Schlagwort: Rassismus

#merkelstreichelt – Flüchtlingspolitik oder -abwehr?

Angela Merkel hatte heute ihren großen Auftritt im Internet. Für ein weinendes Mädchen aus dem Libanon, das in einer SchülerInnenrunde saß und eben über ihre Situation als nicht anerkannte Flüchtende in Deutschland erzählt hatte, unterbrach sie ihren Satz, ging auf das Mädchen namens Reem zu und streichelte sie. Nicht ohne vorher zu betonen, dass nun mal Leute wie sie abgeschoben werden müssten, weil einerseits der Libanon so irre sicher ist, andererseits die Flüchtlingslager dort so voll sind, dass sich in Deutschland niemand um so viele Menschen kümmern könnte. (Aber im Libanon können … – nun gut.)

Manche waren empört, manche zufrieden. Im Allgemeinen geben PolitikerInnen und Kinder zusammen fast nie ein gutes Bild ab. Wer würde schon vermuten, dass die InhaberInnen der Macht die Kinder nicht zu ihren Zwecken ausnutzen. Daher würde ich solche Situationen gerne schweigend übergehen (oder allgemein betrachten), wie ich überhaupt nicht zu den Leuten gehöre, die stets und ständig Frau Merkel analysieren und beurteilen müssen. Als ich jedoch das Video dieser Szene (das Video zu sehen wäre zum Verständnis sicher hilfreich) sah, war ich doch erschrocken und traurig. Warum?

Die F.A.Z. (letzter Link) war der Meinung, dass der NDR die Sache verkürze, das sehe ich eigentlich nicht so. Nachdem Reem erklärt hatte, dass ihr Leben hier einfach mal schei*e ist, weil sie nicht weiß, ob sie überhaupt bleiben kann und sie in dieser Welt der Möglichkeiten (Deutschland, aus ihrer Sicht) auf die Zuschauerbank verwiesen ist, und weil sie genau deswegen zu dem Ort, von dem sie kam, nicht einmal ein Besuchsverhältnis aufbauen kann, äußerte Frau Merkel Bedenken, dass die Asylanträge zu lange dauern. Also: entweder gleich raus oder richtig bleiben. Was zwar erst Mal gut klingt, aber angesichts der Drittstaatenregelung und der Frage nach der allgemeinen Sicherheit eines Herkunftsstaates zu einer faktischen Asylverweigerungspolitik wird, die die Tatsache der Migration zu leugnen hilft. Als dann nach diesem 2-3 Minutengespräch die Fragerunde weiter gehen sollte, Merkel aber bemerkte, dass Reem weinte, ging sie auf sie zu und sprach ihr spontan Mut zu: es sei wunderbar, wie sie das gemacht hätte und allen Leuten die Situation einer nicht anerkannten Flüchtenden erklärt hätte. Die F.A.Z. transkribiert Merkels Versuch die Situation zu klären so:

[Merkel, noch zum Moderator:] …das weiß ich, dass das eine belastende Situation ist und deshalb möchte ich sie trotzdem einmal streicheln, weil ich, [Wende zu Reem] weil wir euch ja nicht in solche Situationen bringen wollen und weil du es ja auch schwer hast und weil du ganz toll dargestellt hast für viele viele andere, in welche Situation man kommen kann, ja?

Ich erlaube mir hier mal zwei Schlussfolgerungen.

