des Generals bei dessen Beerdigung 1943 nicht in eine Hakenkreuzfahne gehüllt wird (vgl. S. 267f). Andererseits tritt eben dieser Sohn bei dieser Beerdigung in Wehrmachtsuniform auf (Foto S. 269). Beides erschien wohl innerhalb dieser Familie als völlig selbstverständlich und eben nicht hinterfragbar. Die Bindungen der männlichen Hammersteins an das deutsche Militär mögen eine vollständige Hingabe an den Nationalsozialismus sogar behindert haben, im Falle des Niedergangs des Militärs sogar Widerstand ausgelöst haben, sie haben aber eben keine politische Opposition ausgelöst. Immer wieder bekommt man aus den Kreisen des militärischen Widerstandes zu hören, dass die deutschen Offiziere den Nazis moralisch haushoch überlegen gewesen seien. Diese Offiziere werden gerne wegen ihres Charakters, ihrer Standfestigkeit und Integrität gelobt, während aus den Nationalsozialisten windige, unstete und oft lächerliche Gauner werden. Wer muss da nicht an antisemitische Vorurteile denken. Der deutsche Offizier wird so zum ersten und gemeinsten Opfer der mit antisemitischen Bildern belegten NS-Führung. So weit ein möglicher Abscheu mancher, gewiss sehr weniger Militärs den Nazis gegenüber ehrlich war, wurde er aus Motiven gespeist, die heute mehr als zweifelhaft erscheinen. Aus den Nazis wird Pöbel, werden Gauner und Betrüger, werden Utopisten, Schwärmer und unstete Naturen. Auch den so ehrenhaften Militärs sollte nicht entgangen sein, dass viele Nationalsozialisten nicht so verrückt waren, wie Hitler, Streicher oder viele der völlig unfähigen Minister. Viele waren ordentliche, deutsche Bürokraten, normale Mütter oder Väter, hielten sich von Ganoven fern, waren fleißig, pflichtbewusst und auf Sauberkeit bedacht. Auch und gerade bei der Judenvernichtung, diesem doch arg schmutzigen Geschäft. Hier kann ich mich des Urteils nicht enthalten: Auch wenn einige deutsche Offiziere nicht bei jeder Gelegenheit ‚Sieg Heil!‘ schrieen, sie haben die Verbrechen ähnlich gründlich in ihrem moralischen Haushalt zu Pflicht und Anständigkeit geformt und sie genau so ohne Skrupel vollendet, wie die von ihnen bespöttelten Nazis.
  3. Doch und gerade weil wir das alles schon gewusst haben, was ist interessant am Hammersteinschen Schweigen? Es bleibt nicht nur möglich, dass Kunrat von Hammerstein die Ermordung der Juden nicht nur nicht unterstützt hat, sondern auch mit Abscheu beobachtet hat. Wie es immer möglich bleibt, dass Einzelne sich ihre Menschlichkeit bewahren, auch wenn die Angebote der Unmenschlichkeit immer zahlreicher und einfacher anzunehmen sind. Nach meinem Eindruck steckt in dem Schweigen der Hammerteins, ihrem Eigensinn, tatsächlich etwas Faszinierendes. Einerseits entlastet die Verweigerung der steten Erklärbarkeit des eigenen Lebens individuell ganz außerordentlich in einer Kultur, in der alles erklär- und begründbar gehalten werden muss, andererseits gibt es hier noch eine Variante des Politischen zu entdecken, die ganz neue Möglichkeiten von Widerstand, Kritik und revolutionärer Haltung bietet, als sie bislang üblich sind. Vielleicht gelang es den Hammersteins, sich auf eine besondere Weise dem Nationalsozialismus zu entziehen, weil sie eben nicht Verfolgte waren. Sie standen nicht wie die Juden, die Sozialdemokraten, Kommunisten, Intellektuellen oder Homosexuellen von Beginn an in einer mehr oder minder unfreiwilligen Gegnerschaft zum NS-System. Wenn man weniger Blasses sagen will, als sie hätten sich geweigert und entzogen, kann betont werden, dass sie sich dem Sog der Erklärung entzogen und auf ihr Leben, ihre Entscheidungen und ihre Wegen beharrt haben. Eine solche Haltung kann Verfolgten oder irgendwie Gehassten, Erniedrigten und Verletzten nicht ohne Weiteres empfohlen, kann aber jenen Privilegierten und nicht Stigmatisierten als Reaktionsoption auf Stigmatisierte und Entrechtete nahe gelegt werden. Diese erhalten dadurch das eigensinnige Recht, sich nicht stets für ihr Leben und ihre Lebensform rechtfertigen zu müssen. Das soll kein Freifahrtsschein für beispielsweise häusliche Gewalt in ‚fremden Kulturen‘ (was immer das sein mag) abgeben. Dieses Recht hängt vielmehr an der Überlegung, dass aus Lebensformen Bindungen entstehen, die aus der Perspektive einer Kultur des ubiquitären Rechtfertigungszwangs als nicht kontrollierbar oder gar als ungerecht erscheinen. Ich halte es jedoch für unrealistisch, dass sich alle Bindungen aus Lebensformen zerreiben lassen oder dass sich umgekehrt eines schönen Tages alle Menschen ausschließlich an rationale Einsichten binden. Der Eigensinn kann sogar utopische Gegenwelten und Gegenöffentlichkeiten bilden, gewissermaßen Revolutionen auf Probe.

