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Neitzel / Welzer, Soldaten

Sönke Neitzel und Harald Welzer haben ein Buch über den Krieg der Wehrmacht 1939-45 auf der Basis bisher nicht oder kaum ausgewerteter Quellen geschrieben: den Abhörprotokollen gefangener deutschen Soldaten in Gefangenschaft der Briten und Amerikaner. Die Gespräche, die teilweise auch von Spitzeln der Alliierten beeinflusst wurden, haben diese Soldaten ‚unter sich‘ geführt, aus ihrer Sicht ohne Aufsicht, nicht in einer Verhörsituation und ohne unmittelbare Folgen. Daher konnten die Soldaten vermeintlich offen sprechen, jedoch sind die Gespräche eben Gespräche unter (männlichen) Soldaten und müssen bestimmten Codes und Erwartungen folgen. Die Autoren betonen auch immer wieder, dass Waffentechnik oder Heldengeschichten im Vordergrund stehen, während die eigenen Gefühle, zum Beispiel Todesangst, oder moralische Reflexionen in den Hintergrund treten. Trotzdem fehlt im Buch leider eine Analyse des Referenzrahmens Kriegsgefangenschaft bei den westlichen Alliierten.

Die Autoren fragen sich, wie ein verbrecherischer Krieg, ein Vernichtungskrieg, in dessen Verlauf nicht zuletzt der Holocaust geplant und ausgeführt wurde, von den kämpfenden Soldaten selbst gesehen wurde. Sie begeben sich wie ethnologische Forscher ins Feld und zeichnen ihre Beobachtungen auf, um zu Hause die Interpretationen anzufertigen. Dabei stehen die menschlichen Möglichkeiten des Verbrechens, der Unmenschlichkeiten – oder Gegenmenschlichkeiten -, eben der Holocaust und andere Kriegsverbrechen im Mittelpunkt der Betrachtung.

Wie die Massentötungen der vor allem sowjetischen Kriegsgefangenen, von vermeintlichen oder echten Partisanen und der Jüdinnen und Juden im Krieg abliefen, ist bereits ausführlich erforscht wurden. Nicht dass hier nicht noch Forschungsbedarf bestünde, die Autoren setzen jedoch andere Schwerpunkte. Wie wird ein Mensch zum Massenmörder? Wie kann ein zivilisierter Soldat oder Offizier einer Massenerschießung beiwohnen, gar selbst schießen, ohne auch nur den leisesten Protest zu erheben oder schlichtweg verrückt zu werden? Wie ist also der Weg vom Menschlichen zum Unmenschlichen zu beschreiben und zu erklären?

Die Antwort, die vor allem schon seit längerer Zeit Harald Welzer auf diese Frage gibt, fällt denkbar einfach aus. Alle Menschen machen das, sobald sich die Gelegenheit ergibt. Dass heißt, sobald sie in eine soziale Situation versetzt werden, in der Gewalt und Töten zur Normalität gehört, sogar erwartet wird. Soldaten befinden sich ganz einfach ein einem anderen Referenzrahmen als PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen, Postangestellte oder TischlerInnen. Der Begriff Referenzrahmen zielt auf das sozial hergestellte Verständnis einer Situation, aus der niemand so leicht auszubrechen vermag. Wenn Krieg ist, ist Krieg; Gegner werden vernichtet, weil das eigene Leben stets in höchster Gefahr schwebt, und schon die bloße Vermutung aufgrund fehlender Uniformen oder fremder Sprache, jemand könnte dein Feind sein, reicht zum Töten aus. In einem Parlament würde ein solches Verhalten, gelinde gesagt, auf Unverständnis stoßen.

Damit fallen alle in den letzten Jahrzehnten mühsam herausgearbeiteten und vielfach diskutierten Erklärungsmuster weg. Weder ein Zivilisationsbruch, noch Weltanschauungskrieg, keine Volksgemeinschaft oder eliminatorischer Antisemitismus treibt die Männer zum Töten. Der zweite Weltkrieg war ein Krieg wie andere auch – die Autoren verweisen öfter auf den Vietnamkrieg oder den Irakkrieg 2003.