  1. Frau Merkel hat eine sehr gute Auffassungsgabe. Sie hat sofort verstanden, dass es für Reem darum ging, ihre Worte auszusprechen (zumal vor diesem Publikum) und dass sie nun diesen Druck, diese Aufregung los geworden war. Deshalb hat sie sie so eindringlich für ihre Worte gelobt und versucht, Trost zu geben. Auf dem gleichen Blatt steht, dass sie die Situation sofort mit einem auffordernden „ja, ja?“ beenden wollte. Ihren Standpunkt und ihr Denken hat sie ganze Sache in keinster Weise angerührt. „Merkel hält Hof und sagt an. Zuhören ist nicht ihre Stärke“, erklärt Johnny Haeusler ihr Interview mit LeFloid. Hier zeigt sich eines der Grundprobleme der politischen Klassen: erstaunliche Fähigkeiten wie Auffassungsgabe, zwischenmenschliche Situationen einschätzen können, Klugheit oder Beharrlichkeit paaren sich mit etwas, was oft Beratungsresistenz genannt wird. Dahinter steckt ein Mangel an Offenheit, Offenheit für Eindrücke, speziellen Erwartungen oder gar Meinungen und Haltungen anderer. Dieser Mangel wird hinter der Phrase versteckt, dass PolitikerInnen nun mal das große Ganze im Blick haben müssen, das Bestmögliche für alle (und nicht zuletzt für das eigene Wahlvolk) erreichen müssen.
  2. Diese Haltung (‚wir können hier ja nicht allen eine Extrawurst braten‘) bildet wohl auch den Hintergrund für den enormen Druck, unter dem Reem zu stehen schien. Sie fragte eben nicht nach schnellen Internetverbindungen, nach TTIP oder einheitlichem Abitur. Sie fragt danch, warum sie in Deutschland eigentlich kein Leben führen kann oder darf. Es geht ums Ganze für sie, um ihre ganze Zukunft. Diese wird ihr in diesem Land, in dieser Gesellschaft verweigert, zumindest zugestellt und schwarz gemalt. Verantwortlich für ihre Tränen, so untertelle ich mal dreist und aus der Ferne, ist nicht der Umstand, irgend etwas etwas gesagt zu haben, sondern die Tatsache, dass in Deutschland viel zu wenige bereit sind, anzuerkennen, dass Menschen sich bewegen, den Ort wechseln, dabei ihre Geschichte und Bedürfnisse mitbringen und sich dabei ungerne ihre Möglichkeiten von Pässen und Aufenthaltsstati verhageln zu lassen.

Inflationierende Ismen

Manchmal hilft ein Blick in den Duden um Gedanken zu klären. Inflation ist natürlich einfach die (Geld)Entwertung. Mich beschlich beim Lesen von Artikeln, Blogposts und Facebookeinträgen in letzter Zeit das Gefühl, dass die Art der Verwendung von Worten wie Sexismus, Rassismus, Ableismus usw. eben diese Worte verwässert und nahezu bedeutungslos macht.

Allerdings geht es nicht so sehr um die Quantität ihrer Verwendung, zumal der letzte Grund, dass das Wort Sexismus in der sogenannten breiten Öffentlichkeit zu hören war, Rainer Brüderle gewesen sein muss. Mit dem Begriff Rassismus verhält es sich schon etwas anders. In jedem Fall besteht das Problem angesichts der tiefen Verwurzelung von Sexismus und Rassismus in den menschlichen Verhältnissen nicht in einer vermeintlichen Häufung ihrer Verwendung.

Noch ein zweiter Fallstrick liegt vor mir: wie leicht neige ich zu Formulierungen wie: ’schon bei‘, ’schon wenn‘ dies oder das vorliegt oder vorgefallen ist, sagen manche Leute … — nein, es kann nicht darum gehen, dass ein Ausdruck des Hasses zu geringfügig aussieht, um den Vorwurf des Sexismus und Rassismus zu erheben. Vielmehr geht es um das Problem, ob Haltungen wie Sexismus und Rassismus überhaupt einen Vorwurf ermöglichen. Als seien sie eine Asympathie wie, ich kann dich nicht leiden, weil du eine nicht-weiße Haut hast oder weil du kein (richtiger) Mann bist. Die sich folgerichtig mit Sensibilisierung, Schulung und vielleicht ein wenig Abwehrkampf beseitigen lässt.