Diese Bemerkungen kommen nicht ohne zweifelnde Fragen aus. War nicht die nationalsozialistische Volksgemeinschaft eben ein solches Probjekt der irrationalen (Ver)Bindungen? Haben nicht die Hammersteins und generell Konservative deshalb mehr mit dem NS-System gemeinsam als beispielsweise überzeugte Liberale? Verbirgt sich hinter diesem eigensinnigen Recht nicht geschickt das Verbrechen? Eine richtige Diskussion dieser Fragen würde einen Artikel von noch einmal dieser Länge erfordern. Daher nur zwei Bemerkungen. Ohne Zweifel wäre es absurd, den Nationalsozialismus als Höhepunkt des Goliath Aufklärung zu kennzeichnen, den Eigensinn hingegen als Rationalitätszwängen flüchtenden David. Gerade angesichts der vollständig irrationalen NS-Ideologie muss konstatiert werden, dass sich die Nationalsozialisten gegen den modernen Rationalismus gewandt haben. Der Eigensinn beruht jedoch nicht auf schlichter Irrationalität, sondern auf der Beachtung möglicher Begegnungen von verschiedenen Lebensformen und -entwürfen, so weit diese Bindungen erzeugen. Historisch konnte der Eigensinn viele Varianten erzeugen. Die Loge, der Salon, das Caféhaus, der Club, die Kommune, die Selbsthilfegruppe, das besetzte Haus oder der geschützte Raum – und heute? Ein Neonazi-Camp in Mecklenburg-Vorpommern zähle ich gewiss nicht dazu, denn hier wird nach meiner Vermutung die Vernichtung der anderen geübt und werden ihre Fähigkeiten zur Bindung geleugnet.

Neitzel / Welzer, Soldaten

Sönke Neitzel und Harald Welzer haben ein Buch über den Krieg der Wehrmacht 1939-45 auf der Basis bisher nicht oder kaum ausgewerteter Quellen geschrieben: den Abhörprotokollen gefangener deutschen Soldaten in Gefangenschaft der Briten und Amerikaner. Die Gespräche, die teilweise auch von Spitzeln der Alliierten beeinflusst wurden, haben diese Soldaten ‚unter sich‘ geführt, aus ihrer Sicht ohne Aufsicht, nicht in einer Verhörsituation und ohne unmittelbare Folgen. Daher konnten die Soldaten vermeintlich offen sprechen, jedoch sind die Gespräche eben Gespräche unter (männlichen) Soldaten und müssen bestimmten Codes und Erwartungen folgen. Die Autoren betonen auch immer wieder, dass Waffentechnik oder Heldengeschichten im Vordergrund stehen, während die eigenen Gefühle, zum Beispiel Todesangst, oder moralische Reflexionen in den Hintergrund treten. Trotzdem fehlt im Buch leider eine Analyse des Referenzrahmens Kriegsgefangenschaft bei den westlichen Alliierten.

Die Autoren fragen sich, wie ein verbrecherischer Krieg, ein Vernichtungskrieg, in dessen Verlauf nicht zuletzt der Holocaust geplant und ausgeführt wurde, von den kämpfenden Soldaten selbst gesehen wurde. Sie begeben sich wie ethnologische Forscher ins Feld und zeichnen ihre Beobachtungen auf, um zu Hause die Interpretationen anzufertigen. Dabei stehen die menschlichen Möglichkeiten des Verbrechens, der Unmenschlichkeiten – oder Gegenmenschlichkeiten -, eben der Holocaust und andere Kriegsverbrechen im Mittelpunkt der Betrachtung.

Wie die Massentötungen der vor allem sowjetischen Kriegsgefangenen, von vermeintlichen oder echten Partisanen und der Jüdinnen und Juden im Krieg abliefen, ist bereits ausführlich erforscht wurden. Nicht dass hier nicht noch Forschungsbedarf bestünde, die Autoren setzen jedoch andere Schwerpunkte. Wie wird ein Mensch zum Massenmörder? Wie kann ein zivilisierter Soldat oder Offizier einer Massenerschießung beiwohnen, gar selbst schießen, ohne auch nur den leisesten Protest zu erheben oder schlichtweg verrückt zu werden? Wie ist also der Weg vom Menschlichen zum Unmenschlichen zu beschreiben und zu erklären?

Die Antwort, die vor allem schon seit längerer Zeit Harald Welzer auf diese Frage gibt, fällt denkbar einfach aus. Alle Menschen machen das, sobald sich die Gelegenheit ergibt. Dass heißt, sobald sie in eine soziale Situation versetzt werden, in der Gewalt und Töten zur Normalität gehört, sogar erwartet wird. Soldaten befinden sich ganz einfach ein einem anderen Referenzrahmen als PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen, Postangestellte oder TischlerInnen. Der Begriff Referenzrahmen zielt auf das sozial hergestellte Verständnis einer Situation, aus der niemand so leicht auszubrechen vermag. Wenn Krieg ist, ist Krieg; Gegner werden vernichtet, weil das eigene Leben stets in höchster Gefahr schwebt, und schon die bloße Vermutung aufgrund fehlender Uniformen oder fremder Sprache, jemand könnte dein Feind sein, reicht zum Töten aus. In einem Parlament würde ein solches Verhalten, gelinde gesagt, auf Unverständnis stoßen.

