Schlagwort: rape culture

Männerfantasien

Nein, leider geht es hier nicht um das großartige Buch von K. Theweleit. Ich frage mich zwar schon länger, warum er nicht auch ‚Mein Kampf‘ in seinen seinen nicht gerade kurzen Bänden auseinander genommmen hat. Aber das gehört woanders hin.

Vor ein paar Wochen hörte ich einen Vortrag. Es ging um Technologie, um Programmieren genauer gesagt. Irgendjemand hatte in einer Firma eine neue Technik entwickelt. So weit ich es begriffen habe, ging es um Datenverwaltung und -bearbeitung. Ich hörte dem Vortrag interessiert zu, der Vortragende machte eine gute Show und strahlte Kompetenz aus. Ich war und bin neu auf diesem Gebiet, daher versuchte ich einfach, so viel wie möglich zu verstehen.

Für das Folgende: Triggerwarnung!

Mitten in seinem Vortrag meinte dieser Herr nun, er müsse einen rape joke reißen. Es ging um Objekte und ob er mit seinem Programm diese Objekte manipuliert hatte. (Objekte sind in der Programmierwelt Repräsentanten eines bestimmten Datentyps, nämlich des Typs ‚Objekt‘, nicht einfach irgend welche Dinge.) Eine Sache, die sehr gut ohne einen Hinweis auf Vergewaltigungen auskäme. Er erzählte, dass sie die in Frage stehenden Objekte durchaus stark verändert hätten:

we raped the shit out of them.

Glücklicher Weise wurde ihm sofort der Hinweis gegeben, dass dies kein Ort für rape jokes sei. Wohlgemerkt, diesen Witz hatte er sogar auf seinen PowerPoint-Folien festgehalten. Für alle gut lesbar. Daraufhin versicherte er, dass dies der einzige Witz dieser Art in seinem Vortrag sei und man versicherte ihm, dass er sich keine Sorgen machen, aber bitte keinen Zweiten reißen solle.

Durch diese Situation wurde die bis dahin amüsierte Stimmung deutlich kühler und der Vortrag endete mit wesentlich weniger Lachern, als er begann. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Vortragende wirkte auf mich wie jemand, der Vergewaltigungen ablehnt und verabscheut, er schien loyal mit seiner Kollegin zusammen zu arbeiten und er sollte klug und gebildet genug sein, um auf Nachfrage Vergewaltigungen moralisch zu verurteilen. Dieser Witz gehörte einfach zu seinen Showeinlagen und er hätte niemals damit gerechnet, plötzlich auf Abelehnung statt Gelächter zu stoßen.

Für mich war mit diesem Witz jegliche Konzentration dahin, ich überlegte den Rest der Zeit des Vortrages, warum er wohl diesen Witz gemacht und sogar an die Wand projiziert hatte. Eine sowohl unterhaltsame wie interessante Situation war völlig zerstört worden und wich Empörung, Wut und Verstörung.

Warum hatte er nun diesen Witz gemacht? Natürlich sind der Witz und der ihn riss Teil der rape culture. Vergewaltigungen erscheinen als normal, möglicher Weise geächtet, aber doch eher als keinere Verfehlungen einer nur im Idealfall gewaltlos funktionierenden männlichen Sexualität, die sich nun mal nimmt, was sie braucht. Es stimmt auch, dass wohl kaum eine Frau* diesen Witz als Unterhaltungsmoment in ihren* Vortrag eingebaut hätte. Gegenrezepte, wie die Entdeckung einer gebenden und empfangenden männlichen Sexualität durch die Männer, sowie der Öffnung der Männer für die Freude an der eigenen Lust und dadurch der Achtung für die Lust und die Unlust der anderen und besonders der Frauen liegen nicht falsch. Dennoch kam ich in Gedanken nicht von der Situation des Vortrags los.

Der rape joke hatte nicht nur die ganze Atmosphäre kaputt gemacht, auch der Typ, der den Vortrag hielt, sank sofort Meilenweit in meiner Achtung. Er hatte dem Vortrag und der Situation jegliche menschliche Angenehmheit genommen. Auch das Thema war mit einem Mal völlig unwichtig geworden. Ich würde nicht salbungsvoll sagen, dieser Witz sei gegen die Menschlichkeit gerichtet gewesen. Er drückte durch seine Akzeptanz der ebenso latenten wie stabilen Vergewaltigungsdrohung gegenüber Frauen eine Verachtung aus, die das zusammen Arbeiten und gemeinsame Zeit Genießen zerstörte. So frappierend ich den beißenden Widerspruch zwischen dem Witz und dem (vermutlichen) ethischen Kodex seines Sprechers fand, noch mehr beeindruckte mich seine unausweichliche, destruktive Kraft.

Bis aber die Mehrheit der Männer es für nötig befindet, sich gegen die Zerstörungen der männlichen Kultur zu wehren, werden wohl leider noch viele, viele rape jokes gerissen werden.