Das gibt es auch. Zur Aufklärung ist hier jedoch eine Unterscheidung angebracht. Rassismus und Sexismus sind etwas ganz anderes als rassistische oder sexistische Diskriminierung. Letztere finden beim racial profiling der Polizei statt, oder wenn eine Frau einen Job nicht bekommt, weil sie ja theoretisch schwanger werden könnte. Leute, die so etwas machen oder verteidigen, haben sicher nicht genug nachgedacht und nachgefühlt, mögen für ihr Verhalten und diskriminierende Regeln in Institutionen pragmatische Gründe geben und ihr Verhalten sollte genau wegen dieser Gedankenlosigkeit und Kurzsichtigkeit abgelehnt und (in futuristischer Perspektive) durch progressive Verhaltensmuster ersetzt werden. Gerade hier kann auch verbal aggressive Gegenwehr mal nicht schaden.

Anders verhält es sich mit Sexismus, Rassismus oder auch dem Antisemitismus. Allein das Suffix -ismus suggeriert, dass es sich bei den genannten Haltungen um halbwegs rationale Weltanschauungen handelt, wie z.B. Liberalismus oder Kommunismus. Dass sie ihres ideologischen Scheins mit Hilfe von Argumenten und einem Gegen-Ismus überführt werden können. Diese Rechnung geht aber so wenig auf wie jede Antidiskriminierungsstrategie, wenn es sich um Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus handelt. (Das Wort Homophobie hat den Vorteil, bereits semantisch auf den Umstand einer Phobie hinzuweisen, die im geringeren Maße rationalisierbar und politisch-moralisch bekämpfbar im Sinne des Stärkens einer politischen Gegenposition ist.) Die Ismen beruhen nicht auf der Tatsache, dass Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung anders und vor allem schlechter behandelt werden, als der berühmte weiße, gesunde und heterosexuelle Mann ohne religiöse Zeichen in Kleidung, Frisur etc. Diese Ismen haben eine je eigene Genese, blühen aber gut ohne Anwesenheit ihrer Opfer und mit ihnen kippt jede Schlechter-Behandlung (gegen die sich die Opfer zumindest graduell bewusst wehren können) in affektuelle Verachtung, Entmenschlichung der Opfer, ja möglicherweise in den Versuch, die Opfer zu vernichten. Frauen, Schwarze (Nicht-Weiße), Juden, Transsexuelle, Queere oder Homosexuelle und wahrscheinlich auch Kinder gelten nicht als (volle) Menschen. Sie mögen Objekte wissenschaftlicher Neugier, der Schaulust oder ausgewöhnlicher sexueller Erfahrungen sein, sie selbst zählen jedoch nicht. Schließlich repräsentieren sie für den Istiker etwas, was ihm verboten wurde oder als Teil des Selbst, ja der eigenen Seele verborgen bleiben muss, einen Teil des eigenen Begehrens, zum Beispiel das emotional aufgeladene Puppenspiel des kleinen Jungens (auch: eine Puppe zum Weinen bringen) oder die Weigerung der Juden, sich für die Gemeinschaft zu opfern. Ganz unabhängig davon, was Mädchen wirklich interessiert oder wie sich Juden tatsächlich zu einer Gemeinschaft verhalten, werden ihnen Attribute zugeschrieben, die dem Zuschreibenden lustvoll erscheinen, ihm aber expliziet verboten oder aber (und dies in der Moderne öfter) unheimlich nahe liegen. Besonders gerne wird all das eigene Böse in Frauen, Schwarze, Juden etc. gelegt und es soll mit ihnen vernichtet werden. Das steigert die Gefählichkeit jener Ismen gegenüber der Diskriminierung enorm.