Oder liegen die Dinge doch nicht so einfach? Recht haben die Autoren mit der Feststellung, das Unmenschliche liegt den Menschen näher als es humanistische Hoffnungen erwarten lassen. Gewalt tritt zwischen Menschen als ein Mittel auf, das in der Tat jeder gegen jeden einsetzen kann und auch in der ihm oder ihr passend erscheinenden Situation einsetzt. Sie wird nicht als Trieb von einer zivilisierenden Moral unterdrückt, bricht sich aber hier und da eine Bahn ans Tageslicht. Nein, es gibt Situationen, die die Anwendung von Gewalt erlauben und erfordern und es solche, die es nicht tun. So spielt der jeweilige Referenzrahmen eine entscheidende Rolle.

Problematisch wird es aber, wenn die Autoren versuchen, wirklich alle weiteren Zusammenhänge auszublenden. Schwammig werden dann auch die sonst so klaren Formulierungen. Bezüglich der Rolle von Ideologien als Motivatoren zum Töten, besonders dem Antisemitismus schreiben die Autoren: „In einer Gesellschaft, in der die kategoriale Ungleichheit von Menschen das staatliche Handeln leitet, als wissenschaftlicher Standard gilt und massiv propagandistisch befeuert wird, werden gruppenbezogene Stereotype zementiert – aber, wie unser Material zeigt, keineswegs in dem Ausmaß, wie Goebbels, Himmler oder Hitler sich das gewünscht hätten und wie die Holocaustforschung lange Zeit nahegelegt hat. Ideologie bildet lediglich eine Grundierung von Einstellungen, über deren Handlungswirksamkeit man wenig weiß.“ (S. 298) Einerseits bleibt unklar, woher die Neitzel und Welzer den Schluss nehmen, die Soldaten seien weniger ideologisiert geworden, als von den Führen gewünscht. Unabhängig von den Wünschen Himmlers oder Hitlers springt einem der Antisemitismus in etlichen Zitaten der Soldaten im Buch geradezu ins Auge. Was meinen die Autoren außerdem mit ‚Handlungswirksamkeit‘? Wollen sie tatsächlich Ursache und Wirkung bei Massentötungen fixieren? Dass Vorurteile, Ideologien und Antisemitismus dennoch einen Einfluss auf Handlungen ausüben, stellen auch Neitzel und Welzer fest. „[Die Soldaten] orientierten sich vor allem am Referenzrahmen von Militär und Krieg, in dem Ideologie nur eine nachgeordnete Rolle spielt. Sie haben einen Krieg im Referenzrahmen ihrer, der nationalsozialistischen Gesellschaft geführt, was sie, wenn sie in die Situation kamen, auch zu radikal gegenmenschlichen Handlungen veranlasst hat. Um die auszuführen – das ist das eigentlich Beunruhigende –, muss man aber weder Rassist noch Antisemit sein.“ (S. 299) Mit dieser Differenzierung der Referenzrahmen gewinnen die Autoren wenig. Wie ‚veranlasst‘ der nationalsozialistische Referenzrahmen Soldaten in bestimmten Situationen zu töten? Was ist der Unterschied zwischen ‚wirken‘ und ‚veranlassen‘? Um zu morden muss man nicht Rassist oder Antisemit sein, aber was ist, wenn es jemand ist und dann ihm oder ihr untergeordnet geltende Russen und Juden tötet? Das Problem des Antisemitismus, der Volksgemeinschaft und allgemein der Vorurteile schleicht sich wieder heran und bleibt durch soziologische Abwägungen nach Art der Autoren unbearbeitet.

Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch – vielleicht abgesehen von den langen Passagen über Flugzeugmotoren oder Orden. Aber vielschichtigere Methoden hätten auch weitere Dimensionen der soldatischen Mentalität der Wehrmacht freigelegt, wie sie auch in den Zitaten aufscheinen, die die Autoren bringen. Wie Antisemitismus, Misogynie und Rassismus als Moral internalisiert werden können, das hätten tiefenhermeneutische und psychoanalytische Verfahren besser gezeigt.

Sönke Neitzel, Harald Welter: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt. a.M. / S. Fischer Verlag 2011

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