Damit fallen alle in den letzten Jahrzehnten mühsam herausgearbeiteten und vielfach diskutierten Erklärungsmuster weg. Weder ein Zivilisationsbruch, noch Weltanschauungskrieg, keine Volksgemeinschaft oder eliminatorischer Antisemitismus treibt die Männer zum Töten. Der zweite Weltkrieg war ein Krieg wie andere auch – die Autoren verweisen öfter auf den Vietnamkrieg oder den Irakkrieg 2003.

Oder liegen die Dinge doch nicht so einfach? Recht haben die Autoren mit der Feststellung, das Unmenschliche liegt den Menschen näher als es humanistische Hoffnungen erwarten lassen. Gewalt tritt zwischen Menschen als ein Mittel auf, das in der Tat jeder gegen jeden einsetzen kann und auch in der ihm oder ihr passend erscheinenden Situation einsetzt. Sie wird nicht als Trieb von einer zivilisierenden Moral unterdrückt, bricht sich aber hier und da eine Bahn ans Tageslicht. Nein, es gibt Situationen, die die Anwendung von Gewalt erlauben und erfordern und es solche, die es nicht tun. So spielt der jeweilige Referenzrahmen eine entscheidende Rolle.

Problematisch wird es aber, wenn die Autoren versuchen, wirklich alle weiteren Zusammenhänge auszublenden. Schwammig werden dann auch die sonst so klaren Formulierungen. Bezüglich der Rolle von Ideologien als Motivatoren zum Töten, besonders dem Antisemitismus schreiben die Autoren: „In einer Gesellschaft, in der die kategoriale Ungleichheit von Menschen das staatliche Handeln leitet, als wissenschaftlicher Standard gilt und massiv propagandistisch befeuert wird, werden gruppenbezogene Stereotype zementiert – aber, wie unser Material zeigt, keineswegs in dem Ausmaß, wie Goebbels, Himmler oder Hitler sich das gewünscht hätten und wie die Holocaustforschung lange Zeit nahegelegt hat. Ideologie bildet lediglich eine Grundierung von Einstellungen, über deren Handlungswirksamkeit man wenig weiß.“ (S. 298) Einerseits bleibt unklar, woher die Neitzel und Welzer den Schluss nehmen, die Soldaten seien weniger ideologisiert geworden, als von den Führen gewünscht. Unabhängig von den Wünschen Himmlers oder Hitlers springt einem der Antisemitismus in etlichen Zitaten der Soldaten im Buch geradezu ins Auge. Was meinen die Autoren außerdem mit ‚Handlungswirksamkeit‘? Wollen sie tatsächlich Ursache und Wirkung bei Massentötungen fixieren? Dass Vorurteile, Ideologien und Antisemitismus dennoch einen Einfluss auf Handlungen ausüben, stellen auch Neitzel und Welzer fest. „[Die Soldaten] orientierten sich vor allem am Referenzrahmen von Militär und Krieg, in dem Ideologie nur eine nachgeordnete Rolle spielt. Sie haben einen Krieg im Referenzrahmen ihrer, der nationalsozialistischen Gesellschaft geführt, was sie, wenn sie in die Situation kamen, auch zu radikal gegenmenschlichen Handlungen veranlasst hat. Um die auszuführen – das ist das eigentlich Beunruhigende –, muss man aber weder Rassist noch Antisemit sein.“ (S. 299) Mit dieser Differenzierung der Referenzrahmen gewinnen die Autoren wenig. Wie ‚veranlasst‘ der nationalsozialistische Referenzrahmen Soldaten in bestimmten Situationen zu töten? Was ist der Unterschied zwischen ‚wirken‘ und ‚veranlassen‘? Um zu morden muss man nicht Rassist oder Antisemit sein, aber was ist, wenn es jemand ist und dann ihm oder ihr untergeordnet geltende Russen und Juden tötet? Das Problem des Antisemitismus, der Volksgemeinschaft und allgemein der Vorurteile schleicht sich wieder heran und bleibt durch soziologische Abwägungen nach Art der Autoren unbearbeitet.

Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch – vielleicht abgesehen von den langen Passagen über Flugzeugmotoren oder Orden. Aber vielschichtigere Methoden hätten auch weitere Dimensionen der soldatischen Mentalität der Wehrmacht freigelegt, wie sie auch in den Zitaten aufscheinen, die die Autoren bringen. Wie Antisemitismus, Misogynie und Rassismus als Moral internalisiert werden können, das hätten tiefenhermeneutische und psychoanalytische Verfahren besser gezeigt.

Sönke Neitzel, Harald Welter: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt. a.M. / S. Fischer Verlag 2011