Ich denke, diese Umstände erlauben drei (hypothetische) Schlussfolgerungen:

  1. Opfer von Sexismus oder Rassismus sind nicht unsichtbar. Vielmehr wird ständig über sie gesprochen, wenn auch nicht mit ihnen. Aber die Forderung, sie aus der Unsichtbarkeit ans Licht zu holen, genügt nicht; kein Zitat, keine Erwähnung in einer Literaturliste oder auf die Bühne Zerren gleicht die Folgen dieser Ismen aus.
  2. Sie (die Ismen) haben starke und erstaunliche Folgen für das Selbstbild der Opfer. Ihr Körper, ihr Gesicht, ihre Empfindungen und ihre Gedanken werden genauso affiziert wie die der Sexisten oder Rassisten es von vornherein gewesen sind. Tatsächlich bedeutet weiß zu sein in dieser Welt rassistisch zu sein, aber gerade nicht, weil alle Weißen die Nicht-Weißen schlecht behandeln würden, sondern weil die Grenzen des menschlich Vertrauten noch zwischen den Menschen gezogen wird,¹ weil die Menschen, weiß oder nicht, sich ohne diese Trennlinien ihrer Selbst und ihrer Menschlichkeit (was bedeutet das eigentlich, wo stehe ich?) sicher sein können.
  3. Genau das sagt sich hübsch und klingt nach Anklage. Eine Klage wie: alle anderen … Jedoch genau hier liegt die Crux. Wer kann sich wirklich von diesen Umständen frei sprechen und ebenso frei über andere urteilen? Einerseits bin ich überzeugt, dass sich die große Mehrheit der Leute Mühe gibt, Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus aus ihrem Denken und Fühlen zu verbannen. Auch zum Beispiel Herfried Münkler (sind seine Worte für die Aufregung um Münkler-Watch wirklich interessant genug?), dessen hilflose Ausflüchte, sich nicht mit Frantz Fanon zu beschäftigen, nicht mit noch so viel Theorieaufguss widerlegt werden können. Theoretische Debatten auf der Basis von Rassismus- oder Sexismus-Vorwürfen machen in meinen Augen keinen Sinn. Mit vielen Leuten können solche Ismen nicht diskutiert werden, aber wer über sie debattieren möchte, kann sich trotzdem nicht hinter wolkigen und undurchdachten Phrasen verstecken (Auschluss, Ausgrenzung, Anderssein). Denn andererseits, egal auf welcher Seite der Welten sich ein Subjekt wähnt, es sollte sich stets selbst kritisch in die Diskussion der Option der Verachtung und Entwertung einbeziehen, und über Rassismus oder Sexismus lässt sich theoretisieren, nicht mit ihnen. Selbst ohne den viel geschundenen Satz, ‚wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein‘ zu bemühen, gilt, persönliche Vorwürfe (‚du hast mich schlecht behandelt weil …‘) sind das eine und sollten eigentlich zu einem Moment der Ruhe und zu ernsthaftem Nachdenken führen, Rassismus oder Sexismus sind strukturell in dem Sinne, dass sie zur Zeit das (mit) definieren, was wir alle als menschliches Leben betrachten und gehören von dieser Warte aus untersucht, ohne die eigenen Werte, Gedanken, Empfindungen und Affekte auszuklammern.

Es taugt in dieser Perspektive wenig, Begriffe wie Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus als Distinktionsmittel einzusetzen und sich über andere, angeblich weniger schlaue und reflektierte Leute zu erheben. Der Wert dieser Begriffe sollte wieder gehoben werden: es geht um Entmenschlichung und Vernichtung, um das Grauen und vielleicht die tatsächliche Barbarei. Wer das im Hinterkopf behalten kann – sozusagen den Tod vor Augen – kann vielleicht auch (zumindest für sich selbst) den Wert des menschlichen Lebens ein wenig anheben.

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¹ Na wenn das mal hinhaut.

Zum Rassismus

Seit einigen Wochen beschäftigt mich der Rassismus besonders. Es begann mit aktuellen Meldungen über die Zahl der ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer, kombiniert mit Informationen über das Verhalten des deutschen Innenministeriums gegenüber Griechenlands Umgang mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen. Griechenland wurde von den Deutschen dazu angetrieben, die aus der Türkei kommenden Flüchtlinge abzuhalten, die wegen dieser Politik den viel gefährlicheren Weg über das Mittelmeer suchen. 2011 sollen ungefähr 1500 Menschen im Mittelmeer ertrunken sein. Die wenigsten von ihnen wohl als von Haien geplagte Urlauber_innen.

Dazu kamen Debatten um die sogenannte ‚Flüchtlingsunterkunft‘ auf dem neuen Flughafen Berlin Schönefeld, das Flüchtlings-Protest Camp auf dem Berliner Oranienplatz und die Diskussion um Rassismus und Critical Whiteness im Umfeld des Blogs Mädchenmannschaft.

Bei all dem konnte ich nicht sicher sein, dass Slogans wie ‚Der Staat ist notwendig rassistich‘, ‚Rassismus tötet‘, ‚Ich bin weiß positioniert‘ und sogar ‚Grenzen auf für alle‘ meiner Vorstellung vom eigentlichen Problem nahe kommen. Daraufhin habe ich noch einmal recherchiert: Von den Informationen auf proAsyl.de über Asylverfahren in Deutschland, die Residenzpflicht, das Alysbewerberleistungsgesetz und die Möglichkeiten des Protests dagegen, über antirassistische Blogs, verschiedene Initiativen gegen Abschiebehaft und Abschiebeknäste bis zum in weiten Teilen großartigen Manifest von Kanak Attack.
Ein paar Tage später konnte ich die entscheidenden Gedanken formulieren.

Ich weiß immer noch nicht, was Rassismus ‚ist‘. Bin ich rassistisch? Natürlich. Rassismus macht sich bei gut erzogenen, gebildeten Weißen vor allem bemerkbar, wenn auf dem Gehweg eine farbige Person ein paar Sekunden länger oder kürzer angeblickt wird als üblich. Wenn ihr Gesicht etwas scheuer und aufmerksamer gemustert wird, wenn die Freude über ihren Anblick einen Tick stärker oder die Unlust auf die Begegnung ein Quentchen größer ist als in Begegnungen mit Weißen. All solche Dinge geschehen völlig unabhängig vom Verhalten des Gegenübers, das in jeder Begegnung natürlich auch eine Rolle spielt und das den alltäglichen Rassismus verzerren kann. Es kann ihn entkräften, ihn bestärken, ihn mit Gründen ausstatten oder einfach von ihm ablenken. Jeder Human of Color verhält sich für sich selbst verantwortlich auf die eine oder andere Weise, doch das ist nicht das zentrale Thema einer Beschreibung des weißen Rassismus. Von dem ich mich nicht frei sprechen kann.

Ich zweifle jedoch an den allzu offensichtlich selbstbezichtigenden Statements der kritischen Weißen, die davon ausgehen, dass der Rassismus rational wegreflektiert werden könne. Man solle seine ‚Privilegien reflektieren‘. Doch was ist das Ziel dieser Reflexion, ihr Ort? Schnell taucht die Frage auf: Von wem sollen die Privilegierten sich denn abgrenzen und mit wem verbünden? Gegen sich selbst, solidarisch mit den Unterdrückten? So vernünftig und geradezu Kantianisch (gegen die eigenen Triebe und Affekte im Sinne dessen handeln, was alle wollen können) diese Forderung daher kommt, sie kann kaum Bindungskraft erzeugen. Wie schnell werden (nach allem, was ich weiß) aus Entwicklungshelfer_innen Kolonisator_innen, aus antideutschen Deutschen veritable Rassisten, aus bewegten Männern Frauen und Schwule hassende Mythopoeten? Meist dauern solche Prozesse 5-10 Jahre. Mehr braucht es nicht für ein neues und gleichzeitig altes Feindbild.

Ich will auch nicht in das Mantra einer möglichen, anti-kritischen Argumentation einstimmen, das darauf beharrt, dass sich Gefühle von Fremdheit und Vertrautheit nun einmal an bestimmten Zeichen anhaften müssen, also warum nur an religiöser Kleidung und religiösen oder weltanschaulichen Symbolen, an Assessoirs oder Verhaltensweisen, warum nicht an der Hautfarbe? Erst mit diesen Gefühlen könne dann echte Diversität gelebt werden, die Grenzen des Fremden verflüssigt und der Möglichkeitsraum von Tolaranz und Pluralität erprobt werden. Ja, warum nicht?

Doch da bleibt ein Kern im Rassismus, der von allen diesen Theoremen und Diskussionen nur selten auch nur gestreift wird, und das ist eine spezielle Form der Aufmerksamkeit, die Weiße den Nicht-Weißen widmen. In Sorge um das eigene Selbst, die eigenen Grenzen, deren Festigeit und vor allem beruhend auf dem speziellen Wissen, dass Weiße sich nicht an Schwarze binden können, erwächst für die Nicht-Weißen zunächst der Status zu beobachtender Objekte und dann ihre Entwertung oder Degradierung, wenn nicht gleich zum Nicht-Menschlichen, so doch zum Ganz-Anders-Menschlichen.
Solches Wissen kann natürlich durch neue Erfahrungen und Gewohnheiten entkräftet werden, durch Kontakte, Bekanntschaften, Freundschaften und Liebschaften. Es gilt auch, dass die im Rassismus unerwartete Stimme der People of Color dieses Wissen zumindest von außen in Frage stellt. Ja, Kanaken können sprechen! Sie sind dabei weder verpflichtet, so zu sprechen, dass es den Weißen gefällt, noch deren Referenzrahmen zu benutzen. Wenn sie sprechen, gerät das weiße Wissen in Bewegung, zumindest wenn es sich irgendwie bewegen lässt. Vielleicht werden doch Bindungen möglich, die der Rassismus hemmt.

Hier stehen wir jedoch nicht am Ende der Fahnenstange. Es gibt etwas im Rassismus, was auch über ihn hinaus reicht. Im Rassismus steckt ja das Unvermögen, die Perspektive zu wechseln, die Situation, geschweige denn die Probleme oder das Leid der anderen wahrzunehmen und ebenso empfindsam wie verantwortlich zu reagieren. Wie geht es es eigentlich den Flüchtlingen (die wohl eher selten weiß sind), die in Deutschland nur geduldet sind und von Unterhaltszahlungen in Sachform leben müssen, in den Abschiebeknästen oder ohne gültige Papiere der Willkür von letztlich jeder/m ausgesetzt, der ihnen begegnet? Wie geht eine Flucht und eine Einreise über das Mittelmeer, wie sind die Schieber und Menschenhändler? Ein Bundesinnenminister kann ohne mit der Wimper zu zucken die Sinti und Roma aus Serbien des Asylmissbrauchs bezichtigen und die Kürzung der Unterhaltszahlungen fordern, während in Berlin das Mahnmal für die von den Deutschen während des Nationalsozialismus ermordeten Siniti und Roma unter salbungsvollen Reden eingeweiht wird. Usw.

Blindheit für das Schicksal anderer Menschen (zu denen, wie gesagt, keine Beziehung hergestellt werden kann) lässt viele im Dunklen stehen. Wer interessiert sich für die, die in den Psychiatrien leiden, die 40-jährigen in den Pflegeheimen, für Blinde oder Analphabet_innen? Aber: In kürzester Zeit würde Überforderung und Hilflosigkeit eintreten, wenn ein Mensch sich um all diese Schicksale bemühen wollte. Nicht zufällig beginnt mein Text auch spätestens hier, nach Moral zu duften. Ich meine jedoch gerade nicht, dass sich alle um alle und alles kümmern sollten. Vielmehr möchte ich die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass diese Blindheit, gepaart mit jener (unterstellten) Bindungslosigkeit, zum Usus auch der kritischsten Gesellschaftskritikerin gehört.

Für mich resultieren aus diesen Bemerkungen zwei halbwegs stabile Urteile, nämlich einerseits, dass in der Gesellschaft von viel Leid aus Blindheit und falschem Wissem über andere keine Zufriedenheit aufkommen kann, und andererseits, dass ohne den Blick auf die eigenen Verluste und Schmerzen die der anderen viel leichter verdunkelt werden können.